Kultur

Grosse Gefühle

Das Theater findet zu den Tugenden zurück. Zum Beispiel in Hamburg.

Von Peer Teuwsen

Jetzt öffnen sie endlich wieder ihre Pforten, die deutschsprachigen Theater. Man hört, wie meist, dass sich das Publikum vielerorts gelangweilt hat, auch ein bisschen in Zürich beim «Gestiefelten Kater» von Jan Bosse (der letztes Jahr hier einen grossartigen «Hamlet» inszeniert hat). Das genau ist ja das Problem des deutschsprachigen Theaters: Man wird als Zuschauer zu oft enttäuscht, einmal wird der Stoff entstellt und in den Zeitgeist gezwängt, ein andermal erkennt man vor lauter Remmidemmi auf der Bühne gar nicht mehr, um was es eigentlich geht, und oft ist alles einfach zu lang, zu breitgetreten. Das Gesetz des Marktes wird in den hochsubventionierten Häusern meist vergessen: Der Kunde ist König. Und doch gibt es nichts Besseres als Theater - wenn es gut ist. Und es gibt Hoffnung, dass das klassische, gut gemachte, einfache Theater nach den genitalen und anderen Exzessen der neunziger Jahre wieder zurückkommt. Erste Anzeichen lieferten letzte Saison Michael Thalheimer mit seinem «Hamlet» oder Peter Stein mit dem «Zerbrochenen Krug».

Wer sich heute vom schlechten, überkandidelten, hysterischen Theater erholen will, der muss ans Deutsche Schauspielhaus in Hamburg reisen. Hier hat der Tscheche Dusan David Parizek zur Saisoneröffnung «Kabale und Liebe» von Friedrich Schiller inszeniert. Und er macht alles richtig. Er stellt die unmögliche, Standesgrenzen sprengende Liebesgeschichte zwischen Luise (Julia Nachtmann) und Ferdinand (Aleksandar Radenkovic) konsequent ins Zentrum, verzichtet auf störende Spezialeffekte, präsentiert ein reduziertes, schachbrettartiges Bühnenbild so dass das hervorragende Ensemble seine ganze Stärke ausspielen kann (die Überraschung des Abends: Michael Prelle als Vater einer liebenden Tochter). Und was passiert? Es läuft einem kalt den Rücken runter angesichts einer Liebe, die ist, aber nicht sein darf - und mit grässlicher Konsequenz zerstört wird. Der Regisseur, der erfolgreich das Prager Kammertheater leitet, vertraut seinen Schauspielern, dass sie den Kanon des Lebens, also Liebe, Wahn und Intrige, glaubhaft spielen können, er zieht sich hinter die Story zurück, will nicht das Immerwährende, Immergültige mit immer neuen Deutungen verzerren. Parizek beherrscht die Zierde der Bescheidenheit. So erreicht er, was stets das Ziel sein muss: grosse Gefühle, grosses Theater. Das Publikum dankte es ihm am Premierenabend mit frenetischem Beifall.

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