Das Obszöne bleibt dem Betrachter auf den ersten Blick verborgen. Zunächst erkennt man zwei Männer, die nicht recht zusammenpassen. Der eine in knielangem Hemd, Pluder-hosen und mit Kalaschnikow. Der andere im Tarnanzug, mit Helm und Staubbrille, den Finger am Abzug eines Sturmgewehrs. Was gesellt sich hier zu was unter bleichem Himmel? Bergkrieger zu Hightech-Soldat? Feind mit Feind, einträchtig vereint?
Das Bild, aufgenommen am 1. September in der afghanischen Provinz Laghman, hat in Frankreich Entsetzen ausgelöst. Beim seltsamen Paar handelt es sich um Taliban von Kommandant Farooki. Es sind jene Gotteskrieger, die im August zehn französische Elitesoldaten getötet haben. Für eine Fotografin der Illustrierten Paris Match ist einer der Mörder in die Uniform seines Opfers geschlüpft und posiert stolz mit seiner Beute.
Die Aufnahme ist Sinnbild für einen Krieg, in dem den Alliierten die Kontrolle entglitten ist. Die Kämpfe dehnen sich bis tief in den einst stabilen Norden Afghanistans aus, und aus Pakistan sickern immer neue Kämpfer ein.
«Die Region birgt das grösste Problem, mit dem die Welt mittelfristig konfrontiert ist», sagt John Nagl, 42. Nagl ist Veteran zweier Golfkriege im Rang eines Oberstleutnants und zählt zu den wachsten Köpfen, die das US-Militär hervorgebracht hat. Mit einem kleinen Kreis von Spezialisten hat er 2006 die Anti-Guerilla-Strategie der US-Armee und -Marine entworfen («Counterinsurgency Field Manual 3-24» (PDF)), die General Petraeus im Irak mit Erfolg umgesetzt hat. «Wir haben Afghanistan sträflich aus den Augen verloren», sagt Nagl, dessen Rat derzeit weitherum gefragt ist. «Es ist höchste Zeit, dass wir uns überlegen, wie wir das Ruder herumreissen können.»
Herr Nagl, was raten Sie, wenn Sie in Washington und Europas Hauptstädten zur künftigen Afghanistan-Strategie konsultiert werden?
Zuerst müssen sich alle bewusst werden, dass Afghanistan eine viel schwierigere Herausforderung ist als der Irak. Afghanistan ist ein wichtiger Prüfstein für die Nato. Die Allianz hat den Test bis jetzt nicht bestanden. Es gibt eine Reihe von Dingen, die schieflaufen. Die Befehlskette ist unklar. Wir haben vierzig Staaten mit unterschiedlichsten Fähigkeiten. Viele sind gar nicht bereit, sich dem Feind zu stellen. In etlichen Staaten fehlt es an politischem Willen, Verantwortung zu übernehmen.
Welche Lehren aus dem Irak kann man auf Afghanistan übertragen?
«Geschichte wiederholt sich nicht», sagte einst Mark Twain, «aber sie reimt sich.» Die Lehren aus dem Irak können wir nicht eins zu eins adaptieren, aber die Prinzipien, die wir im Handbuch für den Anti-Guerilla-Krieg ausgearbeitet haben, gelten auch in Afghanistan. Dort verlieren wir täglich an Boden. Taliban stossen in Täler und Dörfer vor und terrorisieren die Landbevölkerung, der nichts anderes übrigbleibt, als mit den Zeloten zu kooperieren. Als erste Massnahme müssen wir also den Schutz für die Bürger gewährleisten. Dafür brauchen wir mehr US-Truppen im Umfang von 10 000 bis 15 000 Mann.
Sie fordern einen «Surge» wie im Irak. Doch kann eine Truppenaufstockung allein das Land stabilisieren?
Nein. Langfristig können nur die afghanischen Truppen das Land sichern. Verteidigungsminister Robert Gates hat vor einigen Wochen eine wichtige Entscheidung getroffen, als er beschloss, die Truppenzahl der Afghanischen Nationalen Armee zu verdoppeln.
Die zerklüftete Berglandschaft Afghanistans ist ein ideales Terrain für Partisanen und Terroristen. Wie bekämpft man einen Feind in diesem Umfeld?
