Hochzeit

«Der erste Kuss war ein Versehen»

Paloma Paredes, 31, und Roger Geiser, 27, beide Chemiker, haben am 8. Januar 2009 geheiratet.

Von Franziska M. Müller

«Eine Frage der Organisation»: Ehepaar Geiser-Paredes. Bild: Ornella Cacace

Roger: Wir begegneten uns zum ersten Mal im Chemielabor der ETH Zürich. Ich fand sie sehr schön: die dunklen Haare, die lieben Augen. In den folgenden Wochen sahen wir uns täglich bei der Arbeit, aber keiner wagte es, das Wort zu ergreifen. Dann organisierte ich eine Party, wo wir das erste Mal lange miteinander sprachen. Sie war ruhig und zurückhaltend. Zwischen meinen Fragen und ihren Antworten lagen immer ein paar Sekunden Wartezeit. Das fand ich reizvoll.
Paloma: Er trug einen eigenartigen Pullover. Der ist in der Zwischenzeit entsorgt. Ich fand Roger sympathisch, mehr nicht. Im Hinterkopf hatte ich die Rückreise nach Spanien und meinen Freund, der dort auf mich wartete.
Roger: Der sie nicht glücklich machte.
Paloma: Das sah ich damals nicht so. Aber als ich Roger kennenlernte, ahnte ich, dass alles noch viel besser sein könnte. Und dann kochte er für mich.
Roger: Nach einem schönen Abend begleitete ich sie an die Busstation.
Paloma: Der erste Kuss war so etwas wie ein Versehen. In Spanien küsst man sich nur rechts und links auf die Wange, er setzte zu einem dritten Kuss an. Ich war verwirrt.
Roger: Du hast mich zuerst geküsst.
Paloma: Natürlich war es umgekehrt. Danach hatten wir beide eine schlaflose Nacht. Mit dem ersten Bus fuhr Roger am nächsten Morgen zu mir. Er sagte: «Wir müssen reden.» Das fand ich süss und ernsthaft.
Roger: In der Zwischenzeit sind erst zwei Jahre vergangen, und in wenigen Wochen wird unser Sohn geboren. Als Paloma nach Spanien zurückkehren musste, besuchte ich sie dort fünf Mal hintereinander. Dann kam sie in die Schweiz zurück. Die Umstände zwangen uns zu einer gewissen Ernsthaftigkeit. Das trieb unsere Liebesgeschichte voran. Gleichzeitig wurde klar, dass wir uns aufeinander verlassen können. So würde ich auch den Unterschied zwischen dem Verliebtsein und der Liebe definieren: unverbindlich das eine, verbindlich das andere.
Paloma: Im vergangenen Mai zogen wir zusammen. Die erste Anschaffung von Roger war ein hochkompliziertes Hoover-Gerät, das wie ein kleiner Ferrari aussieht. Seither staubsaugt er die ganze Wohnung mit Begeisterung. Wir sind eher häusliche Typen. Roger und ich haben ähnliche Prioritäten im Leben: Familie, Karriere und unsere Beziehung.
Roger: Ich glaube, diese Voraussetzungen sind wichtig, wenn man nicht zu den fünfzig Prozent der Neuverheirateten gehören will, die sich innerhalb von zwei Jahren wieder scheiden lassen. Aber auch bei uns gibt es ein paar kulturelle Unterschiede.
Paloma: Wie du sprichst.
Roger: Wir stammen zwar aus ähnlich traditionellen Familienverhältnissen, und unser Bildungsniveau ist genau gleich. Trotzdem telefonierst du regelmässig mit deiner Mutter und ich nicht. Die spanischen Familienclans nehmen sehr rege am Leben der anderen teil. Das finde ich nicht schlimm. Aber wieso rufen sie immer genau dann an, wenn das Abendessen auf dem Tisch steht? Geheiratet haben wir auch deinen Eltern zuliebe.
Paloma: Was erzählst du da?
Roger: Geheiratet hätten wir sowieso. Aber die Freude deiner Eltern, als wir das Thema einmal unverbindlich ansprachen, war sehr gross. Paloma: Ein Romantiker ist Roger nicht. Einen Heiratsantrag hat er mir nicht gemacht.
Roger: Das war so etwas wie rollende Planung. Ich fragte meinen besten Freund, ob ich einen Antrag mit Blumen und Ringen machen muss. Er sagte, das sei heutzutage nicht mehr nötig.
Paloma: Bei der Ziviltrauung war ich hochschwanger, eine Nebeldecke lag über der Stadt, es war eisig kalt. Aber es war der schönste Tag meines Lebens, und im Sommer heiraten wir in Spanien kirchlich.
Roger: Wir glauben an die ewige Liebe und haben uns in einem Kurs auf die Zukunft vorbereitet. Im Alter ist eine gute Beziehung eine Frage der Organisation, der Disziplin und der Abmachungen. Sex: einmal pro Woche. Abendessen auswärts: je nach Budget. Sport und gemeinsame Hobbys: zweimal pro Woche. Da geht es nicht um Lust oder Unlust. Solche Dinge macht man der guten Beziehung zuliebe.

Kommentare

+ Kommentar schreiben
 

weitere Ausgaben

Login für Abonnenten

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Passwort vergessen?

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Sie sind noch nicht bei Weltwoche online registriert? Melden Sie sich gleich an.

Zur Registrierung

Ihre Vorteile bei Registrierung:

  1. Zugriff auf alle Artikel und E-Paper*.
  2. Artikel kommentieren
  3. Weltwoche Newsletter
  4. Spezialangebote im Platin-Club*
*Nur für Abonnenten der Printausgabe