Selten war der Zeitpunkt für einen Filmstart schlechter: «Confessions of a Shopaholic», basierend auf dem Roman von Sophie Kinsella, lief eben weltweit in den Kinos an. In den Büchern der Engländerin, allesamt Bestseller, geht es vor allem ums Einkaufen. Darum, dass shoppen glücklich macht. Dass Frauen shoppen, wenn sie Liebeskummer haben. Wenn sie sich selbst zu einem Erfolg gratulieren. Wenn sie zu- oder abgenommen haben. Der Film ist ein einziger Kaufrausch, bis die Kreditkarten glühen. Aber niemand lässt sich anstecken.
Im Gegenteil: Es scheint zurzeit unpassend wie nie, beinahe unanständig, sich in rauschenden Roben zu zeigen. High-End-Modehäuser versuchen angestrengt, aus der Krise eine Tugend namens Bescheidenheit zu stricken und auf den Laufstegen Diskretes zu zeigen. Die Wahrheit ist, dass sich die Katastrophenmeldungen aus der Branche mehren.
Zwar hat Roberto Cavalli vor zwei Wochen in Paris trotzig-pompös mit viel Prominenz seinen neuen Flagship-Store an der Rue Saint-Honoré eröffnet. Die Show seiner Zweitlinie Just Cavalli im Rahmen der Mailänder Modewoche musste er jedoch zwei Tage vor dem geplanten Termin absagen. Die Zulieferfirma, die unter Lizenz für Just Cavalli produziert, gehört zur italienischen Luxusgruppe IT Holding, die Mitte Februar unter Insolvenzverwaltung gestellt wurde. Direkt betroffen davon ist auch das renommierte Label Gianfranco Ferré, das zu IT Holding gehört und wegen der Lage des Mutterhauses Gläubigerschutz beantragen musste. Weitere klangvolle Namen des modischen «Made in Italy» zittern vor einem ähnlichen Schicksal: Malo, Versace Sport, Versace Jeans Couture und John Galliano sind ebenfalls im Besitz von IT Holding. Die alarmierte italienische Modeindustrie wandte sich in einem Schreiben an Ministerpräsident Silvio Berlusconi, in dem sie sich bitter beklagt, dass eine Industrie mit rund 800 000 Mitarbeitern und 30 000 Zulieferfirmen nicht vom Staat unterstützt werde, im Gegensatz zur Auto- und zur Möbelbranche. Finanzminister Claudio Scajola versprach für diese Tage einen Lösungsvorschlag.
Frische Blumensträusse
Noch trifft es die Italiener härter als die Franzosen, wo bereits die Meldung, dass Chanel 200 Angestellte entlasse, für nationales Entsetzen sorgte, obwohl Chanel immer noch 16 000 Mitarbeiter beschäftigt. Aber auch in Frankreich zeigt die Krise Folgen. Louis Vuitton hat den Bau des grössten und luxuriösesten Flagship-Stores in Tokio auf unbestimmte Zeit verschoben. Bei den Prêt-à-porter-Schauen, die eben in Paris zu Ende gingen, wurde die Anzahl Sitzplätze fürs Publikum empfindlich reduziert. Galt es bisher als prestigefördernd, seine Show an einem möglichst exklusiven Ort abzuhalten, haben viele jüngere Labels beschlossen, die Kollektionen auf sehr kleinem Raum zu präsentieren: in der eigenen Boutique. Die Blumenhändler in Paris vermelden deutliche Absatzrückgänge, weil die Luxushäuser ihre Visitenkarte — üppige, frische Blumensträusse — vermehrt durch langlebige Gewächse wie Orchideen ersetzen.
Für die Modehäuser der High-End-Klasse ist die Krise weit mehr als ein finanzielles Problem. Sie müssen sich neu positionieren, ihre Strategien und ihr Selbstverständnis grundlegend in Frage stellen. Jahrelang waren die Preise für Designerstücke unablässig gestiegen, eine Grenze nach oben schien nicht zu existieren: Sandaletten für 800 Franken, zerrissene Jeans für 1200 Franken und vor allem die It-Bags, deren Preise immer absurder wurden, flogen nur so über den Ladentisch und wurden in immer kürzeren Abständen auf den Markt geworfen. Die Aufmerksamen der Branche wie den Briten Paul Smith beschlich schon vor drei Jahren ein mulmiges Gefühl angesichts der Preise, die in keinem Verhältnis mehr zur gebotenen Qualität standen. Sie warnten vor einem Kollaps.
Jetzt gibt sich die Branche notgedrungen selbstkritischer. Allen Questrom, ehemaliger Direktor von New Yorks Edelkaufhaus Barneys, sagte unlängst im Wall Street Journal: «Die Preise für Designermode waren eindeutig zu hoch. Es gibt keinen Grund, weshalb eine Bluse, die vor ein paar Jahren 1500 Dollar gekostet hat, heute 4000 Dollar wert sein soll.» Mounir Moufarrige, CEO von Emanuel Ungaro, pflichtet ihm bei: «Es ist Zeit, die Preise zu senken. Sie waren viel zu lange viel zu hoch.» Dasselbe sagt Lanvin-Chefdesigner Alber Elbaz, dessen Cocktailkleider zwischen 2600 und 8000 Dollar kosten: «Runter mit den Preisen!» Man spreche bereits mit Lieferanten und versuche, günstiger zu produzieren. Sollte der Druck von Seiten der Kundschaft zunehmen, wird eine Verlagerung der Produktionsstätten in Billiglohnländer auch für hochpreisige Labels möglicherweise unausweichlich. Mit der Folge, dass impertinente Preise nicht mehr zu rechtfertigen sind.
Dass die Preispolitik in diesem Segment eine delikate Angelegenheit ist, bekamen die Modemacher bereits im November zu spüren. Die Europäer nahmen den Amerikanern sehr übel, dass diese in Krisen-Panik bereits im November mit dem Ausverkauf begannen: Edelkaufhäuser boten Designermode mit siebzig Prozent Rabatt an und zwangen so die Europäer nachzuziehen. Allein: Die Botschaft war unklug. Der Kunde stellte sich zu Recht die Frage, ob die Jacke, die er für einen Bruchteil des Originalpreises nachgeworfen bekam, den ursprünglich angeschriebenen Preis jemals wert war. Nicht einmal Shopaholics wollen für blöd verkauft werden.













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