Leserbriefe

«Die übertriebene Integration bedingt in den Kernfächern Qualitätseinbussen für den ganzen Klassenunterricht.» Hans-Peter Köhli

Spitzenschüler werden gebremst

Nr. 6 – «‹In allen Fächern Lücken›»/«Brücken aus Spaghetti»; Philipp Gut und Daniela Niederberger über Schweizer Gymnasien

Der Schaden, der neuerdings unserem Schulwesen schon in der Primarschule mit der weit übertriebenen Integration zugefügt wird, ist enorm. Dieses Eingliedern um jeden Preis bedingt meist gerade in den Kernfächern Deutsch und Mathematik Qualitätseinbussen für den ganzen Klassenunterricht. Damit bremst man die Spitzenschüler, und die Schwachen sind dennoch oft unglücklich, weil sie trotz aller Hilfe den Anforderungen im Einheitstopf nicht gewachsen sind. Zweite Ursache für den Niedergang der Volksschule ist das Geschwür der immer stärker wuchernden Bürokratie; vom ganzen Ballast, welcher von den Bildungsdirektionen auf die Schulen losgelassen wird, könnte man ohne Schaden mindestens die Hälfte weglassen. Dann bekämen die Lehrpersonen wieder etwas Luft, um sich vermehrt dem Unterricht zu widmen und jene Grundsteine solider Ausbildung zu legen, die für Oberstufe und Mittelschule unabdingbar sind. Hans-Peter Köhli, Zürich

«Insofern kann der Ausbildungsstand der Schweizer Maturandinnen und Maturanden als zufriedenstellend bewertet werden», hält Franz Eberle in den Schlussfolgerungen zu EVAMAR II fest: Note 4–5. Daraus lässt sich nicht ableiten, was die Weltwoche leider auf dem Titelblatt posaunt. Hingegen hätten alle, denen das Gymnasium und seine Schülerinnen und Schüler am Herzen liegen, lieber die Note «gut» erhalten. Sind die Lücken in allen Fächern schuld, dass der Durchschnitt aus guten und schwachen Maturanden bloss mässig ist? Nein, Lücken gibt es immer, wenn man sich auf ein Spektrum von Altertumswissenschaft bis Zoologie vorbereiten soll und gleichzeitig eine breite Allgemeinbildung als Ziel hat. Problematisch sind Lücken nur, wenn es den Studienanfängern nicht gelingt, sie innert nützlicher Zeit zu füllen, weil sie entweder zu umfangreich sind oder das Nacharbeiten zu langsam erfolgt. Die ETH-Studie deutet auf grössere Lücken in den mathematischen Fächern bei manchen Schwerpunkten. Eberle hat unter anderem auch dieses Element sorgfältig dokumentiert und eine Palette von Vorschlägen gemacht. Der Gymnasiallehrerverein wird sich dafür einsetzen, dass die Ziele des Gymnasiums bleiben, aber Verbesserungen in Erstsprache, Mathematik und der Fähigkeit zum fachbezogenen, selbständigen Lernen erreicht werden. Hans Peter Dreyer, Präsident des Vereins Schweizerischer Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer, Ebnat-Kappel

Wo bleibt das Ranking der anderen Hochschulen? Nicht jeder Maturand will schliesslich an die ETH. Früher ging ein angehender Fotograf, eine künftige Grafikerin auf die Kunstgewerbeschule. Für den Eintritt brauchte es eine gute Mappe. Seit der Hochschulreform gehts nur noch per Matur. Das schliesst eine ganze Reihe junger Menschen aus, die mit Deutsch und Mathematik wenig am Hut haben, dafür aber das Talent für Visuelles mitbringen. Für sie wurde in der Maturitätsordnung das Schwerpunktfach Bildnerisches Gestalten geschaffen. Wieso ist jetzt von einem Schleichweg zur Matur die Rede? Auch der im Artikel mit der Aussage «Die Faulen zu den Faulen» zitierte Lehrer hat wohl nicht begriffen, dass es nicht nur Uni und ETH gibt. Grauenhafterweise kommen aus den Hochschulen für Künste neuerdings Gestalter, die miese visuelle Umsetzungen eloquent schönreden.
Tina Ackermann, Zürich

