Leserbriefe

«Von niedriger Überwachung kann bei den meisten Patchwork-Familien nicht die Rede sein.» Matthias Pfau

Verzerrung der Kriminalstatistik

Nr. 13 – «Aschenputtel der Gegenwart»; Philipp Gut über Jugendkriminalität

Bei Studien, die sich auf Täter- oder Opferbefragungen stützen, wird primär das Antwortverhalten der Befragten erhoben. Auch beim Abstellen auf die Kriminalstatistik wird lediglich das Registrierungsverhalten der Behörden gemessen. Die «richtige» Kriminalität, bzw. was wir darunter verstehen, kann unbestritten nicht eruiert werden. Deshalb denke ich, dass man das Ergebnis der eher kriminell werdenden Kinder aus Patchwork-Familien auch anders interpretieren kann. Traditionelle Familien üben wohl eine hohe Kontrolle aus, die sich jedoch bei der Problemlösung ins Gegenteil kehrt. Die Kinder werden eher beschützt, um das Familienbild gegen aussen nicht zu gefährden, somit finden hier weniger Anzeigen und Strafverfolgungen statt. Das Problem wird «intern» gelöst. Bei Patchwork-Familien gibt es meist mehrere unabhängige Kontrollinstanzen wie Vater/Mutter, Partner/-in, Stiefbruder/-schwester usw. Von niedriger Überwachung kann wohl bei den meisten dieser Familien nicht die Rede sein – auch wenn die nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfbaren Detailbefragungen anders ausfielen. Dank dieser wirksamen höheren sozialen Kontrolle werden Verfehlungen schneller und schonungsloser aufgedeckt, so dass es bei solchen Verhältnissen – weil man eher zu den begangenen Taten steht – wohl zu mehr Anzeigen und Strafverfolgungen kommt. Diese erhöhte Sensibilität ist nichts Schlechtes. Dass dabei durch mehr Anzeigen die Kriminalstatistik verzerrt wird, lässt sich natürlich politisch so oder auch anders deuten. Matthias Pfau, Winterthur

Chávez wird keinen Heldentod sterben

Nr. 13 – «König im Märchenreich»; Ruedi Leuthold über den Präsidenten Venezuelas

Hugo Chávez ist schlau (aber auch durchschaubar), und die Anpassung, die Amtszeitbeschränkung von zwei Perioden ebenfalls auf Kantons- und Gemeindeebene aufzuheben, hat ihm zum Sieg vom 15. Februar verholfen. Die Rhetorik gegen das Imperium wird weitergehen. Chávez könnte sich zu einem echten Problemfall entwickeln, falls er die vom Iran gegen die Uranlieferungen angeblich versprochene A-Bombe bekommt. Einen Heldentod wird er kaum sterben – die Soldaten, die ihn am Ende seines erfolglosen Putsches in einer Museumsecke aufgegriffen haben, hat er weinend angefleht, man möge ihn und seine Familie nicht antasten. Übrigens, niemand schreibt über die x-hunderttausend Venezolaner, die unter Chávez Regime das Land verlassen haben/mussten. Ulina Rodriguez, Zürich

Kindergartenparlament

Nr. 13 – «Willkür als Maxime»; Claudio Zanetti über Immunität im Parlament

Da wird also die Immunität eines Parlamentariers mit Mehrheitsbeschluss aufgehoben, weil er offenbar der «falschen» Partei angehört. In der gleichen Angelegenheit gesteht die gleiche Mehrheit kurze Zeit später zwei anderen, in die gleiche Sache involvierten Parlamentsangehörigen den Immunitätsschutz zu, weil sie offensichtlich Angst hat, eine richterliche Untersuchung von dubiosen Vorgängen rund um die GPK vor zwei Jahren könnte unschöne Machenschaften an den Tag bringen. Dieser ausschliesslich politisch motivierte Beschluss macht klar, dass dieses Kindergartenparlament nun endgültig in der Bananenrepublik angekommen ist. Willy Fasler, Thun

