Herr Eidenbenz, auch Sie wurden vor der Bundesratswahl als einer der möglichen Kandidaten gehandelt . . .
Wer nicht? Wenn man alles hätte glauben wollen, was in den Zeitungen stand, hätte man meinen müssen, es sei gar keine Bun-desratswahl, sondern ein Jekami.
Und Sie persönlich? Wollen Sie wirklich nicht irgendwann in den Bundesrat?
(Eidenbenz lacht lang und laut)
Heisst das ja oder nein?
Sehen Sie, in der Schweiz ist es doch so: Wer in einem Interview offen zugibt, dass er einmal Bundesrat werden will, der wird es nie. Also sagt jeder, der an dem Job inte-ressiert ist, zuerst einmal nein.
Und Sie sagen nein?
Lassen Sie mich doch ausreden! Weil aber jeder, der sich selber irgendwann als Kan-didat sieht, vorsorglich nein sagt, denkt ihr Journalisten bei jedem, der nein sagt, dass er eigentlich ja meint. Und dann wird er es ebenfalls nie.
Man kann in der Schweiz also gar nicht Bundesrat werden?
Gewählt werden fast immer nur die, denen man es nicht zutraut. Und so sieht unsere Regierung denn auch aus. (Lacht)
Sie fordern immer, dass man nicht um den heissen Brei herumreden soll . . .
So richtig heiss wird in Bundesbern schon lang nichts mehr gekocht.
. . . aber bei dieser Frage weichen Sie uns doch aus.
Weil sich die Frage nicht stellt. Der Ueli Maurer ist frisch gewählt.
Mit dem knappsten möglichen Resultat.
Na und? Wenn mein Verein am Schluss der Saison nur wegen dem Torverhältnis Meis-ter wird, dann fragt ein Jahr später auch keiner mehr, ob das ein Tor war oder zehn.
Bleiben wir bei der Politik.
Eben. Der Maurer ist gewählt, und von den andern fünf Bundesräten scheint in den nächsten hundert Jahren keiner an Rücktritt zu denken.
Fünf und eins macht nur sechs. Ich dachte immer, wir hätten sieben Bundesräte.
Sie können eben nicht rechnen. Da sind ein paar dabei, die kann man höchstens als halbe Portionen zählen.
Wen meinen Sie damit?
Wenn Sie das nicht selber herausfinden können, sind Sie als Politikjournalist auf dem völlig falschen Posten.
Herr Eidenbenz, Sie sind jetzt schon dreis-sig Jahre politisch aktiv . . .
Dreissig? Schon mehr als vierzig!
Das geht mit Ihrem Alter doch gar nicht auf.
Meine erste politische Aktion habe ich als Fünfjähriger gestartet. Im Kindergarten hat das Fräulein von uns verlangt, dass wir uns jeden Nachmittag für eine halbe Stunde schlafen legen sollten. Dagegen habe ich eine Unterschriftensammlung organisiert.
Erfolgreich?
Überhaupt nicht. Wir konnten ja alle noch nicht schreiben. (Lacht)
Das war jetzt ein Witz, nicht?
Der grösste Witz sind für mich Leute, die keinen Humor haben. (Lacht) Sie sollten jetzt Ihr Gesicht sehen! Wie der Ospel, wenn er den aktuellen Aktienkurs der UBS anschaut!
Wenn Ihre politische Karriere schon so früh begonnen hat – wussten Sie schon damals, dass Ihr Platz am rechten Flügel war?
Ich bin doch nicht der rechte Flügel. Da, wo ich bin, ist die Mitte.
Aber . . .
Ich kann nichts dafür, wenn die anderen Parteien immer mehr nach links rutschen. Möchten das Ruder auf dem Staatsschiff übernehmen und haben einen total kaputten Kompass.
Sie wollen jetzt aber nicht ernsthaft be-haupten, die FDP oder die CVP seien Linksparteien?
Wenn etwas aussieht wie eine Ente, schnat-tert wie eine Ente und watschelt wie eine Ente, dann ist es höchstwahrscheinlich kein Königstiger.
Und zu welchem Flügel zählen Sie sich in der eigenen Partei?
