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18.03.2009, Ausgabe 12/09

Essay

Tausend böse Mails

Im Glauben, ihrer Sache zu dienen, beschädigen Feministinnen die deutsche Sprache. Man lässt sie gewähren. Nicht weil man ihnen recht gibt, sondern weil man seine Ruhe haben will.

Von Thomas Meyer

«Wir benützen diese Form, auch wenn Sie nicht korrekt ist»: Werber Meyer.

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Sitzen in einem Hörsaal 99 Studentinnen und ein Student, so spricht man von 100 Studenten. Diese Regelung kommt beispielsweise auch im Italienischen vor: Stösst ein ragazzo zu neun ragazze, dann stehen da nachher zehn ragazzi. Wie jede sprachliche Regelung sorgt auch diese für Ordnung und Einfachheit, und es braucht viel Abenteuersinn, einer sprachlichen Regelung etwas anderes zu unterstellen.

Nun besitzen jedoch die meisten Frauen mehr als genug solche Energie und verkünden mit grossem Eifer, diese Regel sei frauenverachtend und Zeugnis fortwährender Unterdrückung, denn wer «Studenten» schreibe, der meine die Studentinnen nicht mit! Das ist allerdings fragwürdig argumentiert, denn erstens gibt es keinen Grund, offensichtlich anwesende Frauen nicht «mitzumeinen» (es ist sogar logisch völlig unmöglich), und zweitens benennt «Student» kein Geschlecht, sondern eine Funktion.

Komplett falsches Deutsch

Trotzdem bestehen die Frauen darauf, überall ausdrücklich erwähnt zu werden, und zernörgeln die Sprache mit Wortmonstern wie «StudentInnen» und kommen sich fortschrittlich vor, wenn sie «frau» statt «man» schreiben. Diese Schöpfungen konnten sich zum Glück nie durchsetzen. Anders verhält es sich leider mit dem Missbrauch des Partizips Präsens, der immer schamloser betrieben wird: Statt «Studenten» heisst es seit einiger Zeit «Studierende», und die meisten Firmen sind schon dazu übergegangen, ihre Mitarbeiter als «Mitarbeitende» und ihre Lehrlinge als «Lernende» zu bezeichnen.

Natürlich ist das komplett falsches Deutsch, denn das Partizip Präsens drückt, wie es sein Name bereits sagt, eine momentane und abschliessende Tätigkeit aus. Genau darum heisst es ja auch: Die Polizei stellte den Flüchtenden. Und eine Gebärende ist eben keine Gebärerin, denn aus einer solchen würden pausenlos Babys herausploppen. Ein Studierender ist demnach einer, der einen Prospekt studiert oder einfach so vor sich hin – dafür muss man aber nicht an einer Universität immatrikuliert sein. Ein Mitarbeitender indes ist einer, der gerade an einer Sache mitwirkt, was ihn aber noch lange nicht zu einem Angestellten macht. Kurz: Ein Studierender ist schlichtweg kein Student.

Wie kommt man also dazu, einer Zeitform eine völlig sachfremde Zweitfunktion anzuheften? Ganz einfach: weil man es leid ist, dauernd von gehässigen Weibern belästigt zu werden. Ein Grafiker, der im Auftrag der Stadtpolizei Zürich einen Informationsflyer gestaltet hatte, welcher sich «an die Velofahrenden» richtete, erklärte auf Anfrage: «Ich muss es so schreiben, sonst bekomme ich nachher wieder tausend böse Mails» – er kannte das offenbar bereits. Auch der Tages-Anzeiger, der konsequent von «Mitarbeitenden» schreibt, teilt mit: «Bis zu einer definitiven Regelung benützen wir diese Form, auch wenn sie nicht korrekt ist.» Und so etwas muss man sich von einer Zeitung sagen lassen!

Es handelt sich also gleichsam um eine Kapitulation, ähnlich wie damals bei den Mohammed-Karikaturen, die man lieber nicht nachdrucken wollte – schliesslich könnten die Fanatiker ja wieder ausflippen. In derselben Rückgratlosigkeit opfern wir bereitwillig unsere Sprache, bloss damit die Emanzen endlich wieder Ruhe geben. Es ist wohl mit weiterem Raubbau zu rechnen: Grossartige Berufe wie der Schriftsteller und der Rennfahrer drohen auszusterben; es wird dafür Schriftstellende und Rennfahrende geben, als wären das banale Feierabendhobbys. Die Leserbriefseite wird zur Lesendenbriefseite, Fussgänger werden künftig in der Fussgehendenzone anzutreffen sein, und der Steuerzahler wird dem Steuerzahlenden weichen müssen sowie der Lehrer dem Lehrenden.

