Sternstunden der Menschheit

150 Millionen Mitglieder: das weltgrösste Sozialnetzwerk Facebook hat als Plauderbörse im Internet gewaltigen Zulauf. Wo liegt der Reiz? Unser Autor wurde vom Verächter zum süchtigen Anhänger. Der Wandel brach dramatisch in sein Leben ein.

Von Felix Hutt

Sondermülldeponie oder geniale Kontaktmaschine? Facebook-Kunden sind Voyeure und Exhibitionisten zugleich. Bilder: Privatarchiv, Sandy Nicholson (Headpress, Roba), Tom Wagner (Denkou, Sodapix)

Um eines gleich mal klarzustellen: Ich bin kein Cyberlover, der sich in Chatrooms hinter Fotos von George Clooney versteckt, um Studentinnen aufzureissen. Ich brauche auch kein Internet, um mir einen Korb zu holen, das schaffe ich in jeder Bar. Ich stehe auf das echte Leben, trotzdem bin ich heute Facebook-Junkie.

Facebook-Mitglied wird man, wenn man sich anmeldet oder von einem Mitglied eingeladen wird. Bei mir tat dies eine Freundin, Marcia (Name geändert). «Join my Facebook Network» stand in ihrer E-Mail, auch ein Kuss war abgebildet, der aussah wie das Rolling-Stones-Logo. Das reichte, um mich zu überreden, ich gab Namen und E-Mail-Adresse ein und am 3. Juli 2008 um 16:32 Uhr war ich Mitglied bei Facebook.
Facebook ist schnell verstanden und einfach zu bedienen. Nach jeder Anmeldung sieht man, welche Freunde online sind, ob man eine Nachricht erhalten hat oder ob jemand Neues mit einem befreundet sein möchte, wobei Freundschaft nicht mehr bedeutet als das Einverständnis, miteinander zu kommunizieren. Wenn man einen neuen Freund hat, schaut man in dessen Netzwerk nach bekannten Namen und Gesichtern, fragt diese an; Facebook funktioniert wie ein Schneeballsystem, im Gegensatz zu dem von Bernie Madoff ist es kostenfrei. Die Neugier packte mich, ich sagte der Cyber-Askese adieu. Wer ist noch hier? Wer stellt sich wie bloss? Wer kennt wen? War ich anfangs einmal die Woche bei Facebook, so steigerte sich meine Dosis bald zu täglich.
Marcias Kuss schmeckte nach nichts, war ja auch nur ein trockener Klick, aber Marcia war meine erste Facebook-Freundin. In ihrem Profil konnte ich lesen, dass sie kein Fleisch mag, ihr Lieblingsregisseur Martin Scorsese und ihr bevorzugtes Parfüm von Narciso Rodriguez ist. Auch ihre Fotos durfte ich als Freund sehen: Marcia in der Disco, Marcia im Bikini, Marcia bei der Arbeit, Marcia mit ihrem neuen Mini Cooper, Marcia und ihre beste Freundin, Mariluz, Marcia und ihre Eltern, sehr sympathisch, durchaus schwiegerelterntauglich. Von Datenmissbrauch schien Marcia noch nichts gehört zu haben, sie hatte Privatadresse und Handynummer angegeben, aber so sorglos offen gehen die meisten der 150 Millionen Mitglieder mit persönlichen Angaben um.
Ich fragte eine Freundin, die schon länger bei Facebook war, warum sich hier viele exhibitionieren. «Normalerweise ist die öffentliche Aufmerksamkeit nur wenigen vorbehalten», erklärte sie mir, «aber bei Facebook hat auf einmal jeder die Möglichkeit, sich kostenlos zu zelebrieren. Eitel ist jeder, das Web suggeriert einem, dass es eine schützende Fassade ist, man sich nicht wirklich exhibitioniert, was falsch ist, weil sogar die Personalabteilungen von Firmen sich hier ein Bild über mögliche Bewerber machen. Das Profilbild ist wichtig, weil es alle sehen. Kein Mensch, behaupte ich, würde da irgendein Foto hochladen. Es muss schon ein besonders hübsches oder originelles Bild sein.» Bis dato hatte ich gedacht, Facebook sei ein grosser Spass, das aber klang ziemlich seriös. Also lud ich ein Foto hoch, auf dem ich in einer TV-Talkshow sitze, mit Anzug und Krawatte, schliesslich gibt es keine zweite Chance für einen guten ersten Eindruck.

Meistens ging es um Mist

Und ohne dass ich es so richtig merkte, befiel mich langsam der Facebook-Virus. Ich loggte mich immer öfter ein, vor der Arbeit, in der Kaffeepause, nach dem Sport, schickte Freundesanfragen an Menschen, die ich kannte, wurde von anderen gefragt, ob ich ihr Freund sein wolle, fühlte mich legitimiert, hier zu sein, weil viele bei Facebook waren, von denen ich wusste, dass sie sonst im wahren Leben, nicht im Internet zu Hause sind. Wenn der und die da sind, dachte ich, dann kann es ja nicht so schlimm sein. Aber es war viel schlimmer. Ich erfuhr nun vieles von meinen Bekannten, was ich eigentlich gar nicht wissen wollte, war erstaunt über die Humorlosigkeit, mit der sie zu Werke gingen.

