Innert 12 Monaten haben sich in Pakistan die Ereignisse überstürzt. Im Oktober 2007 ist Benazir Bhutto nach Jahren im Exil in ihre Heimat zurückgekehrt und wurde von Millionen Anhängern als Retterin empfangen. Bereits im Dezember fiel sie einem bis heute ungeklärten Mord zum Opfer. Wenig später begann der Fall ihres Rivalen Perves Musharraf. Zuerst verlor der Putsch-General die Parlamentswahlen, dann das Amt des Militärchefs und schliesslich auch die Präsidentschaft. Am vergangenen Dienstag ist Asif Ali Zardari, der Wittwer Benazir Bhuttos, als neuer Präsident Pakistans vereidigt worden. Zardari ist eine der umstrittensten Figuren Pakistans. Sein Name wird mit Korruption, Mord und Vetternwirtschaft in Verbindung gebracht.
Vor einem Jahr hätte niemand darauf gewettet, dass Asif Ali Zardari je Präsident Pakistans werden würde. Wie hat der Mann, der im Volk wegen seiner korrupten Vergangenheit als „Mister 10 Percent“ bezeichnet wird, den Sprung an die Machtspitze geschafft?
Zuerst möchte ich festhalten, dass die Bezeichnung „Mister 10 Percent“ auf eine Verleumdungskampagne zurückgeht. Sie war von Nawas Sharif inszeniert worden, der 1997 die Macht von Premierministerin Benazir Bhutto übernahm und seiner Konkurrentin schaden wollte. Die einflussreichste Zeitung Pakistans, Nawa-I-Waqt, die mit Sharif verknüpft war, hat das Gerücht von Zardari als „Mister 10 Percent“ in die Welt gesetzt. 2005 entschuldigte sich der Chefredaktor der Zeitung und rehabilitierte Zardari. Er bezeichnete ihn als „sauberes Rennpferd“.
Es hinlänglich bekannt, dass Benazir Bhutto als Premierministerin nicht zuletzt deshalb scheiterte, weil ihr Mann, Asif Ali Zardari, als Minister grosszügig in die eigene Tasche wirtschaftete.
In Pakistan ist Korruption weit verbreitet, kaum jemand in den oberen Chargen von Politik, Justiz und Militär hat „saubere Hände“. Wer der Elite angehört, thematisiert das Thema in der Regel nicht. Steigt jedoch einer von unten ins politische Establishment auf, wird er besonders unter die Lupe genommen. Als Zardari die junge Benazir Bhutto heiratete und somit in den Kreis eines der wichtigsten Clans Pakistans eintrat, waren die Neider und Feinde Legion. Man mass ihn mit speziellen Ellen.
Zardari steht nicht bloss im Ruf, korrupt zu sein. Er wird auch der Geldwäsche bezichtigt und sein Name steht im Zusammenhang mit dem Mord an Benazir Bhuttos Bruder Murtaza.
Die politischen Feinde haben alle juristischen Mittel in Gang gesetzt, um Zardari und seiner Familie zu schaden. Die besten Anwälte sind gegen ihn ins Feld gezogen, konnten aber nie etwas beweisen. 17 Anklagen lösten sich in Luft auf. Kein einziges Strafverfahren ist heute mehr hängig. Zardari kann seine Präsidentschaft unbeschwert antreten.
Das scheint das Volk anders zu sehen. Die Zweifel an seiner Person sitzen tief. In einer freien Wahl wäre Zardari nie zum Präsidenten gewählt worden.
Das Parlament hat Zardari letzten Samstag mit überwältigender Mehrheit gewählt. Das Parlament war im Februar bestellt worden. Das Volk hat der Pakistan People`s Party (PPP) mit Zardari an der Spitze auf eindrückliche Weise das Vertrauen ausgesprochen.
Wenn sich Zardari seiner Legitimation so sicher ist, warum weigert er sich denn, den Obersten Richter Pakistans, Iftikhar Chaudhry, wieder in seinem Amt einzusetzen?
