Wollte man einen Gravitationspunkt der Schweiz bestimmen, man käme unweigerlich auf Olten; auf das Bahnhofbuffet in Olten, um genau zu sein. Eine halbe Zugstunde von Zürich, Basel, Bern und Luzern entfernt, auf dem Schnittpunkt der West-Ost- und der Nord-Süd-Achse, liegt das Lokal auf Perron drei zwischen den Gleisen gleichsam im territorialen Niemandsland. Das ist, oberflächlich betrachtet, das einzig Bemerkenswerte an diesem Allerweltslokal. Doch gerade das macht das Buffet zum idealen helvetischen Zentrum. Der Ort ist streng funktional. Wer zwischen St. Gallen, Genf, Chiasso oder Chur unterwegs ist, fährt irgendwann am «Buffet Olten» vorbei.
Im Bahnhofbuffet Olten wurden kaum we-niger für das Land bedeutsame Entscheide ausbaldowert als im Bundeshaus. Das Lokal ist die Geburtsstätte zahlloser Gruppen, die dieses Land geprägt haben. Hier wurde einst die Freisinnig-Demokratische Partei der Schweiz gegründet, ebenso die Sozialdemokratische, der Gewerkschaftsbund und der Evangelische Kirchenbund, der Alpen-Club sowie zahllose andere Vereine bis hin zur Gruppe Olten (die sich insofern von anderen Literatenvereinen abhob, als sie kein Verein sein wollte, was durchaus ernst gemeint war) oder dem ebenfalls radikal anderen Oltner Bündnis (unter Beachtung der korrekten Schreibweise).
Olten ist als helvetisches Zentrum geradezu prädestiniert: weder städtisch noch ländlich, arm noch reich, anmutig noch hässlich – ein strikt neutrales Terrain, das keinem einen Heimvorteil bietet. Es gibt, das ist allerdings speziell, nicht einmal einen richtigen lokalen Dialekt (wer würde schon einen Oltner aufgrund seiner Sprache identifizieren?). Und wenn die Freiburger Sprachforscherin Prof. Dr. Helen Christen vom «Bahnhofbuffet-Olten-Dialekt» spricht, so meint sie damit eine verflachte Antisprache, auf die die Nation wohl zusteuert: ein Mix verschiedenster Mundarten, eine Art sprachliches Minimal-Birchermüesli. Nichts jedenfalls, worauf Olten stolz sein könnte.
Olten liegt im Solothurnischen, in jenem Kanton, den man als Schüler beim Aufzählen der Stände stets vergass (dem Autor zumindest erging es so). Zwar liegt Olten am Rand des Kantons, und es kommt immer wieder vor, dass Ortsunkundige das Städtchen der (aargauischen) Nachbarschaft zuordnen. Was wiederum ty-pisch solothurnisch ist: Alle fünf Amteien liegen am Rand des Kantons, der mitten im Sog der Ballungsräume Zürich, Basel und Bern liegt. Scheinbar zufällig und unmotiviert, gleich einem ausgelaufenen Tintenklecks auf der Landkarte, mäandert sein Territorium entlang der A 1, der Aare und dem Jurasüdfuss quer durchs Mittelland, mit lateralen Ausreissern, die bis tief in den Jura und ins Bernbiet hinein- reichen. Dazu kommen zwei Exklaven bei Basel, das Schwarzbubenland.
Solothurn ist weder noch
Es ist schwierig, diesen Kanton auf einen Nenner zu bringen. Nicht einmal eingefleischte Solothurner würden behaupten, der Hauptort vermöchte das auseinanderstrebende Gebil- de zusammenzuhalten. Mangels Alternativen wird in Schulbüchern jeweils der Weissenstein, ein gleichförmiger Hügelzug im Rücken des Hauptortes, als geografisches Wahrzeichen erwähnt. Da man die unprätentiöse Gastfreundschaft der Solothurner nicht mit Bosheiten vergelten mag, belassen wir es bei der Feststellung: Bei schönem Wetter, vor allem wenn das Nebelmeer die Lagerhallen entlang der A1 verdeckt, bietet der Solothurner Hausberg einen bezaubernden Ausblick auf die Berner Alpen.
Einfacher ist es, den Kanton zu definieren über das, was er nicht ist: weder besonders konservativ noch progressiv, weder flach noch gebirgig, weder gross noch klein, und so fort (siehe Olten). Der Alt-Regierungsrat und Historiker Thomas Wallner (CVP) charakterisiert Solothurn als «Randkanton im Herzen der Schweiz». Die Frage, was den Stand zusammenhalte, pariert er mit einer Gegenfrage: «Was ist es, was die Schweiz zusammenhält?» In der Tat: Solothurn ist die Miniversion der Schweiz ohne Alpen und Seelandschaften; eine historisch gewachsene Schicksalsgemeinschaft, ein Zweckbund unter Verschiedenen, deren grösste Gemeinsamkeit darin besteht, verschieden zu sein.
