Diskreter Abschied vom Terror

Die deutsche Terroristin Gabriele Tiedemann schoss 1977 zwei Schweizer Grenzwächter nieder. Im eigens für sie gebauten Hochsicherheitstrakt vollzog sie eine innere Wende.

Von Alex Baur

Der Polizist, der Gabriele Tiedemann an Weihnachten 1977 im Berner Untersuchungsgefängnis zwecks eines ersten Verhörs aufsuchte, war überrascht vom freundlichen Auftreten der zierlichen, lediglich 1,53 Meter grossen Frau. Bereitwillig erzählte ihm die 26-Jährige von ihrer Jugend in der DDR; von ihrem Vater, der ein trunksüchtiger Nazi gewesen sei und die Familie nach der Flucht in den Westen verlassen habe; von der 68er Revolte und ihrer Politisierung im Umfeld der Studentenbewegung. Sie erkundigte sich sodann nach dem Gesundheitszustand der zwei Grenzwächter, die sie vor ihrer Verhaftung im jurassischen Grenzdorf Fahy mit fünf Schüssen niedergestreckt hatte.

Tiedemann, seit Anfang der siebziger Jahre verheiratet und damals als Gabriele Kröcher-Tiedemann bekannt, war eine der meistgesuchten Terroristinnen Deutschlands. Schon im Alter von 22 Jahren schoss sie in Bochum auf einen Polizisten, der sie in flagranti beim Diebstahl eines Nummernschildes ertappt hatte. Zwei Jahre später entführte die «Bewegung 2. Juni» den Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz und presste Tiedemann zusammen mit vier anderen inhaftierten Terroristen frei. Die deutsche Regierung liess sie nach Jemen ausfliegen. Doch wenige Monate später, im Dezember 1975, tauchte Tiedemann an der Seite des legendären Terroristen «Carlos» beim Überfall auf die Opec-Konferenz in Wien wieder auf. Gemäss Zeugen soll sie bei jenem Anlass einen Polizisten per Nackenschuss exekutiert haben.
«Sie gehöre einer Organisation an, welche die Armut bekämpfe», notierte der Berner Polizist nach dem Gefängnisbesuch. «Die Gewalt rechtfertige sich, weil die Gegenseite genauso gewalttätig sei, sie befinde sich im Kriegszustand.» Und weiter: «Auf die Frage, ob sie auch auf mich schiessen würde, meinte sie, Töten sei nicht das Ziel, aber wenn es die Umstände verlangten, könne das nötig sein.» An diesem Punkt endete der Dialog. Zu konkreten Tatvorwürfen nahm Tiedemann, so wie alle anderen Terroristen jener Zeit, keine Stellung. Sie beklagte sich lediglich über das Haftregime und verlangte eine sofortige Verlegung in eine andere Zelle. Am 17. Januar 1978 bekräftigte ein bis dahin nicht bekanntes «Kommando Benno Ohnesorg» die Forderung mit einem Sprengsatz, der im Berner Obergericht glücklicherweise bloss Sachschaden anrichtete. Der Terror hatte, wenige Monate nach dem blutigen Deutschen Herbst 1977, auch die Schweiz erreicht.

Masche der Schweizer Anwälte

Gabriele Tiedemann verlangte nach ihrer Verhaftung im Jura sofort einen Anwalt. Und sie wusste auch einen Namen: Bernard Rambert vom Zürcher «Anwaltskollektiv». Nach dem Vorbild der deutschen RAF-Verteidiger versuchten Rambert und seine Mitstreiter das Strafverfahren gegen Tiedemann in einen politischen Prozess umzumünzen. Mit einer Flut von bisweilen grotesken Einsprachen und Anträgen sollte der Rechtsstaat als Folterknecht des Kapitals «entlarvt» werden. Die Terroristen stellten die Zuständigkeit der Justiz prinzipiell in Abrede und verlangten, als Kriegsgefangene behandelt zu werden. Statt vor Gericht plädierten die Verteidiger an Pressekonferenzen.

Doch anders als in Deutschland verfing die Masche in der Schweiz nie wirklich. Selbst die linke nahm die Rhetorik der «Linksanwälte» nur halbherzig auf. Das Anwaltskollektiv löste sich im Streit über den Umgang mit «politischen Häftlingen» faktisch auf. Bernard Rambert, der aus seiner Sympathie für die «Guerilla» nie einen Hehl machte und sich rühmt, von Andreas Baader persönlich zu einer Knast-Audienz empfangen worden zu sein, baute in der Folge mit Gleichgesinnten eine eigene Kanzlei auf.
Im Sommer 1978 verurteilte das Schwur- gericht in Pruntrut Tiedemann wegen versuchten Mordes zu 15 Jahren Zuchthaus. Vom Gericht bestellte «Zwangsverteidiger» hatten sie mehr schlecht als recht vertreten. Doch im Gegensatz zu den RAF-Prozessen in Deutschland, wo die Straftaten oft nicht einzelnen Tätern zugeordnet werden konnten, lagen die Dinge hier ziemlich klar. Die Schüsse auf die Zöllner liessen sich mit aller Dialektik nicht wegreden. In einem Punkt hatte Rambert allerdings recht: Tiedemanns Haftregime war unhaltbar. Mangels sicherer Zellen hatte man sie in Untersuchungsgefängnissen untergebracht. 1979 liess der Kanton Bern deshalb, extra für die junge Deutsche, eiligst einen Hochsicherheitstrakt in der Anstalt von Hindelbank bauen.

