Literatur

Wenn Schweizer Afrika retten wollen

Lukas Bärfuss hat einen glänzenden Roman über den Völkermord in Ruanda und die Schuld der Schweizer Helfer geschrieben.

Von David Signer

Letzten Herbst meldete sich Theaterautor Lukas Bärfuss unter dem Titel «Warum schweigen die Schweizer Schriftsteller?» im Tages-Anzeiger zu Wort. Er beklagte das Verstummen der Intellektuellen im Land angesichts eines Wahlkampfs, der die britische Zeitung The Independent zur Schlagzeile «Switzerland: Europe’s heart of darkness?» inspiriert hatte. Bärfuss fragte sich, wo die kritische, engagierte Literatur geblieben sei. Es gehe nicht darum, zu den untauglichen, pfeiferauchenden Vorbildern der Vätergeneration zurückzukehren, aber diese Abwendung dürfe auch nicht einfach zum Schweigen verführen. Bärfuss’ ziemlich wirrer Artikel trat eine kleine Debatte los, und dann widmeten sich die heimischen Schriftsteller wieder ihrer kleinen, vertrauten Welt.

Nun hat Bärfuss «Hundert Tage» veröffentlicht, einen Roman über den Genozid in Ruanda, der den Massstäben gerecht werden muss, die der Autor selbst so lauthals verkündet hat. Nun, um es ohne Umschweife festzuhalten: «Hundert Tage» ist engagierte, kritische, politische Literatur im besten Sinne des Wortes, ohne je zur Propaganda oder zum Traktat zu erstarren.

Mit dem Titel «Hundert Tage» ist das Frühjahr 1994 gemeint, als das Minderheitenvolk der Tutsi von den Hutu ausgerottet werden sollte. Zur Erinnerung: Im April 1994 wurde das Flugzeug mit dem ruandischen Präsidenten, dem Hutu Juvénal Habyarimana (in Bärfuss’ Roman «Hab» genannt), abgeschossen. Die Hutu-Power schob den Tutsi die Schuld zu, übernahm die Macht und rief zum Völkermord auf, den sie durch Propaganda, die Verteilung von Macheten und die Organisation von «Arbeitseinheiten» systematisch vorbereitet hatte.

Innerhalb von drei Monaten wurden 800?000 Menschen umgebracht, das waren drei Viertel der Tutsi, aber auch Tausende von gemässigten Hutu. Die exilierten Tutsi in Uganda, die sich zur RPF (Ruandische Patriotische Front) zusammengeschlossen hatten, rückten von Norden her vor, um die Hutu-Power zu stürzen. Mitte Juli 1994 stand das Land unter der Kontrolle der RPF, und zwei Millionen Hutu flohen in das damalige Zaire. Die internationale Gemeinschaft und die stationierten Uno-Soldaten hatten tatenlos zugesehen. «In solchen Ländern ist Völkermord nicht allzu wichtig», bemerkte der damalige französische Präsident François Mitterrand.

Bis 1994 war Ruanda ein Lieblingskind der Schweizer Entwicklungshilfe und insbesondere der damaligen DEH (Direktion für Entwicklungshilfe, im Roman «Die Direktion»). Das kleine, bergige Ruanda wurde auch gerne «die Schweiz Afrikas» genannt.

In «Hundert Tage» ist es der 24-jährige Idealist David Hohl, der in die Hauptstadt Kigali aufbricht, um den Afrikanern schweizerische Tugenden zu vermitteln. Er und seine Kollegen sehen durchaus, wie wenig ihr Engagement eigentlich fruchtet, aber sie versuchen sich gut mit der Regierung zu stellen, um ihre Aufforstungsprojekte nicht zu gefährden. Sie wollen nur das Beste, die engagierten Schweizer, und arbeiten mit ihrer Beflissenheit den Henkern in die Hände.

Schliesslich hat Hohl auch ein schönes Einfamilienhaus mit Garten, einen Dienstwagen und Schäferstündchen mit der abgründig-schönen Agathe. Wer möchte so ein Leben schon eintauschen gegen einen Bürojob und eine Zweizimmerwohnung in Baar oder Olten? «Deshalb gaben wir ihnen den Bleistift, mit dem sie dann die Todeslisten schrieben», heisst es im Roman, «deshalb legten wir ihnen die Telefonleitung, durch die sie den Mordbefehl erteilten, und deshalb bauten wir ihnen die Strassen, auf denen die Mörder zu ihren Opfern fuhren.»

Höfliche Menschen planten den Genozid

Der Genozid in Ruanda war kein Ausbruch atavistischer Mordlust, sondern sorgfältig geplant und organisiert von fleissigen, höflichen und autoritätsgläubigen Menschen, den Schweizern nicht ganz unähnlich. Und es waren genau diese «Sekundärtugenden», welche die 220 Entwicklungsorganisationen fördern wollten, die sich in Ruanda gegenseitig auf den Füssen herumstanden.

Als das Massaker dann losgeht, reisen sie natürlich alle schleunigst ab, in Wirklichkeit und auch in Bärfuss’ Roman. Ausser Hohl, der sich in seinem Garten hinter dem Notstromaggregat versteckt, weil er bei Agathe bleiben möchte, die inzwischen jedoch zu einer Anführerin des Hutu-Mobs geworden ist.

