«Der alte Volkstribun hat die Schweizer Politik in den vergangenen zwei Jahrzehnten geprägt», schrieb FDP-Präsident Fulvio Pelli vor wenigen Tagen in seinem Parteiblatt Freisinn. «Nun muss Schluss sein.» Es wirkt fast erheiternd, wie die Konkurrenz Christoph Blocher seit gut einem Jahr – seit er überraschend aus dem Bundesrat abgewählt wurde – ungeduldig in die Pensionierung wünscht. Doch der Alte weigert sich, Geschichte zu werden. Sicher ist: Blocher hat längst Geschichte geschrieben – ganz gleich, in welcher Phase seines politischen Lebens er steht. Seit den frühen neunziger Jahren hat der Dominator aus Herrliberg mit seiner Politik, seinem gut schweizerischen Charisma, seiner Intelligenz und seinem Geld die Schweiz umgepflügt. Keiner hat mehr Gegner gegen sich aufgebracht, keiner mehr Anhänger gewonnen. Was wird bleiben? Warum war Christoph Blocher möglich und nötig?
Unser Autor Markus Somm hat ein gutes Jahr lang recherchiert, mit namhaften Persönlichkeiten Gespräche geführt, Archive durchforstet und Bücher verarbeitet, um das Phänomen einer für dieses Land sehr seltenen Karriere zu ergründen. Blocher selbst stellte sich mehreren ausführlichen Interviews zur Verfügung. Entstanden ist eine neue politische Biografie, die Christoph Blocher autorisiert hat. Somm schildert mehr als Blochers Leben, er bietet auch eine neue Interpretation der Geschichte der Schweiz in den vergangenen dreissig Jahren. Das Buch erscheint diesen Donnerstag im Appenzeller-Verlag. Wir bringen einen Vorabdruck.
Als der Journalist Malte Herwig die vergilbte Karteikarte im Keller des Berliner Bundesarchivs sah, staunte er nicht schlecht. Doch die Angaben auf dem Fund in der NSDAP-Mitgliederkartei liessen keine Zweifel zu: Der berühmte, heute 82-jährige Komponist Hans Werner Henze wurde als Mitglied von Hitlers Partei geführt. Später trat Henze in die Kommunistische Partei Italiens ein und auch seine Werke sah er als Beitrag zum Antifaschismus. Seit Jahren schon beschäftigt sich Journalist Herwig mit der spät ans Licht kommenden NSDAP-Mitgliedschaft zahlreicher prominenter Angehöriger der Jahrgänge 1926 und 1927. Bis auf eine Ausnahme wollte sich kein einziger der führenden Vertreter aus Literatur, Kunst und Wissenschaft daran erinnern, jemals einen Aufnahmeantrag unterschrieben zu haben. Auch Henze gab sich am Telefon überrascht über seine «phantomatische Mitgliedschaft» in der NSDAP: «Es kommt einem so vor, als ob irgendwelche bösen Geister aus der Finsternis auftauchen.»
Wir freuen uns, auch in dieser Ausgabe eine ganze Reihe namhafter Gastautoren präsentieren zu dürfen: Matthias Rüb, USA-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, schreibt über Obamas Konjunkturpolitik. Georg Meck, Wirtschaftsredaktor bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, kommentiert die PR-Meisterleistung des Schweizer Chefs der Deutschen Bank, Josef Ackermann. Der Publizist und Kolumnist Konrad Adam analysiert die Empörung über Papst Benedikt. Und Peter Rothenbühler, Redaktionsdirektor von Le Matin, hat die Schweizer Legende Hausi Leutenegger getroffen.
Ihre Weltwoche
Kommentare