Dazu muss man zuerst festhalten, dass Chaudhry von Musharraf aus Amt und Würden vertrieben wurde. Dies aus politischem Kalkül. Musharraf fürchtete, Chaudhry könnte seine Wahl zum Präsidenten annullieren. Im Herbst 2007 hatte sich Musharraf vom alten, ihm hörigen Parlament zum Präsidenten wählen lassen, in einem verzweifelten Versuch seine Macht zu erhalten.
Warum weigert sich Zardari, die illegale Entlassung Chaudhrys rückgängig zu machen?
Chaudhry selbst ist nicht der Saubermann, als der er sich gibt. Zweimal hat er seinen Schwur unter einem Diktator abgelegt. Ausserdem ist auch er korrupt. Ganz Pakistan weiss, dass er seinem Sohn durch Beziehungen zu einer guten Position im Polizeidepartement verholfen hat.
Oberrichter Chaudhry ist im Volk sehr populär. Er könnte Zardari gefährlich werden. Er könnte alte Fälle gegen Zardari neu aufrollen.
Zardari ist nicht prinzipiell gegen die Widereinsetzung Chaudhrys. Will er zurück in sein Amt, muss er jedoch durch das demokratische System legitimiert werden. Wenn das Parlament ihn wieder als Oberrichter akzeptiert, dann steht seiner Rückkehr nichts im Weg.
Die Rückkehr von Benazir Bhutto und ihrem Mann Zardari nach Pakistan wurde erst durch einen Pakt mit Musharraf möglich. Sie waren persönlich dabei, als dieser Deal ausgehandelt wurde. Wie kam es dazu?
Die Verhandlungen hatten bereits vor einigen Jahren begonnen. Erst als Musharrafs Ansehen im Volk dramatisch sank, begann er sich zu bewegen. Im Juli 2007 fand das entscheidende Treffen statt, bei dem Musharraf sich schliesslich bereit erklärte, Benazir Bhutto aus ihrem Exil zurückkehren zu lassen.
Die Abmachung umfasste folgende Punkte: Bhutto würde Musharraf als Präsidenten stützen, dafür sollte Musharraf ihr erlauben, ein drittes Mal als Premierministerin zu kandidieren.
Ausserdem billigte Musharraf, dass sämtliche Strafanzeigen und Verfahren gegen das Ehepaar Bhutto fallen gelassen wurden. Kritiker bezeichneten Bhuttos Deal als „Pakt mit dem Teufel“.
Wir waren uns bewusst, dass sich die Zeit Musharrafs dem Ende neigte. Es war die lange erwartete Gelegenheit, Pakistan zurück zur Demokratie zu führen. So kam es auch. Zuerst rief Muscharraf Wahlen aus, dann legte er seine Uniform ab und trat als Armeechef zurück. Schliesslich musste er unter öffentlichem Druck das Amt des Präsidenten abtreten und verschwand von der Bühne.
Hatten Sie Garantien von den USA und von Grossbritannien, dass sie den Deal und die Rückkehr Bhuttos stützen würden?
Ja. Washington und London wussten seit langem von den Gespräche und befürworteten die Abmachung. Wir waren auf die Rückendeckung der beiden Grossmächte angewiesen, denn einem Militärdiktator ist nicht zu trauen.
In einem Interview mit der Weltwoche vor den Parlamentswahlen im Februar zerstreute Zardari Mutmassungen, er strebe nach einem höheren Amt. Er wolle sich um die Partei kümmern, sagte er, wie es in Testament seiner Frau vorgesehen war. Wann hat er entschieden, aus den Kulissen herauszutreten?
Politik, besonders in einem krisengeschüttelten Land wie Pakistan, ist kein Langzeit-Geschäft. Man muss die Situation täglich neu beurteilen. Ausserdem legt niemand alle Karten sofort auf den Tisch.
Also hegte er bereits seit langem höhere Ambitionen?
Vielleicht wurde ihm zunehmend klar, dass seine Partei ihn braucht und er das Amt des Präsidenten einnehmen muss.
In den vergangenen Monaten hat Zardari zahlreiche enge Weggefährten Benazir Bhuttos und potentielle Konkurrenten in der Partei ausgeschaltet und sie mit ihm hörigen Figuren ersetzt. Das lässt vermuten, dass er die Machergreifung von langer Hand vorbereitet hat.
