Die ewigen Buben

Sie sind zwischen dreissig und fünfzig und wild entschlossen, nicht erwachsen zu werden. Ihre Frauen und Freundinnen verzweifeln, die Soziologen rätseln: Will keiner mehr ein Mann werden?

Von Beatrice Schlag

Er sei Berufsjugendlicher, spottete der Kollege im viel zu kurzen Kriegsreporter-Gilet mit den Patronentaschen – er war 33 und Kulturredaktor – schon vor zehn Jahren. Es gibt wenig, was Frauen an Männern mehr entzückt als Selbstironie. Sie fanden ihn alle toll. Etwas albern in seiner jugendlichen Abenteurerkluft, dafür höchst unterhaltsam verspielt. Das Wort «Berufsjugendlicher» war noch kaum verbreitet, die Weigerung erwachsener Männer, sich erwachsen zu benehmen, noch nicht als Massenphänomen erkannt.

«Ich wünschte, meine Freundin würde zufällig schwanger, denn ich hätte gern ein Kind.

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Zehn Jahre später laufen Legionen von Männern zwischen dreissig und fünfzig in zerschlissenen Jeans und übereinander getragenen T-Shirts herum, von Zwölfjährigen in ihrer Kleidung kaum zu unterscheiden. Wer bei Google das Stichwort «berufsjugendlich» eingibt, kann über 15 000 Einträge durchkämmen. Die meisten stammen von Männern. In westlichen Ländern klagen unzählige Frauen im gebärfähigen Alter, dass sie trotz Kinderwunsch und tickender biologischer Uhr keinen Nachwuchs haben, weil ihre Partner sich nicht dazu durchringen können, Familienväter zu werden. Sie fühlen sich noch nicht reif, sich so viel Verantwortung aufzubürden.
«Sind die Männer schuld an der niedrigen Geburtenrate?», fragte die deutsche Tageszeitung Die Welt und zitierte eine Studie, laut der sich 43 Prozent der deutschen Männer zwischen 18 und 39 weigern, eine Familie zu gründen. Im Magazin bekannte Finn Canonica, 42, heute Chefredaktor, «dass meine Erscheinung nur der logische Ausdruck eines Menschen ist, der nie richtig ins Fach der Erwachsenen gewechselt hat».
Dani P. sieht nicht aus wie ein Berufsjugendlicher. Der 35-Jährige trägt keine Turn-, sondern Lederschuhe und lieber weisse Hemden als T-Shirts. Vierzigjährige, die noch immer im Schlabberlook in Szenebars herumhängen, findet er «grauenhaft deprimierend». Für erwachsen hält ihn seine Freundin allerdings mitnichten, und er gibt ihr ohne Vorbehalt recht. «Ich möchte ja den Hebel umlegen, aber ich schiebe es immer wieder hinaus. Wenn meine Freundin etwas von ‹reifer werden› sagt, höre ich nur ‹langweilig werden›. Es weckt sofort den Impuls, über die Stränge zu schlagen, Bier zu trinken, eine Linie Koks zu ziehen, mit Freunden abzustürzen.» Dani wohnt allein in einer kleinen Wohnung, deren Ordnungszustand er als chronisch chaotisch beschreibt. Alle zwei Monate kommt seine Mutter zum Putzen und Aufräumen angereist. Danach ist der Kühlschrank gefüllt, und auf dem Tisch stehen Blumen. «Alle meine Freunde lachen mich aus, aber sie will das tun. Und meine Steuererklärung macht mein Vater.»
Er habe, sagt Dani, mit sich immer eine Abmachung gehabt: bis 30 studieren, viel ausprobieren, reisen, den richtigen Job finden. Bis 35 die richtige Frau finden. Bis 40 Vater sein und ein Kind haben, das am Samstagmorgen auf ihm herumhüpft. Noch hält er sich an seinen Plan. Bis vor einem Jahr war er Single, «der niemandem etwas schuldete». Er studierte, reiste, hatte Sex mit vielen Frauen und hatte Freunde, mit denen er regelmässig und begeistert in irgendwelchen Bars verkam. Als er 30 war, kam das Jobangebot, auf das er gehofft hatte.
Sein Dilemma begann, als er sich verliebte. «Ich wusste, die Frau muss ich packen. Sie ist wunderschön und lieb, die beste, die ich mir vorstellen kann. Dass sie mir intellektuell überlegen ist, gradliniger denken kann, schlagfertiger ist als ich, finde ich cool. Ich habe Ehrfurcht vor klugen Frauen, also durchaus auch Furcht. Aber wenn sie mich am Montag fragt, ob wir uns am nächsten Samstag treffen können, drehe ich durch. Woher weiss ich denn am Montag, was am Samstag ist?»

