«Man hat in Lehrerkreisen die Nase voll von leerläufigen Organisations- und Planungsexzessen der Bürokratie.» Valentin Trentin-Pittet
Reformitis, Formalitis, Papieritis, Teamitis
Nr. 15 – «Revolte der Realisten»; Philipp Gut über Grossreformen an der Volksschule
Die Weltwoche hat als erste Zeitschrift das real existierende Schulgelände so offengelegt, wie es sich uns Frontleuten täglich präsentiert. Philipp Gut hat in einer umfassenden Tour d’Horizon die Komplikationen einer Schulwelt dargestellt, die wir nicht zuletzt der Bildungsverwaltung und ihren zudienenden universitären Theorie-Lobpreisenden zu verdanken haben. Es ist so, wie dieser Artikel darlegt: Man hat in der Tat in Lehrerkreisen genug von den Auswirkungen einer treuherzigen Organisationsgläubigkeit, genug von der unfruchtbaren Überstürzung und den Alarmübungen der Bildungsdepartemente. Man hat die Nase voll von den akuten und leerläufigen Organisations- und Planungsexzessen der Bildungsbürokratie. Und man ist auch nicht berauscht von den galaktisch praxisfernen Reformversuchsanordnungen der zudienenden Theorievermehrungsetappe. Ebenso wenig begeistert ist man von repetitiven Selbst- und Fremdanalysen. Schliesslich gänzlich entgeistert ist man von dieser kräfteverschleissenden und äusserst ziellos chaotischen Reformitis, dieser epidemischen Formalitis, einer sterilen Administritis, der detailhysterischen Konferenzitis, der überbordenden Papieritis und bisweilen schon peinlichen und erzwungenen Teamitis. Dass Stimmen laut werden, welche diese Infektionsreihen dem Schulleitungsmodell-Virus zuordnen, vermag nicht zu verwundern. Die dräuende «Revolte der Realisten» vermag jedenfalls niemanden mehr zu verblüffen.
Valentin Trentin-Pittet,
alt Grossrat und Sekundarlehrer, Brugg
Es ist höchste Zeit, Klartext zu reden. Und es gilt die letzten Ecken der unübersichtlichen Grossbaustelle namens Schule auszuleuchten, der auch die Finanzen aus dem Ruder laufen. In diesem Zusammenhang drängt sich die Frage auf, wer von dieser unsäglichen Reformitis eigentlich am meisten profitiert. Zum einen sind es die Bildungsbürokraten der Verwaltung, die sich so auf Jahre hinaus in ihren Funktionen legitimieren und sich auf unsere Kosten ihren Job sichern. Zum andern schiesst ein Heer von Therapeutinnen, Coachs und Supervisoren aus dem Boden. Sie alle schneiden sich ein gutes Stück vom Kuchen ab, den die überforderten Pädagogen an der Front nicht mehr allein verdauen können. Schwerverdaulich, ja geradezu unheimlich mutet das systematische Eintrichtern von Begriffen an wie etwa «Qualitätssicherung» oder «integrative Förderung», mit denen die Lehrerschaft unablässig bombardiert wird. Das erinnert fatal an ideologische Mechanismen totalitärer Staaten. Der Tenor aller von der Weltwoche befragten Personen ist eindeutig: Blutleere, strukturelle Zwangsverordnungen von oben allein bringen unseren Schülerinnen und Schülern nichts und machen unsere Volksschule kein Jota besser. Dafür beginnen sich in bedrohlichem Masse klare Konturen eines eintönigen, grauen Schulgebäudes für die ganze Schweiz abzuzeichnen – HarmoS ist nur ein Beispiel dafür. Vorgefertigte Betonelemente einheitlicher Dimension, zusammengezimmert von Bildungsdirektionen und pädagogischen Hochschulen, sind zu vergleichen mit jenen tristen Plattenbausiedlungen, die uns noch aus der DDR bekannt sind. Bewahren wir unsere lebendige Volksschule mit ihrer kreativen und berufenen Lehrerschaft vor jenem Schicksal, das jener vor zwanzig Jahren widerfahren ist.
