Finanzkrise? Den Ölscheichs und deren Staatsfonds kommt sie gerade recht. Hamad al-Suwaidi zum Beispiel, der dem weltweit grössten Staatsfonds mit einem Vermögen von 800 Milliarden Dollar vorsteht, reibt sich zufrieden die Hände: «Täglich treffen bei uns Investitionsanfragen von westlichen Firmen ein», sagt der Chef der Abu Dhabi Investment Authority (ADIA), des grössten Staatsfonds der Welt.
Die Scheichs sind wählerisch. Viele westliche Manager, die Geld aus dem Nahen Osten wollen, erhalten einen Korb. Nicht aber die Credit Suisse. Das Emirat Katar erhöhte in der vergangenen Woche sein bereits bestehendes Engagement bei der Schweizer Grossbank um mehrere Milliarden Franken und stärkte damit die Eigenmittelbasis des zweitgrössten Schweizer Finanzkonzerns.
Der CS-Deal dürfte der Anfang im neuen Kaufreigen der Staatsfonds sein, vermuten Banker in Dubai. Die sogenannten Sovereign Wealth Funds in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Katar, Kuwait, Russland, Singapur oder in China wollen ihre gigantischen Einnahmen aus den Exporten gewinnbringend im Westen anlegen. Statt wie früher ihre Ölfässer gegen Konsumgüter, Dienstleistungen und Infrastrukturprojekte zu tauschen, investieren sie nun aber ihre Petrodollars in westliche Vorzeigeunternehmen. Sie versprechen sich davon Zugang zu einem Wissen, das sie für den Aufbau der eigenen Volkswirtschaft nutzen wollen. Das kurzfristige Denken westlicher Politiker ist ihnen dabei entsprechend fremd. Die Scheichs haben nicht die nächste Wahl im Auge (die manipulieren sie ohnehin zu ihren Gunsten), sondern das Wohl ihres Clans. Sie sorgen für die Zeit vor, in der es bei ihnen weder Öl noch Gas geben wird. Dann sollen ihre Enkel und Urenkel von den Anlagen im Westen profitieren.
Eine gigantische Umverteilung
Eine gigantische Umverteilung der Vermögen ist im Gange: weg vom Westen, hin zu den «neureichen» Exporteuren, vor allem im Nahen und Fernen Osten. Die globalen Machtverhältnisse verschieben sich. In den Emiraten sprechen die Banker denn auch selbstbewusst von einer «neuen Welt», in der «nicht nur der Westen etwas zu sagen hat, sondern auch die Scheichs».
Insgesamt verfügen die Staatsfonds von Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait und Katar über ein Vermögen von umgerechnet rund 2,5 Billionen Franken. Bis 2015 könnten es 5 bis 6 Billionen sein, schätzt die britische Zeitung .
Trotz des immensen Reichtums sind die Golfstaaten aber nicht verschwenderisch. Nach dem jüngsten Börsen-Crash hielten sich die Staatsfonds-Investoren mit neuen Engagements anfänglich zurück. Doch jetzt sei das Schlimmste überstanden, sagt ein Banker in Abu Dhabi. «Die Gelegenheiten sind da» «cash is king».
Eine Devise, die selbst Ministaaten wie Katar, die auf der Weltkarte nur schwer zu finden sind, zu einer führenden Rolle im Finanzsystem verhilft. Das Emirat überlässt nichts dem Zufall. So solle das Investment bei der Credit Suisse helfen, die Finanzindustrie Katars zu stärken, sagt ein Banker in der Hauptstadt Doha: «Es geht uns nicht um Kontrolle, sondern um die Beschaffung von Know-how.»
Tatsächlich hat das Mikro-Emirat den Ehrgeiz, die Finanzplatzambitionen seines Rivalen Dubai zu kontern. Zudem baut Katar nicht nur Luxushotels, Autobahnen und Geschäftshäuser für Investmentbanken. Es ist auch bei der englischen Bank Barclays eingestiegen. Die Interessen sind weit gestreut vom Tourismus über die Telekommunikation bis hin zur Ausbildung. Das ehemalige britische Protektorat besitzt in England zudem mehrere Altersheimketten, hat Teile des Londoner Bankenviertels Canary Wharf erworben, verfügt über Aktienpakete der dortigen Börse und des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS (Airbus). In der Schweiz besitzt Katar auch prominente Hotels – zum Beispiel das «Royal Savoy» in Lausanne oder den «Schweizerhof» in Bern. Und auf dem Bürgenstock will das Emirat einen Hotelkomplex errichten.
Die Länder am Golf sind nicht nur Staaten, sondern vor allem Konglomerate. Wenn immer ein Staatsfonds investiert, steckt dahinter meist ein einziger Mann: der jeweilige Herrscher. Beim CS-Investor Katar ist es Scheich Hamad Bin Khalifa al-Thani. Er ist nicht nur der Emir von Katar, sondern auch Eigentümer und Präsident der Qatar Investment Authority (QIA). Al-Thani hat QIA vor drei Jahren als Vehikel für die Investitionen geschaffen, welche die Halbinsel (und vor allem seinen Clan) in die Zukunft katapultieren sollen. Derzeit stehen sechzig Milliarden Dollar zur Verfügung. Bereits in wenigen Jahren dürfte sich der Betrag verdoppeln, weil riesige Gasprojekte realisiert werden.
Schier grenzenlos scheinen die Mittel, mit denen sich Länder wie Katar in westlichen Firmen einkaufen können. Ob sie sich dabei auf die Rolle eines passiven Investors beschränken oder doch bald ein Mitspracherecht in den Entscheidungszentren anstreben? Während die CS (und zuvor auch die UBS) die Investoren aus dem Nahen und Fernen Osten willkommen hiess, steigt in Europa die Angst vor Übernahmen durch ausländische Staatsfonds. So arbeiten die italienische und die französische Regierung bereits an Gesetzen, die Unternehmen vor ausländischen Übernahmen schützen sollen.

Kommentare