Literatur

Frau Schamlos

Warum ist «Feuchtgebiete» so ein Erfolg geworden? Weil es ein hervorragender Entwicklungsroman ist.

Von Peer Teuwsen

Umfrage der Woche: Was halten Sie von Charlotte Roche's Roman «Feuchtgebiete»?

Es ist Frühling, und die Roche, das ewige Mädchen, sitzt irgendwo in einer Ecke der Leipziger Buchmesse und macht, was man hier macht: lesen, aus ihrem ersten Roman, der gerade erschienen ist und die Überraschung der Saison zu werden verspricht. «Feuchtgebiete» heisst das Buch, das vor allem zwischen den Beinen einer Achtzehnjährigen spielt. Im Publikum sitzen viele junge Frauen, die hören solche Sätze: «Meine Finger sind eher kurz, und wenn ich in meiner Muschi was suche, komme ich nicht sehr weit. Wenn ich in dieser Situation in Papas Haus war, musste ich ein paar Mal Papas schicke Holzgrillzange zum Suchen benutzen.» In der ersten Reihe schlägt eine Zuhörerin die Hände vors Gesicht, verdreht die Augen, Charlotte Roche unterbricht die Lesung: «Hast du ein Problem mit dem, was ich lese?» Heftiges Nicken. Die Autorin wird rot, entschuldigt sich, liest stotternd weiter.

«Feuchtgebiete» ist wohl der erste Roman der Weltgeschichte, der seiner Verfasserin peinlich ist. Das sollte man verstehen. Ist ja wohl kein Mensch, dem es nicht peinlich wäre, eine Geschichte einer jungen Frau vorzulesen, die wegen einer Hämorrhoiden-Operation im Krankenhaus liegt und von einem Leben erzählt, das vor allem darin besteht, sich aufregende Dinge in die eigenen Körperöffnungen zu stecken. Vor allem aber ist Charlotte Roche das Buch so peinlich, weil sie darin so viel von sich selbst preisgibt, weil sie ihr Innerstes nach aussen stülpt, die eigenen Schamgrenzen überschreitet. Sie schreibt von Dingen, die sie selbst erlebt hat: die Scheidung der Eltern, Toilettenprobleme, die Liebe. Was sie nicht selbst erlebt hat, denkt sich die Fantasiebegabte aus. Diese gnadenlose Ehrlichkeit, dieser selbsttherapeutische Charakter auch sind das Erfolgsgeheimnis dieses Buches. Roche selbst formuliert diese Art der Erinnerungsarbeit so: «Ich bin mein eigener Müllschlucker.» Und gerade deshalb ist «Feuchtgebiete» ein moderner Entwicklungsroman ersten Ranges geworden.

Darf die Kritik so ein Buch ignorieren?

Die hehre Literaturkritik hat sich aber indigniert von diesem Werk abgewandt. Die Grosskritikerinnen Elke Heidenreich und Sigrid Löffler zum Beispiel bekundeten öffentlich, das Ereignis nicht zu lesen, wohl weil es vielleicht nicht ihren Ansprüchen an Literatur genügen würde. Andere verrissen das Buch grosszügig, ein Kritiker wollte es im Fernsehen dem Reisswolf verfüttern, leider war es zu dick. Er konnte es nur in die Ecke werfen. Darf man aber ein Buch ignorieren, das so viele Leserinnen und Leser gefunden hat? Natürlich darf man das. Aber man verpasst etwas.

Eine dritte Art des Umgangs war die Medienschelte. So schrieb die Schriftstellerin Thea Dorn in der Zeit: «Es ist unwürdig, wenn sich das Feuilleton von Figuren, die noch nicht einmal bereit sind, für ihre nichtigen Provokatiönchen geradezustehen, wochenlang die Themen diktieren lässt. Und es ist gefährlich, wenn die boulevardeske Haltung 'Alles egal, Hauptsache, grosses Geläut' auch das Denken und Handeln jener bestimmt, die sich durch intellektuelle Redlichkeit auszeichnen müssten.» Und diejenigen, die es ganz schlau meinten, wie zum Beispiel die Illustrierte Stern, schrieben einen «neuen Feminismus» dreissigjähriger Frauen herbei. Alles sei heute viel freier, viel unverkrampfter, viel unideologischer.

Es bleibt die grosse Frage: Haben die Kritiker das Buch überhaupt gelesen?

Denn wer es gelesen hat, wird ziemlich nachdenklich. Das soll Feminismus sein? Das soll Pornografie sein? Charlotte Roche präsentiert uns eine Patientin mit Namen Helen, die nicht mehr nach Hause will, weil sie eigentlich kein Zuhause hat. Ihre Eltern sind geschieden, und die Tochter will die Tage im Spital dazu nutzen, die beiden an ihrem Krankenbett und schliesslich wieder fürs Leben zusammenzuführen. Natürlich misslingt der Plan. Stattdessen malt sich die junge Frau sexuelle Erfahrungen aus, eine endlose Gedankenorgie, die für Helen (und auch für Roche selbst) so real ist, dass sie selbst glaubt, das alles erlebt zu haben. Und so wird dieser Roman das, was er ist: ein trauriges Buch, keins, das die letzten Tabus der Menschheit bricht, keins, das die Frau aus den Zwängen gesellschaftlicher Festschreibungen befreit, wie es jetzt allenthalben heisst. Einfach ein trauriges Buch, aber ein gutes.

Denn «Feuchtgebiete», dieses «Lebensbuch», wie es einmal heisst, erzählt schlicht und ergreifend die Geschichte eines einsamen Menschen an der Schwelle zum Erwachsensein. Wer hier eine Befreiungstheologie der modernen Frau hineinliest, muss mit ideologischer Blindheit geschlagen sein. Oder steht der Umstand, dass sich Helen mit 18 auf eigene Kosten sterilisieren liess, für die Selbstverstümmelung der Frau, die an den gesellschaftlichen, also patriarchalischen Verhältnissen zerbricht? Nein, hier handelt es sich um einen Entwicklungsroman über eine junge Frau, der die schreckliche Kindheit wie eine Mauer vor der Erwachsenenwelt steht. Das scheinen viele der jungen Leserinnen zu kennen, also kaufen und lesen sie. Was will man mehr?

Umfrage der Woche: Was halten Sie von Charlotte Roche's Roman «Feuchtgebiete»?

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