Endlich stehen sie wieder auf dem Siegerpodest, deklassieren die Österreicher und sammeln Medaillen. Das Schweizer Feuerwerk an der Ski-WM in Val d’Isère reicht sogar bis über die Pisten hinaus auf die Jacken der Fahrer, deren bengalische Farben und Muster allerdings jegliche Freude abwürgt. Stattdessen schaut man verschämt weg. Eingepackt ins Graffitimuster, erinnern die Schweizer Skiasse nicht an Helden, wie sie es verdient hätten, sondern an neonfarbene Oberstufenschüler in den achtziger Jahren, die ihre Turnschuhe mit Filzstiften verzierten.
Die Jacken stammen nicht aus dem ehemaligen Jugoslawien, wie es der Blick vermutete, sondern von der japanischen Ausrüsterfirma Descente. Bis zu zwei Millionen Franken investieren die Japaner alljährlich in den Schweizer Skiverband. Manchmal sogar mit gelungenen Kreationen wie den schlichten Tenues an den Weltcuprennen. «Für eine Weltmeisterschaft durfte es aber etwas Spezielles sein», sagt Stefan Brütsch, Marketing-Direktor von Swiss Ski. Darum habe der Verband auf sein Vetorecht zur Graffiti-Kollektion verzichtet.
Probleme mit den Rennhäuten
Ein Entscheid mit Folgen. Skirennsport ist immer auch eine internationale Modeschau – durchgeführt unter erschwerten Umständen. Den meisten Nationen bereiten nicht die Jacken Probleme, sondern die Ganzkörperanzüge. Wer macht darin schon eine gute Figur? Je nach Körperbau verwandeln die engen Rennhäute die Athleten in eine Saucisson oder ein zu gross geratenes Kind im Strampelanzug. Als einzige Rettung bleibt die Optik. Bestenfalls sind es schlichte und zeitlose Variationen der Landesfarben, wie das Rot-Weiss der Österreicher oder das Schwarz-Weiss der Deutschen. Oder dann ist es die pure Fantasie, die das Design besorgt, wie bei den Amerikanern mit ihrem Spinnennetz auf den grünen Rennkombis.
Den diskreten Schweizern steht die aufgekratzte Fröhlichkeit, die sie mit den neuen Jacken zelebrieren wollen, allerdings schlecht. Einen Tiefpunkt in der Geschichte der Rennmode markierten sie bereits mit dem Käsedress, das die helvetischen Skifahrer von 1992 bis 1998 in löchrige Emmentaler verwandelte.
Als Ausrede diente damals die akute Geldnot des Skiverbands. Die Schweizer Käseunion zahlte für den Werbegag jährlich 1,8 Millionen Franken. Als Gegenleistung für das dringend benötigte Geld ignorierten die Fahrer demütig den Passus im Arbeitsgesetz, der Arbeitnehmende vor lächerlichen Promotionsauftritten auf Kosten der Menschenwürde schützt.
«Lieber Löcher im Anzug als in der Kasse», titelte die Zeitung Sport. Die Schweizer Skifans fragten sich derweil besorgt, ob ihre Idole bald im Kuhfell starten oder als dreieckige Toblerone der Konkurrenz hinterherfahren müssten. Um die Peinlichkeit nicht zu strapazieren, testete die Werbeabteilung der Käseunion den neuen Anzug im Fotostudio in allen möglichen Stellungen. Allfällige Käselöcher auf den Intimzonen konnten so in allerletzter Minute verhindert werden.
Bundesrat debattierte über Käsedress
Trotzdem reichten die Diskussionen bis ins Parlament und den Bundesrat. Immerhin erwirtschaftete der neue Sponsor Käseunion jedes Jahr einen Verlust von bis zu 500 Millionen Franken, die aus der Bundeskasse gedeckt werden mussten. Die Gemüter beruhigen und den Deal samt Käsedress ins Trockene bringen, konnte nur ein Mann: Bundesrat und Skifan Adolf Ogi.
Und er bekam recht – zumindest wirtschaftlich: Viele hundert japanische Skifans kauften sich den Käsedress, rutschten im Stemmbogen über die Pisten und machten damit weltweit Gratiswerbung für Schweizer Käse.
