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25.03.2009, Ausgabe 13/09

Essay

Willkür als Maxime

Der Kampf gegen staatliche Willkür ist die Raison d’être eines Rechtsstaates. Im Fall der Immunität von Lucrezia Meier-Schatz, Jean-Paul Glasson und Toni Brunner hat die Ungleichbehandlung der eidgenössischen Räte System.

Von Claudio Zanetti

«Besser lässt sich kaum darstellen, was staatliche Willkür ist»: Jurist Zanetti.

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In Bern gibt es für alles eine Lobby, nur nicht für Rechtsgleichheit und Gerechtigkeit, wie sich in der zurückliegenden Frühlingssession einmal mehr zeigte. Die Räte waren aufgerufen, über die Aufhebung der Immunität von drei Ratsmitgliedern zu befinden: Nationalrätin Lucrezia Meier-Schatz (CVP), alt Nationalrat Jean-Paul Glasson (FDP) und Nationalrat Toni Brunner (SVP). In allen drei Fällen ging es um Ereignisse im Zusammenhang mit der Arbeit einer Subkommission der natio-nalrätlichen Geschäftsprüfungskommission. Diese hatte die Aufgabe, einem fragwürdigen Einsatz eines Drogenhändlers als V-Mann durch die Bundesanwaltschaft nachzugehen und die Umstände des Rücktritts des dafür verantwortlichen Bundesanwalts abzuklären.

Die drei Fälle wurden höchst ungleich behandelt. Nur für Meier-Schatz und Glasson, denen der Staatsanwalt Amtsgeheimnisverletzung, einen Nötigungsversuch sowie die Bildung einer rechtswidrigen Vereinigung zur Last legte, beantragte er die Aufhebung ihrer Immunität. Aufgehoben wurde sie allerdings nur für Toni Brunner, der gar nicht belangt werden sollte.

Die Aufgabe, die Aufhebung von Toni Brunners Immunität zu beantragen, übernahm pflichtbewusst die Rechtskommission des Nationalrats. Sie habe zu diesem Zweck eine Güterabwägung vorgenommen, lässt sie uns wissen: Auf der einen Seite sei es darum gegangen, «das (öffentliche) Interesse an der Ahndung allfälliger Straftaten» zu berücksichtigen. Auf der anderen Seite dürfe das (öffentliche) Interesse an einem «reibungslosen Ratsbetrieb, nicht durch missbräuchliche oder auf haltlosen Anschuldigungen beruhende Strafverfahren beeinträchtigt» werden.

In den Fällen «Meier-Schatz» und «Glasson» verzichtete die Kommission und danach das Plenum darauf, eine solche Güterabwägung vorzunehmen. Für sie öffnete man einen Notausstieg: Zwar sei der «Zusammenhang mit der amtlichen Stellung oder Tätigkeit» eindeutig gegeben, doch gebe es «keinen Grund zur Annahme, dass die beiden Ratsmitglieder an dieser Medienkonferenz vorsätzlich eine Straftat begangen haben». Dies selbst dann, «wenn die eine oder andere Aussage im Nachhinein als unvorsichtig oder ungenau» erscheine. Diese Milde in der Beurteilung wurde Toni Brunner nicht zuteil. Es wurde eindeutig mit verschiedenen Ellen gemessen. Im Communiqué der Rechtskommission findet sich nicht einmal ein Hinweis darauf, dass es Bürgerpflicht ist, die Regierung von einer Verschwörung in Kenntnis zu setzen.

«Stimmengewirr» gemäss Protokoll

Diese Ungleichbehandlung ist ausschliesslich politisch zu erklären. Und das Recht politisch anzuwenden, heisst, es willkürlich anzuwenden. Dabei würde alleine schon die Tragweite der Vorwürfe gegen Meier-Schatz und Glasson zu einer seriöseren Untersuchung und Beurteilung zwingen. Es geht nämlich nicht nur darum, was die beiden in jener berühmten Medienkonferenz der GPK an Verdächtigungen und Insinuierungen – wissentlich und willentlich – in die Welt setzten. Es geht um die Gesamtheit der Machenschaften, die zum Sturz von Bundesrat Christoph Blocher in die Wege geleitet worden waren. Doch das ist offensichtlich unerwünscht.

