«Ein Berner Schädel ist nicht fon Plastigg» hiess ein kleiner Bestseller aus dem Jahr 1974. Klein waren auch die Protagonisten dieses Büchleins: Berner Drittklässler, denen ab und zu sonderbare Fragen zu ihrer Heimatstadt vorgesetzt wurden, die sie spontan auf einem Zettel zu beantworten hatten. «Man sagt der Bernerschädel seige hart», schrieb einer der Schüler. Ein anderer ergänzte, die Berner seien «langsamerer alls die andern». Und ein dritter Schüler notierte: «Ein Berner ist so wie ein Bär so ein Taupatsch [Tollpatsch]. Und zum beischpiel die Zürcher sind so Nervös.»
Über keinen Menschenschlag haben die Schweizer eine so klare Vorstellung wie über den Berner. Gmögig, langsam, gemütlich, ungeschickt sollen sie sein – und eben dickschädlig, was die so Bezeichneten gar nicht gross bestreiten. Mit Stolz tragen sie ihre Behäbigkeit zur Schau. Schliesslich steckt dem Berner kein Kopf zwischen den Schultern, sondern ein Gring – ein Grind , wie er im Dialekt heisst.
Wir fragen nach bei Rudolf Strahm (*1943). Der Betriebswissenschaftler, langjährige SP-Nationalrat, Preisüberwacher, Publizist wuchs als Lehrerssohn im Emmental auf. Er kennt den politischen Betrieb. Und wer den Betrieb kennt, kennt auch das Bundesstadt-Biotop. Was, Ruedi Strahm, verbindet eigentlich den Stadtberner mit dem Emmentaler, Oberländer, Haslitaler oder Seeländer? Gibt es so etwas wie eine Berner Identität? «Die Gemeinsamkeit von Bernern aus Stadt und Land», sagt Strahm, «besteht darin, dass sie nicht Zürcher, nicht Welsche und nicht Basler sein wollen. Deshalb sprechen alle vom ‹Brückenkanton› Bern.»
Tatsächlich: Wie der breite Rücken eines Schwingers liegt dieser Kanton quer über der Schweiz. Von den Nordalpen bis zum Jura. Von der Romandie bis zu den Kernlanden der Eidgenossenschaft. An keinen anderen Kanton grenzen mehr Nachbarn: Wallis, Waadt, Freiburg, Neuenburg, Jura, Solothurn, Aargau, Luzern, Obwalden, Nidwalden, Uri. Für Schweizer Verhältnisse wirkt Bern ungemein mächtig – und ist doch nur noch ein Abglanz einstiger Grösse. Napoleon zerstückelte das in seinen Augen zu dominante Bern. 1803 konnte sich die Waadt verselbständigen. An den Retortenkanton Aargau gingen die mehr als dreihundertfünfzig Jahre beherrschten Untertanengebiete um Aarau, Brugg, Zofingen, Lenzburg. 1979 konnte sich schliesslich der nördliche Jura nach heftigen, mitunter gewalttätigen Konflikten abtrennen. Hier tat sich Bern besonders schwer und zeigte ein für viele unverständliches Territorialgehabe.
Aristokratischer und ständischer
Wir Berner. Noch heute fühlt sich Bern wie ein Staat im Staat. In den 26 Amtsbezirken residieren «Regierungsstatthalter», teilweise in prunkvollen Barockbauten aus der Feudalzeit. Hier klingt das Erbe vergangener Zeiten nach, als die Obrigkeit ihre Landesherrschaft mit Verwaltern bestückte, die ihre Gebiete dann als einträgliche Pfründen hielten. Bern war stets etwas aristokratischer und ständischer organisiert als der Rest der Schweiz. Bis heute haben sich Strukturen davon erhalten. Das ehemalige Patriziat, die regierenden Familien, bestimmt noch immer durch die Berner Burgergemeinde die Geschicke des Hauptortes. Die gut 17 000 Mitglieder sind in dreizehn Gesellschaften und Zünfte aufgegliedert. Sie unterhalten Institutionen wie das Burgerspital, die Burgerbibliothek, die Burgerbank oder das Burgerheim.
