-A  A  A+
07.01.2009, Ausgabe 02/09

Bolivien

Aufruhr in den Anden

Der «indigene Sozialismus» des Präsidenten Evo Morales verzückt die Drittweltlobby. Bolivien droht unter der Rassen- und Klassenpolitik des ehemaligen Koka-Gewerkschafters und vermeintlich ersten Indio-Präsidenten auseinanderzubrechen.

Von Alex Baur

«Wo wäre dieses Land, wenn die Unternehmer nicht wären?»: Fabrikbesitzerin Marinkovic.

Anzeige

Da steht sie also, die «Oligarchin», breitbeinig zwischen riesigen Getreidesilos, die Arme in die Hüften gestützt, auf den Lippen ein halb spöttisches, halb trotziges Lächeln. Es war nicht einfach, Jasminka Marinkovic dieses Treffen abzuringen. Sie ist misstrauisch. Und dies ist nicht erstaunlich. Marinkovic und ihre drei Geschwister gehören zu den reichsten Bolivianern, und sie sind obendrein weiss. Keine guten Voraussetzungen, seit Präsident Evo Morales vor drei Jahren in La Paz das Kommando übernommen hat. Kaum ein Tag vergeht ohne präsidiale Drohgebärde gegen die «Oligarchen», die an allem Möglichen schuld sein sollen: steigende Preise, Komplotte gegen die Regierung, Kooperation mit dem Feind, dem «Imperium». Jasminkas Bruder Branko gehört zudem zu den bekanntesten Oppositionsführern im Land.

Nach mehreren Absagen erklärte sich die Oligarchin wenigstens bereit, uns durch eine ihrer Fabriken im Parque Industrial am Rand der Millionenstadt Santa Cruz zu führen. Aceite Rico präsentiert sich als Musterbetrieb: eine moderne, vollautomatisierte Produktionskette in herausgeputzten Hallen, die von Arbeitern in adretten weissen Overalls und obligatem Plastikhelm überwacht wird. Die Patronin scheint jeden der fünfhundert Mitarbeiter ihres Betriebs mit Namen zu kennen, der Umgang ist freundlich und zeugt von gegenseitigem Respekt. Die rund 250 Dollar, die ein ungelernter Arbeiter hier monatlich verdient, mögen bescheiden anmuten. Doch sie liegen deutlich über den landesüblichen Löhnen. Wer hier einen Job gefunden hat, bleibt in aller Regel.
In der Fabrik der Marinkovics wird Soja zu Speiseöl, Hühnerfutter und Lecithin verarbeitet. Den jährlichen Umsatz von rund 100 Millionen Dollar erzielt sie vor allem mit dem Export. Ein moderat tropisches Klima und grosse Fincas, die meist mehrere tausend Hektar umfassen und maschinell bewirtschaftet werden, prädestinieren die Gegend im bolivianischen Tiefland für den Anbau von Soja. Die weisse Bohne hat zum Wohlstand der Millionenstadt Santa Cruz beigetragen, die heute als unumstrittene Wirtschaftsmetropole Boliviens gilt.
Der Marinkovic-Clan besitzt neben der Sojafabrik Beteiligungen an allen möglichen Unternehmen, darüber hinaus Zehntausende Hektar Weide- und Ackerland, Privatfluzeuge und Liegenschaften in aller Welt. Seine Sprösslinge studieren an den besten Universitäten in Amerika, Europa und China. Was obszön anmuten mag in einem Land, wo Arbeiter sich mit einem Monatslohn von 200 Dollar privilegiert wähnen. Und das wäre es wohl auch, wenn die Dinge so simpel wären, wie Presidente Morales behauptet: dass nämlich die einen so reich sind, weil die andern so arm seien. Jasminka Marinkovic sieht es gerade anders herum: «Wo wäre dieses Land, wenn die Unternehmer nicht wären?»
«Nach 500 Jahren Ausbeutung durch eine kleine, weisse und importierte Elite ist die Zeit gekommen, dass das bolivianische Volk sein Schicksal in die eigenen Hände nimmt» – erklärte Evo Morales, nachdem er im Dezember 2005 einen klaren Wahlsieg errungen hatte. Mit dieser Botschaft konnte der angeblich «erste Indio» im Präsidentenpalast von La Paz auch weltweit punkten. Morales passt in die Bilder, die nicht zuletzt dank den Bettelbriefen von Hilfswerken weltweit tief in den Köpfen sitzen: karge Hochebenen, Lamas, koloniale Kirchen, bitter arme, aber stolze Indianer in bunten Trachten. Doch sagt dieses Panorama, das auch die Kulisse für den neusten Bond-Streifen abgibt, kaum mehr über das Land als ein Heidi-Film über die Schweiz.
Tatsächlich lebt heute mehr als die Hälfte der Bolivianer im Amazonasbecken, wo drei Viertel des Bruttosozialproduktes generiert werden. Santa Cruz ist eine panamerikanische Stadt mit grosszügigen Parks, Avenidas, Fast-Food-Lokalen an jeder Strassenecke, riesigen Plakatwänden; eine Megapolis mit Wolkenkratzern, gigantischen Shopping-Malls und Schulen, vor denen jeden Morgen ein Verkehrschaos herrscht, wenn die Mütter der Mittel- und Oberschicht ihre Kinder im Offroader zur Schule chauffieren. Für diese Millionen von Menschen, die im Bolivien des Evo Morales nicht existieren, bedeutet seine Botschaft bestenfalls einen Rückschritt in eine Vergangenheit, die sie längst überwunden glaubten.

