Stumme Intelligenzbestien

Verhaltensforscher entdecken unter Wasser Erstaunliches: Fische können zählen, sie benutzen Werkzeuge und merken sich Informationen jahrelang. Andere lösen Probleme oder zeigen bemerkenswertes Talent zum Taktieren. Kann der Mensch von Fischen lernen?

Von Till Hein

Ein junger Goldfisch schlängelt sich im Slalom zwischen Kippstangen hindurch. Ein zweiter, der prächtig gelb-orange schillert, schwimmt anmutig durch diverse Reifen. Dann beginnen zwei Goldfische, Fussball zu spielen, und versuchen, die Kugel mit der Stirn ins Tor des Gegners zu bugsieren. Jens Krause fiebert mit, wie neulich bei der Champions League. «Eindrucksvoll, nicht wahr?», schwärmt er nach dem Schlusspfiff.

Professor Krause ist Fischforscher. Seit bald zehn Jahren leitet der Biologe mit der langen blonden Mähne das Krause lab an der University of Leeds in Mittelengland. Zur Entspannung sieht er sich auf dem Laptop oft die Videoaufzeichnungen von Goldfisch-Wettkämpfen an. Er ist begeistert, was für Kunststücke die Fische lernen, wenn man nur geduldig mit ihnen übt und sie regelmässig mit Futter belohnt.

Krause selbst aber hat ehrgeizigere Ziele, als Goldfischen das Toreschiessen oder Hürdenschwimmen beizubringen. Er will verstehen, wie Fische denken. Kürzlich hat er mit Kollegen das Standardwerk «Fish Cognition and Behavior» herausgegeben, einen Wälzer über Sozialverhalten und kognitive Prozesse bei Fischen. «Das Geistesleben dieser Tiere wird völlig unterschätzt», sagt er. Auch wenn das, betrachtet man die Guppys, Stichlinge und Moskitofische in den Aquarien seines Labors, schwer zu glauben ist zu belämmert glotzen sie durch die Glasscheiben heraus.

 

Elefantengedächtnis

Doch man darf sich von ihnen nicht täuschen lassen: Manche Fische können Informationen monate- oder gar jahrelang im Gedächtnis behalten: Zoologen brachten Forellen bei, einen Hebel herunterzudrücken, um Futter zu bekommen. Später entfernten sie die Hebelstange und fütterten die Tiere drei Monate lang, ohne dass die sich dafür anstrengen mussten. Als die Forscher die Hebelvorrichtung wieder installierten, wussten die Fische sofort, was sie zu tun hatten, um ans Futter zu gelangen.

Welse haben sogar ein Elefantengedächtnis: Charles Eriksen von der University of Illinois (USA) rief immer «Fish, fish!», bevor er sie fütterte. Neunzehn Stück kamen schon nach wenigen Tagen auf den Lockruf hin angeschwommen. Drei Monate später übernahmen andere Leute die Fütterung ohne verbal zu locken. Erst ein Jahr später rief Eriksen die Fische erneut. Im Nu schwammen vierzehn Exemplare herbei. Nach weiteren fünf Jahren Pause unternahm er noch einen Versuch. Verblüfft beobachtete er, dass gleich beim ersten «Fish, fish!»-Ruf neun Welse herbeigeschossen kamen.

Doch bedeutet ein gutes Gedächtnis allein schon Intelligenz? Menschen und Schimpansen würden zum Beispiel Werkzeuge gebrauchen, wenden Fachleute ein. «Fische auch», entgegnet Jens Krause. Riffbarsche etwa nehmen Sand ins Maul und spucken ihn kraftvoll auf Felsplatten, um verkrustete Beläge zu lösen. Dann reiben sie den Fels sorgfältig mit den Flossen sauber. Erst auf der blitzsauberen Steinoberfläche legen sie ihre Eier ab.

Buntbarsche aus Südamerika wiederum verwenden Blätter als Kinderwagen. Bevor sie darauf ablaichen, testen sie unterschiedliche Modelle und suchen das beste aus. Sobald sich ein Raubfisch nähert, schnappt sich der Vater oder die Mutter das Blatt mit dem Maul und zieht es an einen anderen Ort.

Besonders clever, erzählt Krause, seien Fische, wenn es um den sozialen Status geht. Sie merken sich genau, mit welchen Artgenossen sie bereits gekämpft haben. Stichlinge, Buntbarsche und Forellen zeigen in Experimenten weniger Aggression, wenn sie zu einem ehemaligen Gegner ins Becken gegeben werden: Die Hierarchie ist klar; man muss sich nichts mehr beweisen.