«Es geht nicht um den Applaus der Frauen. Wer cool sein will, liegt prinzipiell falsch.»

Er hat nicht nur Angst vor dem Verplant-sein, vor der Verbindlichkeit von Terminen. Die Abende mit seinen Freunden sind langweiliger geworden, seit Dani versucht, treu zu bleiben. Er gestattet sich keine Aufrisse mehr. An seinem Verlangen, mit anderen Frauen zu schlafen, hat sich nichts geändert, «auch wenn der Kopf etwas anderes sagt. Aber wenn eine Frau mit Netzstrümpfen ins Tram kommt, kann ich nur noch eins denken.»
Einer seiner Freunde wohnt seit wenigen Wochen mit einer Frau zusammen, weil er sich zu alt fand für die Kneipentouren mit den Kumpels. «Inzwischen darf er nicht mehr kiffen daheim, sitzt neben ihr vor dem Fernseher und langweilt sich. Er hatte diesen grossen Druck, erwachsen zu werden. Jetzt ist er tod-traurig und kommt zum Kiffen zu mir nach Hause», sagt Dani. Die Besorgnis in seiner Stimme ist unüberhörbar.
Die Partnerin eines anderen Freundes wurde vor kurzem schwanger, und der Freund ist jetzt schon nervös, ob er wohl künftig noch die «Simpsons» schauen darf. «Du musst wissen», sagt Dani, «dass uns Homer Simpson heilig ist. Er ist der ewige Bub, der Bier trinkt, fernsieht und abends mit den Kumpels an der Bar sitzt. Er vermasselt ständig alles und hat trotzdem eine Traumfamilie.»

Den Unernst zelebrieren

Danis andere Heilige sind Agent Jack Bauer aus «24» und vor allem «The Big Lebowski», der unwiderstehliche Dude. Mindestens dreissig Mal hat er den Film gesehen, allein und mit den Kumpels. Einer von ihnen kann ganze Abendunterhaltungen einzig mit Zitaten aus dem Film bestreiten. «Der Dude geht den ganzen Tag im Bademantel herum, kifft, trinkt White Russian, spielt Bowling und stiehlt sich vor jeder Verantwortung davon», sagt Dani, «das ist die ultimative Glücksfantasie.» Er selber könne «endlos versacken, Zeitung lesen, fernsehen, trinken. Es geht mir dabei nicht unbedingt gut, aber manchmal ist da keine Energie für mehr.» Dani hat einen hektischen Job und nur selten Acht-Stunden-Tage. In seinem Arbeitsleben verhält er sich durchaus erwachsen, privat will er ein Leben, in dem Verlässlichkeit so selten wie möglich gefordert ist.