Brutale Inka-Tyrannei

Die Rückbesinnung auf die indianischen Wurzeln ist nicht neu in den Anden. Die mythische Überhöhung der Inka-Kultur wurde schon von den spanischen Chronisten (zur Steigerung des eigenen Ruhms) zelebriert und von den Caudillos der republikanischen Epoche (nach Bedarf) übernommen. In Wirklichkeit war die Inka-Herrschaft eine dekadente und brutale Tyrannei auf einem primitiven kulturellen und technologischen Niveau. Die Conquista war zweifellos eine blutige Angelegenheit, doch sie stand keineswegs am Anfang der Unterdrückung. Vielmehr verboten die spanischen Kolonialherren mit den «Leyes de las Indias» die Versklavung der durch eingeschleppte Krankheiten arg dezimierten Indianer schon nach wenigen Jahren. Anders als die Kolonialherren im Norden vermählten sich die Konquistadoren gezielt mit Inka-Prinzessinnen und schufen so eine Schicht von Mestizen, die den Landadel stellten.

Mit der Glorifizierung des Indio-Erbes baut Evo Morales auf eine gängige Geschichtsklitterung der nationalistischen Militärdiktaturen des letzten Jahrhunderts. Doch die Inkas sind für Bolivien kaum bedeutender als die Gallier für das heutige Frankreich. Was als vermeintlich indianische Kultur hochgehalten wird, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Vermächtnis der Kolonie. Ein anschauliches Beispiel dafür sind die buntbestickten Röcke und graziösen Hüte der Frauen im Hochland: Die vermeintlich «typischen» indianischen Accessoires sind in Wirklichkeit spanische Landtrachten aus dem 16. Jahrhundert.
Nichts Neues ist auch der «Sozialismus des 21. Jahrhunderts», den Morales von Hugo Chávez und Fidel Castro übernommen hat und der nun in der Verfassung verankert werden soll, über die am 26. Januar abgestimmt wird. Das umfangreiche Grundgesetz, das in seiner Präambel einen Bruch mit der «kolonialen, republikanischen und neoliberalen» Vergangenheit postuliert, verspricht dem Bürger eine allumfassende Versorgung von der Wiege bis zur Bahre: Wasser, Telefon, Gesundheit, Renten, Ernährung, sogar ein Recht auf «menschliche Wärme» für Veteranen und Kinder garantiert der neue Staat jedem Bolivianer. An Versprechen fehlte es noch nie in der Geschichte Lateinamerikas, an «völlig neuartigen Modellen», die allesamt im wirtschaftlichen und sozialen Fiasko endeten.
Noch ist im bolivianischen Alltag wenig zu spüren von der Revolution. Verstaatlicht wurde bislang lediglich die Förderung fossiler Brennstoffe. Die Propaganda der Staatssender gegen verantwortungslose Journalisten und die historische Erfahrung legen jedoch nahe, dass in einem nächsten Schritt die Medien an der Reihe sind. Die Enteignung von Latifundien ist bislang nicht mehr als eine Drohung geblieben. Doch im prosperierenden Tiefland regt sich erbitterter Widerstand. Fünf von neun Departementen haben nach erfolgreichen Volksreferenden, die von der Regierung allesamt für illegal erklärt wurden, ihre Autonomie ausgerufen. Anhänger der Regierung versuchten die abtrünnigen Städte mit wilden Streiks zu blockieren. Bei Strassenschlachten kam es in den letzten Monaten immer wieder zu Toten.

