Wer Barack Obama beim Reden beobachtet, dem fällt auf: Der Präsident bewegt seinen Kopf von links nach rechts, nach links, nach rechts, als schaute er ein Tennismatch an. Sein Blick schweift nicht ins Publikum, sondern fokussiert abwechselnd zwei gläserne «Notenständer», die an den Seiten des Rednerpults stehen. Die Vorrichtung ist Obamas «Geheimwaffe» und treuster Gefährte. Sie versetzt den Zuschauer in die Illusion, der Redner habe sich das Gesprochene spontan ausgedacht. In Wahrheit hängt der Präsident mit jeder Silbe am Skript. Von einem am Boden versteckten Computer wird der Redetext auf die zwei schräggestellte Glasscheiben projiziert, wo er ihn ablesen kann.
Teleprompter heisst die patente Erfindung im Fachjargon. Zwölf Stück davon hat Obama jüngst auf seine Tour d’Europe mitgenommen. Lieber, so heisst es im Umfeld des Präsidenten, würde er auf den kugelsicheren «Cadillac One» verzichten, als einen Auftritt ohne Prompter zu bestreiten. Keine Rede, keine Pressekonferenz, keine Ansprache, sei sie auch noch so kurz, hält er ohne ihn.
In den USA ist Obamas Prompter-Versessenheit bereits Legende. Kolumnen, Cartoons, sogar eine Website ist ihr gewidmet (www.teleprompterpresident.com). Da «Teleprompter» ein sperriges Wort ist, hat man «Obamas bestem Freund» ein pfiffiges Akronym verliehen: TOTUS (Teleprompter of the United States), mit dazu passendem Präsidenten-Signet. Seit März hat TOTUS auch einen Blog, auf dem er einer rasant wachsenden Fan-Gemeinde seine Erlebnisse mit «Big Guy» schildert und dabei allerlei Indiskretes ausplaudert (www.baracksteleprompter.blogspot.com).
News von der Papierrolle
Der Teleprompter (von lat. promptus: «entschlossen», «bereit») steht in einer Tradition, die in die Antike reicht. Es geht um die Suggestion improvisierter Rede, die in Wirklichkeit auf schriftlicher Vorbereitung beruht. Waren Demosthenes und Cicero noch fähig, ihre Reden zu memorieren, ist heute — ausser Tony Blair — kaum mehr jemand dazu imstande. Weil ein Stück Papier vor der Nase des Redners aber die Glaubwürdigkeit ruiniert, feilt man seit langem an Täuschungstechniken. So haben Rednerpulte oder Kirchenkanzeln nicht nur die Funktion, den Sprechenden in Szene zu setzen — sie verbergen auch das Manuskript.
Im Vergleich dazu stellt der Teleprompter eine veritable Revolution dar. Erfunden wurde er in den fünfziger Jahren für das amerikanische Fernsehen. Die ersten Modelle waren rein mechanisch: Eine Papierrolle mit dem Text wurde neben der Kamera fixiert und abgespult. Heute ist der elektrische Prompter ein Fernseh-Fetisch. Der starre Blick in die Kamera prägt fast alle Nachrichtensendungen. Unsichtbar für den Zuschauer, läuft der Text computergesteuert vor der Linse ab: Der Sprecher hält Blickkontakt mit seinem Publikum, berichtet lächelnd über komplexe Zusammenhänge, ohne den roten Faden zu verlieren.
Auch in der Filmindustrie hat man die Vorzüge des Prompters längst entdeckt. Vorbei die Zeiten, als sich gedächtnisschwache Schauspieler wie Marlon Brando oder Hans Albers mit Hilfe von Texttafeln, die man «Neger» nannte, durch ihre Auftritte kämpften. In der Politik hingegen verzichten die meisten auf den Fliesstext. Stichwortzettel oder Handkarten sind nach wie vor die gängigen Sprechhilfen.
Anders in den USA. Hier hat der Prompter-Hype durch Obama einen neuen Höhepunkt erreicht. Besonders die Republikaner geben sich erstaunt über die «Krücke des beredten Mannes». Warum bloss, fragen sie, hängt der «grosse Orator» so an den Glasplatten, die den Präsidenten am Rednerpult einklemmen wie ein Pferd in Scheuklappen?
