Nordkorea

Der grösste Star heisst Kim Il Sung

Die Operettendiktatur Nordkorea ist eine der unzugänglichsten Gegenden der Welt. Der Schweizer Fussballtrainer Andy Egli verbrachte als Ausbildner zwei volle Monate im asiatischen Skurrilstaat. Tief beeindruckt kehrte er zurück.

Von Andreas Kunz

Meinen ersten Kontakt zu Nordkorea hatte ich damals in Südkorea, wo ich als Trainer arbeitete und einen Ausflug an die Grenze machte. Ich stand beim Stacheldraht und wollte über die Demarkationslinie gehen, aber das war natürlich unmöglich, der nordkoreanische Soldat sprach nicht einmal ein Wort mit mir. Also bin ich auf den Aussichtsturm gegangen und sah die Weite, die Hügel und diese unglaubliche Leere. Läck mir, dachte ich, wenn ich mal nach Nordkorea könnte, das wäre schon lässig.

So zögerte ich natürlich keine Sekunde, als vergangenen Herbst eine Anfrage von der Fifa kam, ob ich als Fussball-Instruktor nach Pjöngjang gehen wolle. Ich bin ja kein Stubenhocker, sondern extrem neugierig.

Schon als Fussballer habe ich Reisen in fremde Länder immer geliebt, obwohl wir meistens nur das Hotel und den Fussballplatz sahen.

Das Abenteuer eingefädelt hatten mein Freund bei der Fifa, Walter Gagg, und das nordkoreanische IOC-Mitglied Chang Ung. Da Nordkorea kein Geld hat, musste die Fifa praktisch alles bezahlen. Am Flughafen von Pjöngjang ist es dann losgegangen. Ich dachte: Jetzt bist du in einer anderen Welt. Überall standen Uniformierte herum, es war alles sehr sauber, aber die Einrichtungen waren unglaublich alt. Ich habe noch nie erlebt, dass das Gepäck schon bei der Ankunft gescannt wird, mit einem Gerät, das wohl aus den Siebzigern stammte. Und ich war etwas überrascht, als sie mir mein Handy wegnahmen und eine Quittung in die Hand drückten: «You leave country = phone back».

Mit einer Viertelstunde Verspätung erschienen mein Chauffeur Jung Chol, meine Übersetzerin Sung Ok und mein Guide Sung Chol. Die Strassen waren alle extrem breit, vielleicht vierzig Meter, aber Autos hatte es praktisch keine. Später erfuhr ich, dass nur die Elite, Regierungsmitglieder, Militärs und ausländische Botschaftsangestellte ein Auto besitzen. An den Strassenrändern hatte es schmale Gehwege, wo die Menschen mit dem Velo fuhren, und manchmal sah ich auch einige die Zugschienen entlanglaufen, in der Hoffnung, irgendwie mit-genommen zu werden. Das Hotel «Koryo» erinnerte mich an meine Reisen mit GC in den achtziger Jahren in die Sowjetunion. Vieles war mit Stoff überzogen und ein bisschen schmuddelig, aber insgesamt ein guter Standard. Vom Hocker gehauen hat mich erst das, was ich in den folgenden zwei Monaten erlebte.

Am ersten Abend begrüsste mich der technische Leiter des nordkoreanischen Fussballverbandes. Er sagte, am nächsten Tag gehe es los, 34 Spieler und 20 Coachs würden auf mich warten, it's up to younow! Ich hab ihn auf das hingewiesen, was mir versprochen wurde, nämlich dass ich mir zuerst einen Überblick verschaffen könne, was mit dem Land fussballtechnisch los sei. Er aber sagte, das sei kein Thema, die Leute würden auf mich warten.

Am anderen Morgen brachten sie mich ins Kim-Il-Sung-Stadion. Im Theorieraum, einem alten Konferenzsaal mit vergilbten Tapeten und Vorhängen, stellte mich der Chef den Coachs vor. Alle reagierten sehr zurückhaltend, sassen ohne Blickkontakt mit hängenden Schultern da. Ich stellte mich vor, erzählte von mir und meinen Zielen für den Kurs. Ein Maximum an Informationen sollten sie bekommen und auch auf dem Platz umsetzen.