Wenn sich die Römer mit Aufständen in einer entlegenen Provinz konfrontiert sahen, bauten sie als Erstes eine Strasse. Wo keine Strasse hinführt ist Wildnis. In der Wildnis haben Aufständische ein Heimspiel. Der Schlüssel für eine erfolgreiche Anti-Guerilla-Strategie in Afghanistan ist der Bau eines Strassennetzes, das die Menschen verbindet. Dafür braucht es keine Panzer, sondern Lastwagen und Strassenwalzen. Der zentrale Teil des Anti-Guerilla-Kampfes ist Aufbauarbeit. Dollars und Euros sind die wichtigsten Kugeln in diesem Krieg, sie wirken nachhaltiger als Gewehrgeschosse.
Ein gravierendes Problem ist der Anbau von Opium, das die Weltmärkte überschwemmt und den Aufständischen als Finanzquelle dient.
Opium finanziert nicht bloss den Kampf der Aufständischen, sondern korrumpiert auch die Polit-Elite in Kabul. Auch hier hilft die Strassen-Strategie. Wir können die Bauern nicht überzeugen, Weizen statt Opium anzubauen, wenn sie keine Transportwege haben, um das weniger lukrative Getreide sicher auf den Markt zu bringen.
Seit längerem kursiert eine unkonventionelle Idee: Legalisierung des Opiumanbaus zur Medikamentenherstellung. Was halten Sie davon?
Das ist ein sehr interessanter Gedanke. Es wäre allerdings unmöglich, Rohopium aus Afghanistan zu exportieren. Das wäre viel zu gefährlich. Es gibt Vorschläge von NGOs, wonach das Opium unter der strikten Kontrolle von regionalen Stammesführern und zentralen Behörden gleich in den Dörfern, wo es angebaut wird, zu Kodein und Morphium verarbeitet würde. Opium ist der wichtigste Wirtschaftsfaktor in Afghanistan. Warum sollte man also nicht versuchen, mit den Mechanismen der Wirtschaft aus einem Problem eine Erfolgsgeschichte zu machen?
Taliban rekrutieren ihre Soldaten vorwiegend aus Paschtunen-Stämmen. Die Paschtunen sind bekannt als zähe und stolze Kämpfer, die sich während Jahrhunderten nie unterworfen haben. Wie wollen Sie ein solches Kriegervolk bezwingen?
Es ist unmöglich, einen Aufstand allein durch Töten und Verhaften von Terroristen niederzuschlagen. Aufständische variieren in ihrer Entschlossenheit. Ich vergleiche einen Aufstand mit einer Zwiebel mit verschiedenen Schichten. Im Irak hat es eine Weile gedauert, bis wir begriffen, dass wir die äussersten Schichten - die wenigsten entschlossenen Aufständischen - durch Verhandlungen und Anreize abschälen können. Es ist nur der innerste Kern des Aufstandes, der nicht verhandeln will und deshalb getötet oder verhaftet werden muss.
Wie wollen Sie die anderen vom Schlachtfeld locken?
In Afghanistan bekämpfen wir - grob vereinfacht - paschtunische Nationalisten, Taliban und al-Qaida. Wir brauchen eine eigene Strategie für jede dieser Gruppen. Jede von ihnen verfolgt eigene Ziele und reagiert auf andere Anreize. Ich sehe viele Ähnlichkeiten zwischen den Paschtunen in Afghanistan und den Sunniten im Irak. Die Sunniten sind entschlossene Kämpfer, diewir für uns zu gewinnen vermochten, indem wir wachsende Risse zwischen ihnen undal-Qaida ausnutzten. In Afghanistan steht uns mit den Taliban allerdings ein besser organisierter Gegner gegenüber als im Irak. Wir werden nicht umhinkommen, den weniger radikalen Elementen via Stammesführer die Hand entgegenzustrecken, um sie in den politischen Prozess einzubinden.
Die grösste Gefahr liegt allerdings jenseits der Grenze . . .
