-A  A  A+
04.02.2009, Ausgabe 06/09

Medien

Abschied von der Tante

Verblüffend, wie schnell Traditionen verschwinden, und dies erst noch bei der NZZ.

Von Kurt W. Zimmermann

Anzeige

Der Skandal war gewaltig. Angesichts des gewaltigen Skandals wurde der Medienkolumnist der Weltwoche mit erregten E-Mails und erregten Telefonaten aus dem Hause NZZ eingedeckt. Er müsse unbedingt über den gewaltigen Skandal schreiben.

Der gewaltige Skandal bestand darin, dass sich Polo Stäheli, der neue CEO der NZZ, im Hauptgebäude an der Zürcher Falkenstrasse ein geräumiges Chefbüro einrichtete. Drei Redaktoren des Blattes hatten seinen Platzansprüchen zu weichen und ein anderes Dienstpult zu suchen.
Vier Monate ist das her. Wir haben damals nicht über den gewaltigen Skandal geschrieben. Seine Brisanz blieb uns verborgen.
Seit vier Monaten hat die Neue Zürcher Zeitung einen Chef, einen CEO, eine klare Nummer eins. Das ist erstmalig in der 229-jährigen Geschichte des Hauses. Es treffen also eine 229-jährige Tradition und eine viermonatige Novität aufeinander.
Bemerkenswert daran ist, wie die 229-jährige Tradition gegen die viermonatige Novität keine Chance hat.
Plötzlich hat nun die NZZ-Gruppe eine normale Geschäftsleitung, die sich zu normalen Sitzungen trifft. Vorher war das Haus 229 Jahre im Stil einer Wohngemeinschaft organisiert. Alle waren für alles und für nichts zuständig. Der Chefredaktor, eine Art Primus inter Pares, zeichnete irgendwie auch für den kommerziellen Erfolg verantwortlich, aber nur irgendwie, und doch wieder nicht — oder doch?
Besonderer Spezialist in dieser Kunstform der eleganten Unverbindlichkeit war Hugo Bütler. Unter ihm als Chefredaktor segelte die NZZ im Jahre 2002 gar mit fünfzig Millionen Franken in die roten Zahlen. Das interessierte ihn nicht speziell. «Wir haben Reserven», sagte er damals, «und können mit einem reduzierten Gewinn leben.»
Das ist vorbei. Plötzlich wird nun in der NZZ-Gruppe gespart wie überall sonst. Neo-CEO Stäheli rasierte als erste Amtshandlung dreissig Stellen weg. Im Blatt werden sogar Auslandskorrespondenten ausgesiebt, zuvor während 229 Jahren die prestigereichsten Posten im Haus. Die NZZ-Redaktion, charakterlich der Depressivität schon immer näher als dem Frohsinn, reagiert mit Konsternation auf das Ende der festgefahrenen Traditionen.
Wir könnten also Abschied von der alten Tante nehmen. Vier Monate haben für eine Kulturrevolution genügt.

Doch der Abschied ist wohl noch etwas verfrüht. Denn wirklich interessant wird nun sein, ob ein Wandel auch im Blatt selbst sichtbar wird. Denn die Zeitung hat zwei Schwächen, eine formale und eine inhaltliche. Bis im nächsten Herbst soll darum eine neue NZZ entstehen.

Im formalen Aufbau ist das Blatt ein Fossil. Bis zu acht dünne Zeitungsbunde fächern sich jeweils ineinander, manche gerade mal vier Seiten stark. Damit wirkt das Blatt nicht wie eine kompakte Zeitung, wie heute gefordert, sondern vielmehr wie eine Lose-Blätter-Sammlung. Eine neue Blattstruktur kann das leicht korrigieren.
Schwieriger ist die inhaltliche Anpassung. Denn das alte Prinzip der Verantwortungsscheu und Führungsskepsis ist erst auf der kommerziellen Etage verschwunden, nicht aber in der Redaktion.
Die NZZ steht darum in der Gefahr, wie andere konservative Blätter auch, beim Reaktionsvermögen entscheidend an Boden zu verlieren. Das Blatt ist betulich und hinkt oft der Aktualität hinterher. Die Redaktion jedoch verklärt die eigene Langsamkeit gern als unaufgeregte Reflexion. De facto aber ist die Langsamkeit oft nur Bequemlichkeit. Allzu häufig hält das Blatt mit dem Tempo einer sich immer schneller drehenden Informationsindustrie nicht mehr mit.
Das beste Bonmot zur NZZ gilt noch immer: Die NZZ ist eine der besten Zeitungen dieser Welt — solange auf dieser Welt nichts passiert.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 06/09
Link veroeffentlichen aufTwitterFacebookdel.icio.usFolkdLinkaARENAMister WongWebnewsYahooMyWebYiggItgoogle.comWeitere via addthis.com

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

Login        Registrierung

Schnellzugriff  

Schlagworte

zimmermann nzz

Meist ...

kommentiertgelesen

zu den Top 20
meist kommentiert

kommentiertgelesen

zu den Top 20
meist gelesen

Weitere Autoren

alle Autoren

Stöbern

Ausgaben