Mit Mokassins auf dem Fussballplatz

Im ganzen Saal hatte es nur eine kleine Tafel mit einem Stift, der kaum funktionierte. Kein Flip-Chart, kein Projektor, nichts, zero. Am Nachmittag gingen wir auf den Fussballplatz und auch dort: keine Infrastruktur, einfach nichts, zero. Für 34 Spieler standen mir 16 Bälle zur Verfügung, die von einer Qualität waren wie bei uns vor 25 Jahren. Einige Spieler hatten auch keine Fussballschuhe und spielten in abgelaufenen Mokassins. Ich war ja auf vieles vorbereitet, dass aber kein einziges tragbares Tor, keine Stangen, Hütchen, Hürden oder Medizinbälle zur Verfügung standen, enttäuschte mich schon etwas. Wenigstens machte der Kunstrasen, der 2005 im Rahmen eines Entwicklungsprojekts von der Fifa installiert worden war, einen guten Eindruck.

Was konnte ich schon machen? Ich musste es einfach wegstecken, es ist Teil der Entwicklungsarbeit, dass man sich an die Verhältnisse anpasst. Wenn meine Coachs ein Problem hatten oder sich verspäteten, konnten sie nicht anrufen, die hatten ja kein Handy. Zum Training sind alle mit dem Bus gekommen. An den Haltestellen standen sie zu Hunderten in Schlangen und warteten. Jeder Bus war zum Bersten voll, die kleben an der Scheibe dort. Da konnte ich ihnen doch keinen Vorwurf machen, wenn sie zu spät kamen.

Nordkorea ist absolutes Niemandsland. Die haben keine Vergleichsmöglichkeiten, kein Internet, keine Infos, null, zero. Der Fussballverband hat keine eigene Website! Die Coachs besassen ihre Bücher und Notizhefte, wo sie restlos alles hineinschrieben, was ich ihnen erzählte. Am Anfang habe ich die Struktur des Ausbildungslehrgangs vorgestellt: attacking, defending, transition after ballwin/-loss and set-pieces. Aber ich versuchte sie auch zu sensibilisieren, dass sie nicht einfach nur schreiben, sondern auch Fragen stellen. Doch es kam lange Zeit keine einzige Frage, nichts, null, zero. Manchmal wollte ich es erzwingen und habe fünfzehn Sekunden lang geschwiegen, bis sie die unangenehme Stille fast erdrückt hat. Trotzdem stellten sie mir während des gesamten ersten Monats kaum eine Frage.

Nachmittags im Stadion war es immer sehr heiss, 35 bis 40 Grad im Schatten. Die Spieler, alle zwischen sechzehn und zwanzig Jahre alt, standen auf dem Platz, und die Coachs setzten sich auf die Tartanbahn in den Schatten. Das entsprach natürlich nicht meinen Vorstellungen. Ich wurde dann putzverruckt und sagte, wenn ihr etwas lernen wollt, müsst ihr herkommen und mitmachen. Aber meine Coachs zeigten zu Beginn überhaupt keinen Eifer. Ich fragte mich, ob dies typisch sei für das kommunistische System, in dem jeder Leistungswettbewerb im Keime erstickt wird.

Auch die Spieler musste ich nach jeder Trinkpause zusammentrommeln. Einige erschienen plötzlich nicht mehr, klagten über Zahn- oder Kopfweh. Viele kamen ständig zu spät, und irgendeinmal habe ich aufgehört zu fragen, weil das nur Energie kostete. Oft musste ich herumschreien und böse werden. Einmal habe ich sogar richtig die Nerven verloren und bin davongelaufen. Die wollten einfach nicht einsehen, wie wichtig das taktische Element war, das ich ihnen gerade zeigte! Dabei sagte ich immer: Das dient ja alles nur euch, eurem Fussball, ihr wollt doch konkurrenzfähig werden auf unserem Planeten.

Ich war sehr froh, dass ich mittags zurück ins Hotel konnte. Jeden Tag sechs Stunden Frontalunterricht ist sehr anstrengend. Abends habe ich immer etwa zwei Stunden lang den nächsten Tag vorbereitet. Trotz der doch sehr vielen Disziplinlosigkeiten meiner Coachs und Spieler hatte ich mit meiner Motivation null Probleme. Wenn es sehr heiss war, ging ich im Hotel oft an die Bar und genoss ein herrlich frisches koreanisches Bier, genannt Taedonggaeng. Meine Dolmetscherin sagte, ich müsse unbedingt die Belege kontrollieren. Darum bat ich das Personal, mir doch für alles, was ich konsumiere, eine Kopie der Quittung zu geben. Aber in Nordkorea scheint es noch kein Pauspapier zu geben! Also mussten sie jeden Beleg zweimal schreiben, was natürlich sehr mühsam war, weil koreanisches Essen sehr vielfältig ist und in unzähligen kleinen Tellern serviert wird.

