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25.03.2009, Ausgabe 13/09

Pop

Charme und Hormone

Pet Shop Boys, Peter Doherty, White Lies: Aus England kommt ein kräftiger musikalischer Schub.

Von Albert Kuhn

Die Welt in zwei Worten: Rockmusiker Doherty. Bild: Kevin Westenberg (EMI)

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England beliefert uns mit neuem Britpop. Rollen wir das Feld von hinten auf: White Lies sind eine disziplinierte Popband der späten New-Wave-Schule – die sie aber nicht erlebt haben. Spät geboren, inhalieren sie den Sound von 1983 und führen ihn 2009 wieder auf. Diese Musik versteckt ihre Leidenschaften hinter bläulichen Nebelwolken von kühler Distanz: Drums, Gitarren, Synthesizer und Stimmen sind samt und sonders in Echos und Hall getaucht. Die Gitarre taucht selten als solche auf, sondern verstärkt entweder den Bass oder die Synthesizer.

 

Wo bleibt das Herz?

Das Album scheint souverän gelungen: Ein fast umfassender Spät-New-Wave-Rückblick auf Joy Division, New Order, The Cure, The Psychedelic Furs, Depeche Mode, Echo & The Bunnymen und Duran Duran. Und ist das Projekt interessant? Man möchte verlegen weiterfragen: Wessen Herz schlägt in dieser Musik? Immerhin ist einzurechnen, dass New Wave als Nachfolgestil von Punk unter anderem ein Projekt der Coolness war – im gewollt scharfen Gegensatz zum «Herz auf der Zunge» der sechziger und siebziger Jahre.

Trotz ihrer veralteten Eighties-Methode schlägt bei White Lies etwas: ein grandios hämmernder Respekt vor der Beinahe-Ausweglosigkeit, die schon die genannten Vorbilder besungen haben. Gothic eben. Gotisch bedeutet weder in der Musik noch in der Architektur «katholisch» oder «tief religiös». Sondern: barbarisch. White Lies sind eine Gothic-Band – und dies heisst nicht etwa, selbst barbarisch zu sein, sondern die Welt als Barbarei zu begreifen. Als Schlachtfeld.

Näselnde Jünglingsstimme

Fast nahtlos anschliessend: Pet Shop Boys. Sie verkörpern eine nur wenig spätere Phase der englischen Musikgeschichte: den Synthiepop, später Elektropop genannt. Im Unterschied zu White Lies haben Neil Tennant und Chris Lowe ihren Stil zeitgleich mitgeformt. Vorher gab’s immerhin schon Kraftwerk, Suicide, Depeche Mode, Soft Cell und die Frères Eicher mit Grauzone.

Und so denkt sich Pet Shop Boy Neil Tennant seine Songs aus: Von einem elfenbeinernen Schiedsrichterpult auf dem Wimbledon Centre Court herunter späht er nach Pop-Elementen aller Art und füllt darauf ein Skizzenbuch mit Ideen. Die lässt er dann, in grosser Kenntnis der Popkultur und des aktuellsten Popdiskurses, von Synthie-Homie Chris Lowe und externen Beratern anfertigen und ausliefern.

War der Pet-Shop-Sound schon alt, als er erfunden wurde? Nicht doch. Aber heute scheint er von sehr weit her zu kommen. Nur die näselnde Jünglingsstimme von Neil Tennant wird offenbar nie älter. Diese üppigen, freundlichen, aber ultracleanen Klänge können in Discos höchstens am frühen Morgen punkten – dann, wenn die Nacht so gut wie gelaufen ist und die Illusion vom geglückten Eskapismus am nüchternen Morgenhimmel verglüht, einmal mehr. In jenem Moment allerdings wirken Pet Shop Boys wie Trost und Balsam. Hat Tennant vielleicht doch recht, wenn er «Yes» als Post-Lifestyle-Album beschreibt?

Der dritte Musikschub aus Grossbritannien ist von gänzlich anderer Art. Zwar könnten Neil Tennant und Peter Doherty beide als Dandys durchgehen, aber damit enden schon alle Gemeinsamkeiten. Peter Doherty – neu mit erwachsenem -r – putzt den so hochkarätigen wie bleichnäsigen Sound der White Lies und Pet Shop Boys weg mit einer einzigen Unterarm-Schnäuzbewegung. Unehelicher Erbe der englischen Sixties, fauler Musterschüler von Ray Davies und Lennon/McCartney, Wüstling, Dieb, Lover und Gentleman, hat er tatsächlich ein Soloalbum zustande gebracht.

Die Welt, verpackt in zwei Worte

«Grace/Wastelands» ist die ganze Welt, verpackt in zwei Worte. Das Album demonstriert – Doherty ist hier viel leiser als mit seinen Bands – die Kunst des Beiläufigen als grosse Reverenz vor den Hauptsachen. Unüberlegtes Spielen als grösstmöglicher Ernst. Absoluter Schutz der Kunst gegenüber dem Leben (und damit für das Leben). Und Songs als verschlüsselte Welterklärungen für jene, die weit weg von Theorie und Politik leben. Da zeigt sich Doherty sogar verwandt mit Übersongwritern wie Bonnie Prince Billy oder Bob Dylan.

Vergangenheitspflege kann prickelnd, irritierend und wunderbar neu sein. Doherty hat es mit links geschafft: «Arcady» als paradiesversprechender Schäfersong, «Last of the English Roses» mit Dub-Bässen und «1939 Returning» als gespenstische Erinnerung ans erste Kriegsjahr. Kleine Songs mit grossem Atem.

Es ist nicht mehr die galoppierende Haltlosigkeit der Libertines oder der Drive-by-Rock der Baby Shambles, die hier Charme und Hormone verströmen. Es ist eine unscheinbare, aus dem Ärmel gefallene Kollektion von lange liegengebliebenen Songjuwelen, von denen viele die Leichtigkeit und den Schauer eines früheren Nebenprojekts Dohertys erreichen: von «This Is for Lovers» (2003), dem schönsten Liebeslied des Jahrzehnts.

Zum Schluss eine Voraussage: Der Pete(r) Doherty von «Grace/Wastelands» und der Paul McCartney von «Chaos and Creation in the Backyard» und The Fireman sind dringende Kandidaten für ein Duett.

 

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 13/09
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