Koka bedeutet Kokain

Wenn Evo will, kann alles aber plötzlich sehr schnell gehen. Als Anfang 2007 die Preise für Nahrungsmittel weltweit anstiegen, liess Morales per Dekret über Nacht alle Agrarexporte stoppen. Für Jasminka Marinkovic war die Order aus La Paz eine Katastrophe. Während der Liberalisierung in den 1990er Jahren hatte sie Millionenbeträge in ihre Sojafabrik in Santa Cruz investiert. Der bolivianische Markt ist für die Dimension ihrer Produktion viel zu klein. Doch ausgerechnet, als Marinkovics Investitionen endlich Früchte trugen, verlor sie von einem Tag auf den andern praktisch ihren gesamten Absatzmarkt.

Zwar lockerte Morales das Exportverbot nach wochenlangem Feilschen wieder. Die Agrarindustriellen mussten sich im Gegenzug verpflichten, die Preise für den nationalen Markt künstlich tief zu halten. Ein Kompromiss mit fatalen Folgen: Während die Exportprodukte unter dem Regime korrupter Funktionäre tagelang am Zoll auf ihre Zertifizierung warten, blüht der Schmuggel mit dem verbilligten Speiseöl in die Nachbarländer. In Bolivien selber ist das Sojaöl deshalb knapp geworden, so wie Poulets, Zucker oder Propangas. Wer diese Produkte, die das Land im Überfluss produziert, zum offiziellen Preis kaufen will, muss mit leeren Regalen rechnen – oder Schwarzmarktpreise zahlen. Konsumenten und Produzenten haben das Nachsehen, den «Mehrwert» sacken Zwischenhändler und Funktionäre ein. Das war schon beim Sozialismus des 20. Jahrhunderts nicht anders.

Noch konnte die Staatskasse letztes Jahr schwarze Zahlen schreiben. Das lag zum Teil an den bis vor kurzem noch hohen Rohstoffpreisen. Vor allem aber hatte es damit zu tun, dass Fabriken, Farmen und Minen nicht einfach abgebaut und in ein besseres Land gezügelt werden können. «Trotz schlechter Erträge lassen wir unsere Maschinen auf Hochtouren laufen», sagt Marinkovic trocken, «wir holen raus, was noch rauszuholen ist.» Das führte kurzfristig sogar zu einem scheinbaren Wachstum. Doch weil kein Investor so verrückt ist, in Bolivien neu zu investieren, ist das Ende der Blase absehbar. Die Rechnung zahlt die nächste Generation.

Der Schmuggel hat eine lange Tradition in Bolivien. Evo Morales selber, der als Anführer und Funktionär der mächtigen Koka-Gewerkschaft politisch Karriere machte, ist letztlich ein Produkt des Schwarzmarktes. Denn Koka bedeutet auch in Bolivien in erster Linie Kokain. Die Tradition des Koka-Kauens (übrigens auch diese ein Erbe der Kolonie; unter den Inkas war Koka dem Adel und dem Klerus vorbehalten) ist heute in den Anden etwa noch so verbreitet wie der Brissago-Stumpen bei den Schweizer Bergbauern. Über neunzig Prozent der in den Anden geernteten Kokablätter werden zu Paste und später zu Kokain verarbeitet. Und das nicht nur für den Export. Die Killerdroge ist mittlerweile auch hier ein gravierendes soziales Problem.

