Roger Köppel

Editorial

Wirtschaftsethik ist das traurige Nebenprodukt einer geistigen Verarmung der Wirtschaftswissenschaften.

Von Roger Köppel

Die Universität St. Gallen (HSG) bleibt aufgrund ihres Wirtschaftsethikers Ulrich Thielemann im Gerede. Der Dozent hat gemäss St. Galler Tagblatt die deutsche Regierung bei einem Hearing in Berlin unter der Hand dazu ermuntert, Sanktionen gegen die Schweiz zu ergreifen, wegen mangelhaften Unrechtsbewusstseins in Fragen der Steuerhinterziehung. Soll Thielemann jetzt, wie HSG-Rektor Mohr in einem Interview düster raunte, allenfalls von seinem Posten entfernt werden? Linke und grüne Politiker sowie eine Reihe von Professoren wandten sich aufs schärfste gegen solche Pläne. Man pocht auf das Recht des Wissenschaftlers, sich ungehindert von politischen Einflüssen forschend zu betätigen.

Man kann die Attacken gegen Thielemann übertrieben finden, aber es hat nichts mit «Forschungsfreiheit» zu tun, wenn sich ein vom Schweizer Staat angestellter Dozent einer politischen Kampagne der deutschen Regierung als Kronzeuge zur Verfügung stellt. Abgesehen davon liegt der Ethiker in der Sache falsch. Dass es den Eidgenossen in Steuerfragen an Unrechtsbewusstsein mangle, hat damit zu tun, dass erstens Steuerhinterziehung nach Schweizer Recht kein Unrecht darstellt und dass sich die Schweiz zweitens bisher an alle von der EU gewünschten Steuerabkommen gehalten hat. Es mag also durchaus sein, dass es den Schweizern weniger an Unrechtsbewusstsein fehlt als dem Wirtschaftsethiker an einem Gespür für die Rechtsordnung, in der er sich bewegt.

Dass ausgerechnet ein Wirtschaftsethiker ins Schussfeld tagespolitischer Auseinandersetzungen geriet, ist freilich kein Zufall. Die Wirtschaftsethik ist ein junges, hochpolitisches Fach, mit dem sich vor allem an deutschsprachigen Universitäten die als «neoliberal» verschrienen Ökonomen ein linkes Feigenblatt zulegten. Um Opposition abzubremsen, begann man systemkritische Wirtschaftsfakultäten einzurichten, die seit Mitte der achtziger Jahre «Gier» und «Unmoral» der Manager beklagen. Als typischer Vertreter seiner Zunft fühlt sich auch Thielemann von der Ahnung bewegt, «dass da irgendetwas falsch ist mit dem Markt». Er habe eine «ethisch begründungsfähige Sicht (statt eine ideologisch verkürzte oder beschönigende) auf das Wirtschaften» werfen wollen. Seinen Homepage-Eintragungen lässt sich entnehmen, dass sich die Wirtschaftsführer von fragwürdigen Motivationen leiten lassen und «ethisch verantwortungsvolle Unternehmen» im Wettbewerb «die Dummen» sind, als ob es nicht genügend Beispiele gäbe von Enron bis Bernie Madoff, dass sich unehrliches Geschäften am Ende gerade nicht lohnt. Der Leser mag selber beurteilen, ob er Thielemanns Folgerung, die Politik müsse «die Ethisierung der Wirtschaft» vorantreiben, für ideologisch unverkürzt hält oder nicht doch eher für eine Art Bewerbungs- schreiben, mit dem sich der Wirtschaftsethiker für einen krisenfesten Kommandoposten in der staatlich gelenkten Wirtschaft empfiehlt.

Vielleicht stimmt die Vermutung, und die Wirtschaftsethik ist das traurige Produkt einer geistigen Verarmung der Wirtschaftswissenschaften. In dem Masse, wie sich die Ökonomie zu einer Art Unterabteilung der Mathematik entwickelte mit all ihrer irregeleiteten Modell- und Formelgläubigkeit, ging an den Universitäten ein Bewusstsein für die Grundfragen marktwirtschaftlicher Ordnungen verloren. Auf die blutleere Mathematisierung folgte eine weltfremde Moralisierung der Ökonomie.

