Prager Frühling

«Eine nötige Kurskorrektur»

Daniel Vischer, heute Nationalrat der Grünen, verteidigte noch 1977 die Verfolgung der tschechischen Reformer.

Von Peter Keller

Vor rund vierzig Jahren, am 21. August 1968, fahren Panzer des Warschauer Pakts in Prag ein und beenden gewaltsam die zarten Reformversuche unter Alexander Dubcek. Der real existierende Sozialismus zeigte seine real existierende Fratze.

Dieser Sommer 1968 ist verwirrend widersprüchlich. In der Tschechoslowakei versuchen die kommunistischen Reformer den Sozialismus zu demokratisieren - und in der Schweiz wollen junge Revoluzzer mit Marx und Mao den demokratischen Rechtsstaat zertrümmern. Dort der Wunsch nach einem «Sozialismus mit menschlichem Antlitz».

Hier der Kampf um einen Sozialismus mit totalitärem Antlitz.

Liquidierung der Schweiz

Als führende Kraft der linken Bewegung etablieren sich die moskautreuen Poch (Progressive Organisationen der Schweiz). Noch nachträglich rechtfertigen ihre Vertreter den russischen Einmarsch in die CSSR. Daniel Vischer - heute Nationalrat der Grünen, damals Poch-Sekretär - nennt die brutale Niederschlagung eine «nötige Kurskorrektur». Die Reformer hätten schliesslich darauf abgezielt, die «Partei zu liquidieren und die CSSR ins westliche System zu integrieren». So hat es Marx nicht gewollt.

Vischer und die Poch streben den umgekehrten Weg an: Die demokratische Schweiz soll liquidiert und ins östliche System einverleibt werden. Im Mai 1975 verabschieden die Delegierten ihr «Programmatisches Dokument»: «Das oberste Ziel der Progressiven Organisationen der Schweiz besteht im Sieg der proletarischen Revolution, in der Errichtung einer sozialistischen und schliesslich einer kommunistischen Gesellschaft.»

Linientreues Blabla

Die Verteidigung der sowjetischen Aggression ist kein peinlicher Ausrutscher. Auch die tschechische Bürgerrechtsbewegung «Charta 77» (sie forderte freie Meinungsäusserung und das Recht auf Bildung) findet beim grünen Kommunisten Vischer keine Gnade: «Wenn wir die Charta 77 anschauen, ist mir aufgefallen, dass einer ihrer Hauptpunkte gegen die Vorrangigkeit der Partei im sozialistischen Staat gerichtet ist. Insofern hat sie einen konterrevolutionären Charakter.» Linientreues Blabla, könnte man sagen. Aber Vischer verteidigt nicht nur, er befürwortet die Parteidiktatur mitsamt ihrem Unterdrückungsapparat.

Selbst den kürzlich verstorbenen russischen Oppositionellen Alexander Solschenizyn diffamiert Vischer als «offenen Verbündeten des westlichen Systems». Und als die Sowjets 1974 Solschenizyn aus dem Land werfen, halten die Poch befriedigt fest: «Damit hat er als 'Märtyrer' im Dienste der westlichen Antikommunisten ausgedient.»

Der Märtyrer in Anführungs- und Schlusszeichen litt acht Jahre in Zwangsarbeitslagern (beschrieben im «Archipel Gulag»), während unsere Wohlstandsrevoluzzer weiter rhetorischen Klassenkampf betrieben. Daniel Vischer im O-Ton: «Wir sagen klar und deutlich, dass die Partei der Arbeiterklasse die Kontrolle und Koordination des Staatsapparates [. . .] zu gewährleisten hat.» In Vischers Welt herrscht sibirischer Frost statt Prager Frühling.

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