Zu gar keinem. (Lacht) Machen Sie nicht so ein überraschtes Gesicht! Sie dürfen nicht vergessen: Ich bin nicht nur Präsident meiner Kantonalpartei, sondern auch von einem Fussballklub. Und dort habe ich die wichtigste aller Regeln gelernt: Über die Flügel kann man zwar einen Angriff vortragen, aber die Tore schiesst man immer in der Mitte.
Sehr viele Tore hat Ihre Partei in der letzten Zeit nicht geschossen.
In meinem Verein haben wir schon viele Spiele gewonnen, bei denen wir scheinbar unaufholbar zurücklagen.
Wenn wir jetzt schon auf den Fussball ge-kommen sind – wie sehen Sie die Chancen Ihres Klubs? Werden Sie Schweizer Meister? Und brauchen Sie dazu das Torverhältnis?
Wenn ich die Ergebnisse voraussagen könnte, würde ich jede Woche im Toto gewinnen und müsste nie mehr arbeiten. (Lacht) Aber im Ernst: Wir sind hervorragend aufgestellt. Wir haben ein ausgeglichenes Kader, das einen tollen Saisonstart hingelegt hat. Und wir haben einen Mittelstürmer, um den uns alle anderen Vereine beneiden.
Sie meinen Tom Keita.
Haben Sie im letzten Match gesehen, wie er ganz allein die gesamte gegnerische Abwehr ausgespielt hat? Ich bin immer noch heiser, so laut habe ich gejubelt.
Sie halten es also in Ihrem Verein ganz ähnlich wie schon seit langem in Ihrer Par-tei: Alles ist auf einen Mann ausgerichtet, und wenn der keine Tore mehr schiesst, bricht das ganze System zusammen.
Wir haben viele Leute, die das Zeug zum Kapitän haben.
Meinen Sie jetzt den Verein oder die Par-tei?
Beides. Unsere Gegner werden sich noch wundern.
Ihr Starspieler Tom Keita stammt aus Gui-nea. Ist es nicht ein Widerspruch, dass Sie sich als Präsident eines Fussballklubs auf Menschen mit Migrationshintergrund verlassen, während Sie als Politiker eine eindeutig fremdenfeindliche Haltung einnehmen?
Ich war noch nie in meinem Leben frem-denfeindlich!
Wenn ich Ihnen ein paar Sätze aus Ihrer Ansprache bei der letzten kantonalen Delegiertenversammlung Ihrer Partei vorlesen dürfte . . .
Da ging es um illegale Immigranten! Die sich in einem Lastwagen über die Grenze schmuggeln lassen. Um kriminelle Ausländer ging es! Kriminelle! Menschen, die in unserem Land leben, aber sich nicht an unsere Gesetze halten wollen! Drogendealer und so! Das ist etwas ganz anderes!
Man könnte auch den Eindruck haben, dass Sie jedem Ausländer, der nicht einen Sack voller Geld mitbringt, kriminelle Absichten unterstellen.
(Eidenbenz blättert in seinem Terminkalender) Da müssen mir meine Leute doch glatt etwas falsch in die Agenda eingetragen haben. Von welcher Zeitung kommen Sie, junger Mann?
Von der Weltwoche.
Und da lafern Sie so einen Hafechääs zusammen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Köppel damit einverstanden wäre.
In unserer Redaktion sind die Mitarbeiter politisch völlig unabhängig.
(Eidenbenz lacht lange) Sie haben ja doch Sinn für Humor!
Um auf ein ganz anderes Thema zu kom-men . . .
Wird auch besser sein.
Die Änderung des Bundesgesetzes über Betäubungsmittel ist ja vom Volk angenommen worden . . .
Leider. Es wird nicht mehr lang dauern, dann steht in der Migros neben den Ravioli Heroin im Regal.
Jetzt übertreiben Sie aber!
Ich sage nur: Wehret den Anfängen!
Von Ihnen persönlich hätte man in diesem Zusammenhang eine tolerantere Haltung erwartet?
Wieso?
Dieses Gesetz hat ja für Sie eine ganz be-sondere Bedeutung.