Ihre Reportage zum Gymnasium Liestal enthält einen Irrtum, denn Sie schreiben: «Es hat weniger Ausländer.» Dies stimmt keineswegs. Meine hochbegabten Schüler/-innen im Lateinunterricht der vergangenen Jahre heissen: Hatem, Sandhya, Sofian, Yoshinobu, Christiano, Elisa, Merly, Jan usw. Die Wahrheit ist ganz anders und eigentlich simpel: Es gibt kluge junge Erwachsene aus allen Ländern samt der Schweiz. Dies sind die Jugendlichen, die unser Land weiterbringen werden. Es freut mich deshalb sehr, dass die Schweiz am Abstimmungswochenende die Personenfreizügigkeit bejahte. Claudius Sieber, Allschwil

Musterknabe im Wellness-Klub

Nr. 6 – «Schlimmer als Tinner»/«Operation ‹Atalanta›»; Urs Paul Engeler und Urs Gehriger über VBS-Chef Ueli Maurer

 

Grundsätzlich bin ich mit Urs Paul Engeler einverstanden. Wir bewegen uns nicht auf die Bananenrepublik zu, wir leben bereits in ihr. Was sich Parlament und Regierung in den letzten zwei Jahren geleistet haben, ist unglaublich und nur mit einem nicht zu überbietenden Elitarismus erklärbar. Wenn das Volk sich das weiterhin bieten lässt, wird es gänzlich zur Manipuliermasse verkommen. Den Vorwurf gegen Ueli Maurer allerdings würde ich mit Vorbehalt erheben. Er ist nicht mehr Präsident der SVP und als Bundesrat derselben in einer nicht beneidenswerten Lage. Um seiner Partei 2011 die Chance für einen zweiten Sitz zu sichern, muss er bis dahin den Musterknaben im Wellness-Klub geben.
Hans-Christian Müller, Zürich

Urs Paul Engeler wirft BR Ueli Maurer im Zusammenhang mit dem bundesrätlichen Entscheid, die Abstimmung über die Finanzierung der Invalidenversicherung auszusetzen, Versagen und Demokratieverrat vor. In der gleichen Ausgabe setzt Urs Gehriger noch eins drauf: Er wirft Maurer vor, mit einer Zermürbungstaktik zu versuchen, einen Einsatz gegen Piraten zu vereiteln. Zugegeben: Die Kehrtwende von fünf der sieben Bundesräte hinsichtlich des IV-Abstimmungstermins ist unschön. Die moralische Hauptverantwortung dafür auf Maurer abzuschieben, ist mies. Er hat nichts weiter getan, als SVP-seitig eine offenbar breit abgestützte bürgerliche CVP-FDP-BDP-Meinung mitzutragen. Noch verfehlter ist die Kritik an Maurers skeptischer Haltung zum aufgrund von Falschaussagen unserer Aussenministerin getroffenen bundesrätlichen Hauruck-Entscheid zum Piraten-Einsatz unserer Armee. Denn nicht nur der gemäss Gehriger «im Dossier offenbar unkundige» EU-Botschafter Michael Reiterer, sondern auch die für die Aussenbeziehungen der EU zuständige Kommissarin Benita Ferrero-Waldner haben ausgesagt, dass es für die Beteiligung an der EU-Operation «Atalanta» mehrere Varianten gebe (will heissen: auch finanzielle). Diesen heiklen Entscheid zu überprüfen ist somit nichts als folgerichtig. Die geballte Ladung unreflektierter Vorwürfe der Weltwoche an die Adresse des neugewählten Bundesrats ist befremdlich.
Rolando Burkhard, Bern

Man traut seinen Augen nicht! Kaum ist Ueli Maurer im Amt, wird er von der Weltwoche an die Wand gefahren und als «Enttäuschung für alle Demokraten» hervorgehoben, als hätte er sieben und nicht eine Stimme im Bundesrat. Maurer wird vorgeworfen, er sei gegen die Entsendung von Schweizer Soldaten ans Horn von Afrika und torpediere das Engagement nach Kräften. Nicht nur Maurer, ein grosser Teil des Schweizervolkes ist gegen militärische Einsätze im Ausland. Humanitäre Hilfe ist angebracht, jedoch kein Militär, das bei einem Angriff nicht einmal Gebrauch von Waffen machen darf. Immer wieder ist daran zu erinnern, dass wir ein neutrales Land sind. Gisela Bürki-Els, Zürich