Obwohl spätestens von diesem Zeitpunkt an von «Isolationshaft» keine Rede mehr sein konnte, hielt sich der Begriff (Rambert sprach gar von Isolationsfolter) hartnäckig in den Medien. Der Nachlass von Gabriele Tiedemann, der im Archiv des Amsterdamer International Institute of Social History einzusehen ist, entlarvt die Klagen als Propagandalüge. In Tat und Wahrheit wurde der jungen Frau wohl zeitlebens nie so viel Aufmerksamkeit zuteil wie in Hindelbank. Tagsüber war sie immer in Begleitung von Insassinnen aus anderen Abteilungen, die an Werktagen zur Arbeit und an Feiertagen für soziale Anlässe in ihren Trakt verlegt wurden. Einzelne Frauen zogen sogar freiwillig für ein paar Monate in den Sicherheitstrakt, um der umgänglichen Deutschen Gesellschaft zu leisten.


«Inzest-Denken der Guerilla»

Im Fernstudium perfektionierte die Terroristin, die in der Freizeit eifrig häkelte und strickte, ihre Arabischkenntnisse und absolvierte eine Anlehre als Sekretärin. Ein freundschaftliches Verhältnis entwickelte sie namentlich zu einer Bewegungstherapeutin, die ihr unter anderem den Cha-Cha-Cha beibrachte. Aber auch Briefe und Besuche von ehemaligen Wärterinnen zeugen von fast familiären Bindun-gen. Aus den zwei Laufmetern Dokumenten – persönliche Briefe, Akten, Notizen, Belege – lässt sich herauslesen, wie sich Gabriele Tiedemann im Gefängnis zusehends mit der Gesellschaft versöhnte.