Die Zähringerstadt Bern wurde regelrecht aus den Steinbrüchen in den Wäldern Ostermundigens gehauen. Der grünliche Sandstein prägt die Postkartenansicht der Altstadt. Heute werden die Blöcke mit hochspezialisierter Technik rausgelöst und nur noch für Renovationsarbeiten verwendet. Hannes Flückiger* führt durchs Gelände des letzten noch betriebenen Steinbruchs. Sein Vater verdiente hier Lohn und Brot, wie viele Ostermundiger. Flückiger junior arbeitet im Forst. Er kommt auf die Bernburger zu sprechen, denen nach wie vor viel Grundbesitz gehört. Für Aussenstehende wirkt das immer so, als ob einer über die Freimaurer oder sonst einen Geheimorden zu erzählen begänne. Es liegt diese Mischung aus Respekt, Furcht und Missgunst in der Stimme. Bei Flückiger überwiegt am Ende doch die Achtung: «Sie tun viel Gutes. Wenn die Bernburger nicht schauen würden, wäre das rot-grün regierte Bern weit schlimmer dran.»
Auch Flückiger erwähnt dieses ominöse Buch, das in Bern eingeschlagen hat wie eine lautlose Bombe. Dabei handelt es sich um eine klobige Doktorarbeit mit über 700 Seiten Umfang. Nicht unbedingt das, was man sich unter einer erfolgversprechenden Skandalschrift vorstellt. «Netzwerke des Konservatismus. Berner Burgergemeinde und Patriziat im 19. und 20. Jahrhundert» heisst die Veröffentlichung der jungen Historikerin Katrin Rieder. Zu reden gaben die Verstrickungen der Burgergemeinde mit der nazifreundlichen Frontenbewegung in den dreissiger Jahren. Das Berner Patriziat war nach seinem dramatischen Bedeutungsverlust empfänglich für dieses autoritäre, völkische Gedankengut. Selbst der Heimatdichter Rudolf von Tavel verfiel jener Schollenrhetorik, um das patrizische Wir-Gefühl zu stärken: «Hier haben unsere Väter gelebt. Diesen Boden haben sie bebaut und mit ihrem Blut verteidigt.» Der eigentliche Tiefschlag gelang der Autorin allerdings mit dem Nachweis, dass der 1968 zum Burgerratspräsidenten gewählte Georges Thormann-Girard gut dreissig Jahre zuvor als Gauleiter der Nationalen Front wirkte.
Wer über Bern spricht, landet unweigerlich in der Vergangenheitsform. Auch dann, wenn Ökonomen um Erklärungen ringen für die wirtschaftliche Rückständigkeit. Auf eigenen Füssen steht der Kanton schon lange nicht mehr. Bern ist zum Bittsteller geschrumpft. Für das Jahr 2009 sollen über den Neuen Finanzausgleich (NFA) netto 861 Millionen Franken in die Staatskasse fliessen. Davon zahlt allein der Kanton Zürich rund eine halbe Milliarde in den Umverteilungstopf. Etwa ein Drittel der Staatseinnahmen stammen vom Bund oder werden über den Bund zugeteilt. Mit diesen Drittgeldern überdecken Regierung und Verwaltung eigene Schwächen: die steuerliche Situation (Bern liegt im hinteren Drittel), das schwache Wirtschaftswachstum (das BIP pro Einwohner hinkt seit zehn Jahren dem schweizerischen Mittel hinterher), das nur spärlich vorhandene Unternehmertum.
Auch Rudolf Strahm muss die Vergangenheit bemühen. Bis und mit dem Ersten Weltkrieg habe sich Bern wirtschaftlich recht dynamisch entwickelt. Die Elektrifizierung begann vor jener in Zürich mit der BLS. Wander, Tobler, Hasler (heute Ascom) gehörten zu den Industriepionieren. Bezeichnenderweise waren jedoch die meisten Gründer Zugewanderte. «Erst mit dem neuen Wahlsystem, als ab 1920 die BGB (Vorläuferin der SVP) das absolute Mehr im Kantonsparlament erreicht hatte, begann eine industrielle Stagnation», führt Strahm seine These aus. «Keine weitern Industrieflächen mehr, keine weitern Eingemeindungen der Stadt Bern mehr nach Bümpliz (1920), Ablehnung des nationalen Flughafens in Utzenstorf 1946 durch die BGB mit der Abstimmungsparole ‹Rettet die Scholle›, starke Ausrichtung auf Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Berggebiete und Tourismus statt auf Industrieförderung.»