. . . in den Stammesgebieten Pakistans, wo sich Taliban und al-Qaida ungehindert sammeln und dann Afghanistan infiltrieren. Ohne eine Lösung dieses Problems wird Afghanistan nie zur Ruhe kommen.
US-Präsident Bush hat im Juli neue Einsatzregeln abgesegnet, die es US-Truppen erlauben, Aufständische in pakistanischem Grenzgebiet unter Beschuss zu nehmen. Pakistan hat mit Entsetzen reagiert. Sind solche Missionen unabdingbar für eine erfolgreiche Anti-Guerilla-Strategie?
Obwohl grenzüberschreitende Operationen taktisch effektiv sein können, sind sie mit erheblichen politischen Kosten verbunden. Ausser es handle sich um höchste Terror-Kader, sollten solche Aktionen gemeinsam mit der Regierung und der Armee des Landes durchgeführt werden, wo die Operation geplant ist. Ohne die Unterstützung der pakistanischen Führung ist ein Anti-Guerilla-Kampf aussichtslos.
Sie haben Ihren Vorgesetzten eine «Berater-Strategie» empfohlen. Worum geht es?
Die letzten achtzehn Monate verbrachte ich in Fort Riley, Kansas, wo ich «Military Tran-sition Teams» ausgebildet habe. Das sind kleine Beraterteams von elf bis sechzehn amerikanischen Soldaten, die in irakischen oder afghanischen Einheiten eingebettet werden. Sie verschaffen Zugang zu Ressourcen, über die Iraker und Afghanen kaum verfügen: die Fähigkeit, nachrichtendienstliche Informationen zu analysieren und effektiv einzusetzen, medizinische Versorgung, Aufbauhilfe und, vielleicht entscheidend, die Kultur von Training und Disziplin, ein Markenzeichen der US-Armee. Die kleinen Teams haben einen Einfluss, der, gemessen an Aufwand und Grösse, überproportional ist. Ich habe empfohlen, Ausbildung und Einsatz solcher Berater zu intensivieren.
Woher stammt die Idee mit den Beraterteams?
Sie basiert ursprünglich auf dem Diktum von T. E. Lawrence: «Versuch nicht zu viel mit den eigenen Händen zu tun.» Im Irak haben wir auf schmerzvolle Weise gelernt, was geschieht, wenn die lokalen Truppen lange nicht funktionsfähig sind. Die afghanische Armee soll möglichst bald und weitgreifend eigene Verantwortung übernehmen. Damit senken wir das Risiko, als Besatzer wahrgenommen zu werden, und wir bauen frühzeitig an einer Brücke, über die wir die Länder wieder verlassen können.
Sie gelten als grosser Bewunderer von T. E. Lawrence. Sind die Erkenntnisse des legendären «Lawrence of Arabia» tatsächlich noch so aktuell wie vor hundert Jahren?
T. E. Lawrence ist bis heute ein Paradebeispiel dafür, wie man Beratermissionen ausführt. Er lehrt uns, wie wichtig Fingerspitzen-gefühl im Umgang mit lokalem Brauchtum ist. Inspiriert von Lawrences Erfahrungen und eigenen Erlebnissen im Irak, habe ich diese spezielle Tätigkeit als «Durchfall-Diplomatie» bezeichnet. Man muss mit den Völkern leben, die man trainiert. Wir müssen aus ihren Töpfen essen, in ihren Hütten wohnen und in ihren Betten schlafen, wenn wir wollen, dass sie uns akzeptieren und auf unseren Rat hören.
Nagl ist Analyst im Think-Tank «Center for a New American Security» in Washington D.C., den ehemalige Clinton-Berater gegründet haben. Er hat 20 Jahre Dienst in der Armee geleistet und ist Autor des Buches «Learning to Eat Soup with a Knife».
Das «Counterinsurgency Field Manual 3-24» zum Download (PDF)
17.09.2008, Ausgabe 38/08
Interview John Nagl
«Wir müssen aus ihren Töpfen essen»
John Nagl hat die Strategie mitentwickelt, die im Irak die Wende herbeiführte. Nun arbeitet der Anti-Guerilla-Spezialist an einer Lösung für Afghanistan. Er empfiehlt Beratermissionen, Strassenwalzen und Fingerspitzengefühl.

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