Wein ist Glaubenssache, sein Genuss eine subjektive Wahrnehmung. Daher das ganze kerzenilluminierte Brimborium, mit dem seine Priester (die Sommeliers) für die Gemeinde (uns) das Wunder inszenieren. Klar gibt’s auch objektivierbare Eigenschaften, zumindest haben sich die Kardinäle der Glaubenskongregation (die sogenannten Weinpäpste) auf ein paar geeinigt. Aber mit aller Eloquenz können die mir einen Wein nicht schönreden, der mir zum Beispiel einfach deshalb nicht schmeckt, weil ich einen miesen Tag hinter mir habe. Ich meine ja nur: Das meiste, was über Wein und also auch in dieser Kolumne behauptet wird, hat eine Kehrseite.
So ist noch kein Monat vergangen, seit ich mich über die Maxime mokierte, nach der man in grossen Jahren kleine, in kleinen grosse Weine kaufen sollte. Und schon liefere ich den Beweis für deren Richtigkeit. Er heisst Château La Grange Clinet, stammt aus dem Bordeaux-Jahr 2005 und einer etwas verkannten Appellation, den Premières Côtes de Bordeaux. Die liegt vis-à-vis der ungleich nobleren Zone Graves am rechten Ufer der Garonne und ist ein weites Feld für Überraschungen. Diese Flasche ist so eine. Auch wenn wir die église im petit village lassen und den La Grange Clinet nicht zu einem Pape Clément hochjubeln wollen: Zumindest in der Ausgabe 2005 ist der viel mehr als ein akzeptabler täglicher Tischwein. Keine Bombe an Konzentration, Alkohol und Tanninen, dafür ein fruchtig schwarzbeeriger, eindrücklicher Wein. Er kommt aus einem naturbelassenen Biotop mit Mischvegetation, besteht aus zwei Dritteln Merlot und etwa je einem Sechstel Cabernet Franc und Cabernet Sauvignon, für die Vinifikation zeichnet Mme Cécile Feret (die früher für Haut-Bailly arbeitete), und er ist eine helle Freude. Allerdings gewinnt er noch beim Dekantieren, erreicht wohl überhaupt erst in zwei, drei Jahren seinen Höhepunkt. Glaubenssache? Schon. Aber die verdient einen Schwur: dass der La Grange Clinet 2005 schon heute der rechte Wein ist, einen schlechten Tag in einen guten zu verwandeln.













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