Evo Morales, der wendige Demagoge

Morales behauptet, der Koka-Anbau sei eine alte indianische Gewohnheit und diene nur dem Eigengebrauch. Diese Lüge ist symptomatisch für den Werdegang des Politikers, der hemmungslos auf falsche Mythen, Propaganda und die Macht des Mobs baut. Anfang 2002 schien der Mann moralisch und politisch am Ende. Eine Gruppe von Koka-Syndikalisten hatte damals bei einer Auseinandersetzung um illegale Plantagen fünf Soldaten sowie einen Polizeioffizier gelyncht. Gewerkschaftsführer Morales entging als geistiger Anführer der Täter dank seiner parlamentarischen Immunität nur knapp dem Gefängnis. Doch der wendige Demagoge kehrte den Spiess um und lancierte eine Kampagne gegen den US-Botschafter im Land, der die wahre Verantwortung für das Blutvergiessen trage. Die Masche verfing.

Nach jenem Erfolg war Evo Morales nicht mehr zu bremsen. Der Koka-Gewerkschafter zog auch 2003 bei der Blockade von El Alto die Fäden, die der Autor dieser Zeilen zum Teil vor Ort miterlebte und die das Land ins Chaos stürzte. Während fast zweier Jahre blockierte eine relativ kleine, aber gutorganisierte und extrem gewalttätige Gruppe von Morales- Anhängern die Strassen von El Alto, einer Armensiedlung am strategischen Haupteingang zur in einem Kessel liegenden Kapitale La Paz, und legte das ganze Land lahm. Der Mob hungerte die Stadt buchstäblich aus und stürzte schliesslich den gewählten Präsidenten, indem er den Regierungssitz stürmte.
Der Anlass des vermeintlich spontanen, in Wirklichkeit nach allen Regeln der Kunst orchestrierten «Volksaufstandes» war nachgerade anachronistisch. Es ging um eine geplante Erdgaspipeline, die nebst angeblich zu günstigen Konditionen für internationale Investoren über chilenisches Territorium führen sollte. Doch der (vorwiegend hellhäutige) Chilene, das bekommt jeder Bolivianer schon in der Schule eingetrichtert, ist seit der schmachvollen Niederlage im Salpeterkrieg (18791883), als das Land seinen Zugang zum Meer verlor, der natürliche und ewige Erzfeind. Deshalb durfte kein bolivianisches Erdgas über chilenischen Boden fliessen.
Evo, der Brandstifter, präsentierte sich 2005 als Retter der Nation. Auf internationaler Ebene konnte der Koka-Gewerkschafter vor allem auf zwei Verbündete bauen: auf den venezolanischen Caudillo Hugo Chávez mit seinen Petro-Millionen und auf die internationalen Hilfswerke, die im Hochland neben dem Staat der wichtigste Arbeitgeber sind und massiv für Morales Partei ergriffen. Die Branche feierte die Wahl des vermeintlich ersten Indio-Präsidenten in Bolivien als Sieg ihrer Klientel, der Unterdrückten und Entrechteten.
Nun kann man sich fragen, ob Morales, der, wie die meisten Bolivianer, weder Ketschua noch Aymara noch sonst eine Indianersprache beherrscht, überhaupt ein Indianer ist. Ein Mestize ist er zweifellos, doch Mestizen waren in Bolivien seit je an der Macht beteiligt. Das benachbarte Peru wurde bis 2006 von Alejandro Toledo regiert, der mindestens so sehr oder so wenig ein Indio ist wie Evo Morales (und ebenfalls aus ärmlichen Verhältnissen stammt). Nur wurde der liberale Harvard-Ökonom Toledo nie als Indianer wahrgenommen. Toledo hat es auch stets vermieden, die Rassenkarte auszuspielen. Mit gutem Grund. Die Rassenfrage droht Bolivien heute zu zerreissen.
Silvio Marinkovic kam wie viele Zuwanderer nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtling aus Kroatien mit leeren Händen nach Santa Cruz. Jasminkas Vater hatte nach seiner Version mit Titos Partisanen gegen die Deutschen gekämpft und war nach dessen Machtübernahme in Ungnade gefallen (die Regierung Morales, die einen eigentlichen Propagandafeldzug gegen die Marinkovics führt, behauptet, er hätte mit den Nazis kooperiert). Der Agraringenieur baute im unerschlossenen Dschungel als einfacher Farmer mit viel Fleiss und Entbehrung eine Farm auf, die er schliesslich mit einer kleinen Ölsiederei verband. Das war die Grundlage einer Erfolgsgeschichte, wie es sie in Amerika zu Tausenden gibt.