Die Käseunion hätte eine derartige Publizität mit Inseraten nach eigenen Angaben über 30 Millionen Franken gekostet. Und das amerikanische Magazin Time wählte den «Speed Suit» anlässlich der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer sogar zu originellsten Bekleidung aller Nationen.
Welche Gratwanderung Originalität in der Mode allerdings bedeutet, bewiesen die Olympischen Spiele 2002 in Salt Lake City. Simon Ammanns Auftritt als Harry Potter im Blade-Runner-Mantel stellte beinahe seine zwei gewonnenen Goldmedaillen in den Schatten. Das silbrige Kostüm sorgte für Aufsehen und Inspiration bei allen Street-Parade-Besuchern, die ihre Kostüme aus Alufolie herstellen. Die amerikanischen Zeitungen jedenfalls konnten sich ihren Spott über die «Swiss Space Odyssey» nicht verkneifen.
Seither hoffte man, die modische Misere an winterlichen Grossereignissen sei vorüber. Schliesslich arbeitet keine Nation so professionell an ihrem Outfit wie die Schweizer – mindestens beim Material und der Aerodynamik. Die erste Revolution gelang 1977 mit den vollplastifizierten «Fischhaut-Anzügen». Die tragbaren Plastiksäcke liessen überhaupt keine Luft durch, die Athleten schwitzten wie in einer Sauna, waren damit aber auf den Pisten satanisch schnell. Aus Sicherheitsgründen wurde die Neuerung allerdings schnell wieder verboten. Denn einmal gestürzt, rutschten die Fahrer ungebremst bis ins Ziel hinunter.
Die heutigen Rennkombis bestehen aus Polyesterfasern, die luftdurchlässig und fein sind wie Damenstrümpfe. Verantwortlich für die optimale Windschnittigkeit ist bei den Schweizer Skifahrern seit Jahrzehnten der frühere Cheftrainer Karl Frehsner. Seine Forschungen stützen sich auf eine beeindruckende Datensammlung inklusive aerodynamischem Wissen aus der Formel 1 bei Sauber, Erfahrungen aus der Tour de France, wissenschaftlichen Studien der ETH Zürich und der Universität Dresden, Windkanalmessungen bei Audi Deutschland und der Ruag in Emmen (die Körper der zwanzig besten Schweizer Skifahrer werden jedes Jahr von der Armasuisse mit Scannern ausgemessen). Die Entwicklung ist mittlerweile derart fortgeschritten, dass ein Fahrer im Rennkombi einem Touristen in Skijacke und Pluderhose mit identischen Skiern pro hundert Meter eine Sekunde Fahrzeit abnimmt. Auf eine Lauberhornabfahrt umgerechnet also immerhin 45 Sekunden.
Im Schatten der Franzosen
Trotzdem kamen die hochentwickelten Anzüge in die Kritik, als die Schweizer im miserablen Skijahr 1998 während 22 Rennen ohne Podestplatz blieben. Die Swissair hatte die Käseunion als Hauptsponsor abgelöst und erstmals einen schönen schwarzen Rennkombi mit vielen kleinen Flaggen entworfen. Das schlichte Design erntete modisches Lob von allen Nationen, die ihr Fähnchen auf dem Anzug vertreten sahen. Allein die Schweizer beklagten sich über den neuen Stoff, der statt der erlaubten dreissig bis zu neunzig Liter Luft pro Quadratmeter durchliess. Nachbehandlungen mit Wachs oder Haarspray blieben wirkungslos. Es resultierten ärgerliche Zeitverluste und kleinere Erfrierungen bei Fahrerinnen, die bloss in Slip und BH hineinschlüpften.
Wie schnell die aktuellen Swisscom-Anzüge sind, beweisen Didier Cuche, Lara Gut oder Dominique Gisin neuerdings in fast jedem Rennen. Umso ärgerlicher ist der modische Auftritt. Und zwar nicht bloss bei den Graffiti-Jacken. Das herzig-harmlose Design der aktuellen Rennkombis erinnert an einen Skianzug aus dem Ausverkauf in der Kinderabteilung. Zu den Farben des Swisscom-Logos, das den modischen Auftritt vertraglich bestimmen muss, gehören leider nicht nur die rot-weissen Nationalfarben der Schweizer. Sondern auch ein Blau, das die aktuellen Erfolge der Schweizer Skifahrer optisch allesamt in die Reihen der Franzosen stellt.













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