«Wir Indianer betrachten unseren Staat als Dienstleistungsbetrieb, den wir bezahlen.» Heinz Riedo
Häuptling «Biegsamer Hals»
Nr. 12 – «Rat der Duckmäuser»/«Wir und die Deutschen»; Urs Paul Engeler, Markus Somm und Max Frenkel über das Bankgeheimnis
Das Bankgeheimnis ist für das Überleben des indianischen Finanzplatzes vielleicht entbehrlich und wird wohl bald nicht mehr in dieser Form existieren. Damit werden 99 Prozent der Indianer leben können. Aber eigentlich geht es um einen grundlegenden kulturellen Unterschied: Wir Indianer betrachten unseren Staat als Dienstleistungsbetrieb, den wir bezahlen, auf dessen Verwaltungsstrukturen wir relativ problemlos Einfluss nehmen können und der für uns arbeitet. Wir sind nicht die Untertanen des Staates; der Staat ist für uns da. Das ist für unsere deutschen Freunde, vor allem für diejenigen aus preussischen Gebieten, wenig nachvollziehbar oder suspekt. Wir Indianer kämpfen laufend, dass unser Staat nicht zu viel Einfluss auf unsere Privatsphäre nehmen kann und zu viel unnötige Kosten verursacht. Somit ist die jüngste Rhetorik von Kavalleriefeldwebel Steinbrück und Kavalleriehauptmann Müntefering nicht nur flegelhaft, sondern in einem heiklen historischen Kontext schockierend. Wir Indianer fragen uns: Wie sprechen diese Leute wohl, wenn sie unter sich sind? Und da wir Indianer keine Kriegshäuptlinge mehr haben, sondern zurzeit den harmoniesuchenden Häuptling «Biegsamer Hals», sind wir ohne Widerspruch zu den europäischen Sündenböcken befördert worden. So liegt der Gedanke nahe, dass das laute Bellen deutscher politischer Verantwortungsträger und Kavalleristen von Missständen im heimischen Stall ablenken soll. Es ist zu hoffen, dass dies durchschaut und bei den nächsten Wahlen entsprechend honoriert wird. Heinz Riedo, Altnau
Im noblen Godesberg-Villenviertel in Bonn wohnt der deutsche Bundesfinanzminister, knallt die Peitsche, lässt die Kavallerie ausreiten und nennt uns Schweizer Indianer. Zum Glück gibt es nicht viele solch unzivilisierte Politiker in Deutschland wie Peer Steinbrück. Dass wütende Schweizer jetzt aber fordern, keine deutschen Produkte mehr zu kaufen, ist falsch. Nehmen wir die Äusserungen gelassen; spätestens nach der nächsten Bundestagswahl wird Steinbrück in der Versenkung verschwinden. Vorher würde ich ihm gerne noch sagen, dass wir Indianer auf keinen Fall Eurofighter brauchen. Werner Bundi, Chur
Drohung, Nötigung und Erpressung sind an keine Staatsform gebunden, sie sind dem Menschen sozusagen immanent, wie wir es gerade wieder erleben. Die jeweils Mächtigen setzen sie rücksichtslos ein, wenn es ihnen erfolgversprechend scheint. So spricht der eine (Steinbrück) vom Einsatz der Kavallerie gegen die Indianer (Schweizer), der andere (Müntefering) meint, früher (wann?) hätte man Soldaten dorthin (in die Schweiz) geschickt. Bei solchen Kraftausdrücken müssen sich die Herren nicht wundern, wenn hierzulande auf solch grobe Klötze ebensolche Keile gesetzt werden. Besonders uns von der sogenannten Aktivdienstgeneration ist dieses Geläut wohlbekannt. Wie war es damals? Benesch wurde nach Berlin zitiert, Schuschnigg auf den Obersalzberg. Anschliessend Marschmusik, Stiefelgedröhn, Einmarsch. Die Analogie und der Rückschluss auf die dreissiger Jahre ist sofort da. Nationalrat Thomas Müller hat mit seinem Vergleich völlig recht und braucht sich in keiner Art und Weise zu entschuldigen.