Es gab Streit, weil ein Freund das Foto der Freundin des anderen abfällig kommentierte, eine Freundin wollte sich nicht mit einem Typen treffen, weil der nur siebzehn Freunde bei Facebook hatte, so einer konnte ja nicht der Richtige sein. Ein Bekannter schickte Warnnachrichten, dass er nicht auf Partyfotos auftauchen dürfe, weil seine Verlobte in Teheran sonst die geplante Hochzeit absagen würde, ein anderer wünschte seine Freundin zur Hölle, weil ein Nebenbuhler ein Foto von ihr in eindeutiger Pose vom Italien-Urlaub reinstellte – mit einem Luigi.
Die Mischung der Mitglieder überraschte mich. Hier tummeln sich keine Pubertierenden mit Hormonproblemen, die meisten haben einen Beruf oder sind im Studium, vierzig Prozent der Mitglieder sind älter als 35 Jahre. Bei Facebook kann man, neben dem Versenden von persönlichen Nachrichten, auch Kommentare abgeben, die sofort für das Freundesnetz einsehbar sind. Die Banalität dieser Einträge berührte mich peinlich wie eine Samstagabend-Show mit Dieter Bohlen.
Es ging selten um Politik, Wirtschaft, auch nicht um Liebe, Tod oder irgendetwas von Relevanz, sondern meist um Mist. Da berichtete ein Freund, dass er zum ersten Mal seit Jahren einen roten Pulli trage, ein anderer fragte, für welchen Dienstwagen er sich entscheiden solle, die Nächste erzählte, dass sie gerade in der Kantine Grünkohl gegessen habe. Ein Sportsfreund lud Fotos seines Sixpacks per iPhone aus der Umkleidekabine des Fitnessstudios hoch. Die Kommunikation bei Facebook war wie Fast Food, schnell verzehrt und schwer verdaulich. «Ich finde meinen Popo heute sehr sexy», schrieb einer, worauf der andere antwortete: «Deine Alte aber nicht. Ich gehe in den Zoo und schaue Lamas an, die sind schöner.» Oder: «Geile Nacht in Kitzbühel», schrieb die eine, die andere: «Lech ist geiler!»
Erschreckenderweise musste ich feststellen, dass sich die Frequenz, in der ich mich einloggte, weiter erhöhte, der Schwachsinn schien mich anzuziehen. Ich hatte mir ein Telefon mit Internet-Empfang gekauft, ging während der Arbeit manchmal auf die Toilette, um nachgucken zu können, was sich bei Facebook tat.
Mir wurde klar, dass die vom ehemaligen Harvard-Studenten Mark Zuckerberg, 24, gegründete Website auf geniale Art und Weise praktische und emotionale Komponenten verbindet: Man hat als Mitglied auf Facebook verschiedene Funktionen zur Auswahl, für die man sonst andere Websites oder Programme öffnen müsste: Man kann Musik runterladen wie bei iTunes, sich Nachrichten schicken wie per E-Mail, Videos hochladen wie bei Youtube, Fotos präsentieren wie bei Flickr und mit Freunden, die online sind, chatten wie bei Skype. Dazu bietet Facebook viele andere Möglichkeiten, man kann Fanklubs von Pop- oder Sportstars beitreten, sich in globalen karitativen Gruppen engagieren, zum Beispiel für die Mönche in Burma spenden, oder, wie erst kürzlich in Grossbritannien geschehen, einen Blutspender finden, der ein Leben rettet.
Das sind die praktischen Vorteile, ebenso wichtig scheint der emotionale Aspekt zu sein, vor allem das Sehen und Gesehenwerden. Viele Mitglieder aktualisieren ihr Profil täglich, so erfährt man, wer wo auf welcher Party war oder wie das Wetter im Urlaub ist. Wie Mitglieder einer Wohngemeinschaft lassen viele an ihrem Leben teilhaben, gratulieren zu Geburtstagen, Weihnachten und Neujahr, teilen ihren Freunden mit, warum der FC Bayern Meister wird und nicht Hertha BSC Berlin und warum es besser ist, dass Barack Obama der nächste US-Präsident geworden ist. Über eine Million Facebook-Fans hat Obamas Profil, seinen Internet-Wahlkampf, der grossen Anteil am klaren Sieg über John McCain hatte, entwickelte und leitete Chris Hughes. Der 25-Jährige war in Harvard Zimmergenosse von Mark Zuckerberg, gemeinsam gründeten sie Facebook als Campus-Netzwerk und bauten es aus. Hughes verliess für Obamas Wahlkampf das Facebook-Headquarter Palo Alto in Kalifornien und zog nach Chicago.