Dass die jugendliche Unbeschwertheit anhalten könnte, hält er für eine Illusion. «Vieles beginnt sich zu wiederholen, Drogen, Frauen. Die Songs, die dich zum Weinen brachten, funktionieren nicht mehr. Ich weiss, dass es das Grösste für mich sein wird, wenn ich einmal ein Kind habe. Aber ich müsste mich jetzt für meine Freundin entscheiden, auf mein cooles Leben mit den Kumpels verzichten. Die Vorstellung erschreckt mich. Ich sehe mich eingespurt, eingesperrt, weiss Monate im Voraus, dass wir sonntags mit dem Kind bei den Eltern oder Schwiegereltern sein werden. Ich hab die Kraft nicht, diesen Schritt zu tun. Ich wünschte, meine Freundin würde zufällig schwanger, denn ich hätte gern ein Kind. Aber selber würde ich den Entscheid nie fällen können. Deswegen der feige Wunsch.» Auf die Frage, was in seinen Augen ein Mann ist, antwortet der 35-Jährige: «Einer, der sexuell seinen Mann steht, eine Frau im Bett hat, seine Triebe auslebt, seine Frau tröstet und sie beschützt. Einer, der eine Arbeit hat, die ihm Selbstbe- stätigung gibt, der Fleisch isst und grilliert, der den Unernst des Lebens herstellt und zelebriert.»
Jeder kennt in seiner Umgebung mehr oder weniger junge Männer, die den Unernst des Lebens mit einer Hingabe zelebrieren, die Frauen in völlige Ratlosigkeit stürzt. Diese Männer scheinen nie so glücklich, wie wenn sie mit Kumpels zusammensitzen oder in Videospiele und ins Internet abtauchen. Verbindlichkeiten eingehen, Verantwortung übernehmen, sich für eine Partnerschaft entscheiden, Kinder zeugen – was gemeinhin unter Erwachsensein verstanden wurde, scheint bei immer mehr männlichen Erwachsenen vor allem Beklemmung und Abwehr auszulösen.
Kino und Fernsehen reagierten schnell auf die spasswütigen Bubenmänner. Auf Cary Grant, den König der männlichen Gentlemen, folgte auf der Leinwand eine Generation später Hugh Grant («About a Boy»), der ewig un- erwachsene Charmebolzen, der sich durchs Leben albert. Stars wie John Cusack («High Fidelity»), Seth Rogen («Knocked Up»), Owen Wilson und Vince Vaughn («Wedding Crashers») priesen ein unbekümmertes Leben der Männerfreundschaften, in dem Frauen als durchaus kluge und attraktive Wesen auftreten, deren Geniessbarkeit allerdings begrenzt ist. Denn weibliche sexuelle Lust wird nun fast immer mit der Forderung an den Mann gekoppelt, sich auf sie einzulassen. Was für Frauen eine normale Folge von Verliebtheit ist, erscheint den jugendlichen Männern als lästiger Anspruch. In den neuen Kumpelfilmen in den USA Bromance-(Brother-Romance-)Movies genannt sind Frauen ausserhalb des Bettes vor allem nörgelige Kritikerinnen infantiler männlicher Gruppenrituale, deren dringlichstes Anliegen es ist, den Mann seinen Kumpels zu entfremden. Fernsehserien wie «Seinfeld», «Friends», «Grey’s Anatomy» oder «Entourage» feiern das kollektive Single-Le-ben als Dauerzustand, wo die unverbindliche Wohligkeit im Rudel die Sehnsucht nach Liebe, Familie und Kinder wenn nicht ersetzt, so doch weitgehend überspielt. Für das Sexual- leben muss der One-Night-Stand genügen.
Über die Frage, wieso Männern die Lust am Erwachsensein so gründlich abhanden gekommen ist, zerbrechen sich Soziologen und Psychologen weltweit den Kopf. Sie kommen zu sehr unterschiedlichen Antworten. Trifft die Vermutung zu, dass Jugendliche keinen Anlass sehen, erwachsen zu werden, weil sie das, was am Erwachsensein einst reizvoll schien, bereits als Jugendliche tun dürfen? Hat recht, wer behauptet, die Frauenemanzipation habe die Männer derart radikal um ihre traditionelle Rolle gebracht, dass viele sich für gar nichts mehr entscheiden können ausser die Kumpelrolle? Und wenn ja, warum ist Männern nicht zuzumuten, genauso über ihre neue Rolle in der Gesellschaft nachzudenken, wie Frauen das seit vierzig Jahren tun? «Es geht darum, den Schalter von Passivität auf Aktivität zu kippen und sich nicht zu fragen, wie es wirkt», sagen die Brüder Andreas und Stephan Lebert, Autoren der «Anleitung zum Männlichsein». «Männer kennen ihre Bedürfnisse nicht. Es geht nicht um den Applaus der Frauen. Wer cool sein will, liegt prinzipiell falsch.»

