Herr Malik, Sie gelten als Krisenprophet, der im Nachhinein meist recht bekam. Ende der Neunziger kritisierten Sie, Martin Ebners Aktiensparpläne für Kleinanleger seien zu riskant. Später warnten Sie vor einem Platzen der New-Economy-Blase und den Risiken des amerikanischen Marktes für die Welt. Warum ist es nun so still um Sie geworden?
Es ist tragisch, aber interessant zu sehen, wie viele Krisenexperten es nun in den Talkshows, Arenen und in der Presse gibt, die vorher keinen Ton über eine mögliche Krise verlauten liessen. Ich kritisierte als Erster die Auswüchse in den USA, einige andere haben nachgezogen. Daher muss ich damit nicht hausieren gehen, denn meine Meinung ist bekannt.
Das Wirtschaftssystem spielt verrückt. Börsen rauschen von oben nach unten. Banken kollabieren. Der Staat greift als Retter ein. Was denken Sie bei solchen Nachrichten?
Es ist der totale Kollaps der neoliberalen Illusionen. Die Staatseingriffe bei den Banken gehen in Richtung Staatskapitalismus. Ob daraus eine Planwirtschaft entsteht, lasse ich mal offen – hoffentlich nicht. Was an der Oberfläche als Finanzkrise erscheint, ist in Wahrheit der Totalbankrott der amerikanischen Managementlehren, die komplexe Systeme nicht erfassen können, denn ohne diese hätte es zu diesem Desaster nicht kommen können.
Wäre dies tatsächlich das Ende des Neoliberalismus, was käme danach?
Es herrscht ein Missverständnis darüber, was Märkte können und was nicht. Die herkömmliche Marktwirtschaft ist ja nicht angenehm. Jeder Kenner weiss, es ist ein miserables System, aber alle andern sind noch viel schlechter. Es ist einfach das geringste Übel. Märkte korrigieren, aber erst, wenn es zu spät ist, mit riesigen Schäden. So entstanden bisher mit der Regelmässigkeit von sechzig bis siebzig Jahren Krisen.
Wie gesagt, was wäre die Alternative?
Funktionierende Märkte statt neolibera-le Schönwetter-Veranstaltungen. Märkte brauchen kybernetische Systeme und daher neue Regeln zum Funktionieren. Die stabilisierenden Regeln sind ausser Kraft gesetzt worden, zerstörerische Kräfte wurden jeden Tag noch höher gelobt.
«Zerstörerische Kräfte» klingt abstrakt. Können Sie konkreter werden?
Der Kern des Übels ist die aus den USA kommende Corporate Governance, die von dort aus auf die ganze Welt ausstrahlte. Die heutige Situation ist die Folge einer völlig fehlgeleiteten Unternehmensführung aufgrund des Shareholder-Value-Denkens, das impliziert, Unternehmen seien da, um reiche Leute noch reicher zu machen. So kam es zu falschen Bankenstrategien, kurzfristigem Denken, das zu schlechter Personalpolitik führte und geldgetriebene Manager an die Spitze der Unternehmen brachte.
De facto haben die Bankenmanager versagt und eine der grössten Krisen der Weltwirtschaft verursacht.
Die Manager sind aber natürlich nicht alleine Schuld. Tausende von Consultants haben schlechte Kompensationssysteme eingeführt, Headhunter die falschen Leute ausgesucht und uns weismachen wollen, dass nur die teuersten Manager die besten seien, dabei hätte das Debakel, das wir jetzt haben, auch von billigen Managern verursacht werden können. Dann all diese Unternehmensberater mit ihren Wertsteigerungsstrategien und ihrem Corporate-Governance-Unfug. Und jene Firmen, die kritiklos die amerikanische Rechnungslegungsvorschriften übernommen haben, ohne daran zu denken, dass wir hierzulande Vorschriften hatten, die viel solidere und bessere Bilanzen ermöglichten.
Warum hat niemand den Kollaps kommen sehen?
