«Die EBK vermochte weder die Verlustgeschäfte zu beurteilen noch deren Risikopotenzial zu erkennen.» Heinz Müller
Die EBK hat auf ganzer Linie versagt
Nr. 48 – «Chronik eines Sündenfalls»; Claude Baumann über die UBS
Mitverantwortlich für das Finanzdesaster sind neben den Funktionären der Bank gleichermassen die Eidgenössische Bankenkommission und die gesetzlichen Kontrollorgane (Konzernprüfer und obligationenrechtliche Revisionsgesellschaft). Das zuständige Departement lobte zwar in den vergangenen Jahren die Kompetenz der Bankenkommission über den grünen Klee. Fakt ist aber: Im Falle der Finanzkrise hat die EBK – und damit ein staatliches Kontrollorgan – auf der ganzen Linie kläglich versagt. Die in diesem Gremium tätigen «Fachleute» waren offensichtlich überfordert. Sie vermochten weder die Geschäfte, die bei den Grossbanken zu den grossen Verlusten geführt haben, zu beurteilen noch deren Risikopotenzial zu erkennen. Die «schlecht» bezahlten Kontrolleure der staatlichen Bankenaufsicht sitzen im Vergleich zu den ein Vielfaches mehr verdienenden und an den besten Hochschulen ausgebildeten Top-Bankern am kürzeren Hebel. Auch EBK-Chef Daniel Zuberbühler, der sich als braver Jurist und Bürokrat beim Bund hochgedient hat, gehört dazu. Schwerer wiegt dagegen, dass die Konzernprüfer der UBS, Ernst & Young, noch am 6. März 2008 in ihrem Revisionsbericht bescheinigten, die Konzernrechnung für die vergangenen drei Jahre vermittle «ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild der konsolidierten Vermögenslage». Der Spruch auf deren Homepage «When our people achieve their best, so do our clients» verkommt so zu blankem Hohn. Anfang März 2008 sind die Probleme mit den Subprime-Papieren – vor allem in den USA, wo Ernst & Young überall tätig ist – und damit der Verlust von Dutzenden von Milliarden bei der UBS bereits manifest geworden. Ein Revisionsmandat bei der UBS spült Ernst & Young einen zweistelligen Millionenbetrag in die Kasse. Die grossen Revisionsgesellschaften werden nicht müde, in Inseraten und im Internet ihre grosse Fachkompetenz zu rühmen. Die Fälle Omni Holding, Spar- und Leihkasse Thun, Swissair und jetzt UBS zeigen indes ein anderes Bild.
Heinz Müller, Meggen
Mit Recht wird Alfred Schaefer von Claude Baumann als grösster Schweizer Banker des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Allerdings war er ein «Bankier», denn Schaefer hatte ein gesundes Misstrauen gegenüber der amerikanischen Interpretation des Bankgeschäftes und einer unkontrollierten Internationalisierung seiner Bank. Von Filialen in den USA hielt er nicht viel und warnte sogar davor. Schaefer wurde 1941 bereits mit 37 Jahren Generaldirektor einer Schweizer Grossbank, 1953 Präsident der Generaldirektion, und von 1964 bis 1976 war er Präsident des Verwaltungsrates der SBG (Schweizerische Bankgesellschaft). Er legte die Grundsteine, welche die SBG zur grössten und erfolgreichsten Vermögensverwalterin weltweit machten. An diesen Honigtöpfen labten sich dann um die Jahrtausendwende andere. Er hatte auch persönlich grosse Interessen auf kulturellem Gebiet. Sie waren nicht gespielt und beschränkten sich nicht nur auf das grosszügige Ausfüllen eines Checks für Sponsoringgelder aus den Schatullen der Bank. Schaefer war eben nicht nur «gut», er war der Beste und prägte in den drei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg die Schweizer Bankenlandschaft führungssicher mit Instinkt und Stil für das Machbare. Man wünscht sich solche Persönlichkeiten zurück in die Chefetagen vieler Schweizer Banken.
Robert U. Vogler, Baden
Zwei Widersprüche
Nr. 48 – «Das pädagogische Abc»; Peter Keller über modische Erziehungsschlagwörter
Überaus treffsicher, das «pädagogische Abc» und dazu höchst ergötzlich. Nur muss ich in zwei Punkten widersprechen. Erstens ist es für begabte Schüler schwer zu ertragen, wenn sie von ideologisch-pädagogisch verformten Lehrern zu langen Stunden der Langeweile gezwungen werden. Und zweitens ist die «Chancengleichheit» in dem Sinne nicht mehr modisch, als sie schon seit Dezennien in Soziologie und Bildungswissenschaften herumgeistert. Vor beinahe zweihundert Jahren hat Carl von Clausewitz zum Thema bemerkt: «Viel grösser ist der Nachteil, der in dem Hofstaat von Terminologien, Kunstausdrücken und Metaphern liegt, den die Systeme mit sich schleppen und der wie loses Gesindel [. . .] sich überall umhertreibt.» Fast könnte man meinen, er habe damals schon die Sprache der heutigen Bildungs-«Experten» im Auge gehabt.
Urs Oswald, Zürich
Defizitäres Demokratieverständnis
Nr. 48 – «Wahlkampf»; Roger Köppel über Blochers Bundesratstauglichkeit
Im zweiten Abschnitt seines Editorials rezitiert Roger Köppel einige SVP-Glaubensformeln, die so nicht unwidersprochen bleiben dürfen: «Blocher ist fähig, deshalb darf er nicht gewählt werden. So funktioniert in der Schweiz die Demokratie.» Solch einfältige Sätze erinnern zu sehr an Blocher-Bruder Gerhard. Gab es nicht schon viele fähige Bundesräte? Und wurde jemals einer deswegen abgewählt? Und wie funktioniert in der Schweiz die Demokratie? Es war doch gerade das Defizit an urschweizerischem Demokratieverständnis, das das Parlament bewog, diesen Ex-Bundesrat nicht mehr weiter zu wählen. Alle sind sich einig, dass die SVP als relevante Kraft in den Bundesrat zurück soll. Weil aber ein einziger davon (wahrscheinlich) nicht gewählt wird, werden gleich alle (also auch die SVP-) Kandidaten als «angehende Machtverwalter» betitelt, was ein peinlicher Bumerang ist.