Zugewanderte sind fast alle

Wenn Santa Cruz heute eine blühende Millionenstadt ist, so ist dies vor allem Pionieren wie Marinkovic zu verdanken. Von der Zentralregierung hatten die Menschen in der Provinz nie etwas zu erwarten. Der Not gehorchend, rauften sie sich in Kooperativen zusammen und bauten in Eigenregie von der Kehrichtabfuhr über die Wasser- und Stromversorgung bis hin zu den Strassen die gesamte Infrastruktur der Stadt auf. Erst seit sich Santa Cruz zum wirtschaftlichen Zentrum des Landes entwickelt hatte, interessierte sich die verarmte feudale Mestizen-Aristokratie von La Paz für die Provinz. Sie wollen teilhaben am Reichtum, der im Tiefland des Ostens in den letzten drei Jahrzehnten erwirtschaftet wurde. Darum, und nur darum dreht sich letztlich alles.

Es ist, als sei die Zeit in der feudalen und kolonialen Welt der «Kollas», wie die Bewohner des Hochlandes um La Paz genannt werden, stehengeblieben. Die «Gambas» dagegen, die Bewohner des Tieflandes, haben den Sprung in die Moderne geschafft. Hier zählt nicht mehr Rasse und Herkunft, sondern Leistung und Erfolg. Denn Zugewanderte sind sie fast alle: strohblonde Mennoniten, kupferbraune Guaraní-Indianer aus dem Chaco, Altnazis und Juden aus Deutschland, die Araber waren schon früher gekommen, nach dem Untergang des Osmanischen Reiches (weshalb man sie bis heute Turcos nennt), die Chinesen kamen mit dem Bau der Eisenbahnen. Die letzte und grösste Einwanderungswelle erfolgte aus dem Inland. Nach dem Niedergang des traditionellen Bergbaus in den Anden zogen Scharen von Ketschuas und Aymaras nach Santa Cruz. Seither gibt es zwar auch in Santa Cruz Armenviertel. Aber auch Arbeit. Und Aussicht auf sozialen Aufstieg.
Die rassistischen Anspielungen auf die weisse Hautfarbe der «Oligarchen» in Morales’ Reden suggerieren, dass Leute wie Jasminka Marinkovic keine richtigen Bolivianer sind. Aber ist Jasminka weniger Bolivianerin nur weil sie reich und weiss ist? Immerhin ist sie hier geboren. Die Marinkovics haben niemandem etwas weggenommen, als sie sich in Santa Cruz ansiedelten. Jasminka verbrachte ihre frühe Kindheit auf einer abgelegenen Finca. Ihre ersten Gespielinnen waren die Kinder der Landarbeiter. Im Gegensatz zu Evo Morales, dem vermeintlichen Indianer, versteht sie die Sprache der ansässigen Guaranís. Und man kann sich höchstens fragen, warum sich die Marinkovics nicht schon lange ins Ausland abgesetzt haben. «Weil ich mich hier zu Hause fühle», sagt sie lapidar, «und frei.»

