Nein, Dolly will nichts zur Gitarre hören. Schon gar nicht gezupft von zwei Katern. Ihr Süsses anzubieten, das wäre nun genau das Richtige. Unterzuckert und blass, wie sie wirkt. Auf dem Nachttisch, neben der Lampe, die gefährlich nah am Abgrund steht, liegen zwei Schachteln mit verheissungsvollem Prägedruck. Eine Handreichung, und man könnte Dolly ganz wach bekommen mit einem Negerkuss, mit Lakritze, mit Schaumzucker, wer weiss. Denn sie selbst ist ein Gespinst aus Zucker, und ihre Seele muss aus Zuckerwatte sein: weiss wie Kreide, leicht wie Flaum, weich wie Seide, feucht wie Schaum.
«Acid Candy» heisst der Fotoband von Miles Aldridge, aus dem diese Aufnahme stammt. Er ist Aldridges bisher bester. Die Fotos des englischen Modefotografen sind die Konsequenz der Ästhetik von David Lynch, der Dalí zitiert, der Marilyn Manson beschwört, der Hitchcock nachtrauert. Miles Aldridge inszeniert saure Drops mit weinenden Marien, die sich schönbeinig auf Ledersesseln räkeln und sich allein schon durch die Frage «Höschen: ja oder nein?» zu behaglichen Erbauungsstudien in den Herrenzimmern empfehlen. Auf den ersten Blick.
Auf den zweiten ist alles anders: Aldridges traumschöne Blondinen in phosphoreszierenden Kompositionen tragen den Stachel der Dekadenz dicht unter der Haut. Das ist England, ein Königreich, wie es feiert und dabei übersieht, dass es im Begriff ist unterzugehen in unechten Farben, gekleidet in Kunstfasern und im falschen Licht. Aldridges Lebe- und Legendenwesen sind erfahrungssatt aus zweiter Hand. Sie ernähren sich von Untergeschobenem, Angelesenem, Vergangenem.
Wen wundert das? Sein Vater war der gefeierte Art Director Alan Aldridge, und immer, wenn der keine Zeit hatte, weil er die Beatles beriet, was er sehr oft tat, wurde Miles von Eric Clapton von der Schule abgeholt. Und zu Hause von Lord Snowdon fotografiert. Der Junge wuchs auf mit Pop-Art, Rockmusik und dem Freundeskreis seines Vaters, unter ihnen Elton John und David Bailey. Miles war ein Star, bevor er wusste, was das überhaupt war, weil er mit Menschen aufwuchs, die alle Stars waren.
Geschadet hat ihm das nicht, im Gegenteil. Seine Reaktion sind seine Bilder: schwarzer Zucker, fotografisch aufgebrezelt. Falsche Harmonien, auf Teufel komm raus auf Dur gestimmt. Ausgeleuchtete Menschen, die ihre dunkle Seite in hübschen kleinen Schachteln neben dem Kopfkissen aufbewahren.













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