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12.11.2008, Ausgabe 46/08

Kantons-Serie (23)

Tessin - Ort der Sehnsucht

Kein Kanton löst in der Deutschschweiz stärkere Gefühle aus als das Tessin: Anarchie, Clans, das süsse Leben. Im Süden leidet man unter den Klischees und lebt gut davon.

Von Peter Keller

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Manche Klischees lässt man sich gerne gefallen. Die sprichwörtliche Tessiner Sonnenstube strahlte auch dieses Mal und liess den Kundschafter die trübe Nässe diesseits des Gotthards schnell vergessen. Nicht selten ist die Ankunft in Airolo eine Art Wiedergeburt, und das Tessin erscheint wie ein Sonntagskind: Alles wirkt heiterer, zufriedener, genussbereiter. Selbst die Besucher, die sich ein Wochenende Auszeit von sich selber nehmen.

Das satte Grün der Bergketten reicht bis zum Himmel, der sich tiefblau über die Leventina spannt. Links und rechts hüpfen Bäche über die Felsvorsprünge. Grau ist nur die A2, welche die meisten Ausflügler tiefer in den Süden führt: an die Seen, in die Valli, nach Ascona oder zum ökonomischen Kraftwerk Lugano. Dazwischen liegt der Monteceneri wie ein voralpiner Riegel, der den Kanton nicht nur geografisch teilt.
Manche Klischees mag man weniger hier unten. Der Tessiner ist immer latent und auf Vorrat beleidigt, wenn sich die Restschweiz über den Kanton äussert. Diese Verschnupftheit reicht weit zurück. Schon der erste Tessiner Bundesrat, der wirblige und zupackende Stefano Franscini (17961857), klagte, dass viele Deutschschweizer immer bereit seien, «auf unsere Kosten eine lose Zunge zu führen und über uns herzuziehen». Bis heute schmerzhaft präsent ist das Titelblatt jenes NZZ-Folios vom März 2001, das einen geflochtenen Tessiner Korb mit typischen Lokalprodukten zeigte . . . garniert mit Banknoten, Zigaretten und einer Handgranate.

Skurrile Gestalten

Tatsächlich schaffen es oft nur Skandale und skurrile Gestalten auf den Radar unserer öffentlichen Wahrnehmung: ein in mehrere Verkehrsdelikte involvierter CVP-Ständerat. Oder die tragikomische Nella Martinetti. Oder die Affäre um Tessiner Suva-Immobilien. Oder die Amouren des Lega-Regierungsrates Borradori. Doch keiner vermag die Deutschschweiz so zu elektrisieren wie jener untersetzte Mann mit den zu grauen und zu langen Strähnen im Gesicht: Giuliano Bignasca. Bauunternehmer, Herausgeber einer Gratis-Sonntagszeitung, Gründer und Chef der rechten Protestpartei Lega dei Ticinesi. Unvergessen ist sein Fernsehauftritt nach den gewonnenen Parlamentswahlen 2007. Er richtete ein Maschinengewehr in den Luganeser Abendhimmel und schoss seine Freude in die Luft. Solche Szenen erwartet der distinguierte Deutschschweizer vielleicht am Hindukusch – aber nicht im Tessin, das er, etwas einseitig, zur persönlichen Naherholungszone erklärt hat.

 

Land der Clans

Zum Hindukusch-Image gehört auch die Vorstellung, das Tessin sei ein von undurchsichtigen, aber mächtigen Clans beherrschtes Territorium. Die Olgiati, Pedrazzini, Pelli, Masoni, Mantegazza, Generali würden sich den Kanton wie ein Filet teilen. Oder sich bis aufs Blut bekämpfen. Das stimmt. Und stimmt auch wieder nicht. Es ist wenig überraschend, dass sich in einem geografisch und sprachlich abgesonderten Landesteil eigene Strukturen herausbilden und einzelne Familien das politische Geschehen bestimmen. In anderen Kantonen war das ganz ähnlich, bis die zunehmende Mobilität für Veränderung sorgte. Im Tessin hat sich dieser Moment bloss verzögert.

