Erst am Wochenende nach dem 5. September, an dem man ihm unterstellt hatte, an einer Verschwörung gegen den Bundesanwalt teilgenommen zu haben, realisierte Blocher allmählich, was vorgefallen war. Je länger er nachdachte, desto mehr erschütterte es ihn. Es liess ihn nicht mehr los. Dass auch Kollegen im Bundesrat die Verdächtigungen ernst genommen, ja womöglich geschürt hatten, erfüllte ihn mit Zorn. Oder war es Depression? Blocher hatte sich eingebildet, Teil der Regierung zu sein. Nun ahnte er, dass er nie akzeptiert worden war. Viele Abstimmungen im Bundesrat hatte er gewonnen, oft war er nur knapp unterlegen, aber im Emotionalen blieb es bis zum 12. Dezember, dem Tag der Abwahl, stets sechs gegen einen. Immer, so erzählt Sigg, sei ein neugewählter Bundesrat vom Gremium sogleich aufgenommen worden. Partei und Herkunft hin oder her: Man trat in eine Art Bruder- und Schwesterschaft ein. Nur Blocher anerkannten die andern nie als ihresgleichen.
Einmal im Jahr lädt der Bundesrat alle ehemaligen Regierungsmitglieder auf den Landsitz Lohn bei Bern ein. Etwas unterbeschäftigt und von nostalgischen Gefühlen nicht frei, schätzen alle Altbundesräte diese Treffen. Erlaubt es die Gesundheit, nehmen sie immer teil. Seit Blocher im Bundesrat war, häuften sich die Abmeldungen. «Kommt er auch?», wurde gefragt, und wenn es «Ja» hiess, sagte der eine oder andere ab. Ruth Dreifuss kam nicht mehr. Leon Schlumpf hatte bereits zugesagt – er pflegte nach dem Essen mit Otto Stich einen Jass zu klopfen. Ein paar Wochen später rief er an und liess sich entschuldigen. Es gehe ihm nicht gut. Er hatte inzwischen erfahren, dass Stich die Einladung ausgeschlagen hatte. [. . .]
Vor Neid nicht gefeit
Selbst Merz, der Blocher politisch am nächsten stand, fühlte sich in seiner Anwesenheit eher unter Druck als wohl. Den Übrigen ging er in unterschiedlichem Mass auf die Nerven: mit seinen aus ihrer Sicht penetranten Mitberichten, seinem ätzenden Einspruch und seinen ruppigen Bemerkungen. Leuenberger redete er zu laut, Couchepin schwammen die Felle davon, Schmid wurde seines Amtes nicht mehr froh. Dass er die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zog, missgönnte man ihm – wie man auch die Aussenministerin darum beneidete. Es ist kein Zufall, dass man Calmy-Rey zum Schweigen brachte, kaum war Blocher aus dem Bundesrat entfernt worden. Vor Neid war kein Bundesrat gefeit – ein Chefbeamter beobachtete: «Die Popularität von Blocher und Calmy-Rey in den Medien war eine Belastung für den Bundesrat.» Schier unerträglich für die übrigen Bundesräte war die Tatsache, dass Blocher seine Partei aus der Regierung herauszuführen schien. [. . .]
Gewiss anerkannten Blochers Kollegen im Bundesrat, dass intensiver gestritten wurde, seit er dabei war: in gutem Sinn. Ohne Zweifel fiel ihnen auf, wie dossierfest er seine Geschäfte vortrug. Bestimmt beneideten sie ihn um seine starken Überzeugungen, und sie schätzten, wie er die Dinge auf den Punkt bringen konnte. Aber er war anstrengend – und das lag nicht nur an ihnen. Blocher war es gewohnt, die erste Geige zu spielen. In Sitzungen und informellen Treffen, so erzählen Parlamentarier, zog er oft die Gesprächsleitung an sich, als sässe er in seiner Geschäftsleitung. «Im Grunde blieb Blocher immer ein Bauer», sagt Paul Eisenring: «Allein auf seinem Hof war er der Herr – und alle Kühe mussten ihm folgen.» [. . .]
Aus der Erinnerung schrieb er die Ereignisse des 5. September auf. Er fragte Sigg, wie die Pressekonferenz abgelaufen war, und rekonstruierte den Tag. Dann schickte er den Text als Aussprachepapier den Kollegen. Eine Woche nach dem Eklat konfrontierte Blocher die Regierung mit seiner Version der Ereignisse. Zwei Bundesräten, Couchepin und Calmy-Rey, warf er vor, sich daran beteiligt zu haben, ihn, den Justizminister, zu destabilisieren. Lange redete er allein, teilte aus und zeigte Wut. Betreten oder feindselig betrachteten ihn die andern und hörten sich an, was sie als einen Monolog eines tief Gekränkten empfanden. Die Aussprache wurde heftiger, Blocher griff an, Couchepin schlug zurück. Plötzlich fuhr Couchepin Blocher über den Mund. «Tu es malade! – Du bist krank!»
Es wurde still im Zimmer. Alle schienen zu denken: «So kann es nicht mehr weitergehen.» Keiner ging dazwischen. Kein Ton von der Bundespräsidentin Calmy-Rey, die die Sitzung leitete. Selbst Blocher hatte es die Sprache verschlagen. Kurz darauf fasste er sich: «Das ist typisch. Das ist wie in Diktaturen. Wenn man mich nicht als kriminell überführen kann, dann erklärt man mich für psychisch krank!»
Blocher verlor seine Wiederwahl auch im Bundesrat. Kaum einer der Kollegen hielt seine Fraktion davon ab, ihn abzuwählen. [. . .] Sie verstanden ihn nicht: Warum arbeitete er so ausdauernd? «Mit dieser Energie mochte man ihm die konservative Wende zutrauen», sagt Oswald Sigg. «Ritschard hatte in seinen letzten drei Jahren spürbar nachgelassen. Das war ein grosser Unterschied.» Mit seinem «missionarischen Eifer» (Sigg) machte Blocher die andern misstrauisch: Worauf wollte er hinaus? Strebte er die ganze Macht an?

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