Leider durfte ich abends das Hotel nie verlassen. Ich fragte, wieso, sie fragten, wieso ich denn wolle, und ich sagte, dass ich Sport mache, dass ich mich bewegen müsse. Aber ich hatte keine Chance. Die liessen mich einfach nicht raus, ohne Begründung, nichts, null, zero. Überall standen Uniformierte herum, da kam ich nicht vorbei. Also schaute ich im Hotel nach und fand dann ein Laufband, zum Glück.

«Wer ist bei euch ein Star?»

Nicht einmal einen Internetanschluss hatte ich, obwohl man es mir versprochen hatte. Ich brauchte doch meine E-Mails und Informationen für meine Theoriestunden. Da habe ich über die Fifa Druck gemacht. Das war eine Riesengeschichte, die Anfrage ging rauf bis zur obersten Instanz im Sportministerium. Nach drei Wochen brachten sie mir endlich einen Laptop ins Zimmer, vier Techniker installierten die Verbindung, und drei weitere standen draussen im Gang Wache.

An den freien Sonntagen durfte ich mit meinem Guide Sung Chol auf Sightseeing-Tour gehen. Einmal besuchte ich das Mausoleum von Kim Il Sung. Das muss ein extrem eindrücklicher Mensch gewesen sein, ich habe einige Bücher gelesen über ihn. Die Nordkoreaner verehren ihn wie einen Gott. Man lebt dort im Jahr 97, also im 97. Jahr nach seiner Geburt. Die Pilgerströme an seiner Grabstätte waren wahnsinnig. Die Schlange war etwa einen Kilometer lang, man musste den Fotoapparat abgeben, und irgendwann stand ich plötzlich im Raum, wo er aufbewahrt wird, in einem Glasbehälter, schlicht in Anzug und Krawatte. Alle haben sich verneigt und durften einmal um ihn herumlaufen. Beim Zurücklaufen zählte ich die Leute, in einer Viertelstunde waren es mehr als tausend. Nach meiner Kalkulation gehen dort jährlich zwanzig bis dreissig Millionen Menschen hin.

Eindrücklich war auch Il Sungs Friedensstätte, ein Tempel mitten im Wald nördlich von Pjöngjang, wo sämtliche Geschenke lagern, die der ehemalige Leader bekommen hat. Am Eingang steht Kim Il Sung höchstpersönlich als Wachsfigur. Die 222 000 Geschenke sind verteilt auf 70 Räume in 6 unterirdischen Stockwerken mit insgesamt 70 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Das sind mehr als 10 Fussballfelder! Was ich dort gesehen habe, war unglaublich: Trophäen, Medaillen, Elefantenzähne, Schnitzfiguren, diamantbesetzte Kronen und massenhaft Omega-Uhren aus der Schweiz. Gewidmet dem Leader Kim Il Sung, in Anerkennung seiner Verdienste.

Seinem Sohn und Nachfolger Kim Jong Il soll es momentan nicht so gut gehen. Aufgefallen ist mir deswegen nichts, ausser dass auf der Titelseite der englischsprachigen Wochenzeitung The Pyongyang Times immer die gleiche Schlagzeile stand: «Kim Jong Il inspects army units». Ständig die gleiche Schlagzeile mit einem Foto von ihm, bis Ende August, wo er angeblich einen Schlaganfall erlitten hat.

Andere Male besuchte ich Il Sungs Geburtsstätte oder den Hafen in Nampo, und einmal durfte ich abends in den Zirkus gehen. Als Zugfan wollte ich unbedingt auch Zug fahren, aber das haben sie nicht gerne gehört. Nach dem dritten Insistieren merkte ich, dass es keinen Sinn macht. Irgendwann gingen mir diese Nordkoreaner wirklich auf den Keks. Ich durfte nie selbständig unterwegs sein, die haben mir nur gezeigt, was sie wollten. Meine Begleiter beantworteten selten meine Fragen, und obwohl ich immer sehr freundlich auftrat, schienen sie nicht wirklich glücklich zu sein.

