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14.01.2009, Ausgabe 03/09

Kommentar

Europameister der Masern

Die Schweiz zählt die meisten Masernfälle in Europa und exportiert sie selbst in die masernfreien Regionen der Welt. Ausgerechnet die Bessergestellten tragen die Schuld daran.

Von Matthias Meili

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Die Zahlen sprechen für sich, aber sie sprechen nicht für die Schweiz. Nirgendwo sonst in Europa sind im Jahr 2007 so viele Masernfälle aufgetreten wie hier. Dies zeigt eine Studie, die letzte Woche in der Fachzeitschrift Lancet veröffentlicht worden ist. «Wir gehören in der Tat zu den Problemländern», bestätigt Ulrich Heininger, Leitender Arzt am Universitäts-Kinderspital beider Basel und Fachmann in Impffragen. Auch in Deutschland, Rumänien, Spanien und Grossbritannien kam es gehäuft zu Krankheitsfällen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte es sich zum Ziel gesetzt, die Masern in Europa bis ins Jahr 2010 auszurotten. Denn die Infektionskrankheit ist eine ernstzunehmende Gefahr — vor allem in Ländern mit deutlich tieferem Entwicklungsstand als in der Schweiz. Noch heute treten jährlich weltweit mehrere Millionen Fälle auf – 200 000 zumeist geschwächte Leute oder Kinder fallen der Seuche in Entwicklungsländern zum Opfer.

Mit Abstand am kränksten

Der WHO-Plan fällt wohl ins Wasser, zumindest wenn man den ernüchternden Ergebnissen der Lancet-Studie glaubt. Darin haben dänische Epidemiologen um Mark Muscat vom Statens Serum Institut in Kopenhagen alle registrierten Masernfälle in Europa der Jahre 2006 und 2007 untersucht. Über 12 000 Fälle wurden gemeldet. An vielen Orten des Kontinents sind noch Masernherde vorhanden, von denen sich die Viruskrankheit wieder ausbreitet. Die grössten liegen in der Schweiz. Im Jahre 2007 wurden hierzulande mit 1040 Masernfällen europaweit am meisten verzeichnet. Vor allem der relative Vergleich schockiert: Auf 100 000 Einwohner gab es in der Schweiz 13,9 Fälle, im ebenfalls noch Masern-betroffenen Deutschland sind es bloss 0,7 Fälle. Wir sind Europameister in Sachen Masern.

Selbst Länder, auf deren Entwicklungsstand wir geflissentlich herabzuschauen pflegen, stehen viel besser da. Die Türkei zählte 2007 drei Fälle, Kroatien null Fälle, Slowenien null Fälle, die Slowakei null Fälle, Portugal null Fälle. «Die Lage hat sich selbst heute noch nicht ganz beruhigt», sagt Virginie Masserey, Leiterin der Sektion Impfungen im Bundesamt für Gesundheit (BAG). «Auch im vergangenen Dezember haben wir wieder 38 Fälle gezählt.»
Masern werden oft zu den Kinderkrankheiten gerechnet. Das bedeutet nicht, dass sie nur Kinder kriegen können – sondern nur, dass die Krankheit derart ansteckend ist, dass sie uns meist schon im Kindesalter erwischt. Die Masern beginnen mit leichtem Fieber, Hüsteln, etwas Schnupfen. Erst nach ein paar Tagen erscheint der typische rotgepunktete Ausschlag, der dann langsam abklingt. Zuweilen gibt es Komplikationen. In 5 Prozent der Fälle tritt eine Lungenentzündung auf, die in seltenen Fällen tödlich endet. Noch gefürchteter sind die selteneren Hirnentzündungen, die in einem Drittel der Fälle tödlich enden. Die einzige wirksame Strategie ist die Impfung, die heute praktisch nebenwirkungsfrei ist und bereits im Kleinkindalter empfohlen wird.
Das epidemiologische Muster zeigt, dass das Auftreten der Masern direkt mit der Impfmoral der betroffenen Bevölkerung zusammenhängt. Über vier Fünftel der erkrankten Menschen waren nicht geimpft. Mindestens 95 Prozent einer Bevölkerung müssen jedoch geimpft sein, um die Erreger in Schach zu halten. In der Schweiz liegt die Durchimpfungsrate seit Jahren bei nur rund 85 Prozent.
Wie effektiv Masern durch konsequentes Impfen zurückgedrängt werden können, beweist die Lancet-Studie eindrucksvoll: In Finnland sind über 95 Prozent der Bevölkerung geimpft — hier wurde 2006 und 2007 kein einziger Masernfall registriert, die Krankheit gilt als ausgerottet. Ähnliches gilt für Slowenien, die Slowakei und Ungarn, wo die Impfung vorgeschrieben ist. Aber auch in Nord- und Südamerika ist das bereits gelungen. Doch jetzt durchkreuzt der reiche alte Kontinent dieses Ziel. Aus Europa importierte Krankheitserreger haben im masernfreien Südamerika bereits wieder zu grösseren Masern-Ausbrüchen geführt. Die Schweiz hat während der Epidemie, die in den letzten drei Jahren über das Land geflutet ist, 25 Fälle exportiert, davon 17 nach Europa, aber auch 7 Fälle auf den amerikanischen Kontinent. Deshalb liegt die Frage nahe, ob nicht ein Impfobligatorium für Masern eingeführt werden müsste.

Sie impfen nicht

Ulrich Heininger ist vom Nutzen der Impfung überzeugt, trotzdem ist er gegen die Zwangsmassnahme: «Das wäre kontraproduktiv.» Denn anders als früher in den USA, wo sich vor allem Menschen aus tieferen sozialen Schichten in Impfabstinenz übten, ist die schlechte Impfmoral in der Schweiz heute ein Phänomen der Elite. Menschen mit höherem Bildungsstand und gutem Einkommen impfen ihre Kinder bewusst nicht oder nur teilweise. Sie wägen ab zwischen einem angeblich «natürlichen» Lebenslauf und den zu bekämpfenden Risiken. Bei Masern schlägt das Pendel offenbar auf die Seite der einkalkulierbaren Risiken – im Gegensatz etwa zu Keuchhusten und Starrkrampfimpfung. Laut Ulrich Heininger kann deshalb davon ausgegangen werden, dass es selbst in der Schweiz nur wenige radikale Impfgegner gibt. «Der Impfzwang im Falle der Masern wäre nur Wasser auf die Mühlen der Impfgegner», sagt Heininger. «Ich bin überzeugt, dass Information und Argumente wirksamer sind.»

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 03/09
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Kommentare

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Miggu,dasKnechtli     16.01.09 22:49

So so, Herr Meili, und der Artikel im "Lancet" verbürgt wohl auch dafür, dass wirklich jeder Fall von Masern in jedem hintersten Winkel der Türkei, Slowakei, Portugal etc. von den Behörden erfasst und registriert wurde. Genau wie in der Schweiz mit der enormen Aerztedichte. Hat doch auch Vorteile, dass wir Masern-Europameister sind, oder? Der "Lancet" ist ein angesehenes Publikationsorgan - es wurde auch noch nie behauptet, die Zigeuner Osteuropas seien gegen Masern geimpft ...

goody     15.01.09 14:41

"Über vier Fünftel der erkrankten Menschen waren nicht geimpft." D.h. knapp 20% der an Masern erkrankten Menschen waren gegen Masern geimpft. Diesen Sachverhalt genauer zu untersuchen wäre interessant...

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