Sport

Formel Crash

Angeschlagen durch die Finanzkrise, ziehen sich die Sponsoren aus dem Sport zurück. Formel 1, Fussball, Golf, Segeln werden in den Abwärtsstrudel gerissen.

Von Peter Hartmann

Niki Lauda, narbengesichtiges Orakel der Branche, sieht keine Logik darin, «eine halbe Milliarde Euro zu verbrennen, nur um zwei Autos im Kreise fahren zu lassen». Die Meldung des Rückzugs der japanischen Automarke Honda aus der Formel 1 am vergangenen Wochenende war nur der Anfang. Re- nault und Toyota werden ebenfalls als Ausstiegskandidaten gehandelt. McLaren, der Arbeitgeber des Weltmeisters Lewis Hamilton, schraubt 2009 das Budget drastisch herunter.

Der milliardenschwere Zirkusdirektor Bernie Ecclestone, ein ehemaliger Gebrauchtwagenhändler, versucht seine – für ihn hochprofitable – Hightech-Rennserie, die zu einem Wettbewerb der Tankwarte in der Boxenstrasse degeneriert ist und kaum noch den Nervenkitzel von Rad-an-Rad-Duellen vermittelt, mit Sparprogrammen und vereinfachten Technikreglementen zu retten. Doch vom Untergang bedroht ist die Übermutter, die Autoindustrie. In den USA hängen General Motors, Ford und Chrysler am Tropf des Staates, ihre Verkaufszahlen stürzten im Oktober um 30 bis 45 Prozent ab. Toyota, Honda und Nissan wurden ebenso in den Abwärtssog gerissen wie BMW, Volkswagen, Daimler-Mercedes, Renault, PSA (Peugeot Citroën) und Fiat. Der Fiat-CEO Sergio Marchionne prophezeit düster, dass nach der grossen Krise nur sechs Konzerne übrigbleiben werden – welche, liess er offen.
Die Weltwirtschaftskrise hat den Showsport mit voller Sturmstärke erfasst. Der Golfspieler Tiger Woods, Liebling des Turbokapitalismus, sollte 2010 nach Hochrechnung des Magazins Forbes als erster Sportler die magische Grenze von einer Milliarde Dollar Gesamteinnahmen erreichen – doch jetzt fallen reihenweise Turniere aus. Weltweit fliessen 35 Milliarden Euro ins Sponsoring und Sportmarketing. Doch auch diese Blase platzt.
Sponsoren waren die wahren Herren des globalen Sports. Das Prinzip, einen brandmit einem prominenten Gladiator, mit einer grossen Mannschaft oder einem Event zu verknüpfen, galt als narrensichere Werbestrategie. Lance Armstrong, Tiger Woods, David Beckham, Roger Federer, Cristiano Ronaldo waren oder sind ihre Ikonen. Das Risiko war, wenn schon, der Sportheld, dem der totale Sympathieverlust drohen konnte, etwa durch Enttarnung bei einer Dopingkontrolle, wie der GAU der Deutschen Telekom und ihres Vorfahrers Jan Ullrich bewies. Inzwischen ist der Radsport mit seiner heuchlerischen Dopingmentalität ganz durch den Glaubwürdigkeitsraster gefallen. Auch die Leichtathletik steht unter Generalverdacht. Das Meeting «Weltklasse Zürich» (Sponsor: UBS) mit dem Wundersprinter Bolt erreichte hierzulande weniger als 400 000 Fernsehzuschauer; im Jahr 2000 waren es eine Million gewesen.

Wie lange alimentiert die UBS Alinghi?

Die Macht der Sponsoren mit ihren Werbebudgets und ihren Gunst verteilenden Public-Relations-Apparaten liess den Unterschied zwischen Propaganda und Berichterstattung verschwimmen. Aus den Schweizer Blättern und Kanälen, von der NZZ bis zum Staatssender, quoll 2007 eine nie dagewesene Kam- pagne unterwürfiger Lobhudelei auf den America’s Cup, der einst ein legendenverklärtes Segelabenteuer war und in Valencia vor Cüpli-Logen als Schönwetterereignis stattfand, das bei aufkommendem Wind vertagt wurde – gesponsert von der UBS. Kann die angeschlagene Grossbank, die vom Steuerzahler künstlich beatmet wird, unter politischer Patronage weiterhin den Milliardär Bertarelli und sein Alinghi-Hobby alimentieren? Noch druckst die Chefetage herum.

Von einem Tag auf den andern standen die Stars des Champions-League-Siegers Manchester United ohne das Logo des insolvent gewordenen weltgrössten Versicherers, AIG, in der Arena. Für Manchester United, 1878 als Eisenbahnerklub gegründet, fantasierten die Bilanzierungsexperten von Forbes vor zwei Jahren noch einen Marktwert von 1,5 Milliarden Dollar aufs Papier. ManU ist Privateigentum des 80-jährigen Investors Malcolm Glazer, der das Darlehen zum Kauf – 790 Millionen Pfund – als Schuld auf den Klub überwälzte.
Die Premier League, das vermeintliche Fussball-Eldorado, hat noch vor vier Monaten 650 Millionen Euro für Spielertransfers verschleudert – mittlerweile erreicht der Schuldenstand 3,9 Milliarden, neun Klubs gelten als akut existenzgefährdet. Aston Villa wirbt, mangels eines kommerziellen Sponsors, für ein Kinderspital. Der Oligarch Roman Abramowitsch, der sich 2003 den FC Chelsea als Spielzeug zulegte, hat an der Moskauer Börse 15 Milliarden Euro verloren. Den Kaufpreis für den Klub, rund 800 Millionen Euro, verbuchte er wie die angehäuften Defizite als Schulden – diese Belastungen machen Chelsea praktisch unverkäuflich. Selbst der ruhmreiche FC Liverpool, im Besitz amerikanischer Heuschrecken, sucht dringend Kapital. In Spanien versucht der FC Valencia, der seinen Sponsor durch die Immobilienkrise verlor, mit Spieler-Notverkäufen zu überleben. Sieben Klubs können die Löhne nicht mehr pünktlich oder gar nicht bezah-len. Der FC Barcelona hat den Neubau seines Camp-Nou-Stadions auf unbestimmte Zeit verschoben. In Italien schlägt für die AS Roma die Stunde der Wahrheit – die schlingernde Bank Unicredit drängt auf die Rückzahlung von 365 Millionen Euro Krediten.
Die einzige sichere Einnahme im europäischen Fussballgeschäft bleiben die TV-Verträge – solange sie für die Sender durch Abos und Werbung refinanzierbar sind. Aber auch hier deuten die Zeichen auf Rezession. Das Fest ist vorbei.

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