Am Morgen des 11. Juli 1977 reist Friederich Tinner aus dem sankt-gallischen Rheintal nach Bern. Vor Vertretern des Eidgenössischen Amtes für Energiewirtschaft (AEW) erläutert er ein Projekt, das, wie sich später herausstellen wird, den Grundstein für das pakistanische Atomprogramm legt. Tinner kommt in seiner Funktion als Verkaufsleiter der Firma Vakuum-Apparate-Technik (VAT) in Haag SG. Beim Projekt geht es um «eine Vakuumanlage für die Verdampfung und Sublimation von UF 6» im Wert von 7 048 800 Franken, wie dem Ausfuhrgesuch zu entnehmen ist, das die Firma in Bern eingereicht hat.
Tinner scheint um Transparenz bemüht. Das Treffen ist auf Anregung der VAT anberaumt worden. Im Detail informiert er die zuständigen Stellen in Bern über den Charakter der Anlage. Jedenfalls sind sich diese nach seiner Präsentation bewusst, worum es geht. «Es handelt sich um den Bau und die Ausfuhr einer Vakuumanlage, welche für eine Uran-Anreicherungsanlage in Pakistan dienen soll.» Dies belegen bisher unveröffentlichte Dokumente, die Hansjürg Zumstein, Dokumentarfilmer des Schweizer Fernsehens, im Bundesarchiv aufgespürt hat. *
Pakistan steht unter Druck. 1974 hat Erzrivale Indien erfolgreich eine Atombombe getestet («Smiling Buddha»). In der Öffentlichkeit und Presse wird der Ruf nach einer eigenen Bombe laut. Was Pakistan in dieser Zeit genau unternimmt, bleibt den internationalen Behörden verborgen. Denn Pakistan hat den Atomsperrvertrag (NPT) nicht unterzeichnet, in dem sich nichtnukleare Staaten verpflichten, auf Herstellung und Erwerb von Atombomben zu verzichten und sich Kontrollen zu unterwerfen.
Fracht ins Ungewisse
Tinners Anlage ist eine Fracht, die ins Ungewisse befördert wird. Es sei nicht bekannt, schreibt das AEW am 13. Juli 1977 in einer Bemerkung an die für die Exportbeglaubigung zuständigen Bundesstellen, «ob die Anlage in Pakistan in privater oder öffentlicher Hand sein wird». Als Empfänger figuriert eine «Special Works Organization» in Rawalpindi. (Sie wird von britischen Nachrichtendiensten später als wichtigste Tarnfirma des geheimen Atomwaffenprogramms Pakistans identifiziert.)
Ebenfalls unbekannt ist der genaue Verwendungszweck der Anlage. Offenbar haben die pakistanischen Käufer friedliche Intentionen suggeriert. So schildert es Friederich Tinner bei der Präsentation in Bern, wie aus der AEW-Bemerkung zu entnehmen ist: «Inoffiziell wurde von den pakistanischen Mittelsleuten den Vertretern der VAT gegenüber erwähnt, die Anlage solle dazu dienen, einen 5-Jahres-Plan, nach dessen Ablauf jedes Dorf in Pakistan elektrifiziert sein solle, ohne fremde Abhängigkeit zu verwirklichen.» Ein Beitrag zur Modernisierung eines bitterarmen Volkes also?
Der Schein trügt. Wie Abdul Qadir Khan im Interview mit der Weltwoche heute bekennt (Seite 44), war die Anlage weder zur Elektrifizierung von Dörfern noch für sonstige friedliche Zwecke bestimmt, sondern sie diente als zentrales Element für Pakistans Atomwaffenprogramm. Khan, damals bereits mit dem Aufbau des Atomprogramms betraut, wird in den vorliegenden Dokumenten erst 1979 erwähnt, obwohl er seit 1976 engen Kontakt mit Friederich Tinner pflegt und für die Bestellung seiner ersten Anlage persönlich in die Schweiz fuhr.
«Ein heisses Eisen»
Im AEW ist man sich bewusst, dass man ein Risiko eingeht. Es sei «nie die Rede davon» gewesen, dass die Anlage einer internationalen Kontrolle unterstellt werde, heisst es in der Bemerkung vom 13. Juli 1977. Und man hält explizit fest, dass das Exportgut «zu der eindeutig ‹sensitiven› [. . .] Isotopentrennungsanlage» gehört. Geltende Verträge verletze sie dennoch nicht, hält das Amt fest, «da sie lediglich ein Hilfsgerät (wenn auch ein wichtiges)» darstelle. Zwar bilde die Ausfuhr der genannten Anlage «wohl einen Grenzfall», räumt das AEW ein. Eine Erschwerung der Ausfuhr liesse sich mit den vorhandenen Mitteln jedoch «nicht ohne weiteres begründen».