Che Guevaras letztes Abenteuer

Wer die Argumente der Evo-Partei Movimiento al Socialismo (MAS) in Santa Cruz hören will, wendet sich am besten an deren lokalen Exponenten, den Psychiater Osvaldo Peredo. Peredo empfängt uns in seiner Praxis in einem mittelständischen Wohnviertel. An den Wänden hängen Bilder, auf denen neben Ernesto «Che» Guevara seine Kampfgefährten Inti und Coco Peredo zu erkennen sind. Sie erinnern uns daran, dass Guevara vor vierzig Jahren in Santa Cruz sein letztes Guerilla-Abenteuer lancierte. Ausgerechnet in Santa Cruz. Inti und Coco Peredo, Osvaldos Brüder, waren seine engsten Begleiter und starben an seiner Seite.

Osvaldo Peredo ist ein Kind des Kalten Krieges. Wie viele Sprösslinge des südamerikanischen Kleinbürgertums seiner Generation hatte er in der Sowjetunion studiert. Die marxistische Lehre hat für ihn unverändert Gültigkeit. Was die High Society von Santa Cruz keineswegs daran hindert, sich ihre Neurosen bei Peredo kurieren zu lassen. Osvaldo Peredo hat sich äusserlich der Zeit angepasst. Er weiss auch, was Europäer gerne hören. «In den Händen einer Indianerin wird Mais zu einer wunderbaren Tortilla», sagt er, «George Bush macht daraus Diesel.» Oder: «In Bolivien bauen wir Malls für die Reichen, in Kuba Schulen und Spitäler fürs Volk.» Oder: «Für indígenas ist das Gleichgewicht mit der Natur wichtiger als das Streben nach Konsum, das unseren Planeten zerstört.»
Das klingt gut und ist doch meilenweit von der Realität entfernt. In Bolivien wird Mais weder zu Treibstoff noch zu Tortillas verarbeitet, kostenlose Schulen und Spitäler gehören auch in Lateinamerika längst zum Standard, und auch in Bolivien redet nur von Umweltschutz, wer es sich leisten kann. Doch draussen in den Blechhütten am Rand der Stadt, und mögen sie noch so ärmlich anmuten, schauen sich auch die Indianer lieber die neuste Folge von «Dr. House» oder eine brasilianische Novela an als die volkspädagogischen Programme des Staatssenders. Sie träumen von glänzenden Autos oder wenigstens einem Big Mac, der auch in Bolivien heute an jeder Strassenecke zu haben ist. Und niemand wird sie an diesem Traum hindern können.

Der Mob hungerte La Paz buchstäblich aus und stürzte schliesslich den Präsidenten.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 02/09
Link veroeffentlichen aufTwitterFacebookdel.icio.usFolkdLinkaARENAMister WongWebnewsYahooMyWebYiggItgoogle.comWeitere via addthis.com

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

Login        Registrierung

Manipulierter Propagandakritiker     25.01.09 11:15

@taxilomax: Vielen Dank für den Hinweis auf den NZZ-Folio-Artikel. Ein Vergleich zwischen dem Beitrag zur Kokapflanze und dem BigMac-Artikel erklärt Einiges. Tja, damals war Alex Baur halt noch ein „freier Journalist“….

Ich lade Sie gerne mal auf ein Bier ein, taxilomax, dann könnten wir weiter über die politische Situation in Bolivien plaudern. Bin zwar nicht zu hundert Prozent mit Ihren Ansichten einverstanden, doch Ihre Postings haben mehr Substanz und Informationsgehalt als der Artikel des hauseigenen Möchtegern-Lateinamerika-Erklärers der WeWo, welcher normalerweise als Inlandredakteur über derart weltbewegende Themen wie Schlumpf, Schmid & Nef schreibt.

Übrigens: Man lese den Lebenslauf von Alex Baur ( Taxilomax     22.01.09 14:12

"Nach Angaben der staatlichen peruanischen Kokagesellschaft Enaco kauft die Coca-Cola-Company jährlich gegen 1000 Tonnen Kokablätter ein, wobei die Firma Stepan Chemical als Abnehmerin vorgeschoben wird. Coca-Cola hüllt sich da in Schweigen. Offenbar widerspricht es den Regeln der «political correctness», das mittlerweile wieder verteufelte Blatt auch nur zu erwähnen."

