Den Pinsel führen wie zum ersten Mal. Das Licht begreifen und die Farben, das Bukett der Erde und das Odeur der Pflanzen. Einen Garten ersinnen, wie keiner ihn je gemalt hat: Beete und Rabatten in Aufruhr versetzt von der südlichen Sonne. Und er, der Künstler, als Seismograf der erschütterten Natur.
Arles 1866, Vincent van Gogh hat Paris hinter sich gelassen. Dort verbot man ihm, auf den Strassen zu malen; dort lähmten ihn die Querelen zwischen den Künstlern. Im Süden Frankreichs scheint alles heller. Und, in Ermangelung von Modellen, beginnt er sich für die Landschaft zu interessieren, für Obstgärten, die Kornernte. Alles scheint jetzt auf einen Strich leichter. Scheint. Denn schon bald wird es wieder dunkel um van Gogh, und sein Traum, in Arles ein «Atelier des Südens» zu gründen mit seinen Künstlerfreunden, endet im eigenen Blut. Als Folge eines Streits mit Gauguin – der Einzige, der ihm nach Arles gefolgt war, womöglich lediglich dank der heimlichen Bezahlung durch van Goghs Bruder Theo – schneidet er sich einen Teil seines linken Ohrs ab. Alles Weitere ist Legende.
Was kann man lernen aus der Vita dieses Erregten – der stets auch ein Erreger war in seiner Exaltation? Was hat uns das Rätsel van Gogh beigebracht für das Verständnis der Künstlergenies? Für die Bedeutung eines ver-rückten Blickes auf die Gegenwart? Und auch für das Verständnis des Kunstmarktes selbst?
Die opulente Ausstellung seiner Landschaftsbilder, die Ende April im Basler Kunstmuseum gezeigt werden, wird darauf Antworten bereithalten müssen. Und man wird sie mit Argusaugen prüfen, um sicherzustellen, dass sie nicht allzu beschönigend ausfallen.
Denn eines ist klar: Weilte dieser van Gogh heute unter uns, er wäre längst weggesperrt und seine Kunst bestenfalls ein Illustrationsbeispiel in einem Lehrbuch der Psychiatrie. Van Goghs Farbklänge und Pinselrhythmen waren zu seiner Zeit ein Affront für jede Akademie.
Seine Kunst war anstössig wie sein Leben, und sein Versuch, sich in die Gesellschaft einzuordnen, bereits in jungen Jahren gescheitert.
Van Gogh war der erfolgreichste Versager in der Kunstwelt des 19. Jahrhunderts. Vier Bilder, höchstens, hat er zu Lebzeiten verkauft. Dies Wissen im Bewusstsein, steigt in diesem Garten aus jedem Blütenkelch auch die bittere Bitte um Gehör.

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