Der Start ins neue soziale Leben beginnt auch in der Schweiz mit einem möglichst vorteilhaften Profilbild aus der Serie «Als ich noch dreissig Kilo leichter war». Dieses Profilbild hört meistens Bands, die nie im Radio gespielt werden, und führt ein aufregenderes Leben als Hanni und Nanni auf dem Pferdehof. Das Profil gibt sich gern politisch und ist gegen den Gaza-Krieg, die Wirtschaftskrise und dieses CO2-Dings. Zusätzlich hält sich das Profil mit den online gestellten Best-of-Ferienfotos stets an den schönsten Orten der Welt auf und freut sich in der Statusmeldung seit drei Tagen «aufs Snööööbe i dä Flumserberg». Doch wie überall auf der Welt ist die Person hinter dem aufregenden Facebook-Profil meist eine ganz andere.
Naiv, wer denkt, dass keiner die Chance nutzt, seine Schokoladenseite in einer Ferrero-Rocher-Goldkugel anzupreisen. Die Wirklichkeit ist hässlich genug: SBB, UBS und Credit Suisse haben aus Sicherheitsgründen ihren Mitarbeitern den Zugang auf Facebook gesperrt. Damit trennen diese Grossunternehmen offiziell das Facebook-Profil vom Menschen dahinter. Während das virtuelle Profil nämlich 220 Facebook-Freunde hat und eine Menge Spass mit «Funwalls» und «Coolest friends request», muss die ungeliebte Schwester des Profils ein tristes Arbeitsleben führen. Schwester deshalb, weil in der Schweiz fünf Prozent mehr Frauen als Männer ein Facebook-Profil haben.
Wo Mädels sind, da schleichen früher oder später auch liebestolle Jungs rum und nutzen die Gunst der meist späten Stunde, sich auf Bildschirmdistanz dem Weibchen anzunähern. Vielleicht mit einer «Sexiest person»-Anfrage oder einfach, indem man diese Person «anstupst». Das «Anstupsen» ist auch virtuell eine kindische Art, auf sich aufmerksam zu machen. Meist harmlos, im Fall von SF-Moderator Dani Beck (1197 Freunde) problematisch. So schaffte er es als «Anstupser» der Nation im Blick unlängst zum ersten Facebook-Skandälchen, als sein Profil gesperrt wurde.
Interaktives Donnergrollen
Denn Extrem-Anstupser haben den virtuellen Ächtungsgrad eines Exhibitionisten auf dem Kinderspielplatz. Reuig bekundete er im Blick: «Immer wenn ich verwarnt wurde, habe ich aber aufgehört.» Ganz anders dagegen Klubbesitzer Carl Hirschmann. Eben noch der Designer-Jammerlappen in der SF-Doku «Der Match», ist er mit sagenhaften 4254 Freunden eine Art Facebook-Sonnengott. Hoffentlich rufen ihn nicht alle gleichzeitig an, falls er in schlechten Zeiten mal einen Freund braucht.
Keine Freude an Facebook haben vor allem Prominente. Für Moderatorin Eva Camenzind hat Facebook «etwas Voyeuristisches», wie sie gegenüber dem Blick mitteilte. Ausgerechnet jene Eva Camenzind, die den Ringier-Verlag so ziemlich jeden privaten Schritt öffentlich dokumentieren liess. Tatsächlich ist es für Prominente schwierig, ihre Position als Nabel der Welt zu verteidigen, wenn sich Facebook-Gruppen gegen sie formieren. «Eva Camenzind ist doof!!» zählt 21 Mitglieder, während die Facebook-Gruppe «Eva Camenzind Fans» nur 3 Mitglieder hat: Reto, Adrian und Thomas.
Im selben Unbeliebtheits-Verhältnis outen sich mehr Facebook-User zum Statement «Holt Sven Epiney vom Schirm!» (127 Mitglieder) als «Sven Epiney Lovers» (48 Mitglieder). Es muss hart sein, wenn man plötzlich feststellt, dass man gar nicht so beliebt ist, wie man den Heftli immer erzählt hat. Facebook ist gnadenlos. Vor allem zu Sepp Blatter. Der Fifa-Boss ist bei Fussballfans unbeliebter als ein Stadionverbot: Davon zeugen die vielen Schmach-Gruppen wie «Sepp Blatter is a cock» (2754 Mitglieder) oder «Fuck off Sepp Blatter» (975 Mitglieder).
Die meisten Facebook-Gruppen sind aber positiv und wecken im Schweizer den ureidgenössischen Wunsch, mit Gleichgesinnten sofort einen Verein zu gründen. Die meisten Gruppen wie «Freunde des Alpaufzugs im Appenzell des ausgehenden 17. Jahrhunderts» (76 Mitglieder), «Ich will auch wie Roger Köppel im Editorial gemalt werden» (23 Mitglieder) oder «Thurgauer können nicht Auto fahren!» (761 Mitglieder) verfolgen keinen Zweck. Andere Gruppen wiederum, wie die medial berüchtigten Botellóns, dienen ganz harmlos zur Verabredung von Gleichgesinnten an einem Ort. Was dort passiert, ist nicht mehr virtuell.
Und wie auf jedem Misthaufen früher oder später ein Champignon wächst, dauerte es auch nicht lange, bis es eine «Miss Facebook Switzerland 2008» gab, die wie alle anderen Miss-Wahlen in zerplatzten Träumen und zweifelhaften Schlagzeilen von gesellschaftlicher Irrelevanz endete. Problematischer wird’s, wenn des Volkes Zorn zu einem interaktiven Donnergrollen avanciert. Die Facebook-Gruppe «Bye Bye Billag: Volksinitiative gegen überhöhte Billag-Gebühren» (26 137 Mitglieder) wird zu einem echten Stachel im Hintern der SRG. Denn gestärkt durch die Facebook-Resonanz, wird noch dieses Jahr eine Volksinitiative lanciert.
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