Für mich? Wieso für mich?
Es ist allgemein bekannt, dass Ihre Frau . . .
Lassen Sie meine Frau aus dem Spiel!
. . . seit einiger Zeit wegen ihrer Drogensucht in einer Entzugsklinik . . .
(Eidenbenz schreit) Eine Schmerzklinik! Sie ist in einer Schmerzklinik! Mit Drogensucht hat das überhaupt nichts zu tun.
Man hört das anders.
Woher? Das müssen Sie mir jetzt einmal sagen! Woher beziehen Sie Ihre sogenannten Informationen?
Nun ja, im Internet wird seit längerer Zeit darüber diskutiert . . .
Im Internet! Im Internet wird über jeden Seich diskutiert! Da können Sie auch ein Forum finden, wo alle Leute daran glauben, dass die Erde eine Scheibe ist! Oder dass die Mondlandung überhaupt nicht stattgefunden hat. Aber nur weil sich jemand in seinem Blog irgendeine Verleumdung aus den Fingern saugt, ist es noch lange nicht wahr.
Sie bestreiten . . . ?
Ich bestreite überhaupt nichts.
Sie bestätigen also . . . ?
Weder das eine noch das andere. Weil ich mit Leuten wie Ihnen überhaupt nicht rede.
Sie haben diesem Interview zugestimmt.
Einem Interview, ja. Aber wenn mich jemand unter dem Vorwand eines Interviews nur provozieren will . . . Mit solchen Leuten muss man ganz anders umgehen.
Wie soll ich das verstehen?
Sie können jetzt aussuchen. Was wollen Sie lieber haben? Den Süd- oder den gekröpften Nordanflug?
Ich weiss nicht, was Sie . . .
Weil Sie jetzt nämlich hier rausfliegen. In hohem Bogen.
Aber . . .
Und vergessen Sie Ihr Aufnahmegerät nicht. (Eidenbenz lacht) Schön klein, diese Maschinchen heute. Nicht wie diese umständlichen Tonbandgeräte, die man früher hatte. Und so stabil. Man kann sie auf den Boden schmeissen . . . so . . .
He!
. . . man kann sogar darauf herumtrampeln . . . so . . .
Hören Sie auf!
. . . und sie funktionieren immer noch. Wenn man sie allerdings aus dem Fenster schmeisst . . .
Herr Eidenbenz!
Hoppla, jetzt ist Ihr Spielzeug in meinem Goldfischteich gelandet. Und der ist nicht einmal zugefroren. Wenn Sie danach tau-chen wollen – tun Sie sich keinen Zwang an.
Wie soll ich denn jetzt . . .?
Ihren Artikel schreiben? Machen Sie sich keine Sorgen, den autorisiere ich sowieso nicht. Und beim Köppel werde ich mich auch über Sie beschweren. Mit Nachdruck! Wir haben ja in jedem Heft ein grosses Inserat von meiner Firma drin. Auf das wird er sicher nicht gern verzichten wollen. Gerade jetzt, wo man wegen der Finanzkrise die Inserenten bald mit der Lupe suchen muss. Da verzichtet er schon eher auf Ihre Mitarbeit.
Sie wollen von meinem Chef verlangen, dass er mich . . .?
So etwas würde ich nie tun.
Gott sei Dank.
Ich verlasse mich darauf, dass er selber denken kann. Und entsprechende Konsequenzen zieht.
Herr Eidenbenz . . .
Aber machen Sie sich keine Sorgen! So ein schlaues Kerlchen wie Sie, das jeden Mist glaubt, den irgend so ein Schmierfink im Internet verbreitet, so ein journalistisches Grosstalent wird bestimmt leicht bei einer anderen Zeitung unterkommen. Vor allem, wenn Sie mich als Referenz angeben!
Ich wollte doch nur . . .
Sie wollten nur gehen. Und da will ich Sie auch gar nicht dran hindern. Dort ist die Türe!
Können wir nicht . . .?
Nein, wir können nicht! Und nur, damit das klar ist: Von diesem Interview erscheint in der Weltwoche kein Wort! Nicht ein Wort, ist das klar?













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