Alfred Deutschle, Pfäffikon
Grenzenlose Ungerechtigkeit
Nr. 12 – «Tausend böse Mails»; Thomas Meyer über Beschädigungen der deutschen Sprache
Beim Lesen des Essays konnte ich mir ein konstantes Grinsen nicht verkneifen, erinnert mich das Ganze doch an die grenzenlose Ungerechtigkeit, unter der die weibliche Studentenschaft der Uni Bern beinahe zerbrach. Ich spreche von der E-Mail-Adresse: Die Umstellung von Astudent.unibe.ch auf Astudents.unibe.ch verschlang viel Geld aus den Taschen der Studenten und dauerte ein ganzes Jahr. Das war von zentraler Wichtigkeit, damit unterbeschäftigte unipolitisch aktive Studenten und Studentinnen irgendwelcher anthropologischer Studiengänge auch einmal das Gefühl haben durften, etwas vollbracht zu haben. Solange man keine richtigen Probleme dabei tangiert, muss man nicht viel tun, kann aber Lamawollpulli, Palästinensertuch und Holzperlen mit Stolz tragen. Samuel Wittwer, Brügg
Ach ja, die bösen Emanzen. Vor noch nicht allzu langer Zeit wurden Frauen zwar beim Steuernzahlen mitgemeint, wenn von «Schweizern» die Rede war, beim Stimmen aber nicht. Da brauchte es wenig Abenteuersinn, um Willkür zu unterstellen. Umgekehrt wurde, geschlechtsneutral, etwa aus dem altehrwürdigen Konsumentinnenforum das umständliche Konsumentinnen- und Konsumentenforum. Wurde das Partizip Präsens zweckentfremdet, um Lachnummern wie «die Mitgliederinnen und Mitglieder» oder Scheusslichkeiten wie «StudentInnen» auszumerzen? Es ist kaum angebracht, ein Problem gegen weit ärgere Probleme auszuspielen. Doch in der Sache haben Sie recht: Es ist schade um unser Deutsch. Helena Vogler, Kleinbösingen
Das Atmosphärische pflegen
Nr. 12 – «Indianer»; Roger Köppel im «Editorial» über Bundesräte
Roger Köppel meint, man möchte sich eine Direktbegegnung zwischen Hans-Rudolf Merz und seinem sesselfüllenden Antipoden Peer Steinbrück nicht ausmalen. Nach den letzten Ereignissen scheint diese unvermeidlich. Klar ist: Wer etwas von seinem Partner will, der reist zu ihm und nicht umgekehrt, wie es einst Moritz Leuenberger in der Flughafenfrage leichtsinnigerweise getan hat. Die noch bessere Lösung wäre, wie es Köppel als erfolgreiche Taktik aus früheren Zeiten beschreibt, die Vorarbeit an dafür bestens geschulte Diplomaten zu übertragen. Taugen unsere Bundesräte nicht für anspruchsvolle Verhandlungen, sollen sie auch keine führen. Sie sollen das Atmosphärische pflegen – ein Helikopterflug nach Kandersteg ist immer gut – und die auf professioneller Ebene ausgehandelten Verträge unterzeichnen. So bleiben ihre Blössen verdeckt und werden nicht Gegenstand von preussischen Witzen. Gustav Dändliker, Therwil
Ungewollte Präzision
Nr. 12 – «‹Proaktive› Selbstkapitulation»; Peter Keller über Tatkraft in Krisenzeiten
«Proaktiv» bezeichnet die bundesrätliche Geschäftsführung seit Jahrzehnten mit ungewollter Präzision, was sich unsere trendigen Benutzer dieses Wortes mit Sicherheit nicht ausgemalt haben: «pro» bedeutet im klassischen Latein meist «anstelle von».
Reinhart R. Fischer, Nyon
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