Das Grossartige an diesem Kanton sind nicht Schlachten, die man gewonnen hätte, sondern jene, die verhindert wurden. Anno 1533, so will es die Überlieferung, soll der legendäre Schultheiss Niklaus Wengi ein Gemetzel zwischen Protestanten und Katholiken verhindert haben, indem er sich furchtlos zwischen die streitenden Parteien warf. Tatsache ist, dass die Reformation in Solothurn zwar wieder rückgängig gemacht wurde. Doch seither herrscht Friede im Land.
Der fortan mehrheitlich katholische Kanton zeichnete sich stets durch Toleranz in konfessionellen und weltanschaulichen Fragen aus. Dank der Zuwanderung ist heute über ein Drittel der Bevölkerung reformiert. Obwohl der Bischof des Bistums Basel hier residiert, hielten die Solothurner den Klerus stets fern von der Macht. 1831 setzte der Kanton eine demokratisch-liberale Verfassung in Kraft. Von da an befand er sich fest in der Hand der Liberalen. Bis 1952 regierte die FDP den Kanton ohne Unterbruch und mit einer absoluten Mehrheit im Rücken.
Bereits 1552, siebzig Jahre nach seinem Beitritt zur Eidgenossenschaft, etablierte der Stand Solothurn seine Grenzen, so wie sie heute noch bestehen. In Anbetracht seiner strategischen Lage entlang der Verkehrsachsen wäre Solothurn an sich für den Handel prädestiniert gewesen. Aufgeblüht ist der Stand aber erst mit der Reisläuferei. Ab 1530 liessen sich die französischen Ambassadoren, deren wichtigste Tätigkeit das Anwerben von Söldnern war, in Solothurn nieder. Bis ins 19. Jahrhundert hinein bescherte der Handel mit Kriegern dem friedlichen Städtchen einen Wohlstand, der in der barocken Architektur des Hauptortes seinen Niederschlag fand.
Solothurn rühmt sich, pro Kopf mehr Geld für Kultur auszugeben als jede andere Schweizer Stadt. Die Film- oder die Literaturtage ha-ben sich als nationale Events etabliert. Für internationales Renommee hat es gleichwohl nie gereicht. Die Blütezeit ist Geschichte, konserviert in einer sorgfältig restaurierten Altstadt, die gegen Westen abrupt endet. Im 19. Jahrhundert wurden hier die Stadtmauern niedergerissen und durch Neubauten ersetzt. Doch der Kraftakt der Industriepioniere zeitigte die erhoffte Wirkung nicht. Solothurn ist Provinz.
Peter Bichsel und Franz Hohler, die auf nationaler Ebene bekanntesten Kulturschaffenden aus dem Solothurnischen, wurde am meis- ten Aufmerksamkeit zuteil, wenn sie sich an den kleinmütigen und verzagten Seiten der Schweiz rieben («Des Schweizers Schweiz», «Es si alli so nätt»). Doch das Motiv der provinziellen Enge hat sich längst erschöpft. Auch Altrocker Chris von Rohr, der mit seiner Band Krokus in den 1970ern und 1980ern am Weltruhm schnupperte, kennt den Jurasüdfuss-Fruscht. «Der small town blues», sagt er, «dort wo der Neid immer etwas grösser ist als die Freud, war immer wieder meine Triebfeder.» In seinem artistischen Schaffen fehlt aber jeder Bezug zur Heimat. Dass von Rohr wie Bichsel ihrer Scholle stets treu geblieben sind, spricht dafür, dass das Provinzielle auch seinen Reiz hat. Doch für kreative Jungsporne, die über das Mittelprächtige hinausdrängen, ist Solothurn ein hartes Pflaster.
Kehrichtabfuhr nach Parteiproporz
Schon die Pfründen aus der Reisläuferei liessen die lokalen Aristokraten träge werden. Während etwa die Zürcher den Schacher mit den Söldnern früh unterbanden und die Fundamente für den Banken- und Handelsplatz setzten, ruhten sich die karnevalfreudigen Solothurner auf ihren Renten aus. Auch die Industrialisierung setzte relativ spät ein. Der bis heute landwirtschaftlich geprägte Kanton, der jährlich 50 Millionen Franken Finanzausgleich bezieht, konnte seine Defizite nie ganz wettmachen.
Trotz freisinniger Dominanz wurde der Kanton Solothurn bis noch vor wenigen Jahren von einem eigentlichen Kartell bewirtschaftet und regiert. Die «Gelben» (FDP), die «Schwarzen» (CVP) und die «Roten» (SP) teilten sich die Macht in einem fein austarierten Konkordanzsystem. Jeder Staatsposten, und sei es bei der Kehrichtabfuhr, wurde streng nach Parteiproporz besetzt. Sogar die Musik- und Sport- vereine waren bis vor wenigen Jahren noch in den meisten Gemeinden, separiert nach parteipolitischer Couleur, zwei- bis dreifach vorhanden.