Als Bhutto 1988 erstmals an die Macht kam hat sie sich von 95 Prozent der alten Mitstreiter ihres Vaters Zulfikar Bhutto (Premier 1973-77, Anm d. Red.) getrennt. Zardari hat volles Recht sein Team nach seinen Vorstellungen zusammenzustellen.
Einige der verstossenen Bhutto-Gefährten haben sich sehr kritisch über Zardaris Fähigkeiten und Charakter geäussert. Sie zweifeln, dass er die richtige Person ist, um das Land zu einen und zu führen.
Niemand hat hundert Prozent der Partei hinter sich.
Bis heute ist der Mord an Benazir Bhutto nicht aufgeklärt. Hinter der Tat werden abwechselnd pakistanische Taliban, der Geheimdienst ISI oder die al-Qaida vermutet. Seit einiger Zeit kursieren Gerüchte, Zardari selbst sei in das Komplott involviert.
Ich habe diese Gerüchte auch gehört, aber es wird viel geredet. Welchen Profit hätte er sich von einem derart dreisten Komplott erhoffen können?
Wäre Bhutto noch am Leben, hätte Zardari niemals die Spitze der Macht erklimmen können.
Wäre Bhutto noch am Leben, hätte er bestimmt einen hohen Posten bekommen.
Aber nicht die Präsidentschaft, das höchste Amt im Land.
Es ist absurd, die eigene Frau zu töten, bloss um an die Macht zu kommen. „First Man“ ist auch eine ehrenvolles Amt. Es gibt andere, die sich tatsächlich einen Vorteil vom Mord an Bhutto ausrechnen konnten. Unter unseren Nachbarn haben wir nicht nur Freunde. Es gibt Kräfte, die nicht an einem stabilen Pakistan interessiert sind.
Sie meinen Indien?
Hoffentlich werden wir bald Gewissheit haben. Gleich nach seiner Wahl hat Zardari seine Bitte wiederholt, die Vereinten Nationen sollten eine umfassende Untersuchung des Mordes durchführen.
Der eigentliche «Thronfolger» Benazir Bhuttos ist ihr 19jähriger Sohn Bilawal. Wann wird er eine grössere Rolle übernehmen?
Sobald er seine Ausbildung in England abgeschlossen hat, wird er zurückkommen und Verantwortung übernehmen. Bis dann leitet sein Vater die Partei.
Sie kennen Zardari seit fast 20 Jahren. Sie haben mit ihm sogar die Gefängniszelle geteilt. Wie kam es dazu?
Das war 1999. Ich wurde angeklagt, weil ich mich gegen die Strafuntersuchungen gegen Bhutto und Zardari in Genf eingesetzt hatte. (Zardari und Benazir Bhutto waren in Genf wegen Geldwäscherei angeklagt. Im August stellte die Genfer Staatsanwaltschaft das Verfahren ein und deblockierte 72 Millionen Franken von Schweizer Konten, Anm. d. Red.) Nach drei Monaten kam ich auf Kaution frei, reiste in den Iran, wo mir die Schweizer Botschaft half, in die Schweiz zurückzukehren, wo ich seit mehr als 20 Jahren einen Wohnsitz habe.
Im Gegensatz zu seiner verstorbenen Frau gilt Zardari nicht als intellektuell. Sie war ihm in Bildung, Eloquenz und Charisma weit überlegen. Wie würden Sie Zardaris Fähigkeiten beschreiben?
Im Gefängnis habe ich viel von ihm gelernt. Wie man mit Problemen und schwierigen Situationen umgeht zum Beispiel. Während der Haft bewies er eine unglaubliche Belastbarkeit. Er war immer zuversichtlich, dass sich das Blatt wieder zu seinen Gunsten wenden würde. Das Gefängnis machte aus ihm einen reiferen Mann. In der Tat liest er nicht so viel wie seine verstorbene Frau. Aber man muss nicht unbedingt ein Bücherwurm sein, um Präsident zu werden.
Die Fragen stellte Urs Gehriger
Matloob Warraich ist Mitglied des 24-köpfigen Zentralkomitees der Pakistan People`s Party (PPP). Er war langjähriger Berater von Benazir Bhutto und ist in der PPP zuständig für Europa. Er hat Wohnsitz in Lahore und Olten.













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