Luftmatratze statt Leistungsansprüche

Nicht die Emanzipation der Frauen sei der Grund für die neue männliche Kindlichkeit, sagen Wirtschaftswissenschaftler, sondern die neuen beruflichen Anforderungen: Kein Mann kann heute einerseits mobil, dauerhaft erfolgreich und finanziell unabhängig sein und andrerseits ein stabiler Familienvater mit einem berechenbaren Lebenslauf, beides einst Gradmesser von Erwachsensein. Das würde zum Teil erklären, warum Männer mit hohem Bildungsgrad deutlich stärker vor familiärer Verantwortung zurückschrecken als weniger Gebildete. Andrerseits verdienen inzwischen viel mehr Frauen mit, was den finanziellen Druck auf potenzielle Väter verringert. Offenbar mit nicht sehr weit reichendem Einfluss auf ihre Familienfreudigkeit.

Einen interessanten Erklärungsversuch des Bubenmann-Phänomens unternimmt der amerikanische Historiker Gary Cross in seinem soeben erschienenen Buch «Men to Boys: The Making of Modern Immaturity». Er vergleicht bei seiner Suche nach Gründen das ideale Männerbild der letzten drei Generationen: Die Vätergeneration, die im Zweiten Weltkrieg eingezogen wurde, die nach Kriegsende geborenen Babyboomers und die auf Reife pfeifenden Bubenmänner von heute.
Cross kommt zum Schluss, dass die wortkargen, strengen Väter der Kriegsgeneration viel zu autoritär waren, um spielerisch mit ihren Kindern umgehen zu können. «Die Maxime ‹Vater weiss es am besten› war damals so untauglich wie heute», sagt Cross, «diese Vä-ter waren mehr Ernährer als Erzieher.» Ihre Söhne waren Teenager, als Rockmusik und Proteste gegen Autoritäten Mitte der sechziger Jahre auch all jene Jugendlichen aufmüpfig zu machen begannen, die sich für Politik wenig interessierten. Der Slogan «Trau keinem über dreissig» holte jeden Teenager ab. Filmfiguren wie Dustin Hoffman als Ben in «The Graduate», die lieber auf der Luftmatratze im Pool lagen, als die Leistungsansprüche der Väter zu befriedigen, wurden zu Vorbildern der Babyboomer-Generation. Und welcher Teenager war gegen die Forderung nach freien Drogen und freier Sexualität?
Westernheld John Wayne, Idol der Väter, «wurde für uns zum Inbegriff des stummen, autoritären, wenig greifbaren Vaters», schreibt Babyboomer Cross, «aber hat meine Generation wirklich etwas dazu beigetragen, den Begriff ‹Männlichkeit› zu modernisieren? Die Männer meiner Generation waren nicht nett zu Frauen, weil sie Gleichberechtigung bejahten, sondern weil sie Angst hatten, als Sexisten beschimpft zu werden. Sie waren energielose Feiglinge. Entweder sie machten ihre Frauen zu ihren Müttern, oder sie blieben bei den Eltern wohnen. Wir haben die Verantwortung des Älterwerdens abgelehnt und bejahten die Vergnügungssucht und den Narzissmus der Jugend. Wir haben das Ideal des neuen Mannes nie erfüllt.»
Wer über die Bubenmänner von heute schimpft, den erinnert Cross an Bill Clinton, Hugh Hefner und George W. Bush und fragt, ob jemand sie je als erwachsen empfunden habe. Der Jugendlichkeitswahn habe mit seiner Generation angefangen. Lösungen zu finden, sagt Gary Cross, sei nicht Aufgabe von Historikern, «aber wir sollten einige Dinge neu angehen. Zum Beispiel die nie zu Ende gedachte Vorstellung einer reifen Männlichkeit, die die Hege der Kinder und die Gleichheit zwischen den Geschlechtern begrüsst.»

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