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03.12.2008, Ausgabe 49/08

MvH

Krise, aber nicht meine

Unser Kolumnist fährt in eine Stadt, in der man eigentlich die letzten Menschen treffen sollte, die noch Geld ausgeben.

Von Mark van Huisseling

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Vergangene Woche war ich in Moskau. Es fand ein Event mit Namen «Millionaire Fair» statt. «Als Eventbesucher von Berufs wegen weiss man, dass zum Beispiel auf sogenannte Model-Partys keine Models gehen, sondern junge Männer, die meinen, sie könnten ein Model mit nach Hause nehmen», stand vor kurzem in der Weltwoche. Ich fuhr trotzdem an die sogenannte Millionärsmesse. Ich meine, welchen Journalisten geht es schon etwas an, was er vor Wochen geschrieben hat?

Das «International Exhibition Center Crocus Expo» befindet sich im Nordwesten der Stadt, der Flughafen Domodedovo im Südosten – en route lernt man, dass es auf Schweizer Strassen im Verhältnis wenig Verkehr und nie Stau gibt. Zwei Stunden später parkte der Fahrer vor dem Expo Center; der Hyundai Sonata fiel nicht ab, vermutlich waren die anderen Millionäre auch mit dem Zweitauto der Nanny gekommen. Am Eingang warteten ziemlich viele Leute. Die Frauen hatten Skijacken, Hosen und Stiefel an und über dem Arm ihr Kleid in einer Hülle aus durchsichtigem Plastik (Moskau, leichter Schneefall, 0 Grad) – es soll nie mehr einer sagen, diese Millionärsbräute seien high maintenance. Ich nahm den Oligarcheneingang, so sah es aus, man musste nicht anstehen. Die Halle war dann fast menschenleer. Aber das hatte man antizipiert, falls man schon einmal in einem Nachtklub war.
«Russlands Superreiche stürzen sich in einen Luxusrausch. Unter dem Motto ‹Zeit für Superhelden› setzen die Organisatoren der Millionärsmesse darauf, dass die Reichen die Wirtschaft retten.» Das kam nicht von MvH, sondern von SDA, einer Nachrichtenagentur. Ich hoffe, man merkt es, nicht nur weil der Satz angeführt ist (und sprachlich nicht sehr gut). Auch weil er nicht stimmt. Ich habe niemanden gesehen, der als Superreicher durchgehen würde. (Dafür Mädchen, die auf «Model» machen und meinen, sie fänden einen Superreichen.) Das Warenangebot war ebenfalls nicht the real deal: Bei einem Autohändler gab es beispielsweise einen Ferrari F430, in «Stealth-Optik» (matte Farbe), sieht okay aus, doch wenn Superreiche einen Ferrari kaufen, dann einen Zwölfzylinder (Achtzylinder sind für Zahnärzte). An einem anderen Stand wurde ein Riva Aquariva gezeigt, ein sympathisches Boot (löst bei mir Erinnerungen an vergangene Sommerferientage vor Antibes aus) – Superreiche könnten es eventuell als Tender brauchen.
Am nächsten Tag hatte ich einen Tisch im «Turandot», «wo die High Rollers speisen» (New York Times) und die Barock-Inneneinrichtung 50 Millionen Dollar kostet. Es war eine Art «La crise n’existe pas»-Erfahrung – ausser MvH gab es in dem Restaurant noch zwei weitere Gäste. (Plus ein Fernsehteam, sie brauchten vermutlich Bilder für einen Beitrag über die Krise.) Die anderen Gäste, nebenbei, bestellten auch Menü 1 (stand nicht so auf der Karte, aber der Entwurf stimmt): Salat, Lammkoteletts, Profiteroles (100 Franken, ohne Getränke). Im GUM, einem edlen Einkaufszentrum (Wikipedia) am Roten Platz, konnte ich keinen finden, der etwas kaufte. Und an den Hochhäusern von «Moscow City» (Russlands höchste Türme, grösste Baustelle) wird «vorübergehend» nicht gearbeitet – Wladislaw Doronin, ein Immobilienentwickler, mit dem ich ein bisschen bekannt bin und der einmal drei Milliarden Vermögen gehabt haben soll, ist zurzeit nicht flüssig angeblich. (Ich weiss auch nicht mehr, er antwortete nicht auf meine E-Mail.)
On the bright side: Man geht noch immer aus.Im Klub «Kitchkock» war es um 23.00 Uhr schon schwer reinzukommen. Ich musste die «Wissen-Sie-wer-ich-bin?Ein-Starjournalist-in-der-Schweiz-bin-ich»-Zeile bringen lassen von einer, die Russisch spricht. (Interessant: Bei uns und in anderen Städten Europas bleibt man damit draussen – man könnte ja etwas sehen und darüber schreiben.) Vor dem «Champurin», der neusten Adresse, war bis 03.00 Uhr grosser Andrang (wieder «Wissen-Sie-wer-ich . . .»). Und beim russischen Modedesigner Denis Simatschow («der Kultclub», Standard, eine Zeitung aus Wien) gab ein Einziger – ein ukrainischer Oligarch, hiess es – Champagner und Austern aus für sein Ge- folge. Nicht trotz, sondern wegen der harten Lage, vermute ich. Er sah nicht glücklich aus.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 49/08
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