-A  A  A+
30.12.2008, Ausgabe 01/09

O-Ton

«Nur für Härtefälle»

Die Besetzer der Predigerkirche fordern «Bleiberecht für alle». Gemeint ist etwas anderes.

Von Alex Baur

Anzeige

Anonymus*: Ja, hallo?

Hallo, hier Baur, von der Weltwoche, ich rufe an wegen des Interviews mit Michael Stegmaier.

Herr Stegmaier ist im Moment nicht erreichbar . . .

. . . wir haben doch eben vereinbart . . .

. . . ja, aber es ist so, dass wir im Moment beschlossen haben, dass nur über die Fälle der Flüchtlinge gesprochen werden soll, das heisst, dass man direkt mit ihnen redet, vielleicht ein Porträt macht oder so. Vom Bleiberecht-Kollektiv gibt es im Moment keine Stellungnahme.

Ich möchte aber im Moment gerade kein Porträt machen. Sondern von den Organisatoren der Aktion wissen, warum sie die Predigerkirche besetzen.

Es gibt dazu ein Pressecommuniqué. Die Weltwoche ist im Übrigen nicht das Blatt, das die Situation der Flüchtlinge so darstellt, dass sie für mich nachvollziehbar wäre.

Wir haben gar nie über Ihre Aktion in der Predigerkirche geschrieben. Ich bitte bloss um eine Klärung. In Ihrem Communiqué fordern Sie ein «Bleiberecht für alle». Das heisst, jeder, der in die Schweiz kommen will, darf hier bleiben?

Nein, das ist ja nur der Slogan unserer Kampagne. Hier in der Predigerkirche geht es um Härtefälle. Menschen, die seit Jahren hier leben, hier integriert sind. Viele arbeiten – aber sie haben keine Papiere.

Dann gibt es auch solche, die nach Ihrer Meinung ausgeschafft werden sollten?

Es geht um Menschen, die hier gestrandet sind, weil sie keine Reisepapiere haben und weil sie von ihrem Land nicht zurückgenommen werden. Die Polizei verhaftet sie jeweils für ein paar Tage, weil sie illegal im Land sind, andere kommen für achtzehn Monate in Ausschaffungshaft. Die Menschen leben in einem Dauerprovisorium und sollen so zermürbt werden.

In einem Dutzend Fälle, die Sie auf Ihrer Website aufführen, habe ich keinen Einzigen gefunden, der achtzehn Monate lang in Ausschaffungshaft sass. Und auch keinen, bei dem präzis erklärt würde, warum hier ein Menschenleben in Gefahr ist. Allen Betroffenen wurde nach einer genauen Abklärung das Asyl verweigert, sie wurden ausgewiesen – doch sie weigern sich, Papiere zu beschaffen und aus der Schweiz auszureisen. So einfach ist das.

Sie verkehren die Dinge. Die Menschen können nicht heimreisen, weil ihre Heimatländer sie nicht zurücknehmen. Für solche Fälle sind im Gesetz Härtefallregelungen vorgesehen, so wie man das bei der Abstimmung zur Asylvorlage versprochen hat. Doch im Kanton Zürich wird diese Regelung fast nie angewendet, nur gerade sechs Mal im letzten Jahr. Anders als etwa im Kanton Waadt. Gegen diese Rechtsungleichheit kämpfen wir.

Die Waadt hat jahrelang überhaupt niemanden ausgeschafft und sich damit über geltendes Recht hinweggesetzt. Auch Sie setzen sich mit Ihrer illegalen Besetzungsaktion über den Rechtsstaat hinweg. Wenn Sie sich schon auf das Recht berufen, dann haben Sie eine ganze Palette von legalen Mitteln, um Ihre Anliegen einzubringen – mit einer Initiative zum Beispiel.

Die Flüchtlinge haben eben gerade keine legalen Mittel, um sich auf politischer Ebene einzubringen, sie können ja nicht einfach eine Initiative lancieren. Wir unterstützen diese Menschen bloss. Das ist nicht eine Aktion irgendeines Komitees. Wenn Sie meinen, dass hier ein paar wenige Aktivisten sind, die Ausländer manipulieren, dann liegen Sie falsch. Diese Aktion wird von den Betroffenen selber organisiert.

Sie weichen aus. Sie setzen sich ja nicht für den konkreten Härtefall X oder Y ein, Ihnen geht es ums Prinzip, Sie fordern globale Lösungen für alle. Und Sie tun das nicht mit legalen politischen Mitteln, weil Sie wissen, dass Sie mit Ihren Anliegen beim Volk keine Mehrheit finden.

Was Sie betreiben, ist reiner Thesenjournalismus. Sie behaupten, wir würden die Menschen manipulieren . . .

. . . man kann es effektiv so sehen. Sie fordern Globallösungen und wecken damit falsche Hoffnungen bei den Betroffenen.

