Essay

Tausend böse Mails

Im Glauben, ihrer Sache zu dienen, beschädigen Feministinnen die deutsche Sprache. Man lässt sie gewähren. Nicht weil man ihnen recht gibt, sondern weil man seine Ruhe haben will.

Von Thomas Meyer

«Wir benützen diese Form, auch wenn Sie nicht korrekt ist»: Werber Meyer.

Sitzen in einem Hörsaal 99 Studentinnen und ein Student, so spricht man von 100 Studenten. Diese Regelung kommt beispielsweise auch im Italienischen vor: Stösst ein ragazzo zu neun ragazze, dann stehen da nachher zehn ragazzi. Wie jede sprachliche Regelung sorgt auch diese für Ordnung und Einfachheit, und es braucht viel Abenteuersinn, einer sprachlichen Regelung etwas anderes zu unterstellen.

Nun besitzen jedoch die meisten Frauen mehr als genug solche Energie und verkünden mit grossem Eifer, diese Regel sei frauenverachtend und Zeugnis fortwährender Unterdrückung, denn wer «Studenten» schreibe, der meine die Studentinnen nicht mit! Das ist allerdings fragwürdig argumentiert, denn erstens gibt es keinen Grund, offensichtlich anwesende Frauen nicht «mitzumeinen» (es ist sogar logisch völlig unmöglich), und zweitens benennt «Student» kein Geschlecht, sondern eine Funktion.

Komplett falsches Deutsch

Trotzdem bestehen die Frauen darauf, überall ausdrücklich erwähnt zu werden, und zernörgeln die Sprache mit Wortmonstern wie «StudentInnen» und kommen sich fortschrittlich vor, wenn sie «frau» statt «man» schreiben. Diese Schöpfungen konnten sich zum Glück nie durchsetzen. Anders verhält es sich leider mit dem Missbrauch des Partizips Präsens, der immer schamloser betrieben wird: Statt «Studenten» heisst es seit einiger Zeit «Studierende», und die meisten Firmen sind schon dazu übergegangen, ihre Mitarbeiter als «Mitarbeitende» und ihre Lehrlinge als «Lernende» zu bezeichnen.

Natürlich ist das komplett falsches Deutsch, denn das Partizip Präsens drückt, wie es sein Name bereits sagt, eine momentane und abschliessende Tätigkeit aus. Genau darum heisst es ja auch: Die Polizei stellte den Flüchtenden. Und eine Gebärende ist eben keine Gebärerin, denn aus einer solchen würden pausenlos Babys herausploppen. Ein Studierender ist demnach einer, der einen Prospekt studiert oder einfach so vor sich hin – dafür muss man aber nicht an einer Universität immatrikuliert sein. Ein Mitarbeitender indes ist einer, der gerade an einer Sache mitwirkt, was ihn aber noch lange nicht zu einem Angestellten macht. Kurz: Ein Studierender ist schlichtweg kein Student.

Wie kommt man also dazu, einer Zeitform eine völlig sachfremde Zweitfunktion anzuheften? Ganz einfach: weil man es leid ist, dauernd von gehässigen Weibern belästigt zu werden. Ein Grafiker, der im Auftrag der Stadtpolizei Zürich einen Informationsflyer gestaltet hatte, welcher sich «an die Velofahrenden» richtete, erklärte auf Anfrage: «Ich muss es so schreiben, sonst bekomme ich nachher wieder tausend böse Mails» – er kannte das offenbar bereits. Auch der Tages-Anzeiger, der konsequent von «Mitarbeitenden» schreibt, teilt mit: «Bis zu einer definitiven Regelung benützen wir diese Form, auch wenn sie nicht korrekt ist.» Und so etwas muss man sich von einer Zeitung sagen lassen!

Es handelt sich also gleichsam um eine Kapitulation, ähnlich wie damals bei den Mohammed-Karikaturen, die man lieber nicht nachdrucken wollte – schliesslich könnten die Fanatiker ja wieder ausflippen. In derselben Rückgratlosigkeit opfern wir bereitwillig unsere Sprache, bloss damit die Emanzen endlich wieder Ruhe geben. Es ist wohl mit weiterem Raubbau zu rechnen: Grossartige Berufe wie der Schriftsteller und der Rennfahrer drohen auszusterben; es wird dafür Schriftstellende und Rennfahrende geben, als wären das banale Feierabendhobbys. Die Leserbriefseite wird zur Lesendenbriefseite, Fussgänger werden künftig in der Fussgehendenzone anzutreffen sein, und der Steuerzahler wird dem Steuerzahlenden weichen müssen sowie der Lehrer dem Lehrenden.

Idiotische Methoden

Nun, werte Damen, seien Sie versichert: Wenn irgendwo von «Studenten» gesprochen wird, steht hinter dieser Formulierung nicht die finstere Absicht, allfällige Studentinnen zu ignorieren. Natürlich ist es ein Relikt des Patriarchats, wenn ein einziger Student 99 Studentinnen zu 100 Studenten macht – einverstanden. Aber es ist ein vernachlässigbares und harmloses Relikt. Und, ganz ehrlich: Eine wirklich emanzipierte Frau befasst sich nicht mit solchen Petitessen. Sie sieht im Lehrer nicht den Mann, sondern den Beruf.

Was ist das also für ein Selbstverständnis, das satt zurücklehnt, weil man von «Mitarbeitenden» spricht statt von «Mitarbeitern»? Zumal die Mitarbeiterinnen nach wie vor weniger Lohn erhalten als ihre männlichen Kollegen, welche immer noch die Mehrheit der Kaderpositionen bekleiden? Und warum kämpfen Sie nicht gegen weitaus ärgere Probleme wie Zwangsprostitution und Mädchenbeschneidung?

Man muss davon ausgehen, dass der hiesige Feminismus gescheitert ist, wenn die Schweizerinnen die wahren Ungerechtigkeiten hinnehmen und Gleichheit einzig in der Sprache durchsetzen – mit idiotischen Methoden und fragwürdigen Ergebnissen. In Deutschland und Österreich kennt man die Perversion des Partizips Präsens nämlich nicht. Und in Schweden ist die Hälfte der Posten in Politik und Wirtschaft von Frauen besetzt. Während anderswo Frauen verschleppt, gesteinigt und beschnitten werden.

Aber das stört Sie ja alles nicht, solange man von «Wirtschaftsführenden», «Zuhaltenden» und «Mädchenbeschneidenden» spricht und damit die Frauen mitmeint, nicht wahr?

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