Mein Paris

Unser Kolumnist fährt in Europas Stil-Hauptstadt. Zuerst war aber was los bei der Weltwoche.

Von Mark van Huisseling

Vergangene Woche war ich in Paris. Am Abend vor meinem Abflug fand in Zürich noch das sogenannte Weihnachtsessen der Weltwoche statt. Ich bin nicht sicher, ob es nur wegen mir in den Januar verlegt worden war (im Dezember wäre ich zu busy gewesen), aber ich fand das auf jeden Fall sympathisch. Ich kam ziemlich spät in das «Kindli», ein Restaurant, das ich mag. Deshalb nahm ich Platz an dem Tisch, an dem es noch freie Stühle gab (und an dem mein Verleger sass).

Über die Kleidung meiner Kollegen schrieb ich schon vergangenes Jahr, also erzähle ich heuer von dem intelligenten Tischgespräch. Zuvor nur rasch: Ich zählte null Krawatten (2008 hatte es zwei gegeben). Für mich ist Krawatte oder offener Kragen an einer Firmenveranstaltung Jacke wie Hose. Aber Roger Köppel hatte einmal gesagt, Männer ohne Krawatte könne man nicht ernst nehmen. Der andere ernstzunehmende Mann fehlte dieses Jahr (Christoph Mörgeli). Alex Baur ist immer noch «einer der Letzten, die aussehen, wie ein Journalist aussehen muss» (MvH 2008); er hatte dasselbe Hemd an wie im Vorjahr. Das gezeichnete Bild von Henryk M. Broder zu seiner Kolumne ist, sagen wir, unter der denkbar liebevollsten Betrachtung entstanden (oder fünfzehn Jahre alt). Jetzt aber zum intelligenten Tischgespräch: Vergangenes Jahr ging es um Preussen, vergangene Woche um Hitler. Ferner um den Sex-Appeal von Fiona Hefti, Miss Schweiz 2004, sowie Carolina Müller-Möhl, einer Unternehmerin (genauer das Fehlen dieses).

In Paris erwartete man mich schon chez Chanel. Und zeigte mir dann die verschiedenen Schneiderateliers im Haus an der Rue Cambon. Zur Zeit meines Aufenthalts wurden die Kleider für kommendes Frühjahr/kommenden Sommer fertiggestellt, die anschliessend an der Haute-Couture-Show gezeigt wurden (nach meinem Redaktionsschluss). Diese Arbeiten anzusehen, war interessant. Auch interessant war, die Audition anzusehen, die zu diesem Zeitpunkt stattfand (beziehungsweise die zirka dreissig «Mädchen» – nicht MvH-Mackersprache, sondern in der Branche übliche Bezeichnung für Models –, die einen der zwanzig Jobs auf dem Catwalk haben wollten). Ich meine, ich möchte im Grunde mit niemandem tauschen, wenn es um meine Arbeit geht. Aber falls Karl Lagerfeld, der Chefdesigner, einmal einen anderen Castingdirektor sucht . . . ich würde es machen.

Am Samstag besuchte ich ein paar Kleidergeschäfte bei der Place des Victoires, die mir gefallen. Zurzeit ist Ausverkauf, die Kollektionen für vergangenen Herbst/diesen Winter gibt es bis siebzig Prozent unter Preis. Kunden gab es trotzdem keine («Oh, la crise, Monsieur», sagte einer der Verkäufer, von denen es zahlreiche gab). Es kam mir vor wie in Moskau, wo ich vor kurzem war, nur mit Leuten auf der Strasse, die gut angezogen sind. Mein Lieblingsgeschäft, nebenbei, heisst «L’Eclaireur» und ist eine Art Concept-Store. Weniger schlecht scheinen Restaurants zu laufen – gut auswärts Essen ist den Franzosen bzw. Touristen noch immer viel wert, so sieht es aus. Das «Le Voltaire» im siebten Arrondissement – etwas wie die «Kronenhalle» für Paris, aber lustiger, und Frauen gehen auch hin – war voll. Am Tisch neben meinem bestellte man eine Spezialität mit Namen Trüffelsalat, und zwar vier Mal (macht 400 Euro für die Vorspeise).
Am folgenden Abend ging ich in das «Dave» (man sagt «Daweh», so heisst der Besitzer), ein Restaurant, in das man geht, wenn Modeschauen stattfinden in der Stadt («Fashion Cafeteria», stand im New Yorker). Nicht wegen der Küche im Grunde (chinesisch, die ist in Ordnung, aber das ist Paris), sondern wegen der Gäste. Das ist eigentlich nicht gescheit. In dem Buch «How to be a Star» steht, man habe nichts verloren in Lokalen, wo Berühmtheiten essen; weil sie zu teuer seien und man weniger gut bedient werde als weniger berühmter Gast. (Bloss, was geht es mich an, was ich vor drei Jahren in einem Buch geschrieben habe? Speaking of which: Ende kommenden Monats kommt mein zweites, es heisst: «Wie man berühmte Menschen trifft».)
Kanye West war auch gerade im «Dave», als ich dort war. Aber das war okay – ich hatte den besseren Tisch.

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