Max Knöpfel, Pfäffikon
Der «Aufstand der Lehrer» bringt es messerscharf auf den Punkt: Es sei für die Lehrerschaft eine bittere Ironie, dass ausgerechnet die Bildungsverwaltung, die ihr im Schulalltag eine Hilfe sein sollte, diesen mit ihren pausenlosen Neuerungen massiv erschwere. Dass die Schule zusätzlich zu einem Experimentierfeld werde für ein Heer akademischer «Experten», die von der Praxis keine Ahnung hätten. Dass Lehrkräfte zu Teilzeitstellen wechselten, damit sie, befreit von unerträglichem Administrations- und Sitzungsleerlauf, wieder normal und in Ruhe Schule geben könnten. Das Wort «Schule» kommt vom griechischen «scholé» und heisst «Musse, Zeit». Schule findet laut Definition also dort statt, wo genügend Zeit und Ruhe gewährleistet sind. Musse und damit die Konzentration auf das pädagogisch Wesentliche wären also heute, in der von oben produzierten Hektik, geradezu ein Reformprojekt ein dringendes und ein kostensparendes dazu. Wie das? Der Rektor einer westschweizerischen Kantonsschule hat eine Lösung von umwerfender Brisanz und Einfachheit. In aller Treuherzigkeit und Selbstverständlichkeit erklärte er mir jüngst: «Im Vergleich zu euch Zürchern ist die Schul- und Reformsituation in unserem Kanton moins grave parce qu’on a moins d’argent et moins de personnel.» Wahrlich, ein Wundermittel: Hätten wir im Kanton Zürich weniger Geld und somit weniger «Luxuspädagogik» mit weniger Bildungsbürokraten und Experten wir hätten paradiesische Zustände, mit weniger Hektik und Unruhe, dafür mehr Musse und Zeit fürs Kerngeschäft des Unterrichtens. Wer weiss, vielleicht machts die Finanzkrise in absehbarer Zeit möglich.
Rolf Saurenmann, Männedorf,
Pressegruppe Sekundarlehrkräfte Kanton Zürich
Müsste eine Selbstverständlichkeit sein
Nr. 15 – «‹Enttäuschtes Vertrauen›»; René Lüchinger über Geschäftspraktiken der CS
Als juristischer Laie hat man Mühe, zu verstehen, warum es überhaupt eines Gutachtens bedarf, um zu erkennen, dass die Credit Suisse schwere Fehler begangen hat. Die Bank hat Tausenden von Kleinanlegern mündlich und schriftlich Versprechen gemacht, die sie jetzt nicht einlösen will. Normalerweise nennt man so was Wortbruch. Dass ein Richter ein solches Verhalten verurteilt, sollte in einem Rechtsstaat eine Selbstverständlichkeit sein.