Weil man die falschen Methoden benützt. Alan Greenspan ist ein genialer Mann und hätte den Kollaps erkennen müssen, stattdessen hat er eine Blase nach der anderen produziert. Wenn man sieht, dass eine Börse derartigen Aufschwung nimmt, muss man sich fragen warum. Die Turbos dafür waren Gier und Schulden, nicht die vermeintlich guten Ergebnisse der Unternehmen, wie man glaubte. Die US-Wirtschaft wurde hochstilisiert, dabei war sie in Wirklichkeit seit 1995 im Niedergang. Schaut man sich die langfristigen Zahlen an, gibt es keinen einzigen Faktor, der nach oben zeigte, darunter das Aussenhandelsdefizit, der Verschuldungsgrad, die Produktivität oder die reale Investitionsquote, die die niedrigste seit dem Zweiten Weltkrieg ist. Zudem sind die Wirtschaftszahlen der USA seit 1994 geschönt.
Das klingt nach Verschwörungstheorie.
Ich sage nicht, dass die Zahlen gefälscht sind. Sie sind vielmehr aufpoliert. Die Wachstumsraten in den USA von 2 bis 2,5 Prozent wurden jahrelang zu schön ausgewiesen, ebenso die Produktivitätszahlen.
Denken Sie, mit den staatlichen Rettungspaketen für die Banken ist nun das Schlimmste vorbei?
Nein. Denn wir müssen mit schwerwiegenden Konsequenzen für die Wirtschaft rechnen. Sie befindet sich in einer Deflation, zum ersten Mal seit den dreissiger Jahren. Noch bis vor wenigen Wochen hat man von Inflation gesprochen, obwohl der Deflationskrebs schon lange wuchert. Nun sinken die Preise auf breiter Front. Und zwar dort, wo man es für unmöglich gehalten hatte, im Sachwertbereich, an den Aktienmärkten ebenso wie im Immobiliensektor, bei den Rohstoffen und Edelmetallen. Private kaufen nicht, weil sie es morgen billiger bekommen. Die Umsätze der Unternehmen sinken, weshalb diese die Kosten senken müssen. Die Arbeitslosigkeit wird zunehmen, viele Unternehmen werden eingehen. Die Steuereinnahmen werden um 20 bis 40 Prozent sinken.
Der erfolgreiche Investor Warren Buffett ist gegenteiliger Ansicht. Er geht davon aus, dass die Börsen den Tiefpunkt erreicht haben und es sich jetzt lohnen würde einzusteigen.
Es kann in den kommenden Monaten an den Börsen eine Erholung geben, in der Grössenordnung von etwa 30 bis 50 Prozent. Das macht die Leute glauben, wir hätten das Schlimmste hinter uns, die Massnahmen hätten gegriffen. Der Alkoholiker wurde durch den Schnaps geheilt, wir können so weitermachen wie bisher. Dann wird das Debakel erst beginnen. So war es noch jedes Mal, wie uns die Finanzgeschichte zeigt. Von November 1929 bis April 1930 hat sich der Dow Jones nach dem Crash um die Hälfte erholt. Danach hat erst die wirkliche Talfahrt begonnen.
Wie weit abwärts kann es denn noch gehen?
Jede Hausse geht dorthin, wo sie hergekommen ist. Der Bullenmarkt hat 1982 bei einem Dow Jones von 1000 gestartet. Selbst wenn der Dow Jones nur auf 2000 Punkte sinkt, ist das gewaltig. Die Krise wird daher erst gegen 2012 überwunden sein, aber nur, wenn man umzudenken bereit ist. Herr Buffett ist somit bei Goldman Sachs wohl zu früh eingestiegen.
Kann man als Privater auf all das reagieren?
Als Bergsteiger habe ich gelernt, dass es zwei Arten von Alpinisten gibt, die Kühnen und die Alten. Ich gehöre zu den Letzteren, denn wenn man als Bergsteiger alt werden will, muss man sich vorbereiten auf schlechtes Wetter, Schnee und Sturm. Wenn das Wetter hält, wunderbar. An guter Vorbereitung ist noch niemand pleitegegangen. Aber an oberflächlichem Beschönigen der Krise, an naivem Gottvertrauen schon. Gott hilft, aber nur den Vorbereiteten.
Vorbereitung klingt gut, aber wie?
Für Private heisst das, dass Geld im Moment das Wichtigste ist. Unternehmen sollten einen guten Krisenplan und eine neue Strategie in der Schublade haben.
