Das Problem hat einen kleinen, banalen Namen: NAM. Das ist das Kürzel für das Nordamerika-Geschäft der UBS, das sogenannte US-Cross-Border-Business, welches die Bank primär von Zürich, Genf und Lugano aus gesteuert hatte. Es ist, wie aus der Klageschrift 09-20423 «United States vs. UBS AG» hervorgeht, eine kleine Einheit, welche der Schweizer Grossbank den grössten Schaden ihrer Geschichte zuzufügen droht.
Dort angestellte UBS-Mitarbeiter hätten über Jahre mit Steuerpflichtigen in den Vereinigten Staaten Kontakt aufgenommen und damit gegen geltende Gesetze und bilaterale Abkommen verstossen. Die Zivilklage des US-Justizdepartementes, die vergangenen Donnerstag in Miami eingereicht wurde, ist beredter Zeuge der delikaten Aktivitäten dieser Mini-Einheit der UBS. Sie beschäftigte lediglich 0,3 Prozent der Kundenbetreuer der Bank, betreute 1,03 Prozent der Kunden, erwirtschaftete 0,3 Prozent des Neugeldzuflusses und kümmerte sich um 0,7 Prozent der Assets. Das sind verschwindend kleine Zahlen, die freilich eine ungeheure Sprengkraft entwickeln sollten.
Es sind 25 Private Banker in Genf, 50 in Zürich und 5 bis 10 in Lugano, keine Hundertschaft also, welche sich dem Geschäft verschrieben hatten, vermögenden US-Bürgern Steuerschlupflöcher für ihre Millionen und Milliarden zu besorgen. Die UBS-Banker witterten ein lukratives Geschäft: 222 Milliardäre, haben sie gezählt, leben in den USA, und sie verfügen über ein Gesamtvermögen von 706 Milliarden Dollar.
Mittlerweile sind auch die Namen der mutmasslichen Verantwortlichen bekannt, welche ins Visier der US-Fahnder geraten sind. Bradley Birkenfeld, US-Bürger, der seinerzeit von Genf aus reiche US-Kunden betreute und mittlerweile mit den US-Behörden kooperiert. Martin Liechti, Chef Wealth Management USA, der in den Staaten vorübergehend als Zeuge festgesetzt worden war. Und schliesslich Raoul Weil, UBS-Verantwortlicher für das globale Wealth Management, der aufgrund einer Klage seinen Job sistiert hat. Noch im Jahre 2002 hatte Weil an einer Sitzung des Managements davon gesprochen, dass im Amerika-Geschäft keine Regelverstösse akzeptiert, ja «Zero Tolerance» herrschen würde.
Die Realität sah freilich anders aus: Im Jahre 2004 reisten gemäss der Klageschrift insgesamt 32 UBS-Banker in die USA und boten der vermögenden Kundschaft unregistrierte Bankdienstleistungen an. Gewinn für die Bank: rund 200 Millionen Dollar. «Wir waren an Sport-Events, Auto-Shows oder Weinverkostungen», meinte Birkenfeld vor den Fahndern, «mit einer Business-Karte war es nicht schwer, in die Partys hineinzuspazieren.»
Für diese Eventualitäten waren die UBS-Banker laut Klageschrift offenbar bestens präpariert. Sie verfügten über einen Computer, welcher nicht zu dechiffrieren war. Neugierige Zöllner konnten darauf höchstens ein Werbefenster der UBS erkennen. Noch im Jahre 2006 wurden die Mitarbeiter der Einheit profund instruiert. Etwa, wie Mails zu verschicken sind, damit keine Rückschlüsse auf den Absender UBS gezogen werden konnten. Oder sie wurden dazu angehalten, Kundentermine nicht am Handy zu vereinbaren. Kam es dennoch zu einem Zwischenfall mit den Behörden, half eine 24 Stunden lang besetzte Notfallnummer, über die sich bei Bedarf auch ein Anwalt organisieren liess.