So blieb ich meistens lieber im Hotel und erholte mich, ging zur Massage oder in die Sauna. Im Wellness-Bereich ist mir aufgefallen, dass die Nordkoreaner überall rauchen, und als negativer Höhepunkt urinierte ein Einheimischer in den Wasserabfluss unmittelbar neben mir, als ich im Kaltwasserbecken planschte!

Das nordkoreanische Fernsehen hat nur zwei Kanäle, der eine zeigte ständig Kriegsfilme, auf dem anderen liefen schwermütige Heimatlieder, und ab halb elf Uhr war Mattscheibe. Auch von draussen hörte ich den ganzen Tag und die ganze Nacht Musik. Sung Ok erklärte mir, die Texte würden vom Unabhängigkeitskrieg handeln und sollten die Menschen motivieren, sich genauso für ihr Land einzusetzen wie ihre Väter. Sonst war es nachts immer sehr gespenstisch, ab halb elf Uhr brannten keine Lichter mehr, die ganze Stadt war stockdunkel.

Am Fussballunterricht habe ich die Freude nie verloren.Ich war sehr streng und fordernd, und manchmal habe ich gewaltig Emotionen gezeigt. Das machte ihnen aber Eindruck, und die Disziplin hat sich im Laufe der Zeit stark verbessert. Nordkoreanische Fussballer sind alle extrem ausdauernd, schnellkräftig und aggressiv, ohne Rücksicht auf Verluste. Natürlich hatten die meisten keine Schienbeinschoner, und so gab es einige Verletzte. Grosse Defizite haben die Spieler im mentalen Bereich. Selbstvertrauen und Kreativität sind ein Riesenproblem. Auch das Wahrnehmungsvermögen und die Entscheidfindung sind stark verbesserungsfähig. Das sah ich auch in den Spielen der WM-Qualifikation zwischen den Nord- und Südkoreanern, die allesamt unentschieden endeten.

Wenn ich ihnen DVDs von Spielen aus Europa zeigte, hatten sie eine Riesenfreude. Eher ratlos waren sie aber, als ich von unseren Stars erzählte. In Nordkorea kennen sie das Wort gar nicht. Ich erklärte, dass sich ein Star über Leistung und Medienpräsenz definiert, und fragte: Wer ist bei euch ein Star? Keine Antwort. Ich fragte, ob Kim Il Sung ein Star sei, und alle riefen ja. Ich hakte nach und fragte nochmals, ob sie auch andere Stars kennen würden. Plötzlich rief einer «Zidane» und ein anderer «Ronaldo». Ich fragte nach Stars aus der Musik, und einer rief «Tschaikowsky». Und bei den Stars aus der Wirtschaft rief jemand «Rockefeller».

Joggen verboten

Die Umstände blieben sehr herausfordernd. Als mein Filzstift seinen Geist aufgab, sind wir während einer Stunde in Pjöngjang herumgefahren, haben drei Läden besucht, aber in dieser Zweimillionenstadt hat es anscheinend keine Filzstifte im Angebot. So konnte ich natürlich kaum noch unterrichten, bis mir zum Glück einer der Coachs zwei Tage später zwei neue Filzstifte brachte. Ein anderes Mal hatte ich spontan Lust, vom Stadion zurück ins Hotel zu joggen. Da hatten sie natürlich wieder etwas dagegen. Ich insistierte erneut, doch sie sagten nein, ich dürfe doch nicht am Todestag von Kim Il Sung mit kurzen Hosen durch die Stadt rennen!

Nach zwei Monaten intensiver Arbeit war der Abschied von den Spielern und Coachs sehr emotional. Sie bedankten sich herzlich und luden mich ein, nochmals zu kommen. Einer stand auf und klatschte, und plötzlich standen und klatschten alle zusammen. Ich habe dann jedem Einzelnen die Hand geschüttelt und ihn umarmt, obwohl ich merkte, dass Nordkoreanern körperliche Nähe eher unangenehm ist. Zum Schluss schenkten sie mir eine Art Baumstumpf mit einem Mannschaftsfoto drauf und einer liebevollen, wenn auch fehlerhaften Inschrift aus Laubsägeholz: «Thanks to Andy Egli Pyongyang DPRK The Fifa Development Courching Course 3. July - 31. August 2008».

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