Für einen Neoliberalen-Gegner wie Sie dürfte wohl nichts dagegen sprechen, dass die Politik der UBS mit einem 68-Milliarden-Franken-Paket aus der Patsche hilft?
Der Patient liegt auf der Notfallstation, ihm muss geholfen werden. Aber in Wirklichkeit ist es so, dass man einen Alkoholiker mit Schnaps therapiert. Es hilft, wenn er zittert, aber es heilt nicht den Alkoholismus. Die Lösung ist nicht in den ökonomischen Bereichen zu suchen, sondern in der Abwendung von der fehlgeleiteten Shareholder-Value-Philosophie. Diese Pervertierung sieht man jetzt selbst in der Politik.
Inwiefern?
Die staatlich zugeführten Mittel, so hört man aus den USA, sollen massgeblich dazu verwendet werden, den Aktionären eine Dividende zu bezahlen, damit der Kurs nicht fällt. Das ist ein Irrenhaus. Die Kurse sind schon gefallen. Zudem sollen mit den zugeführten Mitteln Boni bezahlt werden. Die UBS braucht sieben Milliarden und will, so hiess es, nun Boni in etwa derselben Höhe ausbezahlen. Wofür? Für den Verlust, den sie eingefahren hat? Das ist ein krankes System. Die Politik hat ihr Pulver verschossen. Für eine zweite Hilfswelle dieser Art fehlen die Mittel. Da muss sich die Bankenbranche bzw. die Wirtschaft schon selber retten.
Hat die Wirtschaft das Potenzial dazu?
Es ist ein radikaler, tiefgreifender Umbau von Unternehmen nötig, die sich am Shareholder-Value-System orientierten. Diese Irrlehre hat vielen Managern das Leben einfach gemacht. Man konnte jeden Tag am Börsenkurs ablesen, ob die Firma eine Wertsteigerung verzeichnete oder nicht. Das hat aber nichts mit funktionierendem Management zu tun, sondern ist Kindergarten. Die tägliche Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und des Kundennutzens muss oberstes Gebot sein und nicht, die Aktionäre reich zu machen, indem die Gewinne maximiert werden. Was übrigens sehr einfach ist. Man schraubt das Marketing runter, investiert nichts mehr in die Ausbildung, drosselt die Innovationen. Kurzfristig steigt der Gewinn. Genau damit macht man die Aktionäre aber arm, weil es zu Lasten der Leistungsfähigkeit des Unternehmens geht. Reich werden Aktionäre durch zufriedene Kunden, aber nicht umgekehrt.
Diese Systemkrise als Anlass, in den Unternehmen aufzuräumen?
Ja, und nicht nur dort. Man kann jetzt eine riesige Müllabfuhr machen, Consultants, die am alten Denken festhalten, rausschmeissen, Organisationsstrukturen verändern wie die Matrixorganisation, die nur eine Behinderung darstellt, das Controlling verbessern, Finanzkennziffern wie das Ebitda verbannen, dafür das von mir vorgeschlagene EAE, earnings after everything, einführen, Reserven bilden und mit dem Transparenzspuk aufhören. Wieso soll ich als Unternehmen meinem Konkurrenten auf einer Roadshow meine Strategie aufdecken? Zudem sollten die Rechte der sogenannten Investoren eingeschränkt werden.
«Sogenannte» Investoren?
Man muss zwischen Papier-Aktionären und Unternehmer-Aktionären unterscheiden. In den USA werden jährlich neunzig Prozent der Aktien umgeschichtet. Diese «Investoren» sind nicht Share-Holder, sondern Share-Turner. Man sollte Papier-Investoren das Stimmrecht entziehen. Wenn man an der Bestellung des Verwaltungsrats mitwirken will, soll man die Aktien für die Amtsdauer halten müssen. Wer aber seine Aktien sofort verkaufen will, was ja erlaubt sein soll, sollte nicht mitwirken dürfen bei der Bestellung der Organe. Papier-Investoren sind Leute, die Aktien kaufen, weil sie an die Performance des Papiers glauben, nicht an das Unternehmen. Das sind zwei verschiedene Dinge. Ein wirklicher Aktionär ist Eigentümer, der genau dann bleibt, wenn es dem Unternehmen schlechtgeht.
Laut dieser Folgerung müsste den Hedge-Funds das Stimmrecht aberkannt werden.