Richard Hehl, Bern
Es war eine Wohltat, Roger Köppels Kurzanalyse der gegenwärtigen Situation bezüglich Politik, Staat, Banken und Wirtschaftskrise zu lesen. Prägnanter könnte das aktuelle «Schweizer Cabaret» nicht umschrieben werden. «Muss das Verhältnis von Mensch und Staat neu überdacht werden?», ist eine der Fragen, welche Köppel stellt. Was sicher überdacht werden muss, sind die Strukturen von Regierung und Politik, denn es kann nicht sein, dass Bundesratskandidaten, deren Gedankengut durch vieljähriges Wirken auf höchster Regierungsebene allseits bestens bekannt ist, kurz vor der Wahl noch zu einem Hearing verpflichtet werden, wie dies momentan die SP und die CVP mit Blocher und Maurer tun. Diese Art von Machenschaften vergiften das Verhältnis von Mensch und Staat und zerstören die Demokratie. Somit stellt sich die berechtigte Frage: «Wird unsere Demokratie von verantwortungslosen Politikern demontiert?»
Jack Leuzinger, Hätzingen
Blocher wird nicht gewählt werden, weil er seit Jahrzehnten in massgeblichen Positionen und schliesslich deplatzierterweise sogar als Bundesrat nicht nur eine ultranationale und ultrakonservative, sondern darüber hinaus eine auch für breite bürgerliche Kreise unerträgliche sozial- und ökozynische Politik vorantrieb. Ferner weil er – um nur eine seiner unzähligen Flegeleien zu erwähnen – zumindest sinngemäss die gesamte, ihm nicht gewogene politische und kulturelle Elite dieses Landes als «Gutmenschenmafia» und «Moralguerilla» verhöhnte.
Felix Renner, Zug
Zeitgemässe Familienpolitik wird benötigt
Nr. 48 – «Tendenz zur Gleichschaltung»; Philipp Gut über HarmoS
Ob die Bildungsvorlage HarmoS zu mehr Chancengleichheit führt oder die Eltern aushebelt, darüber kann man mit guten Argumenten auf beiden Seiten geteilter Meinung sein. Als Fachfrauen für die ersten Lebensjahre der Kinder sehen wir tagtäglich in den Alltag von Familien. Was wir sehen, lässt uns immer mehr erschaudern: In zunehmend mehr Familien können die Eltern ihre Erziehungs-aufgabe nicht mehr wahrnehmen oder sind überfordert. Soll der Staat seine Hände in den Schoss legen und an die Erziehungsverantwortung der Eltern appellieren? Sehenden Auges in Kauf nehmen, dass wir viel Geld ausgeben für «Feuerwehreinsätze», wenn die Katastrophe bereits ausgebrochen ist? Welch zynische Haltung, hier mit Handeln zu warten, bis die Kinder auffällig, krank oder kriminell geworden und später als Folge davon wieder abhängig von staatlicher Fürsorge sind! Ein verstärktes Coaching der Eltern ab Geburt der Kinder ist deshalb dringend notwendig, denn die Grundlagen für ein selbstverantwortliches Leben werden in den ersten Lebensjahren gelegt. Wenn die Kinder mit vier oder fünf Jahren in den Kindergarten kommen, haben sich die Symptome oft schon stark verfestigt und manifestiert. Entsprechend teuer sind dann auch die Massnahmen, sei es in der Schule, im Gesundheitswesen oder bei der Polizei. Es gibt keine einfachen Rezepte, und auch HarmoS allein wird noch nicht genügen. Vielmehr muss sich auf politischer Ebene die Erkenntnis durchsetzen, dass es eine Gesamtsicht braucht, also eine zeitgemässe Familienpolitik mit Massnahmen in der Arbeitswelt, in der Bildung, bei den Sozialleistungen und im Lebensalltag. Hier setzen wir als Mütterberaterinnen an – und das mit Erfolg seit hundert Jahren mit der Dienstleistung der Mütter- und Väterberatung.
Rita Bieri, Geschäftsleiterin SVM (Schweizerischer Berufsverband der Mütterberaterinnen), Zürich
Idealbild ist gescheitert
Nr. 48 – «Armut selbst verschuldet»; Silvio Borner über Scheidungskosten
Dem Artikel kann ich voll und ganz zustimmen. Aber bei den zwei Empfehlungen zur Prävention fehlt meiner Ansicht nach ein wichtiger dritter Punkt: Die Gesellschaft sollte sich endlich von dem bürgerlichen Modell verabschieden, dass die Frau zu Hause bleibt und der Mann das Geld verdient. Mit einer Scheidungsrate von fünfzig Prozent ist dieses Idealbild sowieso gescheitert; im Sinne von Prävention müsste sich dessen jede Frau bei einer Familiengründung bewusst sein und schon deshalb ihre Karriere nicht aufgeben. Anreize dafür wären, statt Doppelverdiener zu bestrafen, sie steuerlich zu begünstigen und Krippenplätze und Tagesschulen zu fördern. Es ist für berufstätige Frauen leider immer noch schwierig bis unmöglich, die Kinder gut unterzubringen, während sie arbeiten gehen – und das Steuersystem motiviert auch nicht dazu.
Barbara Müller, Zürich













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