Idiotische Methoden

Nun, werte Damen, seien Sie versichert: Wenn irgendwo von «Studenten» gesprochen wird, steht hinter dieser Formulierung nicht die finstere Absicht, allfällige Studentinnen zu ignorieren. Natürlich ist es ein Relikt des Patriarchats, wenn ein einziger Student 99 Studentinnen zu 100 Studenten macht – einverstanden. Aber es ist ein vernachlässigbares und harmloses Relikt. Und, ganz ehrlich: Eine wirklich emanzipierte Frau befasst sich nicht mit solchen Petitessen. Sie sieht im Lehrer nicht den Mann, sondern den Beruf.

Was ist das also für ein Selbstverständnis, das satt zurücklehnt, weil man von «Mitarbeitenden» spricht statt von «Mitarbeitern»? Zumal die Mitarbeiterinnen nach wie vor weniger Lohn erhalten als ihre männlichen Kollegen, welche immer noch die Mehrheit der Kaderpositionen bekleiden? Und warum kämpfen Sie nicht gegen weitaus ärgere Probleme wie Zwangsprostitution und Mädchenbeschneidung?

Man muss davon ausgehen, dass der hiesige Feminismus gescheitert ist, wenn die Schweizerinnen die wahren Ungerechtigkeiten hinnehmen und Gleichheit einzig in der Sprache durchsetzen – mit idiotischen Methoden und fragwürdigen Ergebnissen. In Deutschland und Österreich kennt man die Perversion des Partizips Präsens nämlich nicht. Und in Schweden ist die Hälfte der Posten in Politik und Wirtschaft von Frauen besetzt. Während anderswo Frauen verschleppt, gesteinigt und beschnitten werden.

Aber das stört Sie ja alles nicht, solange man von «Wirtschaftsführenden», «Zuhaltenden» und «Mädchenbeschneidenden» spricht und damit die Frauen mitmeint, nicht wahr?

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 12/09
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Kommentare

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lixi     28.03.09 12:45    

Als Mitglied (und MannmitGlied) dieser ehrenwerten Gesellschaft von Weiblein und Männlein - und ausgestattet mit einer guten Portion Selbstbewusstsein - ist es mir egal, wenn ab sofort nur noch die weiblichen Sprachformen verwendet werden. Oder dürfen die beiden Ausdrücke 'weiblich' und 'Formen' eventuell nicht mehr so nahe beisammen geschrieben werden?
Genau so, wie die Eva aus Adams Rippe stammt, stammen ja Nomen wie Fussballer, Politiker, Räuber, Autofahrer, Lehrer, Geniesser, Raser aus den Nomen Fussballerin, Politikerin, Räuberin, Autofahrerin, Lehrerin, Geniesserin, Raserin usw.
Hey Männer, lasst uns auf unsere Frauen mit einem Champagner – sorry, einer Champagnerin - anstossen!

saupreiss     26.03.09 17:34    

Ich nochmal...
@PET77
Den absoluten Vogel, den Sie am Schluß Ihres Beitrages abgelassen haben, habe ich erst jetzt so richtig bemerkt - wollen Sie tatsächlich aus sexuellen Bedürfnissen Ansprüche ableiten? So in Richtung von "Recht auf Ehevollzug"? Was für ein Problem haben sie mit Selbstbefriedigung? Wollen Sie tatsächlich aus der sexuellen Ausbeutung von Männern an Frauen (Prostitution, Mädchenhandel, hallo?) eine Art sexueller Notwehr konstruieren? Mannmannmann.

saupreiss     26.03.09 17:24    

und welche aus denen von Eingebürgerten. Aus diesen Zahlen jedoch ein "katastrophales Aussterben" zu konstruieren, bedarf einer eindrücklichen Phantasie.

saupreiss     26.03.09 17:23    

@PET77
Ihre Argumentation läßt zu wünschen übrig. Was ist "urdeutsch" an "doof", woher wissen Sie, was Sie "überlesen" haben, und wie kommen Sie von dort zu einer Aussage, ich würde dieses oder jenes nicht zu würdigen wissen? Nun denn, lassen wir das, es steht Lebenserfahrung gegen Lebenserfahrung. Gehen wir einfach mal davon aus, daß die Leute in meinem Umfeld einfach mehr Glück im Leben gehabt haben.
Da Sie ja so gern dazulernen, will ich Ihnen helfen - den Handkuß können Sie sich aber für jemand anders aufheben.
Vom Bundesamt für Statistik (http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/01.html)
Schw

PET77     25.03.09 18:09    

Thomas Meyer: Ich habe sechs Jahre zu sechs Wochenstunden Latein gehabt.

