Am letzten Donnerstag strahlte das Westschweizer Fernsehen TSR einen Dokfilm aus, der den umstrittenen Kolumbien-Emissär Jean-Pierre Gontard rehabilitieren sollte. Bereits am Vortag luden die Filmautorinnen ein paar handverlesene Journalisten zur Visionierung des Streifens ein. So kam es, dass praktisch alle Tageszeitungen im Lande am Freitag simultan dieselbe Nachricht verbreiteten: Neue Dokumente «beweisen» (Tages-Anzeiger), dass der Genfer Professor nicht als Lösegeld-Bote für die kolumbianische Narco-Guerilla Farc diente und einer Verschwörung zum Opfer fiel.
Wurde der Schweizer Vermittler von einer südamerikanischen Regierung und willfährigen Journalisten verleumdet? Ist das der schlechte Lohn für einen verkannten Helden, der unter Lebensgefahr 200 Geiseln aus den Klauen der Guerilla befreite? Muss die Rolle der Schweiz im kolumbianischen Geiseldrama umgeschrieben werden? Das alles suggeriert der Dokfilm von TSR.
Rekapitulieren wir kurz. Am 3. Juli 2008 veröffentlichte die Weltwoche Auszüge aus einem umfangreichen internen Mailverkehr der Farc. Daraus geht unter anderem hervor, dass Jean-Pierre Gontard, offizieller Vermittler der Schweiz im kolumbianischen Geiseldrama, sich bei den Guerillas als Freund und Berater angedient hatte. Der vermeintlich neutrale Emissär vermittelte den Terroristen auch brisante Insiderinformationen, die den Handelswert der Geisel steigerten.
Der Mailverkehr zeigt vor allem auch auf, wie die Farc die «humanitären Verhandlungen» gezielt für Propagandazwecke nutzen. Von Lausanne aus koordinierte einer ihrer Capos, der in permanentem Kontakt mit Gontard stand, die Aktivitäten der Organisation in Westeuropa. Gontard war darum besorgt, der Terrororganisation bei der Uno ein Podium zu verschaffen. Im Endeffekt brachten die «Verhandlungen», die Teil der perversen Farc-Taktik waren, das Gegenteil von dem, was als Ziel deklariert wurde: Sie verlängern das Leiden der Geiseln.
Was abstrakt klingt, wird fassbar in Fotos, welche kolumbianische Medien publizierten und die Gontard in inniger Umarmung mit den Capos der Farc zeigen – ein Affront für die Zehntausenden von Opfern der Terrorbande. Ein weiteres Maildossier legt zudem nahe, dass Gontard im Jahr 2001 einem Farc-Vertreter eine halbe Million Dollar Lösegeld überbracht hatte. Die Zahlung stand offenbar im Zusammenhang mit der Entführung von zwei Novartis-Mitarbeitern, fand aber seltsamerweise ein halbes Jahr nach deren Freilassung statt. Einer der Capos der Farc schrieb von einer «Schuld», die Gontard zu begleichen hätte.
Gontard hat stets bestritten, als Geldbote fungiert zu haben. Mit gutem Grund. Damit hätte er sich in Kolumbien strafbar gemacht, wo die Zahlung von Lösegeldern strengstens verboten ist. Die Staatsanwaltschaft in Bogotá eröffnete deshalb eine Untersuchung gegen den Genfer, die noch pendent ist. Die Logik, die hinter der Strafnorm steht, führt zum Kern des Problems: Wer Lösegelder zahlt, finanziert damit den Terror der Farc. Und wenn sich Gontard rühmt, um die Jahrtausendwende beim Freikauf von 200 Geiseln vermittelt zu haben, so muss man ihm entgegenhalten: Das Geschäft war ein derartiger «Erfolg» für die Terroristen, dass sie in den folgenden Jahren gleich 2000 weitere Geiseln in den Urwald verschleppten.
Als Enthüllung verkauft
Nun zu den «minuziösen Recherchen» (Eigenwerbung TSR) des Westschweizer Fernsehens. In einem ersten Teil zeigt der Dokfilm, dass die kolumbianische Regierung bei der tolldreisten Befreiungsaktion von Ingrid Betancourt den Vermittler Gontard instrumentalisiert hatte, um die Terroristen auf eine falsche Fährte zu führen. Was TSR als Enthüllung verkauft, hatte die Weltwoche freilich bereits in der Ausgabe vom 10. Juli 2008 («Calmy-Reys williger Helfer») beschrieben. Was das TV verschweigt: Auch die Farc hatten Gontard manipuliert und ihn fallen gelassen wie eine heisse Kartoffel, nachdem er seine Dienste geleistet hatte.
Neu ist die Behauptung, wonach die bereits erwähnten Mitarbeiter von Novartis von der kolumbianischen Polizei selber entführt und an die Farc verkauft worden seien. Die TV- Macherinnen übernehmen damit eine unbelegte Behauptung von Gontard, ohne selber irgendeinen Beweis beizubringen. Damit machen sie sich die Grundhaltung des EDA zu eigen, das die Terroristen stets auf eine Ebene mit der demokratisch gewählten Regierung stellte. Was im Film verschwiegen wird: Die Novartis-Entführung geht auf eine Zeit zurück, in der die amtierende Regierung noch gar nicht an der Macht war.
Genau an diesem Punkt krankt auch die «Schlüsselszene» (Tages-Anzeiger) des Dokfilms: Vizepräsident Francisco Santos wird mit dem Vorwurf konfrontiert, die Regierung hätte von der Lösegeldzahlung der Novartis gewusst. Als «Beweis» legt die Journalistin ein Bild vor, das die befreiten Geiseln an der Seite von Gontard und hohen kolumbianischen Militärs zeigt. Santos bricht das Interview darauf entnervt ab. Und einmal mehr verschweigen die TV-Macherinnen das Wesentliche: Die Übergabe der 500 000 Dollar, die Gontard heute zur Last gelegt wird, fand (siehe oben) ein halbes Jahr nach der Geiselbefreiung statt.
Fazit: Nichts, aber auch gar nichts Neues aus der Westschweiz.

Kommentare