Zudem wirken historische Prägungen nach. Schon zur Zeit der Landvögte hatten sich die mächtigsten Familien mit den eidgenössischen Herren arrangiert und sich als lokale Amtsträger angedient. Ihre Entlöhnung war zwar bescheiden, dafür standen ihnen Anteile an Taxen, Bussen oder Gerichtsgebühren zu. Noch heute ist die Advokatendichte immens im Kanton und der Einfallsreichtum, wie man der Schar auswärtiger Ferienwohnungsbesitzer noch eine Gebühr abzwacken kann, beachtlich.
Das eigene Selbstverständnis zeigt sich auch in der Nomenklatur: Nirgendwo in der Schweiz sind Pärke, Plätze und Strassen derart häufig nach lokalen Persönlichkeiten benannt wie hier. Wo bei uns ein Rosenweg oder eine Bahnhofstrasse genügt, erinnern die hiesigen Strassenschilder an einen medico, avvocato, consigliere, professore; an Ärzte, Politiker, Wissenschaftler, Künstler, deren besondere Leistungen für Nichttessiner allerdings ein Mysterium bleiben. Man ist aufrichtig besorgt um den Nachruhm seiner Vorfahren. Wohl nicht zuletzt in der Hoffnung, selber einmal mit Namen ein Parkhaus oder einen Kreisel zu zieren.
Bei aller gebotenen Vorsicht also: Dieser Kanton ist tatsächlich anders. Er liegt anders (jenseits der Alpen), spricht anders (italienisch), kocht anders (Polenta mit Kaninchen), tickt anders. Es beginnt damit, dass man den Espresso in der Caffè-Bar stehend trinkt und dafür bloss Fr. 2.50 bezahlt. Polizisten tragen dunkle Sonnenbrillen und steigen vom Motorrad wie Westernhelden vom Pferd. Hier wartet der Fussgänger noch brav am Zebrastreifen, bis ein Auto freiwillig hält – was mitunter dauern kann. Dafür beginnt der Frühling drei geschenkte Wochen eher, und die Magnolienbäume blühen, als dürften sie es nur noch dieses eine Mal.
Dieser Kanton tickt anders. Auch politisch. Die Tessiner SVP (UDC) hat eine Initiative gestartet, die nichts weniger als die Absetzung der ganzen Regierung verlangt. Die Exekutive habe finanzpolitisch versagt, so der Vorwurf. Was in der übrigen Schweiz für eine Schnapsidee gehalten würde, steht im rebellischen Süden in einer langen Tradition. Der zivile Ungehorsam hat Geschichte und schrieb Geschichte.
Mit der 1803 erfolgten Aufnahme des Tessins in die Eidgenossenschaft setzte eine turbulente innenpolitische Phase ein. Von einer «Politik mit Flinten» spricht der Historiker Raffaello Ceschi. Die Konservativen rangen mit den Antiklerikalen. Die Bewohner der Bergtäler fühlten sich gegenüber den Städtern benachteiligt. Das Sottoceneri (der unterteste Zipfel des Tessins) wollte nichts mit dem Norden (Sopraceneri) zu tun haben – und umgekehrt. Die gegenseitige Abneigung ging bis hin zum Ruf nach einer Spaltung des Kantons.
Verbissene Wahlkämpfe mit Schlägereien, Manipulationen, Einschüchterungen und Korruption gehörten zur Tagesordnung. Manchmal endeten die Scharmützel sogar mit Toten. In Stabio gerieten 1876 die Teilnehmer eines von den Liberalen organisierten Schützentreffens an Konservative, die hinter dem Fest revolutionäre Umtriebe witterten. Bei der anschliessenden Schiesserei starben vier Personen. Der Bundesrat intervenierte und schickte einen Sonderkommissär in den heimischen Balkan. Die Wahlen 1877 fanden gewissermassen unter dem Mandat der Eidgenossenschaft statt: Es mussten Truppen in Lugano aufmarschieren, um die Ruhe zu garantieren.
1890 stürmten Liberale das Zeughaus in Bellinzona und zogen bewaffnet vor den Regierungspalast, in dem sich Mitglieder der konservativen Regierung verschanzt hatten. Staatsrat Luigi Rossi, der vermittelnd eingreifen wollte, wurde kurzerhand erschossen. Per Bahn schickte der Bundesrat zwei Berner Bataillone durch den kurz zuvor eröffneten Gotthardtunnel. Oberst Künzli, so lautete der Auftrag, habe im Kanton wieder die Rechtsordnung herzustellen. Ein eigentliches Ventil bildete darauf die Verfassung von 1892. Fortan sollte nicht nur das Parlament, sondern auch die Regierung im Proporz gewählt werden.
Der Tessiner Unternehmer und Financier Tito Tettamanti bezeichnet die politischen Verhältnisse noch heute als «situazione anomala». SVP und Grüne fristen ein Randständigendasein: Sie erreichten 2007 bloss fünf bzw. vier Sitze im neunzigköpfigen Kantonsparlament. Die Linke konnte nur leicht zulegen. Fulminante Siegerin wurde dagegen die Lega dei Ticinesi, die das rechtskonservative Terrain zu behaupten weiss. Als einziger lateinischer Kanton stimmt das Tessin konstant gegen alle Öffnungsvorlagen: EWR, militärische Auslandseinsätze, Uno-Beitritt, «Ja zu Europa»-Initiative, Schengener Abkommen und Personenfreizügigkeit wurden allesamt verworfen.
Die Wahlen 2007 sollten auch für die FDP-Frau Marina Masoni zur Zäsur werden: Sie verpasste die Wiederwahl in die Tessiner Exekutive. Vordergründig stolperte die forsche Freisinnige wegen der Familienstiftung ihres Vaters. Weit wichtiger jedoch waren innerparteiliche Ränke, die zu einer Gegenkandidatur von Laura Sadis führten, die ihre Parteikollegin am Ende aus der Regierung drängte. Partito liberale radicale ticinese (PLRT) heissen die Freisinnigen hier unten, und schon im Namen wird deutlich, dass die FDP in zwei Lager zerfällt: in die etatistischen Radicali (zu denen Parteipräsident Fulvio Pelli zählt) und in einen wirtschaftsliberalen Flügel, dessen wichtigste Exponenten aus Lugano stammen.