Zuhauf tauchen Videos im Netz auf, die «Obama ohne» zeigen. Szenen wie neulich in London, als er auf eine Frage der BBC nach der Finanzkrise zweieinhalb Minuten lang Satzfragmente stammelte. Das soll dokumentieren: Ohne «Spickzettel» verliert Sprechwunder Obama allen Glanz. Auch die Starkolumnisten haben die Achillesferse entdeckt: «Obama braucht sogar einen Teleprompter, um wütend zu werden», schreibt Maureen Dowd in der New York Times in Referenz auf Obamas «gespielten Zorn» über Manager-Boni.
Dabei ist das Prompter-Phänomen nicht neu. Seit mehr als einem halben Jahrhundert haben US-Präsidenten auf die Technik zurückgegriffen, ohne dass es aber zu einer intimen Beziehung mit der «elektrischen Souffleuse» gekommen wäre. Harry S. Truman hatte es als Erster versucht, erstarrte jedoch beim Anblick der Maschine und wirkte wie ein Roboter. Auch Dwight D. Eisenhower fluchte über «diese verdammte Kiste» und verliess sich lieber auf handliche Memo-Karten.
Einige US-Präsidenten machten speziell schlechte Erfahrungen. 1993 trat Bill Clinton vor den Kongress, um für seinen Gesundheitsfürsorge-Plan zu werben. Am Rednerpult stellte er mit Schrecken fest, dass die falsche Rede auf dem Prompter erschien. Unendliche sieben Minuten versuchten Helfer das Problem zu beheben. Derweil unterhielt Clinton die Abgeordneten wacker mit einer Improvisation. Einige fanden, er sei dabei besser gewesen als mit Prompter.
Wie ein Kampfpilot
Später schweifte Clinton gerne vom Skript ab, so dass der Operateur, der das Tempo des Lauftexts zu steuern hatte, grösste Mühe bekundete, dem Präsidenten zu folgen. Ein Clinton-Redenschreiber erinnert sich: «Der Operateur war wie ein Kampfpilot, der mit Schweissperlen auf der Stirn versuchte, auf einem Flugzeugträger zu landen.»
Die folgenreichste Prompter-Panne ereignete sich 2002, als Präsident Bush vor der Uno zu einem Showdown gegen Saddam Hussein ansetzte. Die USA wollten im Rat für eine letzte Resolution werben. Als Bush jedoch zur entscheidenden Stelle gelangte, war der Schlüsselsatz auf dem Prompter verschwunden. Geistesgegenwärtig begann er zu improvisieren. Das Problem allerdings war, dass Bush sagte, er werde den Rat um «die nötigen Resolutionen» (Plural!) ersuchen. Dies wurde den USA später zum Verhängnis, als die Europäer verlangten, Bush müsse im Sicherheitsrat eine zweite Resolution einfordern, bevor er in den Krieg ziehen dürfe.
Es sei eine Frage der Zeit, bis Obama Ähnliches passiere, sind Kritiker überzeugt. Immer häufiger stellt der Prompter dem Präsidenten ein Bein. Neulich, beim Empfang des irischen Premiers Brian Cowen, erschien die Rede des Gastes auf seinem Display. In einer bizarr anmutenden Szene sagte Obama: «Ich danke Präsident Obama für die freundliche Einladung ins Weisse Haus.»
Derweil macht der Präsident keine Anstalten, sich der Prompter-Sucht zu entwöhnen. Statt seine Reden freier zu sprechen, sucht er nach immer neuen Kniffen, den Prompter diskret hinter den Kulissen verschwinden zu lassen. Zuerst liess er im Presseraum des Weissen Hauses eine Vorrichtung installieren, dank welcher dieser im Fussboden versenkt werden kann. Vor einigen Tagen präsentierte Obama seine neuste Innovation: den Jumbo-Prompter – einen gigantischen Plasmabildschirm, der mitten unter die Pressefotografen gestellt wird und der Obama aus der Ferne mit Text versorgt. Prompt stellte «der Neue» seinen Boss in den Schatten. «Es war ein Spektakel», berichtete ein Reporter. «Wie im Autokino.»

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