Gibt es eine ethische Minimalschwelle für Enthüllungen? Dürfen Zeitungen alles bringen, was sie wissen, ungeachtet der Konsequenzen? Die Diskussion löste diese Woche ein gegen die Weltwoche gerichteter Artikel der Online-Redaktion des Tages-Anzeigers aus. Anonyme Quellen wurden angezapft. Das Zürcher Grossstadtblatt warf der Weltwoche vor, Geheiminformationen zum Machtwechsel bei der UBS nicht veröffentlicht zu haben. Die Weltwoche, so der Tagi, habe seit Wochen gewusst, dass die Bank mit Oswald Grübel verhandle, und nichts geschrieben. Intime Details des Berufungsverfahrens, Namenslisten etc. seien der Weltwoche-Redaktion bekannt gewesen, doch der Chefredaktor habe sich aus Gründen, die «für einen Journalisten völlig untypisch» seien, entschieden, diesen «Scoop des Jahres» (TA) nicht zu bringen. Der Tagi hält der Weltwoche Doppelmoral vor. Als es um die Enthüllung von Missständen im Zürcher Sozialamt gegangen sei, habe man eine Kampagne geritten und Amtsgeheimnisse veröffentlicht. Die «Zurückhaltung Köppels» bei der UBS erstaune. Man ortet unlautere Motive.
Zunächst: Ich kann bestätigen, dass die Weltwoche gut informiert war über interne Vorgänge bei der UBS. Wir wussten dank Recherchen, mit wem Gespräche geführt wurden und welche Diskussionen im Verwaltungsrat der seit Monaten von den Medien beschossenen Firma stattfanden. Es handelte sich um prickelnde Informationen, die sicherlich die Neugier der Leser befriedigt hätten. Durch die Vorabmeldung des Chefwechsels wäre ein «Primeur» lanciert worden, der über die Landesgrenzen hinaus Beachtung gefunden hätte. Doch die Weltwoche schwieg. Für den Tages-Anzeiger ist es unerklärlich, dass eine Zeitung mutmasslich brisantes Material für sich behält. Das Blatt versteigt sich zu Verschwörungstheorien, um den Sachverhalt zu deuten. Warum wurden die Hintergrundinformationen nicht veröffentlicht?
Die Antwort ist einfach: Die Weltwoche schreibt nicht alles, was sie weiss. Sie betreibt keine Enthüllungen um der Enthüllung willen. Sie ergötzt sich nicht am Kult der Indiskretion. Die Vorwürfe der Kollegen gehen von der irrigen Annahme aus, Journalisten hätten ein absolutes Recht auf die Durchbrechung der Privatsphäre. Das ist nicht der Fall. Wer Geschäfts- oder Amtsgeheimnisse publik macht, muss über höhere Motive verfügen als die blosse Gier nach «News». Die Weltwoche ist bekannt für pointierte Recherchen, aber sie betreibt die Recherche nicht als Selbstzweck. Man muss Missstände aufdecken oder relevante Fragen klären, um Enthüllungen zu rechtfertigen. Auf das Motiv kommt es an. Es ist ein Mangel an Verantwortungsbewusstsein, wenn Nachrichten um ihrer selbst willen verbreitet werden.
Im Fall UBS war die Relevanz der Informationen nicht gegeben. Es ist keine Story, wenn eine Firma, die schwere Zeiten durchmacht, hinter den Kulissen Personalszenarien durchspielt und Verhandlungen führt. Es besteht kein öffentliches Interesse an vertraulichen Gesprächen unter Verwaltungsräten, zwischen denen es, wen wundert’s, zu Meinungsverschiedenheiten im Alltag kommen kann. Ausserdem muss man sich bewusst sein, dass ein seit Monaten medial attackierter Konzern durch unbedachte Indiskretionen weiter beschädigt werden kann. Hätte die Weltwoche zur Unzeit die Grübel-Interna ausgeplaudert, wäre der Kandidat möglicherweise abgesprungen. Mit welchen Kollateralwirkungen? Eine Zeitung sollte sich nicht zum Sprachrohr betriebsinterner Machtkämpfe machen, die durch anonyme Quellen aus oft zweifelhaften Beweggründen angeheizt werden. Niemand hat ein Interesse daran, einer UBS durch Tratsch und Klatsch zu schaden.
Der Tages-Anzeiger nennt es Doppelmoral und bringt als Beleg die Weltwoche-Enthüllungen über das Zürcher Sozialamt unter der früheren Stadträtin Monika Stocker. Bei den Banken sei man zahm, bei der Politik kenne man keine Skrupel, moniert der Medienkonzern. Falsch. Im Fall Stocker enthüllte Weltwoche-Redaktor Alex Baur über Monate hinweg Systemfehler im Zürcher Fürsorgewesen. Gewiss, vertraulichste interne Dokumente wurden durch whistle-blowers an die Öffentlichkeit getragen. Aber Baur konnte zeigen, wie durch Behördenversagen Steuergelder verschleudert wurden. Er entfachte eine fruchtbare und folgenreiche Diskussion, die zu mehr Transparenz und einer Erörterung der Probleme führte. Es ging nicht um Personalnachrichten, welche die Bank von sich aus ohnehin im Rahmen einer Pressekonferenz gemeldet hätte, sondern um Missstände, die ohne Baur nie ans Licht gekommen wären. Genau das ist der Unterschied.
Ein weiterer Aspekt spielt eine Rolle. Es ist kein Geheimnis, dass die Weltwoche ihre Aufgabe nicht darin sieht, Kampagnen gegen die Schweizer Privatwirtschaft zu führen. Die meisten Unternehmen stehen in einem harten Wettbewerb. Sie brauchen keine Journalisten, die ihnen Steine in den Weg legen. Firmen werden durch ihre Konkurrenten kontrolliert. Missstände deckt in der Regel zuerst der Markt auf. Der Fall um die von Zeitungen kaputtgeschriebene Privatbank Swissfirst bleibt ein trauriger Beleg für die Zerstörungskraft, die enthemmte Rechercheure spekulierend entfalten können. Am letzten Wochenende musste sich nach dem Ringier-Konzern nun auch die NZZ am Sonntag für ihre Swissfirst-Berichterstattung öffentlich entschuldigen. Die Hauptvorwürfe gegen den früheren Konzernchef Thomas Matter erwiesen sich, wie die Weltwoche schon vor Jahren schrieb, als falsch. Zu spät. Die Bank gibt es nicht mehr, Arbeitsplätze gingen verloren.
Die Weltwoche setzt andere Akzente. Sie kritisiert vor allem den Staat. Der öffentliche Sektor ist das grösste, mächtigste Monopol im Land. Er kennt keine natürlichen Feinde, deshalb breitet er sich ungehindert aus. Staatswachstum vermindert auf lange Sicht die Schweizer Wohlstandschancen. Auch in einer weltweiten Wirtschaftskrise darf man Proportionen und Grundwerte nicht aus den Augen verlieren. Eine Bank, die sich mit aller Kraft gegen Widrigkeiten stemmt, sollte nicht zum Gegenstand leichtfertiger Enthüllungen werden. Die kritische Energie des Journalismus wird an andern Fronten dringender gebraucht.

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