Die Kreditkrise ist ein anschaulicher Beleg dafür, was passiert, wenn Unternehmer zu sehr an die Bruchrechnungen glauben, die ihnen ihre Forschungsabteilungen mit dem Gütesiegel von Nobelpreisträgern unterbreiten. Noch heute gelten die Subprime-Anlagen als Wunderwerke statistisch stichhaltiger Wahrscheinlichkeitskalkulationen. Nur eben haben die Beteiligten zu spät gemerkt, dass die Modelle nichts mehr mit den Märkten zu tun hatten, die sie hätten beherrschbar machen sollen. Es gehört zu den erfreulichsten Nebenwirkungen der Krise, dass die blinde Formelgläubigkeit als Voodoo entlarvt wurde und seit kurzem wieder Common Sense und Realismus als Tugenden gefragt sind.

Die Wirtschaftsethik ist allerdings ein schlechter Ratgeber. Sie geht von einem Missverständnis aus. Die grossen Vordenker der Marktwirtschaft dachten in «Ordnungen». Sie gingen der Frage nach, wie erfolgreiche Gesellschaften organisiert sind und warum Staaten, die eine freie Preisbildung, Rechtssicherheit und privates Eigentum zulassen, ein höheres Wohlstandsniveau erreichen als Gesellschaften, die ihr Wirtschaftsleben staatlicher Planung und Kontrolle unterwerfen. Die alten Schotten wie Adam Smith oder David Hume nannten sich «Moralphilosophen», weil sie sich nicht kleinkariert bei moralischen Verfehlungen im wirtschaftlichen Alltag aufhielten, sondern das übergeordnete Problem behandelten, wie erfolgreiche Lebenszusammenhänge beschaffen sein müssen.

Für sie gab es die Entgegensetzungen der Wirtschaftsethiker nicht. Die Marktwirtschaft war für sie ein ethisches System, das seinen Teilnehmern bestimmte Fähigkeiten, Regeln und Orientierungen sowohl abverlangt wie auch aufzwingt. Marktgesellschaften sind kein Dschungel ohne Moral. Im Gegenteil: In ihnen verwirklichen sich entscheidende Forderungen des westlichen Wertekatalogs: Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, aber auch Empathie, die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und ihren Bedürfnissen zu entsprechen. Indem jeder seine eigenen Interessen verfolgt, wird das Gesamtwohl befördert, ohne dass es eine koordinierende Behörde braucht. Absturzgefahr lässt sich als Berufs- risiko einer freien Lebensführung nie vollständig bannen. Die Marktgesellschaft ist nicht, wie Thielemann und Kollegen immer behaupten, ein Instrument zur Entfesselung des gierigen Ego. Der Markt ist eine moralische Anstalt, in der sich der Eigennutz zur wechselseitigen Dienstleistung zivilisiert.

Natürlich geisselten auch Smith und Hume blinde Geldgier und unehrliche Geschäfte, aber sie waren Realisten genug, um solche Entgleisungen als ewige Möglichkeiten der Conditio humana zu ertragen. Wer sie politisch beseitigen möchte, ruft nur noch grösseres Unheil hervor. Die einzige «Ethik», die Smith und Hume wohl anerkannt hätten, wäre die Selbstbeschränkung der Politik auf ein paar klar umgrenzte Zuständigkeiten gewesen, auf eine Rolle, die das freie Kräftespiel nicht behindert. Die thielemannsche «Ethisierung der Wirtschaft» durch die Politik hätten sie als das empfunden, was sie ist: eine gegen die Freiheit gerichtete Aufrüstung des Staates, die mehr Wohlstand vernichtet, als sie zu schaffen vorgibt.

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