 

 

Bescheidenheit ist nicht modern

Nr. 6 – «‹Harte Arbeit ist nicht genug›»; Beatrice Schlag und Philipp Gut im Gespräch mit Malcolm Gladwell über Karriere und Erfolg

Es ist der Weltwoche zugutezuhalten, dass sie immer wieder den Finger auf diesen wunden Punkt legt, wonach dem Einzelnen bei Erfolg eigentlich eine viel kleinere Rolle zustände. Nach dem letztjährigen Artikel über Nassim Nicholas Taleb, der schon seit Jahren vor der Selbst- und Fremdüberschätzung vor allem im Zusammenhang mit wirtschaftlichem Erfolg warnt, haben die beiden Autoren die übrigen gesellschaftlichen Aspekte von «Erfolg» quasi blossgestellt. In den Medien nimmt man diese für viele unangenehme Tatsache jedoch nicht zur Kenntnis. Da wird ein Präsident zum Erlöser hochstilisiert, und die peinliche Sendung «Music Star» erhält so viel Platz, wie wenn da die nächsten Beatles gekürt würden. Ich könnte ad hoc fünf Seiten mit Beispielen aus dem letzten Jahr füllen. Bescheidenheit ist zurzeit nicht modern, aber das war bekanntlich im alten Rom vor dem Untergang auch nicht anders. Theo Nötzli, Wallisellen

Abstruse Theorien

Nr. 6 – «Plädoyer für den EU-Beitritt»; Peter Bodenmann über politische Defizite

Mit der Schlagzeile «Plädoyer für den EU-Beitritt» hätte der besserwisserische Hotelier aus Brig beinahe jede seiner langweilig-europhilen Kolumnen in den letzten Jahren betiteln können. Eine Ausnahme bildet die alljährliche, halbwegs amüsante Rezension des aktuellen Bundesratsfotos. Sie kommt nämlich jeweils frei von abstrusen Theorien daher, wie etwa derjenigen, dass bei einem EU-Beitritt die realen Zinsen nicht steigen würden.
Martin Zimmermann, Mägenwil

 

Disqualifizierende Tat

Nr. 6 – «Abschied von der Tante»; Kurt W. Zimmermann über den neuen NZZ-CEO

Brillant! Mit diesem Text veröffentlichen Sie einen Skandal, ohne ihn zu veröffentlichen. Denn einverstanden: Wenn Polo Stäheli, noch bevor er auch nur das Geringste geleistet hat, als erste Amtshandlung dreissig Stellen wegrasiert und sich zur Belohnung für diesen visionären Schritt als zweite Amtshandlung ein grossspuriges Büro einrichtet, dann ist das nicht nur «brisant», sondern es ist darüber hinaus unverschämt, masslos, peinlich und lächerlich. Sässe ich im Verwaltungsrat der NZZ, hätte sich Stäheli mit dieser Tat dermassen disqualifiziert und unglaubwürdig gemacht, dass er die längste Zeit erster CEO der NZZ gewesen wäre. Christoph Schlup, Ortschwaben

Lebensfrohe Kolumne wird vermisst

Nr. 6 – «Intern»; Kolumnen-Anpassungen

Liebe Güzin Kar, es ist wirklich ausserordentlich schade, dass Ihre Kolumne in der Weltwoche nicht weiter erscheinen wird. Ich werde Ihre schrägen, lebensfrohen und gnadenlos entlarvenden Kolumnen sehr vermissen, denn ich bin mir sicher, dass Sie genau mich und meine erklärungsbedürftigen Überlebensstrategien vor Augen hatten, wann immer Sie diese unglaublichen Wahrheiten zu Papier brachten. Wer hilft mir nun, alles mit mehr Humor zu nehmen? Erika Paneth, Basel


Korrigendum

In der letzten Ausgabe (Nr. 6/09) ist uns in der Rubrik «Objekte» ein Fehler unterlaufen. Die neue Camcorder-Reihe der Firma Canon heisst Legria und nicht wie geschrieben Legeria. Wir entschuldigen uns für diese Unachtsamkeit. Die Redaktion

 

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