Die Schweiz hatte in Ruanda durchaus Gewicht. Den im Roman «Jeannot» genannten Präsidentenberater gab es. Er hiess Charles Jeanneret und war ein kanadisch-welscher Finanzexperte. Er wurde mit DEH-Geldern bezahlt, schrieb für Habyarimana Reden und führte für das Regime Verhandlungen mit der Weltbank. 1993 wurde er abberufen.

Der deutsche Kritiker Martin Halter vertrat im Tages-Anzeiger in einer unsäglichen Besprechung des Romans die Meinung: «Wenn die Schweiz Afrikas die ‹perfekte Hölle› in sich trägt, kann auch die Schweiz einmal das Ruanda Europas werden.» Ausserdem schrieb er, ganz Experte: «Der Massenmord konnte nur deshalb so laut- und reibungslos exekutiert werden, weil Schweizer Gutmenschen, politisch korrekte Idealisten mit besten Absichten, die Infrastruktur dafür bereitstellten.» Bärfuss selber hat in einem Interview mit der Berner Zeitung diese direkte Kausalität von sich gewiesen. Er sagt: «Ich beschäftige mich mit dem Unmoralischen, weil es zum Menschen gehört.» Und fragt: «Ist Handeln immer besser, als nichts zu tun? Oder gibt es auch ein ethisch richtiges Nichtstun?»

Wenn man allerdings liest, wie sich der Deza-Chef für Ostafrika, Paul Peter, in derselben Zeitung zum Thema äussert, kommt einem die Galle hoch. Zu Jeanneret fällt ihm bloss die Relativierung ein, seine Macht sei viel kleiner gewesen als diejenige der französischen oder amerikanischen Berater. Und: «Seit 1994 hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Man redet deshalb heute von Entwicklungszusammenarbeit statt Entwicklungshilfe.» Papperlapapp. Das ist exakt die Selbstzufriedenheit, die Bärfuss im Buch karikiert. Schon in Ruanda sprach man von Zusammenarbeit. Genau dieses «Zusammen» führte dazu, dass man der Regierung jeden Wunsch von den Lippen ablas. Man wollte ja nicht paternalistisch auftreten.

Perverse Anbiederung der Deza

Hand aufs Herz: Das Entwicklungsbusiness ist ein perverser Markt, zu Zeiten des Genozids wie heute. Nicht die hilfsbedürftigen Länder sind die Bittsteller, sondern die Entwicklungshilfeorganisationen. Sie machen alles, um sich mit der Regierung gut zu stellen und im Land bleiben zu dürfen. Die genau gleiche Anbiederung wie Anfang der Neunziger in Ruanda kann man heute in einem hyperkorrupten Land wie Niger beobachten, wo die Deza beispielsweise die offizielle Sprachregelung einer «Nahrungsmittelkrise» übernimmt, statt die Hungersnot beim Namen zu nennen. Man wolle den guten Draht zum Regime nicht verlieren, heisst es. Man macht sich an Missetaten der Regierung mitschuldig, um dadurch mehr Einfluss auf sie zu gewinnen.

Es gibt inzwischen Tausende Seiten Literatur zu Ruanda. Aber manchmal schafft es die Fiktion mit allen Zuspitzungen besser, einen Sachverhalt auf den Punkt zu bringen, als eine detailgenaue, ausgewogene Analyse. Bärfuss hat die Rolle der Schweizer Gutmenschen in Ruanda erbarmungslos herausgeschält, mit all den verstörenden Spiegelungen zwischen den «Guten» und den «Bösen».

Bei der Lektüre erinnerte ich mich an einen Gefangenen namens Felix, der 1994 seinen Tutsi-Schwager umgebracht hatte und den ich 2003 in Ruanda kennenlernte. Er sagte: «Ich wollte nicht töten. Ich tat es, weil man es mir befahl. Aber ich weiss heute, dass das keine Entschuldigung ist, im Gegenteil.» Er erzählte mir von den Jahren im Gefängnis. «Ich habe jeden Tag zu Gott gebetet. Um Vergebung, nicht um Freilassung.» Am Ende seiner Schilderung fragte er: «Darf ich Ihnen auch eine Frage stellen?» Und dann, unsicher, beschämt über seine Direktheit: «Entschuldigen Sie meine Frage, aber: Die Weissen waren doch da. Warum habt ihr uns nicht vor uns selber geschützt?»

Lukas Bärfuss: Hundert Tage.
Wallstein-Verlag. 197 S., Fr. 35.80

Kommentare

+ Kommentar schreiben

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 

weitere Ausgaben

Login für Abonnenten

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Passwort vergessen?

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Sie sind noch nicht bei Weltwoche online registriert? Melden Sie sich gleich an.

Zur Registrierung

Ihre Vorteile bei Registrierung:

  1. Zugriff auf alle Artikel und E-Paper*.
  2. Artikel kommentieren
  3. Weltwoche Newsletter
  4. Spezialangebote im Platin-Club*
*Nur für Abonnenten der Printausgabe
 

8 Ausgaben
Fr. 38.-

Die unbequeme Stimme der Vernunft.