Du kannst jemand anders bluffen.

Was soll hier der "Partizip Präsens" ? Bist nicht ganz momentan ? *lache*

Das Leben ist zum Lachen da, denn zu ernst darf man es nicht nehmen, dann käme man unter die Räder.

PET77     25.03.09 18:00    

saupreis: Ihren doofen (urdeutscher Ausdruck) Angriff habe ich überlesen. Sie wissen und würdigen deswegen nicht, dass ich jahrzehntelange Industriepraxis und mit vielen Mitarbeitern einiges erlebt habe - viel zuviel von seelisch und finanziell zugrunde Gerichteten. Aber ich will nicht gescheiter als der Papst sein. Meine Schwäche ist, dass ich gerne dazu lerne - auch von Ihnen. Vielleicht wissen Sie etwas, das ich noch nicht weiss ? Ich bereite schon einen dankbaren Handkuss vor.

Bitte begründen Sie, warum Ihrer Meinung nach die eingeborenen Schweizer katastrophal schnell aussterben. Warum deswegen immer mehr Ausländer ins Land kommen müssen. Warum die Feministinnen den Männern die Kinder völlig verleidet haben: Alles bezahlen, Vermögen gepfändet oder bis auf das Existenzm

saupreiss     25.03.09 14:58    

@PET77
Wenn das Ihre Meinung ist, dann bin ich sehr froh, daß Sie keine Kinder in die Welt setzen. Allerdings war Ihre Schlußfolgerung, die Schweizer würden wegen des feministischen Familierechts aussterben, zumindest für ein Schmunzeln gut.

@Thomas Meyer
Als Hüter der deutschen Sprache machen Sie nicht gerade eine glückliche Figur. Was regen Sie sich eigentlich so auf? Gibt es nichts Wichtigeres zu tun (Ihr Rat an alle "Emanzen")? Außerdem sollten Sie nächstes Mal besser recherchieren. In Deutschland ist der von Ihnen so geschmähte Partizip Präsens sehr wohl häufig in Gebrauch.

PET77     24.03.09 18:43    

Das schweizer Familienrecht ist wegen der Feministinnen gegenüber Männern eine Katastrophe seitens eines Staates, der zunehmend "auf Hausfrauenart" geführt wird.

Ich bin Single, denn von mir bekommt dieser Staat keine Kinder. Mehrere Beziehungen sind deswegen kaputt gegangen, denn junge Frauen wollen Kinder, nicht mehr berufstätig und Hausfrau sein. Weil es kein Verschuldensprinzip gibt, kann eine Frau jederzeit ihren Mann samt Kinder verlassen. Er kann dann nur noch völlig rechtlos ein Vermögen monatlich abstottern, nicht einmal das Besuchsrecht funktioniert, wie ich an einem Bekannten erlebt habe. Vor zwei Jahren hat sich ein junger Mann aus fernerem Bekanntenkreis die Pulsadern aufgeschnitten und musste in eine psychiatrische Klinik eingeliefert werden: Frau weg

Miggu,dasKnechtli     24.03.09 17:38    

Da beschäftigt sich mal ein Werber bloss mit Sprache an sich und denkt dabei für einmal nicht primär ans Geldverdienen mit Sprache, und schon bekunden Forumindianer/innen Mühe. Weil sie einen Autor nicht sogleich schubladisieren können.
@gutemine
Daniele M. ist präsent in dieser Ausgabe. Schreib doch einmal etwas zu einem ihrer Auftakte.

autonomous     24.03.09 15:46    

gargamel

„Ein werber gebärdet sich als hüter der deutschen sprache... da lachen ja die hühner“

Ein Werber muss doch die deutsche Sprache nicht beherrschen. Wieso soll so einer virtuos mit der eigenen Sprache umgehen können? Wo uns doch die besten Werber mit so wundervollen und geistreichen Produkten beglücken wie

• „Rhäzunser isch gsünser“ oder noch viel besser
• „Ich bin doch nicht blöd..“


Reine Verschwendung des Talents! Oder doch nicht?

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feminismus sprache

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