Offiziell hat Tiedemann den Bruch mit ihrer Vergangenheit indes nie vollzogen. Mag sein, dass sie allein schon die Dutzende von Bewunderern aus der Schweiz daran hinderten, die ihr eifrig schrieben. Ihre stets freundlichen Antwortschreiben muten in politischen Dingen allerdings auffällig unverbindlich an. Bisweilen liess Tiedemann sogar leise Zweifel anklingen. Etwa in einem Brief an eine Lehrerin aus dem Aargau, in dem sie das «Inzest-Denken der Guerilla» und «Propagandalügen» zur Sprache bringt, aber auch Schuldgefühle – «das Schuldgefühl des Verrats». Eine ambivalente Aussage, die wohl auf den «Verrat» an ihren Gesinnungsgenossen anspielt.
Im Frühling 1982 bekommt Gabriele Tiedemann zudem Gesellschaft. Die deutsche RAF-Terroristin Barbara Augustin zieht im Hochsicherheitstrakt ein. Augustin, die in der Kanzlei von RAF-Verteidigern tätig war, wurde an der Schweizer Grenze mit einem ganzen Arsenal von Bomben, Waffen und Munition gefasst. Wenig später stiess Claudia Bislin zur Gruppe. Die vormalige Mitarbeiterin des Zürcher Anwaltskollektivs hatte Augustin beliefert. Zusammen mit ihrem Freund Jürg Wehren hatte Bislin in der Nähe des Zürcher Hardturm- stadions eine klandestine Waffenfabrik auf-gebaut, die Polizei stellte neben Bergen von Munition und Waffen rund 80 Kilogramm Sprengstoff sicher. Mehrmals versuchten die Strafverfolger erfolglos, auch Anwalt Bernard Rambert ins Recht zu fassen. Doch dem Sprössling einer einflussreichen Waadtländer Aristokratenfamilie, der zu seiner Verteidigung sogar den famosen französischen Terroristenanwalt Jacques Vergès ins Land holte, war nie etwas Handfestes nachzuweisen. Wegen Verstössen gegen Standesregeln musste der Advokat zwar mehrmals sein Patent hinterlegen. Doch auch in diesem Punkt gelang es dem wendigen Juristen immer wieder, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.
Wie Gabriele Tiedemann sich von der linksextremen Szene löste, lässt sich bloss erahnen. Ab 1982 baut sie eine enge Freundschaft zu einem Gefängnispfarrer auf, der später ihre Grabesrede halten sollte. Offenbar fasst sie auch Vertrauen zu zwei forensischen Psychiaterinnen. Doch mehr als vage Indizien finden sich dazu nicht in ihrem Nachlass. Äusserlich manifestiert sich die zaghafte Lösung von «der Gruppe» durch schwere Panikattacken, die sich bei Gabriele Tiedemann 1985 einstellen. Auf den Rat der Ärzte verzichtet die Gefängnisleitung fortan darauf, ihre Zelle nachts zu verschliessen.
Im Juni 1986 schreibt Gabriele Tiedemann an eine Freundin: «Ich werde heiraten! Ich werde Morgenthaler heissen. Jan ist fünf Jahre jünger. Morgen kommt er mich zum 7. Mal besuchen. Mitte Juni bekam ich einen Heiratsantrag von ihm. Kannst Du Dir vorstellen, welcher Blitz in meiner Zelle eingeschlagen hat?» Die mittlerweile 35-jährige Frau schreibt über Eifersucht, ein für sie neuartiges Gefühl. Morgenthaler stamme aus einer angesehenen Familie und sei eng mit dem bekannten Psychoanalytiker Paul Parin verbunden. Parin habe mit Freude auf den angekündigten «Familienzuwachs» reagiert.
Dass Gabriele Tiedemann ihre Zuneigung zum ehemaligen -Journalisten und Buchautor Jan Morgenthaler bloss vorgaukelt, ist aufgrund der Korrespondenz schwer vorstellbar. Doch der Zürcher Stadtrat will die Ehe mit allen Mitteln verhindern. Die Aussicht, dass die deutsche Terroristin das Schweizer Bürgerrecht erlangen und nicht mehr in ihre Heimat abgeschoben werden könnte, beflügelt die städtischen Juristen. Sie bezichtigen das Paar, eine illegale Scheinehe zu planen, weil aus dem Gefängnis heraus eine Liebesbeziehung gar nicht möglich sei. Das Eheverbot steht rechtlich auf tönernen Füssen. Ende 1987, als ein Gericht über einen Rekurs der Heiratswilligen gegen den Entscheid des Stadtrates befinden soll, sitzt Tiedemann bereits in einem deutschen Gefängnis.
Mit allen Mitteln hat sich Tiedemann ge-gen eine frühzeitige Entlassung aus der Haft gewehrt, weil sie nicht nach Deutschland ausgeliefert werden wollte. Die Berner Polizei- direktion sieht in ihrem Schlussbericht vom 17. November 1987 aber keinerlei Anlass, die umgängliche Insassin, die immer fleissig gearbeitet und «rege am Leben der Anstalt teil- genommen» habe, weiter im Gefängnis zu behalten. Sie habe sich vom Terrorismus «diskret» abgewandt: «Der Strafzweck wird als erfüllt betrachtet.» Kurz nach Weihnachten, zehn Jahre nach ihrer Verhaftung in Fahy, wird Gabriele Tiedemann aus Hindelbank entlassen und in Bern-Belp den deutschen Behörden übergeben.
In Köln sitzt Gaby Tiedemann den Rest der Strafe ab, von der sie 1975 durch die Lorenz-Entführung vorzeitig befreit wurde. Derweil wird das Verfahren wegen des Überfalls auf die Opec in Wien neu aufgerollt. Doch Österreich zeigt nicht das leiseste Interesse, Rechtshilfe zu leisten. Im Laufe des Auslieferungsverfahrens hatte sich der gefürchtete «Carlos» brieflich beim deutschen Innenminister gemeldet. Der Terrorist droht mit Racheakten für den Fall, dass Gabriele Tiedemann verurteilt werde. Mit einem Bombenanschlag auf einen Schnellzug in Frankreich hat der gebürtige Venezolaner kurz zuvor bewiesen, dass er solche Drohungen durchaus ernst meint. Die Wiener Stadtregierung will die Ruhe im Land nicht aufs Spiel setzen und verbietet kurzerhand all ihren Beamten, zum Prozess nach Köln zu reisen.

Ganze Aktenberge verschwinden

23 Zeugen identifizierten unmittelbar nach dem Opec-Überfall die zierliche Frau, die fliessend Arabisch und Deutsch sprach, als Gabriele Tiedemann. Doch das Kölner Verfahren bringt fast unglaubliche Schlampereien der Wiener Polizei zutage, die nicht einmal die Fingerabdrücke der Täter vor Ort gesichert hatte. Ganze Aktenberge sind auf unerklärliche Weise verschwunden. Wie sich herausstellt, wurden die Zeugen zudem gruppenweise befragt; die Aussagen sind damit gerichtlich nicht verwertbar. So wird Gabriele Tiedemann am 22. Mai 1990 vom Landgericht Köln für das gravierendste Verbrechen, das sie wohl begangen hat, freigesprochen und wenig später freigelassen.

Doch die Freude ist von kurzer Dauer. Wenige Wochen nach ihrer Freilassung diagnostiziert ein Arzt, den sie wegen einer Schwangerschaft aufgesucht hat, ein Krebsgeschwür in ihrer Brust. Am 7. Oktober 1995 erliegt Gabriele Tiedemann ihrer Krankheit. Ein paar handgeschriebene Sätze, die sie kurz vor ihrem Tod auf einem Block notierte, zeugen von einer Frau, die sich heillos in ihrem Schicksal verheddert hat: «Die Sehnsucht nach Mittelmässigkeit ist vielleicht nur der Wunsch, all meine Spuren zu tilgen. Woher dieser Selbsthass, was meine Geschichte betrifft? Zu viele unverzeihliche Fehler. Unverzeihlich? Wo ist die Instanz, die mich freisprechen könnte? Ich habe das Gefühl, mir selber so furchtbar untreu geworden zu sein.»

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