Besser lässt sich kaum darstellen, was staatliche Willkür ist, und in konsequenter Weiterentwicklung seiner eigenen Rechtsprechung müsste das Bundesgericht auch Akte der Bundesversammlung auf Willkür überprüfen. In der Vergangenheit machte es sich unser oberstes Gericht in dieser Beziehung allerdings sehr einfach: So weigerte es sich beispielsweise, auf eine Stimmrechtsbeschwerde einzutreten, in der die Amtsführung von Nationalratspräsident Yves Christen (FDP) gerügt wurde. In der Absicht, die SVP zu demütigen und ihr einen ihr zustehenden Sitz am Bundesgericht zu verwehren, führte er zwei Wahlgänge durch statt einen, wie es das Ratsreglement vorschreibt. Sein Kalkül ging auf. Gewählt wurden die Kandidaten von FDP und CVP. Der freiwillige Parteienproporz wurde missachtet, die Untervertretung der SVP sogar noch verstärkt. Kritik an diesem Vorgehen wies er mit den Worten zurück, es stehe dem Parlament frei, das eigene Reglement nach Belieben zu interpretieren. Daraufhin herrschte gemäss Protokoll «Stimmengewirr».

Das Bundesgericht wollte nichts davon wissen, diesen Fall auf Willkür zu überprüfen. Wie bereits «ein kurzer Blick ins Gesetz zweifelsfrei» ergebe, führte es aus, stehe gegen Entscheide der eidgenössischen Räte gar kein Rechtsmittel zur Verfügung. Stimmt. Doch ein kurzer Blick ins Gesetz ergibt ebenso zweifelsfrei, dass es auch kein Beschwerderecht bezüglich Einbürgerungsentscheide der Stimmbürger gibt. Und ein Blick in die bundesgerichtliche Rechtsprechung ergibt schliesslich zweifelsfrei, dass die hohen Richter zu Lausanne genau ein solches Recht konstruiert haben, indem sie den Schutz vor staatlicher Willkür zum absoluten Grundrecht erhoben – und sich selbst zu den Kontrolleuren der Demokratie.

Wenn es dem Bundesgericht wirklich ernst wäre damit, unseren Staat und seine Bürger vor willkürlicher Rechtsanwendung zu schützen, müsste es auch Klagen gegen Willkürakte der Bundesversammlung zulassen. Warum soll ein Parlament davor geschützt sein, wenn dies sogar bei Entscheiden des Stimmvolkes, das wir hierzulande noch immer als Souverän bezeichnen, möglich ist?

 

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 13/09
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Kommentare

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markb     30.03.09 18:07

Ernstzunehmende Kandiaten (natürlich männlich...) wären dann Vollidioten wie Tuena oder Liebi... I'm laughing my ass off!

Interessant dass Zürich seit Jahren immer auf dem ersten Platz landet in der globalen Liste der Städte mit der höchsten Lebensqualität! Und Zürich wird seit Jahrzehnten von einer rot-grünen Mehrheit regiert! Mit einer hypothetischen SVP Mehrheit in der Stadt Zürich wäre Zürich in der Rangliste längst abgestürzt! Warum, das kann sich jede(r) Denkende selber an den Fingern abzählen.


http://www.citymayors.com/features/quality_survey.html

mediabuehler     30.03.09 10:08

Die Stadt-Präsidentenwahl ist vorüber - eine SP-Frau mit zumindest fragwürdigen Qualifikationen hat die Wahl gewonnen, weil die FDP-Frau mit ihrer Wischiwaschi-Partei von vorneherein keine Chance hatte. Die SP ist nunmal die grössere Partei mit mehr Gewicht und das ist gut so. Bei der SP wissen die Bürgerlichen aller Parteien wenigstens woran sie sind, bei der FDF ist die Politik wie Kaffeesatzlesen - heute so und morgen anders.

Schade, dass die wichtigste Stadt der Schweiz keine ernstzunehmende Stadtpräsidenten-Kandidaten hervorbirngen konnte. Ein ganz schlechtes Zeichen.

Zara Zarathustra     30.03.09 10:03

Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen:

"Eines ist sicher: die Polarisierung geht voran und damit verschwindet ein Stück Schweiz, nämlich leben und leben lassen. Blocher in seinem TV sagt es richtig was abläuft."

Unsere Jahrhunderthetzer beklagen die Polarisierung ? Wirlich lustig.

werni425     30.03.09 08:56

chateau,
Gut geschrieben, aber wird nicht ankommen bei den Adressaten, weil Positions von SVP.
SVP von haus aus schlecht, bis die Deppen merken, dass deren Stimmvolk davonläuft.

Siehe Zürich mit SVP- FDP Gerangel.

Eines ist sicher: die Polarisierung geht voran und damit verschwindet ein Stück Schweiz, nämlich leben und leben lassen. Blocher in seinem TV sagt es richtig was abläuft. Und den Fehler suchen sie immer bei den andern. Das bestätigt auch, dass der Fehler bei ihnen liegt.