Michael Schmid, Zürich
Der Artikel ist gut recherchiert, aber für meinen Geschmack etwas gar milde abgefasst. In Anbetracht der Tatsache, dass es sich hier um systematischen Betrug auf höchster Ebene handelt, kommt die Credit Suisse viel zu gut weg und darf aufatmen. Im Übrigen vermisse ich einen Hinweis auf die Neue Aargauer Bank, die sich bei diesem Skandal genauso widerlich verhält wie die CS. Sie kann sich im Schatten ihrer Mutter stets bestens verstecken. Dabei hat sie auch ein paar Dutzend, wenn nicht sogar ein paar Hundert Kunden betrogen – es trauen sich nicht alle, sich zu «outen». Ich frage mich auf jeden Fall, ob bei den erwähnten 850 Geschädigten und den 34 Millionen Franken diejenigen der Neuen Aargauer Bank auch enthalten sind. Heinz Fahrni, Fisibach
Die Lehman-Brothers-Geschädigten der CS wollen die Gelder, die in 100-prozentige Kapitalschutz-Luft-Papiere angelegt wurden, wieder haben. Es soll bekannt sein, dass die Bank dank der Lehman-Produkte gute Gewinne machte und entsprechende Bonizahlungen flossen, und so profitierten auch die Geschäftsleitung und der Verwaltungsrat davon. Bekämen die Kläger recht, müssten wohl die obersten Banker der Credit Suisse einen Teil der Bonigelder zurückgeben, mit dem Resultat, dass die Kielholz Foundation weniger Geld zur Verfügung hätte, um Kranke und Bedürftige zu unterstützen. Der Staat müsste dann einspringen, und das wäre doch sehr bedauerlich. Gunther Kropp, Basel
Massiv verharmlosend
Nr. 15 – «Wir Abwracker»; Henryk M. Broder über die Abwrackprämie
Der Autor bezeichnet die Abwrackprämie als volkswirtschaftlich umstritten und als Nullsummenspiel. Das ist noch massiv verharmlosend. Durch die Abwrackprämie entsteht ein gesamtvolkswirtschaftlicher Schaden. Die Zerstörung eines noch gebrauchsfähigen Konsum- oder Investitionsguts verursacht einen volkswirtschaftlichen Schaden genau in der Höhe des Restgebrauchswerts dieses Gutes. Bei der Abwrackprämie kommen noch Transaktionskosten für den Einzug des Geldes und für die Verteilungsbürokratie als weiterer Schaden exakt in der Höhe eben dieser Kosten hinzu. Genauso gut könnte der Staat dem Bürger ein neues Fahrrad im Wert der Abwrackprämie kaufen und diesen anweisen, es gleich wieder auf den Schrottplatz zu werfen!
Urs Bleiker, Pfäffikon
Nicht alles Gold, was glänzt
Nr. 15 – «Schön auf den ersten Blick»; Sibylle Berg über Hua Hin
Ich bin Indonesierin und lebe mit vielen Europäern in Hua Hin. Natürlich ist hier – wie in jeder Stadt – nicht alles Gold, was glänzt. Trotzdem lieben wir Hua Hin! Menschen, die hier nichts, aber auch gar nichts Positives sehen (wollen), sollen bitte nicht nach Hua Hin kommen. Gute Besserung.
Lizzy Michael-Ginsel, Hua Hin (Thailand)
Scheitern am Profanen
Nr. 15 – «Doppelmoral des Staates»; Alex Baur über die Zürcher Justizdirektion
Nicht allen Staatsanwälten ist es vergönnt, eine Strafuntersuchung mit Augenmass und im Sinne des Volkes («des Staates») durchzuführen. Sie scheitern an profanen Dingen wie Zeitmanagement, fehlender Prioritätensetzung und mangelnder Sensibilität für die wahren Staatsinteressen. Sie wären als einfache Protokollführer oder – horribile dictu – hinter dem Herd besser, ihren Fähigkeiten entsprechend, eingesetzt. Peter Bächle, Basel
Ans eigene Messer liefern
Nr. 15 – «Wiederholungstäter E. B.»; Urs Paul Engeler über Bundesanwalt Erwin Beyeler
Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf ist hier in einer mehr als delikaten Situation. Selbst auf konspirativem Weg ins Amt geschoben, wurde sie vom unbedarften «SF-Schweizervolk» auf den Thron der Schweizerin des Jahres gehievt. Das Parlament hat die Immunität der GPK-Subkommissions-Präsidentin Lucrezia Meier-Schatz nicht aufgehoben. Und die besagte Schweizerin des Jahres sollte nun ihre Beamten, mit denen diese konspiriert hat, ans Messer liefern. Das Einfachste wäre, den ganzen Haufen, in den Dr. Erwin Beyeler ja bestens eingebunden ist, aufzulösen, die Protagonisten auszupeitschen und die Posten neu zu besetzen. Hans-Christian Müller, Zürich













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