Peer Steinbrück, der deutsche Finanzminister, so berichtet der Spiegel, sammelt Nashörner. In seinem Büro in Berlin steht ein Gipsabdruck eines Tiers aus Bronze. Wie viele er bereits besitzt, bleibt offen. Vielleicht schnitzen die Brienzer Holzschnitzer ihm ja bald auch ein prächtiges Exemplar. Gemessen an den heftigen Reaktionen, die der Minister derzeit in der Schweiz auslöst, ist zu erwarten, dass es ein besonders hässliches Tier wird. Selten hat ein deutscher Politiker die schweizerische Öffentlichkeit dermassen irritiert. Bismarck hat uns oft geärgert, sicher auch Kaiser Wilhelm II., immer Hitler. Seither blieb es eher ruhig. Zwar hat Steinbrück die Schweizer bloss indirekt mit Indianern verglichen, die sich vor der Kavallerie fürchten, doch das originelle Bild, das genau jene Anschaulichkeit auszeichnet, die die Schweizer sonst so schätzen, traf. Sofort identifizierten sich die hiesigen Politiker und Journalisten mit der aussterbenden roten Rasse, missmutig trottete man ins Reservat. Woran liegt es, dass die Schweizer dermassen in Rage gerieten?
«Fast hysterisch» sei es, «was da stattfindet», klagte ein entnervter Finanzminister, als er am Montag vom Schweizer Fernsehen in Berlin mit Fragen überfallen wurde. Von «absurden Reaktionen» sprach er und «Missverständnissen», bevor er den Reporter mit seinen Augen zur Seite schob, was verriet, dass selbst Nashorn Steinbrück über eine dünne Haut verfügt. Die Gegenschläge aus der Schweiz waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen.
Preussische Zärtlichkeit
Zu den Ursachen der helvetischen Verstimmung gehört ein altes kulturelles Missverständnis zwischen Schweizern, Süddeutschen und Norddeutschen. Während im Süden des deutschen Sprachraums der herzliche, warme Umgang überwiegt, der nichts mit Zuneigung zu tun hat, sondern mit Konvention, bevorzugen die Preussen im Norden und ihre zugewandten Orte (Steinbrück kommt aus Hamburg) die direkte Ansage und den Charme der Kaserne. Wir alle sind Rekruten.
Friedrich August von Hayek, der grosse Ökonom, war überzeugt, dass dieser Unterschied damit zu tun hat, welche Bedeutung der Marktwirtschaft bzw. dem Staat in einer Region zukommt. In den Niederlanden, Amerika und der Schweiz – Ländern, wo die Bürger das Sagen hatten, nicht Monarchen und ihre Beamten, aber auch in Süddeutschland, wo lange die Handelsstädte vorherrschten, befleissigen sich die Menschen eines zivilen Umgangs, weil der Markt dominiert. Jeder ist ein potenzieller Kunde, jede Begegnung birgt eine mögliche Geschäftsbeziehung. Es lohnt sich, nett zu sein. In Preussen dagegen, früher einer der wirksamsten Staaten des Kontinents, wo die Hierarchie galt, traf der Bürger in der Öffentlichkeit entweder auf einen Vorgesetzten oder einen Untergebenen. Freundlichkeiten auszutauschen, machte keinen Sinn, sondern der bellende Ton oder das prompte «Jawohl».
Eine anregende Theorie, die viel für sich hat, auch wenn gerade Hamburg, die alte Hansestadt, sie nicht zu bestätigen scheint. Steinbrück müsste merkantiler, also kundennäher veranlagt sein. Vielleicht verdankt er seine Schnoddrigkeit der Familie Delbrück, aus der er auch stammt, einer alten preussischen Beamtendynastie. Ein Delbrück leitete das Reichskanzleramt von Bismarck.
Erleichtertes Schimpfen
Zweitens regen sich die Schweizer auf, weil sie sich schon lange genug über ihren schwachen Bundesrat geärgert haben, der das Bankgeheimnis für ein Butterbrot verkauft hatte. Steinbrück ist ein frisches Thema, nachdem Merz, der eigene glücklose Finanzminister, von links bis rechts für unfähig erklärt worden ist. Man schlug den Sack in Berlin und meinte den Esel in Bern. Der gleiche Mechanismus erlaubte es den Schweizern endlich, mit gutem Gewissen über einen Deutschen zu schimpfen. Es war eine Art Befreiung. Politische Korrektheit und Eigennutz hatten sie seit Jahren davon abgehalten, offen über die 240 000 Deutschen im Land herzuziehen. Der Verstand sagt den Schweizern, dass der Zuzug aus dem Norden nur Gutes bringt, der Bauch rebelliert. «Ich bekomme ein Brötchen!» Die vermeintliche Grobheit der Leute aus dem ehemaligen Preussen vertragen die Schweizer schlecht. Es ist auch eine Frage der Zahl.
Schliesslich – und das ist der legitime Kern der Abwehr – steht Steinbrück für eine Tradition, die die Schweizer seit je verabscheuten. Fast wie eine Karikatur verkörpert er den autoritären Steuerstaat, der den Bürger plagt. Gegen die Obrigkeit, gegen den Adel und die Fürsten, die ungefragt Steuern erheben wollten, schlossen sich die Schweizer einst zusammen. Im Schwabenkrieg (1499) trennte sich die Eidgenossenschaft faktisch vom Deutschen Reich, nicht aus kulturellen Gründen, sondern aus politischen. Die Schweizer standen für die Freiheit der Bürger, ihre Steuern selbst festzusetzen und abzuliefern. Im Süddeutschen lautete der Schlachtruf der Bauern, die sich gegen ihre Fürsten wandten: «Wir wollen Schweizer werden!» Und die schlimmsten Schilderungen über die Eidgenossen stammen von deutschen Adligen, die sich über die ungehorsamen Kuhschweizer entrüsten. Auch sie drohten mit der Peitsche. Steinbrücks sind uns in der Schweiz seit gut 500 Jahren bestens vertraut.

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