Attraktive Steuerpolitik

Trotz Abwahl hat Marina Masoni das Tessin während ihrer zwölf Regierungsjahre geprägt – oder «zu prägen versucht», wie sie lächelnd hinzufügt. Als Finanz- und Volkswirtschaftsdirektorin befreite sie den Kanton aus seiner ökonomischen Lethargie. Unter ihrer Ägide wurden die Steuern auf Gewinne juristischer Personen deutlich gesenkt. Dank Masonis Finanzpolitik gehört das Tessin heute zu den steuergünstigsten Kantonen der Schweiz. Und der Erfolg ist eindrücklich und mit Zahlen unterlegt: Seit 1998 sind 20 000 neue Arbeitsplätze entstanden. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf ist kontinuierlich gestiegen. Trotz Steuersenkungen hat das Steuersubstrat überproportional zugenommen, dasjenige der juristischen Personen gar um 60 Prozent von 186 Millionen (1995) auf 299 Millionen Franken (2007). Mittlerweile gehört das ehemalige «Armenhaus» Tessin zu jener Handvoll Nettozahler, die über den Neuen Finanzausgleich (NFA) die restlichen Kantone alimentieren.

«Wenn wir die Entwicklung der letzten zehn, fünfzehn Jahre zusammenfassen», sagt Marina Masoni, «können wir sagen, dass wir aus einer Perspektive des Niedergangs herausgekommen sind und solidere Voraussetzungen geschaffen haben, um gegenüber anderen Kantonen und europäischen Regionen wettbewerbsfähig zu bleiben.» Was der Blick über die Grenze bestätigt: Viele Produktionsbetriebe aus dem benachbarten Norditalien haben das Mendrisiotto als vorteilhaften Standort entdeckt. Tiefere Unternehmenssteuern (in Italien betragen die Spitzensätze 31,4 Prozent), niedrige Lohnnebenkosten, politische Stabilität, Rechtssicherheit, kaum Streiks und ein flexibler Arbeitsmarkt tragen zur Attraktivität bei.
«Das Tessin ist und wird kein Industriekanton werden. [...] Das Tessin eignet sich für die Landwirtschaft und für den Fremdenverkehr», erklärte der Agronom Gaetano Donini 1914 kategorisch. Der Mann hatte nicht recht und nicht unrecht. Die Landwirtschaft ist weitgehend marginalisiert. Von ehemals sechzig Prozent der Beschäftigen (1905) arbeiten heute noch knapp drei Prozent im Primärsektor. Die Industrie trägt immerhin etwa gleich viel zum kantonalen BIP bei wie der Finanzplatz. Und wie steht es um den Fremdenverkehr im 21. Jahrhundert?
Es ist schon so: Das Tessin bleibt ein Sehnsuchtsort. Schon um 1900 bevölkerten schwärmerische Nordlichter den Hügel Monescia oberhalb von Ascona und gaben ihrer Naturistenkolonie die Bezeichnung «Cooperative Monte Verità». Während der NS-Diktatur stiessen unfreiwillige Emigranten hinzu, darunter viele Künstler und Schriftsteller. Nach dem Krieg entdeckten zivilisationsmüde Aussteiger den Charme abgelegener Bergtäler und sorgten nach der massiven Entvölkerung wenigstens zeitweise für eine Wiederbelebung. Ein paar ergraute Restexemplare tauchen noch auf den wöchentlichen Märkten in Locarno auf.
Die Mischung aus voralpiner Landschaft und mediterranem Lebensgefühl ist unwiderstehlich. Hunderte Bücher und Reiseführer zum Tessin füllen die Regale. Darum seien hier zum Schluss nur ein paar Häppchen serviert. Zum Beispiel die Kirche San Nicolao in Giornico, ein romanisches Bauwerk mit einem Taufbecken aus dem 12. Jahrhundert. Oder die herbe Schönheit des Val Bavona, eine Fortsetzung des Maggiatals. Wer Widmer und Schütt im Doppelpack mag, macht sich auf ins Centovalli und wandert von Rasa nach Bordei, besucht dort die gleichnamige Osteria und lässt sich zu Tisch die gute einheimische Küche schmecken. Das Tessin ist definitiv mehr als die Summe seiner Klischees.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 46/08
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