Eine Maschine zur Kundengewinnung
In speziellen Ausbildungsprogrammen mussten sich die Banker mit unangenehmen Situationen befassen. Beispielsweise mit dieser: «Sie sind rund eine Woche im gleichen Hotel, und je länger Sie dort sind, desto mehr fühlen Sie sich beobachtet. Manchmal zweifeln Sie, dass alle Angestellten tatsächlich für das Hotel arbeiten. Was tun Sie?» Oder: «Eines Morgens werden Sie von einem FBI-Agenten geschnappt. Er sucht nach Infos über Klienten von Ihnen und sagt, dass Ihr Klient in illegale Aktivitäten verwickelt ist. Was tun Sie?» «Es war eine Maschine», sagte Birkenfeld aus, um Kunden zu gewinnen, die grösste, welche er in seinen zwölf Jahren als Private Banker je gesehen habe. Und auch Birkenfeld hat seinen Einfallsreichtum in den Dienst dieser Sache gestellt. Einmal hat er für einen Kunden Bargeld von dessen Schweizer Konto in die USA transferiert, indem er Diamanten kaufte, diese in eine Zahnpastatube presste, die er dann in die Staaten schmuggelte.
Das alles geschah keineswegs zum Selbstzweck. Für jeden Bankberater war das Ziel, jährlich 40 bis 50 Millionen Franken Neugeld zu akquirieren. «Egal, ob man einen oder 25 Kunden hatte», sagte Birkenfeld aus, «man musste nur die Zahl erreichen.» Der Neugeldzufluss wurde penibel kontrolliert, hiess es später, und Martin Liechti, Chef Wealth Management USA, versandte 2003 eine E-Mail an seine Kollegen, in der es hiess: «Neugeld ist das Schlüsselelement des Erfolgs.» Und er wird belohnt: Wer die meisten US-Kunden in die Schweiz bringt, erhält eine Breitling-Uhr.
Diese Praktiken drohen nun für die UBS zum Bumerang zu werden. Das US-Justizministerium will Zugriff auf die Daten von rund 52 000 Amerikaner, die in der Schweiz ein Konto unterhalten. Die UBS versucht die Offenlegung mit aller Macht zu verhindern. Wie dieser Fall ausgeht, ist offen. Doch als vergangene Woche bereits rund 300 Kundendaten in die USA geliefert wurden, ist ein Damm gebrochen. Senator Carl Levin, ein Demokrat aus Michigan und ein an der Steuerfront besonders aktiver Politiker, spricht von einem «riesigen Durchbruch» im Kampf gegen die Steuerflucht. Bemühungen, den «Mantel der Verschwiegenheit» zu lüften, würden allmählich «Erfolge zeigen». Und so, sagt Levin, «gehen wir weiter».
US-Steuersünder im Visier
Ähnlich sieht das Peter Hardy, ein ehemaliger Staatsanwalt, heute Partner bei der renommierten Anwaltskanzlei Post & Schell in Philadelphia: «Ein wichtiger Sieg für die US-Steuerbehörde, und damit ist der Fall nicht erledigt.» Der Jurist sagt aber auch, dass es der Anklage nicht darum gegangen sei, das Schweizer Bankgeheimnis anzugreifen. «Es ging ihr um US-Steuerzahler, die amerikanische Gesetze verletzt haben und dabei von der UBS unterstützt worden sind.»
Aus dem gleichen Grund richte sich die Empörung in Amerika keineswegs auf die Schweizer Banken oder die Schweizer Gesetzgebung. «Die Empörung», weiss Hardy, «gilt den reichen Amerikanern, die Steuerbetrug betreiben.» Der UBS hilft das freilich wenig. Ein paar Dutzend unkontrollierte Berater brachten die Bank an den Rand des Abgrunds. Sie befindet sich damit in bester Gesellschaft: Bei AIG Financial Products in London schafften es 377 Mitarbeiter, ein Loch von 500 Milliarden Dollar zu hinterlassen.













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