Wir lesen es hier im Forum.

Werni

chateau     29.03.09 14:09

Die SVP ist die einzige Partei, die mit klaren Worten und mit offenem Visier kämpft. Sie tut genau das was sie ankündigt. Sie hat keine Angst Stimmen einzubüssen, wenn sie heisse Themen an den Tag bringt und auch die entsprechenden Kraftausdrücke bzw. klaren Worte dazu braucht. Was stimmt denn z.B. nicht am Ausdruck SCheininvalide? Das war doch der Volltreffer, nachdem jetzt die Neurenten um 40% sinken! Bei den Altrenten ist immer noch Betrug im Gang.
Oder der Asylbetrug: Der kostet uns 2 Milliarden pro Jahr. Sie lügen, sie werfen ihre Papiere weg und lügen erst recht, sie verhalten sich weitgehend rechtswidrig, sie gehören meinetwegen nach England, Frankreich oder in sonstige, indirekt dafür verantwortliche Kolonialländer und Verbrecherstaaten wie Russland.
Geht doch einmal

Miggu,dasKnechtli     29.03.09 12:52

@markb

>> "Und so dumm ist nicht sehen zu wollen, dass Blocher nie etwas für das profane Volk gemacht hat sondern vor allem an der Optimierung für Superrreiche gearbeitet hat. Mit dem erschlichenen Volksentscheid über die Nichtbesteuerung von Dividendenwerten spart der Blocher Clan jährlich rund 20 Millionen CHF! Was hat das Volk davon? Blocher hat höchstens mehr Geld in seiner politischen Kriegskasse . . . "

Richtig, und auf den nichtbesteuerten Dividenden werden bekanntlich auch keine Sozialabgaben verrechnet. Würde der Firmengewinn als Lohn an die Angestellten ausbezahlt, kriegte die AHV auch etwas davon. Und genau die Rentner sind die treuesten Schafe Blochers. Dümmer geht nimmer!

Saluti
k

markb     28.03.09 00:13

Da steht es schwarz auf weiss! Auch für die Dumpfbacken, die es immer noch nicht wahrhaben wollen!


http://www.nzz.ch/nachrichten/schweiz/gpk-untersuchung_brunner_gesteht_kontakte_zum_departement_blocher_1.766049.html


Hätte ein Parlamentarier einer anderen Partei gleiches zugegeben, würden die SVP Schreihälse seit Monaten den Kopf desjenigen fordern und natürlich subito den Plenarsaal verlassen, würde die Mehrheit gegen eine Aufhebung desjenigen stimmen! So verlogen und heuchlerisch sind die!

Zara Zarathustra     27.03.09 23:16

Dem Völkischen Beobachter scheint es angesichts des Leserschwunds an Zaster zu mangeln, um Journalisten zu beschäftigen. Welcher aufrechte Journalist würde sich auch hergeben für diesen Wahnsinn, der hier mittlerweile abläuft. Die Tintenkleckser werden jetzt direkt aus dem Politbüro lanciert.

werni425     27.03.09 21:52

markb,
Der Staat hat Geheimnisse vor sich selbst. Da liegt der Hund begraben. Hätte Blocher ein Verbrechen begangen, würde ich Ihre Aussage verstehen. Aber was Sie schreiben wegen Brunner's Schuld, riecht an Geimbündlerei.

Glauben Sie Ihre Kacke selbst. Aber sie wird dadurch nicht wahr.

Und wer schreibt soll nur das schreiben was er glaubt. sonst ist er ein Lügner. Das würden Sie dem chateau dann sagen, wenn er seine Schreibe nicht glauben würde. Kapiert? Eher nicht.
Werni

markb     27.03.09 19:48

@ Windrider

Mit Dumpfbacken debattieren ist soo sinnlos, da sie nie fähig wären einem Andersdenken zuzugestehen dass er recht hat! Darum sind sie Dumpfbacken, die an ihren Lügengebäuden festhalten und sich noch die Frechheit herausnehmen, den Überbringer der Wahrheit zu beleidigen!

Genau so wie ich die Dinge geschildert habe ist es! Wenn man so dumm ist, den Interessenkonflikt eines Milliardärs, der zugleich Justizminister ist, nicht zu sehen, dann ist man wirklich bekloppt. Und so dumm ist nicht sehen zu wollen, dass Blocher nie etwas für das profane Volk gemacht hat sondern vor allem an der Optimierung für Superrreiche gearbeitet hat. Mit dem erschlichenen Volksentscheid über die Nichtbesteuerung von Dividendenwerten spart der Blocher Clan jährlich rund 2

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