Siamesische Kampffische behalten sogar im Gedächtnis, wer sie bei Revierstreitereien beobachtet hat. Amerikanische Forscher liessen zwei Männchen gegeneinander antreten – mit einem Weibchen als Zuschauer. Anschliessend wurden die Männchen einzeln in neue Aquarien gesetzt: links flankiert von der Zuschauerin des Kampfs, rechts von einem unbekannten Weibchen. Die Sieger aus den Zweikämpfen vertrieben sich mit beiden Weibchen gleich lang die Zeit. Verlierer hingegen widmeten dem neuen Weibchen, das sie nicht als Ver- sager erlebt hatte, deutlich mehr Aufmerksamkeit. Bei ihr rechneten sie sich bessere Chancen aus als bei der Augenzeugin ihrer Niederlage.

Machiavelli wäre stolz

Wahre Intelligenzbestien unter den Fischen untersucht Professor Redouan Bshary von der Universität Neuenburg: Er konnte nachweisen, dass Putzerlippfische über eine geradezu machiavellistische Schläue verfügen und ihr Umfeld ähnlich geschickt manipulieren, wie das einst der berühmte Philosoph der Macht aus der Renaissance postulierte.

Ein solcher Putzerlippfisch kann mehr als 2000 Klienten aus 100 unterschiedlichen Arten pro Tag bedienen: Fische, die in der Gegend ansässig sind also potenzielle Stammkunden und Gelegenheitskunden, die jederzeit zu einer anderen Putzstation abwandern könnten. Und die Putzer scheinen das ständig im Hinterkopf zu haben, hat Bshary festgestellt. Gelegenheitskunden kommen sofort an die Reihe, Stammkunden hingegen müssen Wartezeit einplanen. Und während die Lippfische neuen Klienten einen erstklassigen Service bieten, sind sie bei Stammkunden nachlässiger und fressen ihnen in der Eile schon mal eine Schuppe aus der Haut.

Klienten, die so gebissen werden, reagieren aggressiv, pöbeln die Putzerfische an und manche kommen nie wieder. Um sie zu besänftigen, haben sich die Lippfische daher einen Trick einfallen lassen: Sie massieren aufgebrachte Klienten sanft mit den Flossen. Die geraten dann in eine Art Trance und scheinen das zu geniessen.

Was noch verblüffender ist: Putzerlippfische arbeiten sorgfältiger und beissen ihre Klienten seltener, wenn die Warteschlange vor ihrer Putzstation lang ist, also viele potenzielle Kunden zuschauen, so Bshary. Ausserdem hätscheln die cleveren Unterwasser-Kosmetiker Raubfische öfter als Fische, die für sie keine Gefahr darstellen, und hungrige Raubfische wiederum häufiger als solche, die gerade gefressen haben.

«In gewissem Sinne besitzen Fische auch Kultur», behauptet Professor Jens Krause. Eine gängige Definition von Kultur lautet nämlich: «Gruppentypische Verhaltensmuster, die von Gemeinschaften geteilt und durch soziales Lernen von Generation zu Generation weitergegeben werden.» Das aber lasse sich bei Fischen nachweisen, so der Forscher: Zieht eine Gruppe von Fischen beispielsweise in ein neues Aquarium um, so behalten die Tiere ihre Gepflogenheiten bei. Verpflanzt man aber Einzeltiere in andere Gruppen, übernehmen sie deren Verhaltensmuster.

Und das geht schnell: Denn Fische sind erstklassige Beobachter. Kevin Laland von der University of St. Andrews in Schottland hat untersucht, wie Guppys allein durchs Zusehen lernen. Einige dressierte der Verhaltensforscher, in einer Plexiglasröhre senkrecht nach oben zu schwimmen, um zum Futter zu gelangen was Guppys sonst nie tun. Hinter einer Glasscheibe zuschauende Guppys guckten sich den Trick ab. Als die ersten Fische aus dem Becken genommen wurden, hatten die Neulinge das Verhalten schon so gut adaptiert, dass sie es an ahnungslose Artgenossen weitervermitteln konnten.