"Bereits 1914 wurde das Kokain per Gesetz aus den Coca-Cola-Flaschen verbannt. Das Kokablatt ist trotzdem bis heute Bestandteil des wie ein Gralsgeheimnis gehüteten Erfolgsrezepts geblieben."

(aus: Koka, Coke, Kokain, Die wechselvolle Geschichte der Kokapflanze. Von Alex Baur) für NZZ Folio 06/95

Taxilomax     21.01.09 16:05

"...verlautet lassen, dass er ein Gringo sein, und diese nicht bolivianischen Land erwerben bzw. besitzen können..."

wenn das zutrifft, dann muss man ja nicht weiter darüber diskutieren. er hätte einen bolivianischen mittelsmann seines vertrauens beauftragen müssen. so wie ich es in ecuador gemacht habe.

"...in Camiri auf ehrlichen Wege Land erworben hat..."

dann wars halt dummheit, welches sich ihm in den weg stellte.

"...amtlich beglaubigte Besitzurkunde..."

die hilft dann ja auch nicht weiter.

"...Herr Larsen welcher sich zur Zeit auf der Flucht in die Vereinigten Staaten befindet..."

eigentlich müsste er ja in bolivien sein und seinen anspruch

buerger01     21.01.09 15:16

-CAMIRI- In der Stadt Camiri wurde am heutigen Tag der US-Amerikaner Larsen zwangsenteignet.
Herr Larsen welcher vor über vierzig Jahren nach Bolivien gezogen ist und in Camiri auf ehrlichen Wege Land erworben hat, liegt schon seit über einem Jahr mit der bolivianischen Regierung um Evo Morales im Streit.
Der Grund ist, dass auf seinem Land vor kurzem eine neue Erdölquelle entdeckt worden ist, es wurde aber nie von Regierungsseiten versucht, Herrn Larsen mit einer finanziell Entschädigung entgegen zukommen, viel mehr hat der Vizeminister Álvaro García Linera verlautet lassen, dass er ein Gringo sein, und diese nicht bolivianischen Land erwerben bzw. besitzen können. Herr Larsen besitzt aber eine amtlich beglaubigte Besitzurkunde für sein bis zu 400ha großes Land.

Manipulierter Propagandakritiker     14.01.09 22:17

„Die Marinkovics haben niemandem etwas weggenommen, als sie sich in Santa Cruz ansiedelten.“

Ganz sicher? Und wie steht’s mit den Forderungen von Vertretern der Guarayo-Organisation COPNAG, welche von Jasminka Marinkovic und ihrem Ehemann Ländereien zurückfordern, die illegal erworben wurden. Alles nur Lügen?

„Der Mob hungerte die Stadt buchstäblich aus und stürzte schliesslich den gewählten Präsidenten, indem er den Regierungssitz stürmte.“

Doch es fällt kein Wort zu den so wahnsinnig friedlichen, legalen und unrassistischen Methoden der Opposition im Tiefland. Schon mal was gehört von der „Unión Juvenil Cruceñista“, Herr Baur? Und von den Übergriffen auf „cambas“, die nicht auf der Linie der „cívicos“ liegen? Alles nur Lügen?

Di

Manipulierter Propagandakritiker     14.01.09 22:13

„Osvaldo Peredo ist ein Kind des Kalten Krieges“

Wenn ich den Artikel so lese, habe ich den Eindruck, dass nicht nur Herr Peredo in den Zeiten des Kalten Krieges stehen geblieben ist – ein Eindruck, der ziemlich oft bei der Weltwoche-Lektüre aufkommt. Im Baurschen Bolivien scheint man eindeutig die Schafe von den Böcken scheiden zu können. Auf der einen Seite die Rückständigen und Primitiven, auf der anderen Seite die fleissigen und ehrbaren Bürger.