Ja, aber die wird es in zwei, drei Jahren ohnehin nicht mehr geben. Wer braucht schon Hedge-Funds? Welche Funktion erfüllen sie? Gar keine. Private-Equity-Funds schon eher. Aber die müssen sich jetzt auch langfristig orientieren. Schnell eine Braut innert dreier Jahre schönmachen, damit sie geheiratet wird, nein, das funktioniert nicht mehr. Private-Equity-Funds werden sich umorientieren und sich als langfristige Strategen bewähren müssen.
Laut wird gefordert, dass Managerlöhne plafoniert werden sollen. Zu Recht?
Nein, das ist die ureigenste Aufgabe des Verwaltungsrats die er sich hat aus der Hand nehmen lassen –, am Ende des Jahres zu entscheiden, wie viel aus dem Ergebnis, wenn überhaupt, zur Verfügung gestellt wird, um das Kader zu honorieren. Das kann mehr sein, oder gar nichts. Lukas Mühlemann, ehemaliger CEO der CS, hat es innert dreier Jahre verstanden, die Bank zu ruinieren. Als die CS in der Folge von Oswald Grübel gerettet wurde, sind Leute gekommen, die ihm den Bonus streitig gemacht haben. Wer, wenn nicht jemand, der eine Bank rettete, soll einen Bonus bekommen, habe ich damals im «Kassensturz» plädiert. Im Moment wird ein ganzer Berufsstand desavouiert, der sorgfältige Arbeit macht, gesunde Unternehmen hat und tüchtige Mitarbeiter. Über die wird nicht geschrieben. Es sind die Egomanen, die Personenkult betrieben haben, über die man liest. Die es übrigens nicht nur im Bankensektor gibt. Ich denke da nur an einen Jürgen Schrempp . . .
. . . den ehemaligen Daimler-Chrysler-Chef?
Ich wurde damals, Ende der neunziger Jahre, in Zusammenhang mit der Fusion zwischen Daimler und Chrysler aufgefordert, vor sechzig Managern, die mit dieser Aufgabe beschäftigt waren, zu referieren, wie man so eine Aufgabe bewerkstelligt. Meine Antwort war, dass es nicht funktionieren, sondern scheitern werde. Das hat mich Aufträge gekostet. Herr Schrempp hat durch die Fusion dann an die sechzig Milliarden Euro vernichtet, aber er konnte Kritik eben nicht aushalten.
Das Vertrauen in die Wirtschaft ist angeknackst. Kann es wiederhergestellt werden?
Jetzt müssen richtige Unternehmer in die Arenen, gestandene Leute wie ein Nicolas Hayek, auch Peter Brabeck, Edgar Oehler, oder ein Johann Schneider-Ammann, der zwar auftritt, aber nur sehr milde. Die müssten jetzt reden, und nicht Verbandsfunktionäre, Pressesprecher oder die Funktionäre einer Economiesuisse, die mitgewirkt haben bei diesem Corporate-Governance-Zirkus. Die richtigen Unternehmer und guten Manager, die es von Anfang an besser gemacht haben, müssen bekennen, dass bei einigen die Unternehmensführung aus dem Ruder gelaufen ist, und nun zeigen, wie es besser laufen soll.
Welches werden die Gewinner dieser Bankenkrise sein?
Unternehmen können Konkurrenten, die an falschen Strategien festhalten, zu tiefen Preisen übernehmen. Man kann in Technologien investieren, die bislang keine Chance hatten, und man hat die Jahrhundertchance, jetzt alles zu ändern, was man schon immer ändern wollte, auch in der Politik. Sehen Sie, auch wenn es uns schlechter geht, wird es uns noch immer viel besser gehen als jeder anderen Generation vor uns. Es wird uns vielleicht nicht mehr so gut gehen wie ein Jahr zuvor. Aber heutzutage kann man auf Konsum verzichten, ohne dass einem etwas fehlt. Ich habe drei Wintermäntel, was macht es mir, wenn ich nächstes Jahr keinen kaufe. Früher haben die Menschen einen Mantel gekauft, weil sie gefroren haben. Damit es aber bessergehen kann, muss man radikal umdenken. Bildlich gesprochen: Die Raupe muss sterben, weil ein Schmetterling geboren werden will.














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