Fehlendes Kapitel

Nr. 13 – «TV-Monokultur Schweiz»; Peter Keller über die Dominanz der SRG

Im Beitrag über das Schweizer Privatfernsehen fehlt ein wichtiges Kapitel. Nach dem Scheitern des RTL-Programmfensters 1994 gründete Ringier mit Sat 1 die Sat 1 (Schweiz) AG (je 50 Prozent) und strahlte in der Folge ein echtes – das erste – Programmfenster mit schweizerischen Eigenproduktionen aus. Das beinhaltete Fussball, Nationalliga A (sehr erfolgreich), ein Gesundheitsmagazin (einmal täglich), eine tägliche Sportsendung («Täglich ran»), Sendungen wie «Joya rennt», «Celebrations» und als absoluten Höhepunkt 2002 exklusiv in der Schweiz die Fussball-WM aus Japan/Südkorea mit sämtlichen 64 Spielen und eigenem Live-WM-Studio. Sat 1 kaufte der SRG die Rechte vor der Nase weg. Als Ringier 1995 mit anderen Schweizer Verlegern (NZZ, Jean Frey AG) Presse-TV gründete und mit der SRG einen Zusammenarbeitsvertrag für Programmfenster auf dem zweiten Kanal abschloss, tolerierte die SRG ausdrücklich die Zusammenarbeit – auch mit Sat 1 Schweiz. In jener Zeit erwog Publisuisse sogar, den Werbezeitenverkauf für Sat 1 Schweiz mit zu übernehmen. Ringier hat unter Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse des Schweizer Marktes schon früh verschiedene Möglichkeiten des privaten Fernsehmarktes ausgereizt. Dazu gehörte beispielsweise auch 1992 bei der Gründung von Tele-Züri eine 50-prozentige Beteiligung. So fehlen in diesem Bericht einige wichtige Akzente. Beispielsweise die Pioniertat des European Business Channel EBC, der ebenfalls versuchte, das Monopol der SRG zu brechen. Fibo Deutsch, Ringier AG, Zürich

Mehr alte eidgenössische Tugenden

Nr. 13 – «500 Jahre Missverständnis»; Markus Somm über den deutschen Finanzminister

Ich fühlte mich beleidigt durch die Arroganz Steinbrücks, der uns so knallhart mit der Peitsche droht. Einerseits verärgert über unseren schwachen Bundesrat, der sich von US- und EU-Peitschen einschüchtern lässt, und anderseits verärgert über diesen selbstgerechten preussischen Militärton, der da in die Schweiz schallt. «Wie springen die mit uns um?», habe ich mir da gedacht. Ein bisschen mehr von alten eidgenössischen Tugenden täte uns Schweizern heute ganz gut: Mut, Selbstsicherheit und der Wille, sich als kleines Land gegen die übermächtige EU und die USA zu behaupten. Christian Schmid, St. Gallen

Nehmen wir an, Peer Steinbrück und Franz Müntefering hätten nicht die Schweizer, sondern die Polen mit Indianern verglichen, ihnen mit Peitsche und Kavallerie gedroht bzw. es bedauert, dass man heutzutage keine Soldaten mehr in ihr Land schicken könne. Die internationale Empörung wäre grenzenlos, die Herren wären von der politischen Bühne verschwunden. Nun erkläre mir bitte jemand, worin der Unterschied zwischen dem fiktiven Beispiel Polen und dem eingetretenen Fall Schweiz besteht – vielleicht ist der deutsche Botschafter ja so freundlich. Dr. Peter Wehrli, Bern

«Hau den Lukas!»-Systematik

Nr. 13 – «Die ‹Tiger› tarnen sich jetzt als ‹Tigerli›»; Daniel Ammann über die Bundespolizei

Die schweizerischen Justiz- und Sicherheitsbehörden scheinen es der Weltwoche besonders angetan zu haben. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass regelmässig nach «Hau den Lukas!»-Systematik Artikel über Blöchlinger, «Tigerli», Roschacher und Beyeler und deren Behörden erscheinen. Wie es der Zufall will, sind es meistens Vertreter, die den Mitteparteien CVP und FDP nahestehen. Steht dahinter die Absicht, den Sicherheitsapparat so umzupflügen, dass die Position von Ueli Maurer gestärkt wird und die Sicherheitspolitik im Sinne der SVP gestaltet wird? Marc Schönholzer, Port

Korrigendum

Der Financier Tito Tettamanti war nie alleiniger Besitzer der Weltwoche. Zusammen mit einem grösseren Aktionärskreis hatte er 2002 die Zeitung übernommen und war bis 2006 grösster Einzelaktionär.

Kommentare

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  • Longus
  • 19.04.09 | 15:27 Uhr

Zu Nr. 13 – «500 Jahre Missverständnis»;Markus Somm über den deutschen Finanzminister

Herr Dr. Peter Wehrli, Bern,
die Schweiz ist für Deutschland eben kein richtiges Ausland.

Die Schweiz ist für uns Deutsche ein unheimliches Land mit dunklen Tälern, deren Bewohner nicht sehr weit schauen können, mit schnell beleidigten Leberwürsten und radebrechenden Erbsenzählern.

Mit Indianern verglichen zu werden, wäre eigentlich eine Ehre für die Schweizer.

 
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