Vielleicht hat Garnelen-Baur die Inspiration für diesen Artikel hauptsächlich im neuen Bond-Streifen geholt. Dort kämpft 007 (Branko Marinkovic?) gegen einen skrupellosen General (Evo?), der sich Bolivien mit Hilfe des „bad guys“ (die „Drittweltlobby“?-wer auch immer das sein mag) aneignen will.

Auf

Taxilomax     14.01.09 21:18

Nachdem im Mai 2008 das Militär und die Opposition in Santa Cruz keine Einigung in Sachen Putsch erzielen konnten - Morales wurde über das Treffen informiert und hat beim Militär - Freddy war der Name des Generals - interveniert - war die Abstimmung über die Autonomie ein Strohfeuer ohne weitere Konsequenzen.

Der gewollte Startschuss (Abstimmung) für den Putsch mit Hilfe des Militärs zur sog. 'Rettung der Einigkeit des Landes' war damit ein Schuss ins Leere. Der Frust lässt auch heute noch verschiedene Kräfte nicht zur Ruhe kommen (siehe unten und oben).



@buerger01

in den 50er Jahren wurde das Wahlrecht auch den Analphabeten und Frauen gegeben, welche mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachten. Seitdem hat jede Regierung die

Freddy     14.01.09 17:21

Leider herrscht jetzt in Bolivien eine Partei die alle Grundrechte missachtet, wir haben keinen Kongress, keine Grundgesetztrichter, keine unabhängige Justiz, sogar die Wahlbehörde ist unter ihrer Kontrolle. - Die Wahlergebnisse werden gefälchst, genau wie in Venezuela. In Bolivien herrscht ein gut organisierter NARKO-TERRORISMUS - alles geht zu grunde, nur der Kokahandel blüht.
Bolivianische Verbündete? Venezuela, Kuba, Ekuador, Nicaragua, IRAN, HAMAS, HITZBOLAH

Freddy     14.01.09 16:55

Endlich ein Artikel dass die Wahrheit sagt. Natürlich ist nicht alles 100% richtig, CAMBAS oder GAMBAS spielt keine grosse Rolle.
Bolivien ist kein ANDEN-STAAT sondern ein AMAZONAS-STAAT. Über 70% Boliviens ist TIEFLAND und kein HOCHLAND wie alle glauben und in etwa 5 Jahre mehr über die hälfte der Bevölkerung wird im TIEFLAND wohnen, wo schon jetzt etwa 2/3 des Inlandprodukts hergestellt werden.
Was die Welt nicht weiss ist dass in Bolivien seid etwa 50 Jahren in jedem Departament (Kanton) regionale CIVIC RIGHTS MOVEMENTS existieren die alle gegen die Zentralregierung in La Paz kämpfen.
Diese MOVEMENTS sind die eigentlichen gegner des politischen Regimes und wollen jetzt AUTONOMIE für jeden Kanton und so wie die Sache aussieht, wollen diese MOVEMENTS jetzt nicht nu

buerger01     13.01.09 17:19

@Taxilomax

zunächst einmal muss man den doch recht gut geführten Propagandafeldzug des Evo loben.
Die Medien haben ihn zur Macht verholfen.

Abgesehen davon ist er ein recht guter Demagoge.
Noch nicht so giftig wie Chavez aber doch recht gewandt...

Dann muss man sagen das der MNR, AP... die Kandidatenauswahl missglückt ist.
Nicht weil diese unfähig waren sondern weil wir, auch in Bolivien im Medienzeitalter leben. >>>Obama

Die Autonomiebewegung kann man sehr gut verstehen, wenn man miterlebt wie in La Paz missregiert wird.
Beachten Sie einmal den Unterschied der Polzeistärke in La Paz und in Santa Cruz...

Demokratie ist ja schön und gut. Nur ist die Mehrheit der Wähler von MAS zi

Schnellzugriff  

Mehr zum Thema

Mehr von Alex Baur

alles von Alex Baur

Meist ...

kommentiertgelesen

zu den Top 20
meist kommentiert

kommentiertgelesen

zu den Top 20
meist gelesen

Weitere Autoren

alle Autoren

Stöbern

Ausgaben