Naomi Campbell wird meine Freundin

Da Facebook nicht an der Börse ist, ist es nicht verpflichtet, Auskunft über Businessdaten zu geben. Laut eigenen Angaben soll der Vorsteuergewinn 2007 bei 50 Millionen Dollar gelegen haben. Microsoft bezahlte im Oktober 2007 zirka 240 Millionen Dollar für 1,6 Prozent der Anteile, was den Unternehmenswert auf 15 Milliarden Dollar taxiert und den Wert eines Mitglieds auf 150 Dollar. Der Jahresumsatz für 2008 lag laut Facebook zwischen 300 und 350 Millionen Dollar, der Vorsteuergewinn bei etwa 120 Millionen Dollar. CEO Zuckerberg weist Verkaufsambitionen immer wieder zurück, mit gutem Grund: Der Wert der Datensätze seiner Facebook-Mitglieder wird steigen, weil die grossen Konzerne ihre Werbung und ihr Marketing immer präziser auf die Konsumenten personalisieren müssen und dazu persönliche Kundenprofile brauchen, solche, wie sie die Facebook-Mitglieder freiwillig ins Netz stellen.

Das Mitglied Felix Hutt brauchte Facebook längst wie Koffein. Meine Freundesliste wuchs, ich ertappte mich dabei, wie ich in der Mittagspause auf den Nachtisch verzichtete, um mehr Zeit für Facebook zu haben. Ich war mittlerweile drei Monate dabei, hatte fast 200 Freunde und war immer noch überzeugt, dass ich jederzeit aussteigen könnte. Bis mir meine spanische Ex-Freundin eine Freundschaftsanfrage schickte. Wenn ich bejahen würde, würde sie mich sehen können. Ich fühlte mich nackt und bescheuert, renovierte mein Profil, löschte anzügliche Bemerkungen anderer Frauen an meiner Pinnwand und akzeptierte sie dann als Facebook-Freundin.Als ich abends bei einem Glas Wein im Restaurant sass, ständig auf mein Telefon schaute, weil ich auf die Nachricht einer Frau wartete, der ich schon lange nichts mehr zu sagen hatte, da wusste ich, dass ich süchtig war.
So süchtig, dass ich morgens in der Redaktion Facebook auf meinem Computer öffnete, den ganzen Tag erreichbar war, was sich aber nicht als Nachteil herausstellte, weil viele Berühmtheiten ähnlich süchtig zu sein schienen wie ich. Ich traf Prominente, die ich interviewt hatte, Schauspieler, Produzenten, Literaten, Sportler, und vernetzte mich mit ihnen. Bastian Schweinsteiger ist Mitglied, Tommy Haas wurde mein Freund, Mousse T., Michael Michalsky, Herbert Knaup, Catherine Zeta-Jones. Zum Spass fragte ich Naomi Campbell, ob sie meine Freundin werden wolle, kurz vor Weihnachten antwortete sie mit Ja, liess mich in ihr Netzwerk. Ihr Profil, Backstage-Fotos von den Defilees, ihre Status-Updates, alles echt: Naomi und Felix sind Freunde!

Kraft der Gemeinschaft

Per Suchmaske kann man bei Facebook wie bei Google Namen eingeben, egal wen, und erfährt nach einem Klick, ob die Person bei Facebook ist. Auf diese Weise traf ich viele Menschen wieder, die ich aus den Augen verloren hatte. Ein Freund aus dem College ist jetzt Bademeister in Santos, Brasilien, ein anderer leitet eine grosse Steuerkanzlei in Darmstadt. Dank Facebook habe ich heute wieder Kontakt zu meinem ehemaligen Nachbarn David, den ich nicht mehr gesehen habe, seit ich acht Jahre alt war. Er lebt mit seiner Frau und drei Kindern bei den Amish People auf dem Land in Pennsylvania. Facebook wird anscheinend sogar von Gott toleriert, dachte ich mir, dann kann meine Sucht ja keine Sünde sein, oder ist der Heilige Geist selbst Mitglied? Nein, aber dafür mein Banknachbar aus der Grundschule, der nie Jeans tragen durfte und heute Hippie-Literatur und Marihuana in Berlin Kreuzberg verkauft.

Ich muss leider gestehen, dass ich längst Teil dieser virtuellen Realität bin, für die ich anfangs nur Spott übrighatte. Mein kleines globales Facebook-Netzwerk beginnt mir von Nutzen zu sein. Ich finde Informationen zu Personen und Geschichten, zu denen ich recherchiere. Wenn ich reise und wissen möchte, wer ein freies Bett hat oder ein schickes Hotel kennt, bekomme ich brauchbare Antworten. Wenn ich auf einer Party bin und jemanden kennenlerne, gebe ich oft gar keine Visitenkarte mehr, «wir vernetzen uns morgen bei Facebook», heisst es dann. Ich gebe so wenig wie möglich von mir preis, glaube, nur die Vorteile zu nutzen, die offengelegten Informationen der anderen. Ich hoffe, dass ich der smarte Voyeur bin und kein Exhibitionist. Aber, und das ist die Demokratie bei Facebook, das eine funktioniert nur mit dem anderen, man ist Voyeur und Exhibitionist gleichzeitig. Bleibt die traurige Erkenntnis: «Du bist schlimmer als jedes Klischee», sagt Karen in der ersten Folge der US-Serie «Californication» zu Hank, dem Literaten in der Lebenskrise, «sitzt hier rum und googelst dich selber.»

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