Das einzig wirklich Liberale am «Solothurner System» war die Offenheit gegenüber Fremden. Fast alle Fabrikanten, von den Familien Von Roll bis zu den Hayeks, aber auch auffallend viele Lehrer waren Zugewanderte, die allerdings schnell integriert wurden. Wer dabei sein wollte, der musste sich einfügen in ein System, das nicht in erster Linie auf Gesetzen fusste, sondern auf einem stillen Konsens mit ungeschriebenen Regeln, die tief in den Köpfen drin sassen. Das machte das System immun gegen Kritik mithin aber auch anfällig für Fehlentwicklungen.
Das Öffentlichkeitsprinzip bei der Exekutive – ein solothurnisches Unikat illustriert das «System» vortrefflich. Im Prinzip hat jeder das Recht, den Sitzungen der Regierung beizuwohnen. Nur macht keiner davon Gebrauch. Es wäre schlicht ungehörig, eigentlich undenkbar gewesen, in eine Session der Regierung hinein-zusitzen, erinnert sich Peter Rothenbühler, Chefredaktor von Le Matin, der sein Handwerk einst als Ratsberichterstatter in Solothurn erlernte. Undenkbar wäre aber auch die Aufhebung der faktisch obsoleten Öffentlich- keitsregel gewesen. Der Anschein von liberaler Transparenz musste stets gewahrt bleiben.
Allerdings, sagt Rothenbühler, sei man im politischen Alltag stets darauf bedacht gewesen, dass keine Minderheit zu kurz kam. So konnte sich eine echte Opposition gar nie entwickeln. Das selbstauferlegte, in seinem Wesen starre Konkordanzkorsett hielt den auseinanderdriftenden Kanton allerdings auch zusammen. Das Gymnasium mit seinem Kosthaus, die Studentenverbindungen und das elfte Infanterieregiment waren die Kaderschmieden, in denen das Netz der Beziehungen und Seilschaften gesponnen wurde.
Über Jahrzehnte verwaltete diese Ordnung das Bestehende klaglos. Doch sie war, wie jedes Kartell, unfähig, auf neue Herausforderungen zu reagieren. Erste Risse bekam das «System Solothurn» in den 1970er und 1980er Jahren mit dem rasanten Niedergang der Uhrenindustrie. In wenigen Jahren gingen Zehntausende von Jobs verloren. Andere Fabriken mit grossen Namen wie Bally oder Von Roll folgten. Den definitiven Schiffbruch erlitt das Machtkartell aber erst in den 1990er Jahren, mit dem faktischen Bankrott der Kantonalbank (die in der Folge privatisiert wurde).
Rote Köpfe bei den Sozialdemokraten
Das Debakel im Nachzug der Immobilienblase riss einen Fehlbetrag von über 400 Millionen Franken in die Staatskasse. Eine parlamentarische Untersuchung brachte eine Filzwirtschaft zutage, in der politische Konzessionen und Seilschaften wichtiger waren als Kompetenz und Effizienz. Der Schock und die nun folgenden mageren Jahre zeitigten eine heilsame Wirkung. Notgedrungen wurde die Verwaltung abgespeckt und reformiert. Die SVP, die in wenigen Jahren ihren Wähleranteil von 6,4 auf 17,6 Prozent steigerte, brachte Bewegung in die verkrustete Proporzlandschaft.
Zu der neuen Polit-Generation, die aus dem Schlamassel hervorging, gehört auch der damalige PUK-Präsident Boris Banga (SP). Mit kritischen Vorstössen zur Sozial- und Asylpolitik sorgte Genosse Banga, der zwischendurch im Nationalrat sass, auch mal für rote Köpfe in den eigenen Kreisen.
Verdienste kann der rührige Sozialdemokrat aber vor allem als Stadtpräsident von Grenchen für sich beanspruchen. Die vom Zusammenbruch der Uhrenindustrie einst schwer gebeutelte 18 000-Seelen-Gemeinde befindet sich seit Jahren in Aufbruchstimmung.
Die Wachstumsraten von Grenchen liegen deutlich über dem nationalen Schnitt. Die gesundgeschrumpfte Uhrenindustrie boomt, zugewanderte Unternehmen produzieren eine breite Palette von Hightech-Produkten. Die Industriestadt liegt gut im globalen Wettbewerb: moderate Landpreise, Naherholungsgebiete, Autobahnanschluss, hervorragende Bahnverbindungen, ein Flugplatz. Eine auf Wachstum getrimmte Stadtverwaltung verspricht schnelle und unbürokratische Amtswege. Vielleicht liegt hier der Schüssel: selbstbewusste, effiziente und autonome Gemeinden brauchen keinen starken Kanton, der ihnen Identität spendet und den Weg weist.

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