Manche Wissenschaftler wollen Fischen sogar das Lesen beibringen. Experimente mit Bischofskärpflingen ergaben, dass sie sich abstrakte Zeichen merken können: Sie finden durch ein Labyrinth, wenn der Weg zum Futter durch Dreiecke markiert wird. Und sie lernen, dass Kreise «Irrweg» bedeuten.

Christian Agrillo von der Universität Padua erforscht, wie es bei Fischen um das Zählen bestellt ist. Sein Befund: Zumindest Moskitofische beherrschen diese Kulturtechnik. Allerdings nur bis vier. Moskitofischweibchen, die von Männchen belästigt werden, versuchen, sich in einem möglichst grossen Schwarm zu verstecken. Im Labor verwendete Agrillo ein Dreikammeraquarium mit Trennwänden aus Glas. Das belästigte Weibchen in der mittleren Kammer konnte jeweils zum Schwarm rechts oder zu dem links flüchten. Erst bekam es die Wahl zwischen einem oder zwei Fischen, dann zwischen zwei oder drei und schliesslich zwischen drei oder vier Fischen: Jedes Mal versuchte es, sich der grösseren Gruppe anzuschliessen. Ob fünf Fische aber mehr sind als vier – das überforderte das arme Weibchen dann doch.

Bei grösseren Gruppen, so stellte der Forscher fest, benötigen Moskitofischweibchen ein Mengenverhältnis von zwei zu eins, um den Unterschied zu kapieren. Wenn sie etwa die Wahl zwischen acht und sechzehn Fischen haben, schliessen sie sich der 16er-Gruppe an. Bei einer Wahl zwischen elf und sechzehn Fischen zeigen sie keine Präferenz.

Fische mit Bewusstsein

Buntbarsche aus dem Tanganjikasee in Zentralafrika schliesslich scheinen sogar logisch denken zu können: In Experimenten durfte ein Männchen beobachten, wie fünf andere, gleich grosse Männchen Zweikämpfe austrugen. Fisch A besiegte bei diesem Turnier Fisch B, Fisch B setzte sich gegen Fisch C durch. Dieser wiederum besiegte Fisch D und Fisch D entschied den Zweikampf gegen Fisch E für sich. Anschliessend wurde der Beobachterfisch in einem Dreikammeraquarium zwischen Fisch B und Fisch D platziert.

Aus früheren Experimenten ist bekannt, dass Buntbarsche nach Revierkämpfen aus Selbstschutz lieber in der Nähe des Unterlegenen umherschwimmen. Obwohl Fisch B und Fisch D je einen Kampf gewonnen und einen verloren hatten, verbrachte der Beobachterfisch prompt mehr Zeit in der Nähe von Fisch D. Die einzige Möglichkeit, herauszufinden, dass D schwächer als B sein musste, war, die Beziehung der beiden zu Fisch C in die Überlegungen mit einzubeziehen. Denn der hatte gegen B verloren, aber gegen D gewonnen.

Die wohl spannendste Frage ist unter Fachleuten noch umstritten: Haben Fische ein Bewusstsein? «Ausschliesslich Säugetiere verfügen über einen Neokortex», argumentieren manche Neurophysiologen, «und ohne diese Gehirnstruktur ist Bewusstsein nicht möglich.» Jens Krause von der University of Leeds ist da skeptisch. «Es gibt deutliche Hinweise, dass bei Fischen einfach andere Hirnstrukturen für kognitive Prozesse zuständig sind als etwa beim Menschen.» Eine verbreitete Definition von «Bewusstsein» lautet: «Ein Verständnis des Selbst und seiner Beziehungen zur Umwelt.» Insbesondere Redouan Bsharys Beobachtungen bei Putzerfischen, die Stammkunden anders als Gelegenheitsklienten behandeln, legen solche Fähigkeiten nahe, findet Krause. «Von denen können ja selbst wir Menschen noch etwas lernen.»

Kommentare

+ Kommentar schreiben

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 

weitere Ausgaben

Login für Abonnenten

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Passwort vergessen?

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Sie sind noch nicht bei Weltwoche online registriert? Melden Sie sich gleich an.

Zur Registrierung

Ihre Vorteile bei Registrierung:

  1. Zugriff auf alle Artikel und E-Paper*.
  2. Artikel kommentieren
  3. Weltwoche Newsletter
  4. Spezialangebote im Platin-Club*
*Nur für Abonnenten der Printausgabe
 

8 Ausgaben
Fr. 38.-

Die unbequeme Stimme der Vernunft.