MvH

Mein Gruss in die Küche

Über Hotels hat MvH kürzlich geschrieben. Jetzt geht es um Gourmet-Restaurants. Zuerst aber eine Stilkritik an Männern.

Von Mark van Huisseling

Vergangene Woche blieb ich in Zürich, ich war verpflichtet an einem Kleinkunst-Anlass. Zuvor fand das Konzert von AC/DC statt. Dass die Rockgruppe aus Australien gut ankam im Hallenstadion, stand schon überall («Publikum unter Starkstrom», Neue Zürcher Zeitung, z. B.). Von MvH erwartet man Einsichten, die weiterführen. Man of the evening, in meinen Augen, war der Schlagzeuger – er kann rauchen ohne Hände. Das Stück «Hells Bells», nebenbei, dauerte eine Zigarettenlänge.

Ferner stimmt es nicht, was ich auch schon meinte (wenn ich etwa im «Kaufleuten» sass und um mich schaute): dass recht viele Männer in der Schweiz ziemlich gut angezogen sind. Von den 13 000 Zuschauern waren zirka 12 000 Männer und davon zirka 0,016 Prozent ziemlich gut angezogen (der eine war der, der mich eingeladen hatte, der andere . . . Sie wissen schon). Was ich sagen will. Passende Jeans sind vielleicht das am schwierigsten zu findende Kleidungsstück. Männer nehmen sie meistens zu eng im Bund (tragen sie dann zu hoch, über dem Bauch), zu weit am Gesäss und mit zu kurzen Hosenbeinen (sollten eher zu lang sein). Gürtel, nebenbei, trägt man keinen – Jeans sollen sitzen. Eine recht grosse Auswahl gibt es bei Fred Segal an der Melrose Avenue in Hollywood; Earnest Sewn hat gute Schnitte, finde ich, bloss die Lebensdauer könnte länger sein. (Wer dieses Frühjahr nicht nach L. A. fährt, bekommt vielleicht ein tragbares Paar bei Lee Cooper in Zürich.)

Zum Kleinkunst-Anlass. Es handelte sich um die sogenannte Talentshow im «Moods», Zürichs erster Adresse für Jazz et cetera (Homepage). Ihr Kolumnist ist Jurypräsident. (Für die, die es interessiert, als MvH muss man in irgendeiner Jury sein. Das ist zu vergleichen damit, wenn ehemalige Misses Schweiz eine Single aufnehmen oder in einem Film mitspielen.) Zwei der «Talente» waren Witzeerzähler, was von mir aus im Grund kein Talent ist, but what can you do? Über die Witze, die Hans Jucker, Sportmoderator SF, und Heino «Guschti Brösmeli» Orbini, Witzkönig (Tages-Anzeiger), erzählten, konnte ich nicht lachen («Fragt ein Grosi den Friedhofsgärtner: ‹Wo finde ich Grab 429?› Sagt der: ‹Die haben wir gern. Zuerst herausklettern und dann den Heimweg nicht mehr finden›»). Doch ich gab beiden je zehn Punkte, weil ich lachen konnte über sie. Und es zu Herzen geht, wenn jemand in dem Alter abends noch aus dem Haus und auf eine Bühne geht. (Gewonnen haben zwei Artisten mit Namen «Headless», die können etwas.)

Nachdem MvH vorvergangene Woche die Probleme von Schweizer Viersternehotels bekanntgemacht hat, heute zu sogenannten Gourmet-Restaurants. (Resp. die Antwort auf die Frage: Wer braucht solche noch?) Ich ging, ein wenig zufällig und nicht sehr repräsentativ, in eines der besten Restaurants von Zürich, das «Spice» im «Rigiblick» (finden wenigstens die Bewerter des Gault Millau, 16 Punkte, bzw. Michelin, ein Stern). Ich war Gast von Mumm, einer Champagnermarke, übrigens; die neue Cuvée de Prestige R. Lalou wurde vorgestellt.

Der Chef des «Spice», Felix Eppisser (sieht aus wie ein 10 000-Meter-Läufer), hat jetzt auch einen Gästetisch in der Küche stehen. Etwas, was ich nie verstanden habe (nicht im «El Bulli» in Katalonien, nicht im «Claridge’s» in London) –, das Auge will doch mitessen und, idealerweise, schöne Gäste sehen statt Küchengeräte und Commis. Ich kann nicht den ganzen Dreigänger (mittags etwa 110 Franken, abends teurer) durchgehen, so viel Platz ist nicht und der Entwurf schon früher klar, nach dem Amuse-Gueule (Scampo auf irgendeinem Schaum) bereits, vermutlich. Spätestens aber nach der Vorspeise (Mandel-Praliné von der Entenleber auf Apfelkompott, gebratenes Entenlebermedaillon auf Mini-Tarte-Tatin usw.). Alles gut und schön, daran liegt es nicht, aber alles überhaupt nicht hier und heute. Wie sich 2009 den Film «Titanic» anschauen oder ein Album von Kylie Minogue anhören.

Ich ging dann aus der Küche in das Restaurant – an vielleicht etwas weniger als der Hälfte der ungefähr fünfzehn Tische sassen Gäste (es gibt noch Geschäftsmänner, die Spesen machen dürfen, so sieht es aus). Kein halbleeres Restaurant ist ein feel good-Anblick, ein halbleeres Gourmet-Restaurant ist traurig. (Und die Antwort auf die Frage: «Wer braucht noch . . .?» Nicht mehr viele.)

 

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