Wenn Sie wirklich wissen wollen, wie es ist, dann kommen Sie hierher und reden Sie mit den Betroffenen selber. Die Leute sind verzweifelt. Es ist legitim, wenn sie sich wehren. Und ich wäre froh, wenn Sie mich nicht zitieren. Aus medienethischer Sicht ist es ganz klar, dass Sie das nicht dürfen, wenn ich nicht will.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 01/09
Link veroeffentlichen aufTwitterFacebookdel.icio.usFolkdLinkaARENAMister WongWebnewsYahooMyWebYiggItgoogle.comWeitere via addthis.com

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

Login        Registrierung

Lohmann     11.01.09 00:42

Meine liebe, allwissende Islam-Expertin Christine, die Christen brauchen zur Ausübung ihrer Religion auch keine Kirchtürme! Trotzdem stehen tausende davon in unserem Land.

Christine     10.01.09 21:56

Lohmann, die Muslime wissen selber am besten, dass sie die Minarette nicht zur Ausübung ihrer Religion brauchen. W i r wissen das ja von ihnen.

".. wir Atheisten das Ganze unvoreingenommener, sachlicher und weniger emotional betrachten und beurteilen." iiiuuhh grins ;-)

Christine     10.01.09 21:50

Hallo, lieber Franz, auch Dir und S. im Nachhinein alles Gute für 2009 !

Schlemihl     10.01.09 21:18

@staunender:

1. Das Geschah NACH der völkerrechtswidrigen Besetzung der Palästinensergebiete durch Israel und dem jahrzehntelangen israelischen Siedlungsbau auf Palästinensergebieten!

2. Alle Kritiker von Israel als Antisemiten und Antizionisten zu bezeichnen ist unakzeptabel!

3. Was hat das mit dem Minarettbau in der Schweiz zu tun???

staunender     10.01.09 18:00

Ach ja, hier ist noch einer den ich nicht verstehe:
http://eussner.net/artikel_2009-01-09_22-43-13.html

Und das verstehe ich auch nicht:
http://www.pi-news.net/2009/01/hamas-schiesst-wieder-aus-schule/#more-36314

Aber jemand kann mir das alles sicher erklären???

staunender Franz

staunender     10.01.09 17:50

Hallo Forums- Gemeinde und alles liebe im neuen Jahr!

ABER;
Irgendjemand soll versuchen mir das zu erklären:
http://de.youtube.com/watch?v=i08L09V0_sg

Jeanna / Eleonora, das war VOR den neuesten Kriegshandlungen.
Ich begreife es nicht.

staunender Franz

Lohmann     10.01.09 12:56

Jeanna

Möglicherweise liegt es daran, dass wir Atheisten, das Ganze unvoreingenommener, sachlicher und weniger emotional betrachten und beurteilen...

Es ist schon erschreckend wie stark sich die Islamophobie in den letzten Jahren auch in der Schweiz ausgebreitet hat!

Jeanna     09.01.09 21:14

Du bist auch Atheist, Lohmann ? Ich auch.. Und ich empfand es schon mehrfach als ein Paradox sondergleichen, dass ausgerechnet ich als Atheistin schon seit Jahrne gegen diese ganze losgetretene Islamophobie und ihren zum Teil absolut haarsträubenden Auswüchsen aus lauter nichts als Aversionen anschreibe. Du glaubst es nicht, was diesbezüglich hier alles schon verzapft und behauptet worden ist. Von verschleierten Frauen sprach man sogar noch und nöcher von "Totenhüllen" und Frauen die sämtlicher Wahrnehmungssinne beraubt würden. Man muss ja auch keine einzige verschleierte Muslimin persönlich kennen, um zu solchen "Überzeugungen" zu kommen. Aber sachliche Information ist offensichtlich nicht erwünscht, sonst gehen die ganzen schönen Aversionen und "Überzeugungen&qu

Lohmann     09.01.09 20:16

Liebe Christine,

ich selbst bin überzeugter Atheist und halte ganz allgemein nicht viel von Religion. Aber ich akzeptiere alle Religionsgemeinschaften und werte nicht. Leider gibt es im Westen viele Leute, die den Islam für die "schlechtere" Religion als das Christentum halten.

Ich freue mich, weil es ein Zeichen für die Religionsfreiheit (und zur Religionsfreiheit gehört auch die Freiheit keiner Religion anzugehören!!!), für die Rechtsstaatlichkeit und gegen die Islam-Feindlichkeit ist!

Ich finde es merkwürdig, wenn man den Muslime vorschreiben will, was sie brauchen, um ihre Religion auszuüben und was nicht. Das sollen sie doch selbst bestimmen dürfen, solange sie sich an die Gesetze halten, meinst du nicht auch?!

Christine     09.01.09 16:45

Ich nehme an, lieber Lohmann, dass Du stark katholisch bist, angesichts der Freude, die Du diesem Zeichen religiöser Präsenz entgegen bringst, obwohl es natürlich kein Zeichen religiöser Präsenz, sondern nur ein Zeichen von Präsenz ist. Die Religion verlangt es nicht.

Baulich gesehen gefallen mir Türme auch und von daher werde ich sie auch mit Freude beschauen, teile aber Deine Euphorie nur mit einer eher gelassenen Gleichgültigkeit. Was mich noch schier besser dünkt.

Schnellzugriff  

Mehr zum Thema

Mehr von Alex Baur

alles von Alex Baur

Meist ...

kommentiertgelesen

zu den Top 20
meist kommentiert

kommentiertgelesen

zu den Top 20
meist gelesen

Weitere Autoren

alle Autoren

Stöbern

Ausgaben