Letzte Woche tagte die G-20 in London. Das Treffen wurde vom Spiegel als «ein starkes Signal der Hoffnung für die Welt» gedeutet. Der Zürcher Tages-Anzeiger schwärmte von einer Art neuen Weltordnung. Allenthalben wurden die Beschlüsse und Vorstösse der G-20 gelobt, auch wenn man sich drastischere Massnahmen und weiter reichende Initiativen gewünscht hätte. Da und dort klang eine gewisse Ernüchterung darüber an, dass die G-20 ja eigentlich keine Weltregierung sei, aber doch wenigstens ansatzweise das Potenzial zu einer solchen hätte.
Der Skeptiker runzelte derweil die Stirn und fragte sich: Was eigentlich ist die G-20? Ein exklusiver Klub der Staatschefs? Eine Selbsterfahrungsgruppe überforderter Politiker? Eine spontane Versammlung von Regierungschefs, die sich selber das Hochamt der Weltrettung übertragen haben? Das Mandat ist unklar, die Rechtsgrundlage dürr, nicht einmal Statuten sind bekannt. Die Selbstinszenierung erfolgte nach dem Drehbuch von Zusammenkünften, wie sie einst die Monarchen Europas auf Kosten ihrer Untertanen zelebrierten. Unglaublich ist, dass die G-20 neben allerlei Zusagen und Subventionen auch Sanktionen verabschiedete, ausnahmslos gegen Staaten, die nicht eingeladen waren, wie die Schweiz. Dennoch bleibt die Autoritätsanmassung der grossen Industrienationen unbestritten. Die Macht setzt das Recht. In der Schweiz würden Politiker, die so freihändig Geld ausgeben und Normen setzen, durch die direkte Demokratie gestoppt. Die internationale Rechtsgemeinschaft ist eine Unrechtsgemeinschaft, die durch Zusammenschluss ihre Interessen ungehindert durchzudrücken hofft.
Die beste Nachricht der letzten Woche war die Wahl des früheren dänischen Ministerpräsidenten Anders Fogh Rasmussen zum neuen Generalsekretär der Nato. Der liberalkonservative Ökonom und Politiker machte sich unbeliebt, als er im Karikaturenstreit, eigentlich selbstverständlich, auf dem abendländischen Recht auf freie Rede beharrte. Er war kein Scharfmacher wider den Islam, aber doch eine prinzipienfeste Stimme, die an den Standards offener Gesellschaften festhielt, indem sie ihren Gegnern erwiderte, dass Religion nicht zu einem Bereich erklärt werden könne, «der von der Kritik ausgenommen ist».
Steht der Londoner Gipfel von letzter Woche für eine Rückkehr der grossen Politik? Verschiebt sich die Balance nach den zaghaften Deregulierungen der Thatcher- und Reagan-Jahre wieder stärker Richtung Staat? Das wird aus einleuchtenden Gründen nicht geschehen. Die Finanzblase ist geplatzt, die gewaltigen Steuererträge der Bubble-Konjunktur versiegen. Die Heuchelei der Umverteiler besteht darin, dass sie heute die Exzesse verdammen, von denen sie in den Jahren zuvor massiv profitierten. Während die Manager geteert und gefedert werden, darf der Staat auf den Erträgen sitzenbleiben.
Das Polster freilich schwindet. Bald wird Sparsamkeit gefragt sein. Schlechte Zeiten sind Boomjahre für Unternehmer, nicht für ausgabenfreudige Politiker. Knorrige, kantige Gestalten werden in die Arena steigen oder zurückkehren. Der neue UBS-Chef Grübel ist ein Vorbote. Es ist kein Zufall, dass trotz der Misere die linken Parteien darben. Die Leute vertrauen keiner Politik, die in mageren Jahren auf Verschuldung setzt.
Eishockey-Play-off-Final, Kloten gegen den HC Davos, die ersten beiden Heimpartien der Unterländer. Obschon meine Sympathien klar beim eleganten, technisch talentierteren Zürcher Dorfklub liegen, lieferten die Gäste zähes Präzisionshandwerk. Aus dem gesicherten Réduit einer hochkompakten Abwehr produzierten die Bündner brandgefährliches Kontereishockey. Von Trainer Del Curto fanatisch auf Nahkampf eingestellt, gab die Mannschaft keinen Zentimeter Boden preis. Hinten wurde ein undurchdringlicher Riegel hochgezogen, vorne hobelten und ellenbögelten sich die Stürmer in die gegnerische Abwehrzone. Selten wurde die kreative Kraft der Verhinderung auf diesem Leistungsniveau vorgeführt. Kam es zu Rangeleien, bestachen die Bergler durch Frechheit am Rande des Erlaubten. Sie provozierten, rempelten und stocherten, aber im Abschluss gelangen die entscheidenden Tore. Kurzum: Der HCD offenbarte alle Qualitäten, die unsere Landesregierung in der Auseinandersetzung mit der EU und anderen Industrienationen vermissen lässt.
Als sich die Davoser am Samstag aus dem Rückstand retteten, geriet die Schweiz in London auf die «graue Liste». Statt den Entscheid eines Gipfeltreffens, zu dem man nicht einmal eingeladen worden war, kaltschnäuzig zu ignorieren, ging Bern mit der Zusage in die Knie, man werde die ebenfalls in London beschlossene Aufstockung des Internationalen Währungsfonds mit über zehn Milliarden Franken unterstützen. Was für ein Signal: Die Schweiz knickt nicht nur ein, sie bezahlt auch noch dafür. Sportminister Ueli Maurer (SVP) amüsierte sich im zweiten Play-off-Finalspiel auf der Klotener Tribüne bestens. Man kann es auch positiv sehen. Das Land wird demontiert, aber unsere Regierungsmitglieder lassen sich durch nichts erschüttern.
Eben feierte der US-Regisseur Francis Ford Coppola («Der Pate», «Apocalypse Now») seinen siebzigsten Geburtstag. Kein anderer amerikanischer Filmemacher ausser Orson Welles offenbarte eine derartige Spannbreite zwischen Brillanz und Untergang. Mehrfach am Rande des Bankrotts und darüber hinaus, bewies der Italo-Amerikaner ungeahnte Nehmerqualitäten. Nicht selten waren seine dank früheren Gewinnen erstandenen Weinberge einträglicher als die Filmprojekte, die im schlimmsten Fall Gigantomanie und Langeweile bündelten. Hollywood-Kritiker Coppola war interessanterweise immer dann am besten, wenn er Auftragsarbeiten für die verhasste Traumfabrik erledigte. Die disziplinierende Kraft des Marktes hinderte den subversiv veranlagten Genussmenschen wirkungsvoll daran, seinen eigenen Eitelkeiten und künstlerischen Spinnereien zu erliegen.
«Jedes Mal, wenn ich rauswill, ziehen sie mich wieder rein», sagt im letzten Teil der brillanten «Pate»-Trilogie ein ergrauter Al Pacino als Mafiaoberhaupt Michael Corleone, als er sich erfolglos aus dem Verbrechen zurückziehen will. Dem Regisseur erging es wie dem Paten: Sosehr er sich auch bemühte, Hollywood zu überwinden, blieben die Studios sein Schicksal. Coppolas letzter grosser Film war sein wunderbarer Opera-buffa-«Dracula» nach dem Buch von Bram Stoker.













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