Die Brisanz des Geschäfts wird ausdrücklich und schriftlich festgehalten, wie aus den Dokumenten hervorgeht, die das Schweizer Fernsehen gefunden hat. «Vom politischen Standpunkt aus ist [. . .] zu beachten, dass die Sache ein sog. ‹heisses Eisen› darstellt, indem die Schweiz Mühe hätte, ihre Verantwortung abzulehnen, wenn Pakistan mittels der geplanten Isotopentrennanlage einen Kernsprengkörper herstellen würde, was sicherlich in den Bereich des Möglichen zu ziehen ist.» Da entsprechende Vorwürfe beim AEW als der zuständi-gen Behörde hängenbleiben würden, sei «grosse Vorsicht» geboten.
Solcherlei Bedenken stehen jedoch dem Exportbegehren der VAT nicht im Weg, und am 12. August, bloss einen Monat nach dem Vortrag Tinners in Bern, gibt das AEW der Firma in Haag positiven Bescheid. Man habe die Sache «gründlich geprüft», der geplanten Ausfuhr stehe «zurzeit nichts entgegen». In den folgenden Monaten wird die Anlage in der Schweiz komplett zusammengesetzt, in drei C-130-Transportflugzeugen nach Pakistan ausgeflogen und dort unter Aufsicht der Hersteller installiert.
Bereits 1977 häufen sich die Indizien über die wahren Intentionen Pakistans. In Geheimdienstkreisen sorgt das mutmassliche Projekt für Aufregung. Mitte 1978 erwägt die CIA, Khan zu ermorden. Man sieht davon ab. Stattdessen knöpft man sich die befreundeten Zulieferländer vor. Am 1. November 1978 übermittelt der britische Botschafter in Bern dem Aussenministerium zwei vertrauliche Memoranden, in denen ausdrücklich über die Pläne der Pakistaner informiert und beim Export von Nuklearmaterial Zurückhaltung angemahnt wird. Ähnliche und immer eindringlichere Warnungen folgen seitens der Amerikaner. Im Februar 1979 reist schliesslich eine US-Delegation extra nach Bern und weist ausdrücklich auf Lieferungen durch die Firma VAT hin und legt eine Liste der verkauften heiklen Güter vor.
Dennoch bestätigten die zuständigen Stellen im EVED, EPD (heute EDA) und EVD im Mai 1979 den bisherigen Standpunkt. Auch aus Rücksicht auf die Schweizer Exportwirtschaft erachte man eine Verschärfung der Ausfuhrbestimmungen nach Pakistan als nicht an- gezeigt. In einer Notiz an den Bundesrat rechtfertigte das AEW diese Position mit der Be- gründung, die geltenden Gesetze enthielten «nur rudimentäre Angaben», man könne in der Schweiz nicht alle Komponenten erfassen. Eine fallweise durch einzelne Staaten vorzunehmende Ergänzung der Liste würde «diskriminierend» wirken, zu Rechtsunsicherheit für unsere Exportindustrie führen und zudem die Tür für «zwischenstaatliche, politische Pressionsversuche» öffnen.
Bundesrat handelt zu spät
Vereinzelt regt sich im EVED Widerstand. «Mit dieser Argumentation stecken wir den Kopf in den Sand», schreibt Peter Pfund, Vizedirektor des Bundesamtes für Energiewirtschaft, in einer Notiz vom 15. Mai 1979 an EVED-Chef Willi Ritschard. Mit dieser Argumentation «können praktisch alle verbotenen Anlagen geliefert werden, wenn man sie nur in genügend Bestandteile zerlegt». Tatsache bleibe, dass die bisher gelieferten Anlagen als zukünftige Bestandteile einer Anreicherungsanlage geliefert worden seien, «die für kriegerische Zwecke missbraucht werden kann (wird)». Pfund fordert vom Bundesrat, «dass die in Frage stehenden Firmen ihre, im Zusammenhang mit dem Bau der Anreicherungsanlage stehenden Tätigkeiten in Pakistan sofort einzustellen haben».
Dazu kommt es nicht. Pakistans Atomanlagenbauern stehen in der Schweiz weiter Tür und Tor offen. Am 21. Oktober 1980 beantragt der neue EVED-Chef Leon Schlumpf, «das Konzept der nuklearen Exportbewilligungspolitik und deren Vollzugsinstrumente zu prüfen und dem Bundesrat innert nützlicher Frist einen Bericht und eventuell einen Antrag zu unterbreiten». Doch da ist es zu spät. «Bereits 1979 hatten wir alles beschafft, was wir für unser Atomprogramm brauchten», sagt Khan. «Von da weg konnten wir alles selbst herstellen.»

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