Auch der ehemalige Finanzdirektor und Ökonom Ueli Augsburger (SVP) argumentiert historisch. Im Patriziat sieht er den grössten Bremsklotz. Danach ging die Macht aufs Land über. Seither wird der weitverzweigte Kanton mit der grossen Giesskanne befriedet. Jede Region möchte das Gleiche wie die andere. Der Südjura, wo eine weitere Abspaltung droht, wird dabei besonders verhätschelt. «Die Giesskanne könnte den Berner Bär im Wappen ersetzen», spöttelt Augsburger. «Jedem gäng e chli öppis gää.» Es fehle der Mut, mit dieser Verteilkultur zu brechen. Wo die Politik sich als Impulsgeberin versucht, wirkt sich die Zaghaftigkeit besonders drollig aus. So lancierte der Kanton unter der damaligen Volkswirtschaftsdirektorin Elisabeth Zölch ein Programm mit Entwicklungsschwerpunkten. Auch hier sabotierten falsche Rücksichten die guten Ansätze. Oder ob denn mit einem «Entwicklungsschwerpunkt Sumiswald» viel gewonnen sei, fragt Augsburger maliziös.
Augsburger widerspricht Strahms BGB-Analyse. Man könne doch nicht die Berner Bauern für die wirtschaftliche Situation im Kanton verantwortlich machen. Die BGB sei dominiert worden von den Landnotaren und den Agronomen. «Diese haben nur darauf geschaut, an den Drücker zu kommen und von dort an die Staatstöpfe. Die Landnotare haben die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei an die Wand gefahren. Nicht die Bauern.» Darum hingen diese Leute so stark an einem Berner Bundesratsvertreter. Denn dieser garantiert die Geldströme. Als besonders grosszügiger Sponsor erwies sich das Militärdepartement VBS. Nach dem Kandersteger Adolf Ogi übernahm der Seeländer Landnotar Samuel Schmid diese Aufgabe. Nach dessen Rücktritt erhofft sich Augsburger eine Zäsur: «Diese politische Veränderung könnte den Kanton in eine positive Richtung lenken.»
Musterstadt Biel
Dass in Bern auch Fortschritt möglich ist, zeigt Biel. Unter Stadtpräsident Hans Stöckli stieg die Uhrenmetropole wieder zu den wirtschaftlich stärksten Regionen der Schweiz auf. Mit dem Etikett «unternehmerischer Sozialdemokrat» kann der Berufspolitiker (er gehört seit 2004 auch dem Nationalrat an) gut leben. Er sei eben ein Sozialdemokrat, der nicht partout bestehende Strukturen erhalten wolle. Die öffentlichen Finanzen wurden ins Lot gebracht, Steuern gesenkt und die Pensionskasse saniert: «Weil wir das Vermögen auch in Aktien angelegt haben. Der Deckungsgrad ist von 67 auf 95 Prozent gestiegen. Trotz Finanzkrise.» Der Aufstieg Biels liegt nicht allein in der Politik. Für den Boom der Uhrenindustrie kann auch Stöckli nichts. Aber er bot der Wirtschaft Hand und liess einen Nicolas Hayek gewähren, der als Swatch-Patron Weitblick, Selbstmarketing und Unternehmergeist zu einer einmaligen Erfolgsgeschichte verbinden konnte.
Neben der glanzvollen Vergangenheit und all den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Gegenwart: Im Grunde ist der Kanton Bern eine einzig grosse Landschaft. Hier ist das Bauernland Schweiz noch in seiner ganzen arbeitsamen Schönheit zu bewundern. Die stattlichen Höfe im Emmental. Das wildhüglige Gurnigelgebiet. Oder das zwischen Bern und Burgdorf gelegene Krauchthal: eine fast unanständig intakte Idylle. Jakob Ummel lässt die Jodelchöre jubilieren: «Bärnbiet, Bärnbiet, du my liebi Heimat / Schöner, schöner cha s ja niene sy. I ha ging chly Fröid gha dranne, dass i o ne Bärner bi.» Bern ist bekannt für seine Troubadoure, Liedermacher, Komponisten. Auch die jüngere Schweiz hat mit Berndeutsch wieder gelernt, in Mundart zu singen. Züri West liefert seit zwanzig Jahren zuverlässig die Hintergrundmusik für die Generation der Fast-Glücklichen, Beinahe-Erfolgreichen, Nicht-ganz-Erwachsenen. «Mit dir wott i alt und fett und glücklich werde.» Schweizerischer kann man seine Liebe nicht erklären.

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